Ein literarisches Meisterwerk

2013 löste der palästinensisch-dänische Autor Yahya Hassan eine Debatte über Migration aus

von Alexander Wallasch

Mattschwarze Buchdeckel, messerscharf an den Kanten beschnitten wie mit dem Fallbeil.© Quelle: Youtube / Gyldendal Forlag, Screenshot

Aus gegebenem Anlass möchte ich Ihnen einen Gedichtband ans Herz legen, den ich vor bald zehn Jahren rezensierte und bis heute immer wieder mal in die Hand nehme – mitunter mit einem Kloß im Hals.

Die Rede ist von Yahya Hassans „Gedichte“. Gewalt, Drogen, Verzweiflung – Der in Dänemark aufgewachsene Schriftsteller wurde keine 25 Jahre alt. Aber er hat etwas hinterlassen, das bis heute ein starkes Echo hat.

Sein Buch Yahya Hassan: Digte wurde 2013 zum meistverkauften Gedichtband eines Debütanten in der Geschichte der dänischen Literatur. Im Klappdeckel steht „Ich bin fucking wütend auf die Generation meiner Eltern.“

Zehn Jahre später erklären die deutschen Ministerpräsidenten, dass wir uns auf eine Massenzuwanderung aus dem Gaza-Streifen einrichten müssen.

Hier meine Rezension:

Die Kinder müssen regelmäßig antreten, um vom Vater mit dem Knüppel verdroschen zu werden. Der Tochter läuft vor Angst die Pisse als Wasserfall am Bein herunter. Alle schreien, während die Mutter vor Verzweiflung im Gang Teller zerschlägt. Als sie sich vom Vater trennen will, legt er ihr vor den Kindern ein Stromkabel um den Hals und zieht die Schlinge zu.

Willkommen im Horror. Willkommen im beschaulichen Dänemark. Willkommen im Urlaubsparadies deutscher Kleinfamilien. Willkommen in der Welt des Debütautors Yahya Hassan, geboren 1995, staatenloser Palästinenser mit dänischem Pass. Wohnhaft in Aarhus.

Lebendigkeit in ihrer ganzen Radikalität

Yahya Hassan ist eine der Entdeckungen des europäischen Literaturmarktes 2014. Volker Weidermann, Feuilleton-Chef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, trifft sich mit dem düsteren Jungen in Leipzig auf der Buchmesse und „verliebt sich auf Anhieb“:

„Er setzt die Sonnenbrille auf, geht kurz rauchen, von den Männern begleitet. Dann liest er. Es klingt wie ein Gebet, wie ein Gesang. Er steht da, in der riesigen Sonnenhalle, sein schwarzes Buch in der Hand. Was für ein Dichter! Ich lehne mich etwas abseits an eine Mauer.“

Das klingt bei Weidermann wie eine Sehnsucht nach diesem revolutionären Element in der Literatur. Sehnsucht nach einem Aufbegehren, nach Jugend, die ungezügelt sein soll, nach Lebendigkeit in ihrer ganzen Radikalität. Und wenn die dann auch noch von einem dänischen Palästinenser kommt – eine noch vielversprechendere Dissonanz: Dänemark als nördlichster Vorposten deutscher Gartenzaunmentalität und Palästinenserelend – diese seit den 68ern so herzlich willkommene Relativierung der deutschen Schuld am Holocaust.

Ja doch, Wut ist so kompliziert geworden im Bildungsbürgerland Deutschland, in dem bald die Hälfte der Schüler Abitur machen, was es so schwer macht, den Furz, der quer sitzt, einfach mal fahren zu lassen. Anstelle der Wut, des Zorns ist die vorsichtige Abwägung, diese abiturientenhafte Dialektik, getreten, ein großes Zaudern und Zögern noch verstärkt von der 24/7-Selbstkontrolle durch die sozialen Medien.

Mitreißende Wutkotzerei

Da hält man lieber die Schnauze und sucht den größtmöglichen Konsens, die jungen Empörten sind uns allesamt abhandengekommen. Nun kommt so ein Migrantensohn ausgerechnet aus Dänemark und erzählt seine grausige Geschichte nicht etwa als gefällige, von schlauen Besserkönnern aufbereitete Autobiografie, sondern in kurzen verstörenden Texten, die im gedruckten Buch in Gedichtform gesetzt sind. Eine authentische, eine mitreißende großartige Wutkotzerei.

Literaturexperte Weidermann hat völlig recht, diese Texte haben eine Kraft, einen Sog, der perfekt ausbalanciert ist zwischen Verstörung und Schönheit, was übrigens nur funktionieren kann, wenn man eben genau das nicht im Sinne hat: „perfekt ausbalanciert schreiben“. Literatur aus dem Bauch, aus dem Bauchschmerz heraus: Literatur direkt aus dem Zentrum eines Magengeschwürs. Bitter, gallig, unschön. Großartig.

