Die Kapitalismus-DNA

Zwei Welten, ein Land: Leere staatliche Regale und der explodierende Privatmarkt in Kuba

von Christian Witt (Kommentare: 1)

Von leeren Fleischereien zum WhatsApp-Kapitalismus: Wie Kubaner überleben© Quelle: Christian Witt

Fotograf und Autor Christian Witt berichtet aus Havanna und dem kubanischen Hinterland: Wie zwei parallele Wirtschaftssysteme nebeneinander existieren – und warum die Kubaner trotz allem resilient und erfinderisch bleiben.

In den staatlichen Läden Kubas herrscht oft gähnende Leere, während vor der Haustür Tomaten und Mango aus privaten Gärten verkauft werden. Fleisch hängt offen an Haken, Medikamente gibt es per WhatsApp gegen Dollar innerhalb von Stunden. Unser Mann in Havanna beschreibt ein Land, in dem der Kapitalismus aus purer Not erblüht – mit viel Herzblut, Resilienz und einem Schuss morbiden Charmes. Ein Gespräch über leere Regale, geduldete Privatimporte und die unsichtbare Mauer des Geldes.

Christian, Du hattest in unserer Auftaktgeschichte zu Deiner Cuba-Reise schon etwas erzählt über zwei nebeneinander her laufende Wirtschaftssysteme. Du kannst das jetzt konkretisieren, weil du dir auch die Läden angeschaut hast. Wie sieht es denn mit den staatlichen Geschäften aus, die vielleicht in früheren Jahren eine Art Grundversorgung gesichert haben?

Die staatlichen Läden, in denen ich war, die waren zum großen Teil leer oder sehr übersichtlich ausgestattet. Eine Fleischerei, die ich auch fotografiert habe, die war quasi leer. Es waren drei, vier Produkte angeschrieben. Und trotzdem sind alle diese Läden noch personell besetzt, das läuft noch. Aber es ist kein Vergleich zu dem, was auf dem freien Markt angeboten wird. Da ist eigentlich alles erhältlich, entweder selbst produziert oder über den Privatimport zum Beispiel aus Panama herübergebracht.

Sind das Schmuggelimporte oder offiziell genehmigt?

Das werden geduldete Importe sein. Denn auch wenn es insgesamt viele Tonne sein werden, läuft das regelmäßig über Kilo-Pakete und ist als privat deklariert. Das hat sich hier mittlerweile zu einem ganz großen Wirtschaftszweig entwickelt.

Du hattest zuletzt berichtet, mit Euros sei man in Kuba König. In der DDR gab es Intershops. Da wurden die Devisen wieder eingesammelt gegen Luxuswaren. Gibt es solche besser ausgestatteten Shopsysteme für Auslandswährungen auch in Kuba?

Das sind hier die staatlichen Läden. Da kann ich nur mit Kreditkarte, Dollar oder Euro zahlen. Und auch die Kubaner können mit Währung in Valuta zahlen.

Da sind noch Waren vorhanden? Es gibt also einen Unterschied zu normalen staatlichen Geschäften?

Es gibt beides. In den Zentren, wo ich war, bin ich in die großen Läden rein, in denen man nur in Dollar und Kreditkarte bezahlen kann. Vor den Versorgungsgeschäften stehen mitunter lange Schlangen.

Schon frühere Kuba-Besucher berichteten von einem florierenden Privatmarkt. Du hattest erzählt, der sei jetzt quasi explodiert. Worauf führst du das zurück? Ist das einfach nur ein Überlebenskampf oder ist da etwas Urkapitalistisches angelegt? Wie hast Du die Menschen dahinter erlebt?

Auch in der DDR kannten wir das Organisieren. Es ist einfach die Notwendigkeit zu organisieren. Und wenn das ‚Privatimport‘ heißt und möglich ist, dann wird das auch massenweise gemacht. Die Leute hier sind das Gegenteil von trübselig. Die machen das, weil sie erfahren darin sind, nach Lösungen, nach Wegen zu suchen. Die Kubaner haben notgedrungen auch eine lange Resilienzerziehung hinter sich.

Diese Warenangebote an den Straßen und aus den Wohnungen heraus: Gibt es da sichtbare Unterschiede? Der eine macht es eher unambitioniert, der andere geht mit mehr Herzblut rein? Gibt es diese urkapitalistische DNA in unterschiedlicher Ausprägung?

Natürlich sind die Menschen unterschiedlich. Das ist ja auch das Problem des Kommunismus oder jeder Menschen gleichmachen wollenden Idealvorstellung. Ich würde eher sagen, es gibt einen offenen Markt. Das, was ich in den Geschäften sehe und was im Regal steht. Und es gibt das, was man dann entweder bei Nachfrage oder über bestimmte WhatsApp-Nummern und Kontakte bekommt. So kann man auch jedes Medikament gegen Dollar innerhalb von Stunden bekommen. Da gibt es ein sehr gut ausgebautes Netz.

