Das neue AfD-Selbstverständnis hält genau einen Streit – und steht schon wieder auf dem Prüfstand

AfD zeigt selbstbewusst parteiinterne Debatte – Lucassen zertrampelt den AfD-Prager Frühling in einem Tweet

von Alexander Wallasch

„Vielleicht habe ich Dich sogar mal angelasert.“© Quelle: Grok

Noch am Freitag veröffentlichten wir bei Alexander-Wallasch.de ein kluges, offenes Streitgespräch zwischen Krah und Moosdorf – Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins: Die AfD traut sich endlich, unterschiedliche Positionen nach außen zu tragen. Nur Tage später überspannt Rüdiger Lucassen dieses zarte Pflänzchen mit einem endlosen persönlichen Abrechnungs-Thread und privater Lebensbeichte.

Vorgestern dokumentierten wir ein kluges Streitgespräch zwischen den AfD-Bundestagsabgeordneten Maximilian Krah und Matthias Moosdorf auf Alexander-Wallasch.de. Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins der AfD: Raus aus der Trotzburg gegen alle Angriffe hin zu einer Volkspartei, die mit unterschiedlichen Positionen nach außen geht, wie es Moderator RA Dirk Schmitz formulierte.

Und als wäre es die Welt von Schnitzlers „Reigen“, suchte Matthias Moosdorf sich gleich den nächsten Kontrahenten. Oder präziser: Er wurde von Rüdiger Lucassen, dem verteidigungspolitischen Sprecher der AfD, gefunden. Der wiederum nahm mit Torben Braga den AfD-Nachwuchs aus dem thüringischen Landtag mit in den Ring. Das Ergebnis war eine verbale Keilerei, die mit einem endlos langen Trauerspiel aus Abrechnung und Lebensbeichte von Lucassen via X begann.

Der Sound durchweg tragisch. Wer Militärs in der Familie hat, der weiß um die ungelenke Art der emotionalen Kommunikation. Warum ist das so? Emotionen sind grunddemokratisch. Sie kennen keine Hierarchie und Befehlsketten – da wird der Oberst wieder zum Gefreiten und der Gefreite kann zum General werden, wenn er von Haus aus emotional nur gut genug verankert ist.

Lucassen quält sich damit, er hadert und wühlt sich tastend blind durch fremdes Gelände:

„Bevor ich auf die einzelnen Vorwürfe gegen mich eingehen will, noch ein Wort zu der Tatsache, dass ich Dich persönlich anschreibe. Natürlich weiß ich, dass Du nicht der Einzige bist, der mich als verteidigungspolitischen Sprecher ablösen möchte. Da sind sowohl andere Kollegen von uns wie auch eine ganze Schar von Mitarbeitern. Die Abgeordnetenmitarbeiter Benedikt Kaiser oder Frank Pasemann fielen mir besonders ins Auge, wie sie Tag ein, Tag aus für meine Ablösung und meinen Rauswurf aus der Partei trommeln.“

Jan A. Karon von „Nius“ las mit und fragte anschließend amüsiert:

„Sie und Herr Braga sind doch in einer Partei. Können Sie nicht telefonieren, Bier trinken, kegeln, Holzschnitzen, was auch immer gehen?“

Und weil Lucassen dieser Tage so in Fahrt war, veröffentlichte er noch ein paar Werbeaufnahmen des Hubschraubers BO 108, eine deutsch-französische Gemeinschaftsentwicklung, und schrieb dazu:

„3.000 Flugstunden habe ich auf diesem Waffensystem verbracht. Davon viele am vordersten Rand der Verteidigung. Bis auf 800 m Entfernung in unseren Stellungen zur innerdeutschen Grenze. Ich lebte in einem Land, das es wert war, verteidigt zu werden. Das tue ich noch heute.“

Das ließ dann wiederum Matthias Moosdorf nicht unkommentiert, der erinnerte den Fraktionskollegen via X daran, dass auch hinter der Grenze Deutsche lebten. Dazu schrieb Prof. Moosdorf:

„Hochachtung, Rüdiger. Du hattest Deine große Zeit an der innerdeutschen Grenze. Aber auch dahinter lebten Deutsche. Wir! Und die Wiedervereinigung hat gezeigt, dass fast alle Deine gelehrten Feindbilder Bullshit waren. (…) Du gibst vor, uns vor Bedrohungen zu schützen, die es ohne unsere eigene kopflose Politik gar nicht geben würde.“

Was dann folgte, erlaubt verschiedene Interpretationen: Wollte Lucassen daran erinnern, dass Moosdorf auf der Seite der Bösen stand, bei den Mauerschützen, oder ist das schon zu viel Interpretation, wenn Lucassen zurückfragt:

„In welcher NVA-Einheit warst Du in den 80ern, lieber Matthias? Vielleicht waren wir im gleichen Abschnitt eingesetzt. Vielleicht habe ich Dich sogar mal angelasert.“

Fragen wir Grok zunächst mal, was gemeint ist: „Was meint Lucassen mit angelasert?“ Die Antwort ist kaum jugendfrei: „Es ist eine vulgäre, homoerotisch gefärbte Stichelei – im Sinne von ‚Vielleicht habe ich dich sogar mal gedrilled‘.“ ChatGPT ist nüchterner und schreibt von der Markierung eines Ziels per Laser.