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Yahya Hassan rechnet ab mit der Diaspora dieses im Ausland praktizierten Islam, der wohl in ganz Europa in vielen Migrantenfamilien präsent, aber hinter den Haustüren der Ghettos weithin verborgen bleibt und in keiner Statistik auftaucht – die Polizei sortiert Verbrechen nicht nach Religions- oder ethnischer Herkunft, das hat in Deutschland, in Europa immer noch den Ruch der Ausländerfeindlichkeit.

Im Grunde genommen ist dieser Yahya Hassan eine Art dänischer Pirinçci in ganz jung. Nur dass er seinen Hass nicht in so eine unangenehm unkritische Liebe zur Wahlheimat umgekehrt hat. Im Gegenteil, die Wahllosigkeit, die Fremdbestimmtheit wird für diesen Hassan zum vorherrschenden Gefühl. Die Schläge zu Hause, die unauflöslich erscheinende Fremdheit in Kindergarten und Schule schreit er hinaus, als gäbe es kein Morgen für ihn. Alles krank, morbide, im Arsch.

Die Dänin, die sich ihm scheinbar vorurteilsfrei mütterlich zuwendet, entpuppt sich als notgeil und gelangweilt, wenn sie ihn als junges, faszinierend orientalisches Sexobjekt benutzt. Sozialarbeiter benutzen ihn als Versuchskaninchen für immer neue Integrationsexperimente und über allem schwebt bigott dieser sich mitten im skandinavischen Protestantismus noch viel fremdartiger anfühlende Islam, der keinen Funken Liebe kennt, der immer nur Hass und Abscheu zu produzieren scheint. Ach halt, doch, irgendwann in der Moschee spürt der Sohn eine kurz aufblitzende, zärtliche Geste des Vaters. Aber nur da und nur für Sekunden, denn zu Hause schlägt der Knüppel wieder alles zusammen, was Dänemark an dänischen Werten in den Jungen versucht hineinzutransplantieren. Der Hass, die Angst der geschundenen Kreatur richtet sich jetzt gegen die ganze Welt. Angelegt schon in der frühsten Kindheit.

„VOR DER TÜR
ICH SASS IN DER GARDEROBE MIT EINEM ZIMTSTERN
IN DER HAND
UND LERNTE IN ALLER STILLE DIE SCHUHE ZU
BINDEN
ORANGEN MIT NELKEN UND ROTE BÄNDER
HINGEN VON DER DECKE WIE DURCHLÖCHERTE
VOODOOPUPPEN
SO ERINNERE ICH MICH AN DEN KINDERGARTEN
DIE ANDEREN FREUTEN SICH SCHON AUF DEN
WEIHNACHTSMANN
ABER ICH HATTE SO GROSSE ANGST VOR IHM
WIE VOR MEINEM VATER“

Doch später, in wechselnden dänischen Knästen und Jugendheimen, fängt dieser Yahya Hassan an zu schreiben. Der Drogensüchtige, der Dieb, der hassende Hassan lässt die Gutmenschenmeute dieses eine Mal gewähren. Vielleicht ahnt er wie durch ein Wunder, durch die Wunden, die Chance, die sich bietet, spürt instinktiv das eigene Talent. Die Möglichkeit, Gehör zu finden oder / und einfach seine finanziellen Verhältnisse auf eine bisher unbekannte Grundlage zu stellen. Spürt vielleicht auch die Win-Win-Situation, denn – logisch – auch der Literaturbetrieb ahnt die lukrative Chance in Talent, Jugend und Radikalität dieses seltsamen Palästinenserdänen.

Und es funktioniert: „YAHYA HASSAN – GEDICHTE“ wurde bereits in Dänemark zum Bestseller mit weit über einhunderttausend verkauften Exemplaren und auch in Deutschland gehen seine Gedichte weg wie geschnitten Brot. Sicher nicht der Rede, aber erwähnenswert: Auch die Buchgestalter von Ullstein, dort erscheint die deutsche Ausgabe, haben ganze Arbeit geleistet: Mattschwarze Buchdeckel, messerscharf an den Kanten beschnitten, wie mit dem Fallbeil, dass man Angst haben könnte, sich bei unsachgemäßem Zugriff ordentlich in die Finger zu schneiden.

Die Sache verlangt also ein bisschen Mut, auch beim Lesen. Wie viele Dinge am Rande der Unerträglichkeit. Am Rande des Verstehens. Aber dieser kleine Mut, diesen Mutigen zu lesen, wird belohnt. Und das ist weit mehr als nur ein Versprechen.

Performance Yahya Hassan

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