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Du sagst, das läuft über WhatsApp. Das heißt, dass hier amerikanische Tech-Konzerne Einfluss haben?

WhatsApp und Facebook sind hier die Top-Kommunikationsmittel. Andere, wie etwa X und ChatGPT, sind – jedenfalls aktuell – nicht aufrufbar. WhatsApp und Facebook sind hier im Business die Medien Nummer eins – noch vor Webseiten oder E-Mails.

In Afrika gibt es dieses Klischee, dass überwiegend Frauen den Kleinhandel machen. Muhammad Yunus erhielt 2006 den Friedensnobelpreis für seine Mikrokredite für solche Kleinunternehmungen. Wie sieht es in Kuba aus, sind es auch dort die Frauen, die das Rad in Bewegung halten?

So klassische Rollen, wie ich das etwa in Ghana erlebt habe, dass es die Frauen sind, die verkaufen und die Männer, die irgendwo produzieren, das kann ich nicht bestätigen. Zu den Frauen gefragt: Die Rolle der Frau ist hier sehr, sehr selbstbewusst. Das ist entweder ein altes kubanisches Rollenbild oder durch sozialistische Prägungen entwickelt. Aber doch: Die Frauen sind hier oft jene, welche die Geschäfte führen und etwa auch die Hostels leiten. Und die haben oft auch einen hohen Bildungsstand. Viele Frauen sind studiert.

Wenn ich etwas verkaufe, muss es zuvor auch produziert werden. Was sieht man, wenn man über Land fährt? Auf den Feldern oder in kleinen Gärten am Haus? Wie sieht es mit Handwerksbetrieben aus?

Landwirtschaft ist deutlich sichtbar. Vor der Haustür wird verkauft. Jedes zweite Haus hat seine Tomaten vorne auf dem provisorischen Tresen liegen. Und ich habe im Süden riesige Mango-Plantagen gesehen, die im Moment nicht abtransportiert werden können.

Ist das alles ein Geldgeschäft oder gibt es auch Tauschhandel?

Von außen kann ich keinen Tauschhandel wahrnehmen. Aber den mag es auch geben.

Sind die Tische noch einigermaßen gedeckt? Oder steht da schon das trockene Brot neben dem Wasserglas?

Ich denke, verhungern – mindestens durch die staatlichen Reislieferungen beispielsweise – muss hier niemand. Es geht eher um die Luxusgüter. Oder alles das, was dann nicht mehr über die staatlichen Läden erreichbar ist.

Das alles hat auch einen sehr morbiden Charme. Gerade diese provisorischen kleinen Verkaufsstände. Was aus der Not geboren wurde, bekommt von außen draufgeschaut etwas von nostalgischen liebenswerten Flohmärkten. Ist es nicht am Ende auch eine große Tragik, dass dieses Land mit so viel Potenzial den Kapitalismus auf so niedrigem Niveau praktizieren muss?

Ein Problem ist, dass die Kaufkraft mit dem nachlassenden Tourismus sinkt. Tourismus ist ja der große Wirtschaftsfaktor. Viele leben direkt oder indirekt vom Tourismus. Aber der wird erschwert und hat nachgelassen, obwohl noch alles funktioniert, die Restaurants offen und die Ware da sind.

Der DDR-Vergleich drängt sich uns auf. Es gab Westkontakt mit Paketen und Besucher mit Geld. Wie sieht es auf Kuba mit den Florida-Kubanern aus, spielen sie eine Rolle? Die Kubaner haben ja mittlerweile auch eine relative Reisefreiheit.

Wer es sich leisten kann, reist natürlich raus.

Das heißt, die Mauer in Kuba ist nicht eine physische Mauer, sondern eine des Geldes?

Deshalb ist es auch für Kubaner wichtig, jemanden im Ausland zu haben, sei es in Spanien oder in den USA. Denn so kommen die Devisen indirekt ins Land. Ein wichtiger Faktor für die Menschen hier.

Ist Dir ein Verkaufsstand besonders aufgefallen?

Ja, was wir von uns nicht kennen, ist das öffentlich zur Schau stellen von Fleisch wie in den kleinen privaten Fleischereien, die ihre großen Haxen und Fleischstücke offen von außen an ihre Verkaufsstände hängen. Das ist natürlich ein Hingucker.

Würdest du es auch kaufen und essen?

So richtig durchgebraten, klar.

Danke für das Gespräch!

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