Matthias Moosdorf antwortet umgehend öffentlich per X:

„Hochachtung, Rüdiger. Du hattest Deine große Zeit an der innerdeutschen Grenze. Aber auch dahinter lebten Deutsche. Ich war im einzigen DDR-Nachrichteninstandsetzungsregiment. (…) Rüdiger, die Wahrheit ist, Du hast gar nichts verteidigt. Du hast einer konstruierten Idiotie gefrönt und auf Steuerzahlerkosten Indianer gespielt und wir waren die Bösen. Das war Dein Heldentum! Mehr nicht! Mir wäre das heute peinlich. Aber Du hast halt nichts anderes. Geh Fotos sortieren oder Rosen schneiden! Aber verschone Deine Mitmenschen mit Deinem naiven Pseudo-Patriotismus.“

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Bleibt noch der von Lucassen ebenfalls „gelaserte“ Torben Braga, der sich im X-Profil mit einem Satz vorstellt, der doch eigentlich bei Oberst a. D. Lucassen auf offene Ohren treffen sollte: „Es gibt keine Schönheit mehr als in dem Kampf. Kein Meisterwerk ohne einen aggressiven Charakter.“ Der Satz stammt übrigens aus dem Futuristischen Manifest von Filippo Tommaso Marinetti. Und damit sind wir dann schon unvermittelt mitten in Pasolinis „120 Tagen von Sodom“, die AfD-Bundestagsfraktion ist also auch kulturell breit aufgestellt.

Also besagter Braga macht es gegenüber Lucassens Roman über Braga kurz und schmerzlos und erwidert in der Verkehrssprache der Kampfflieger: „i ain't reading all that im happy for u tho or sorry that happened“ (Ich les das alles nicht. Trotzdem freu ich mich für dich. Oder tut mir leid, dass das passiert ist.)

Aber – und jetzt wird es durchaus literarisch – auch das Zitat ist nicht von Braga selbst, sondern hier zitiert er eine vielverbreitete Antwort in einem Chat aus 2019, die heute oft verwendet wird, wenn man einen viel zu langen Text/Tweet nicht lesen mag.

Damals hatte sich der Absender eines langen Textes (ein Freund namens Will) über ein Mädchen ausgelassen. Der Antwortende (Jeudy Viquez) hatte keine Lust, alles zu lesen, und schrieb genau diese drei Zeilen – eine Mischung aus Desinteresse und ironischer Pseudo-Empathie: Egal ob gut oder schlecht gelaufen, „happy for u tho“ oder „sorry that happened“. Der Post wurde schnell zu einem der beliebtesten Reaction-Memes im Internet. Es dient seither als humorvolle, faule oder genervte Antwort auf extrem lange Posts, Texte, Rants oder Erklärungen, ähnlich wie „TL;DR“ – too long; didn’t read.

Aber nein, Rüdiger Lucassen und sein lyrisches „Ich“ wurden noch lange nicht von der Leine gelassen. Denn da war ja noch der Mann mit der Hundemaske („shlomo“ oder „Aron Pielka“), der zentral von Lucassen in dessen romanhaftem Tweet „gelasert“ wurde.

Der ließ sich nicht lumpen und erwiderte in ähnlicher Länge unter anderem:

„Du hast dich als vPol-Sprecher faktisch selbstständig gemacht, und führst einen Feldzug, um deinen Bundeswehr- & NATO-Kurs durchzudrücken, der im Konflikt mit Parteilinie und Basis steht. Die Basis lehnt eine Unterstützung der Ukraine zu 86 % ab – entschiedener als die Anhänger aller anderen Parteien im Bundestag …“ Und der von Lucassen so explizit hervorgehobene „shlomo“ endet mit dem bösen Satz: „Wir wollen echte Resultate, keine leere Kitschgeschichte, in die du dich im Altersheim nach drei Gläsern Eierlikör flüchten kannst.“

Vorgestern hatte Alexander-Wallasch.de noch mit Blick auf das Streitgespräch zwischen Moosdorf und Krah geschrieben:

„Die AfD ergreift in Gestalt ihrer beiden Abgeordneten die Chance, sich als größte Volkspartei auch als eine Partei unterschiedlicher Strömungen unter einem Dach zu präsentieren. Ist dieser Auftritt Merkmal einer neuen selbstbewussten AfD …?“

Ist dieser Prager Frühling innerhalb der AfD jetzt schon wieder vorbei? Hat Rüdiger Lucassen das zarte Pflänzchen einer selbstbewusst nach außen getragenen, innerparteilichen Auseinandersetzung mit seinen staubigen Springerstiefeln einfach niedergetrampelt?

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