Wer hier besänftigt werden soll – die AfD-Spitze weiß es selbst nicht genau

AfD distanziert sich von Sellner – Aber wie viel Sellner steckt in der AfD?

von Alexander Wallasch

Alice Weidel und das Kreuz mit Schnellroda© Quelle: Youtube/Kanal Schnellroda, Screenshot

Der Bundesvorstand der AfD fordert per E-Mail alle Verbände auf, keine Veranstaltungen mehr mit dem „rechtsextrem“ eingestuften Martin Sellner durchzuführen. Ironie der Geschichte? Dieselbe Logik, mit der Sellner sanktioniert wird, trifft auf große Teile der Partei selbst zu. Das Vorfeld wird mal wieder gestutzt.

Die E-Mail des AfD-Vorstands war kurz und wortkarg. Es soll zunächst eine umständlichere Version gegeben haben, die aber verworfen wurde. Der Text der dann an die Vorstände der Landes-, Bezirks- und Kreisverbände verschickten E-Mail liegt Alexander-Wallasch.de exklusiv vor:

„Gemäß Beschluss des AfD-Bundesvorstandes vom 09.02.2026 werden alle Verbände und Mitglieder der Alternative für Deutschland aufgefordert, keine Parteiveranstaltungen mit Herrn Martin Sellner durchzuführen.“

Das war es. Angefügt ist noch ein Hinweis auf das AfD-eigene im Januar 2024 veröffentlichte „AfD-Positionspapier zur Remigration“ sowie auf die „Erklärung zum deutschen Staatsvolk und zur deutschen Identität“ der AfD von Januar 2021. Der E-Mail angehängt ist zudem ein Faltblatt für Parteimitglieder mit dem Titel „7 Punkte zur Remigration – wie die AfD den Begriff definiert“.

Zwar spricht die AfD dem Bundesverfassungsschutz grundsätzlich seine Berechtigung ab – von einer politischen Behörde ist die Rede –, aber die Einstufungen als „gesichert rechtsextrem“ für Sellner und Co bestehen fort. So wird innerhalb der AfD-Spitze und bei den Juristen der Partei offenbar befürchtet, dass zu enge Kontakte zu als „gesichert rechtsextrem“ Eingestuften ein Parteiverbot begünstigen könnten.

Das ist allerdings schon deshalb bemerkenswert, weil auch die AfD-Landesverbände Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg von Landesverfassungsschützern ebenfalls so eingestuft wurden. Auch der Bundesverband wurde so eingestuft, diese Einschätzung wurde allerdings nach Klagen vorerst auf Eis gelegt, quasi zur Wiedervorlage.

Kurz gesagt: Folgte die Kontaktschuld gegen Sellner irgendeiner nachvollziehbaren Stringenz, dann müsste die AfD sich insgesamt auflösen.

Was ebenfalls verwundert, ist, dass die Sanktionen der AfD gegen Martin Sellner hier ausschließlich den österreichischen Gründer der Identitären Bewegung treffen. Denn Sellner ist seit über einem Jahrzehnt auch als Autor Teil des Schnellroda-Kosmos von Götz Kubitschek, zudem bis vor Kurzem auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah gehörte und zudem weiterhin der AfD-Landesfraktionschef Björn Höcke gehört.

Kubitschek ist seit über einem Jahrzehnt nicht müde geworden, immer wieder für Schnellroda zu proklamieren: Wir sind das Vorfeld, wahlweise die Vordenker der AfD. Und wie will man das in Abrede stellen, wenn bisher nahezu der gesamte Parteivorstand – jeder zu seiner Zeit – nach Schnellroda in den Saalekreis in Sachsen-Anhalt gepilgert ist, so wie die etablierte politische Klasse nach Bayreuth? Kubitscheks Rittergut ist die Villa Wahnfried der AfD.

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Aber das System Kubitschek musste in den vergangenen zehn Jahren im selben Maße Federn lassen, als wäre es ein Obstgehölz, das die AfD-Spitze immer wieder vor all zu üppigem Wildwuchs – sprich Einfluss auf die Partei – herunterstutzte:

– Der Flügel, ein Produkt Schnellrodas: aufgelöst.
– Die JA mit wesentlichen Einflüssen aus Schnellroda: aufgelöst.
– Kubitscheks „Institut für Staatspolitik“ (IfS), wo neben vielen anderen auch Alice Weidel als Rednerin auftrat: aufgelöst.

Und jetzt Martin Sellners Remigrationskonzept: intern bekämpft. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo etwa der Herausgeber der „Welt“, Ulf Poschardt, eine direkte Annäherung an die Schnellroda/Sellner-Denkschule vorgenommen hatte.

Auch in diesem Licht erscheint die klare Anti-Sellner-Linie der AfD-Spitze bemerkenswert. Spricht man mit einem Teil der Betroffenen, dann fällt öfter der Name Roman Reusch. Ohne es hier näher verifizieren zu können: Der AfD-Politiker und ehemalige Bundestagsabgeordnete wird immer wieder als einer der Treiber eines neuen Kurses genannt, der jetzt in der Note gegen Sellner mündete.

Gleichwohl wird auch Maximilian Krah als einer der ehemaligen Spitzenkräfte von Schnellroda als einer der Treiber genannt. Mutmaßlich spielen demnach auch gewachsene Beziehungen und ihre Brüche eine Rolle.

Und um das zuletzt nicht aus dem Auge zu verlieren: Diese ganzen Debatten drehen sich natürlich weiterhin im Kern um die eine Frage aller Fragen:

Was ist Deutsch, was macht das Deutschsein aus? Was wird es zukünftig bedeuten?

Es geht um die Sehnsucht mancher nach parallel verlaufenden Familiengeschichten. Und es geht um die Frage, welche Achillesferse die Gründungsväter der Bundesrepublik ungeschützt gelassen hatten, als es sich weit jenseits ihrer Vorstellung bewegte, dass eines Tages zwei Bundesregierungen in Folge das Asylrecht dazu missbrauchen würden, Millionen überwiegend muslimische Migranten illegal anzusiedeln und damit zu beginnen, ihnen unumkehrbar und binnen Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft zu gewähren.

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