Die USA haben kurz vor Weihnachten Einreiseverbote gegen fünf Europäer verhängt. Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches: Die Vereinigten Staaten prüfen bisweilen sehr genau, wer einreist, bis hin zur Offenlegung von Usernamen für Social-Media-Accounts.
Bei den genannten fünf Personen geht es allerdings um etwas anderes. Die Einreise wurde jetzt solchen Personen erschwert, die in irgendeiner Weise maßgeblich an der Zensur in Europa beteiligt sind.
Die Betroffenen sind Thierry Breton, ein früherer EU-Kommissar und Architekt des Digital Services Act (DSA), Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon als Geschäftsführerinnen der deutschen Organisation HateAid, die vorgeben, gegen Hass und Hetze im Netz zu kämpfen, Imran Ahmed, britischer Leiter des Center for Countering Digital Hate, und Clare Melford, die britische Leiterin des Global Disinformation Index.
Der Vorwurf in der Zusammenfassung: Der federführende US-Außenminister Marco Rubio wirft den Betroffenen vor, durch ihre Arbeit an EU-Regulierungen und Anti-Desinformationskampagnen amerikanische Social-Media-Plattformen zu Zensur amerikanischer Meinungen zu zwingen. Der DSA verpflichtet Plattformen, bestimmte Inhalte zu moderieren – die USA sehen das als extraterritoriale Einschränkung der Meinungsfreiheit.
Große Aufregung in Europa: Die EU-Kommission verurteilt die Maßnahme scharf und betont, dass Meinungsfreiheit ein gemeinsamer Wert sei, der DSA aber nur illegale Inhalte offline wie online bekämpfe und keine extraterritoriale Wirkung habe.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach von „Einschüchterung und Zwang“ gegen die europäische digitale Souveränität. Deutsche Politiker wie Außenminister Wadephul nannten es „nicht akzeptabel“. Die Betroffenen selbst sehen es als Angriff auf Demokratie und Souveränität.
Die Auswahl erscheint seltsam wahllos. Denn HateAid beispielsweise ist mittlerweile offizieller „Trusted Flagger“ der Bundesnetzagentur, handelt also im Regierungsauftrag und wird entsprechend subventioniert. Das Bundeswirtschaftsministerium ist weisungsbefugt. Werden hier die Fußsoldaten sanktioniert, weil man sich an die Großen nicht herantraut?
Das alles wirkt auf besondere Weise unausgegoren und aktivistisch. Wenn die USA die Verantwortlichen treffen wollen, dann müssten Katharina Reiche und Friedrich Merz ein Einreiseverbot bekommen – unnötig zu erklären, dass das einer diplomatischen Katastrophe gleichkäme und gravierende Folgen nach sich ziehen würde.
Hier wird also von den USA der Überbringer der Nachricht geköpft und der Kopf an die eigentlichen Verantwortlichen gesandt. Das allerdings wird die europäische Führung nur noch weiter zusammenschweißen in ihrem Bemühen, die Meinungs- und Pressefreiheit zu unterdrücken.
Interessant in dem Kontext auch die Beschränkung auf den Angriff gegen Meinungen aus den USA. Rubio und Co. ist die Meinungsfreiheit in Europa herzlich egal. Oder sie wissen, dass sie von Berlin bis Peking gleich die halbe Welt sanktionieren müssten, ginge es ihnen wirklich um die Verteidigung der Meinungsfreiheit weltweit. Und dann müssten die USA zudem erklären, mit welchem Recht sie einmal mehr Weltpolizei spielen wollen.
Denn das ist bekanntermaßen in der Vergangenheit auch deshalb schiefgegangen, weil die USA auch ohne Trump als Präsidenten immer schon amerikanische Interessen an die erste Stelle gestellt haben – klassische Aufgabe übrigens einer Regierung eines Nationalstaates. Es wird schwieriger, wenn man sich dann nebenbei noch als Weltpolizei inszeniert.
Geht es den USA von Bush über Obama und von Biden bis Trump in Wahrheit gar nicht um Meinungsfreiheit, sondern um eine Destabilisierung Europas?
Wem hat Deutschland die millionenfachen Massenzuwanderung aus Syrien und Afghanistan zu verdanken? Sie folgte direkt dem militärischen Engagement der USA nach 9/11. Wer hat sich über ein Jahrzehnt hinweg in der Ukraine engagiert und den Konflikt mit Russland provoziert? Wer hat sich aus rein wirtschaftlichen Interessen – sogar unter Androhung von Gewalt – von Minute eins an gegen den deutsch-russischen Nordstream-Deal gestellt? Die Exporte von US-Fracking-Gas wuchsen automatisch um ein Vielfaches.
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Heute werden schon Stimmen laut, die sich – noch mit Augenzwinkern – eine erneute Befreiung Deutschlands durch die Amerikaner wünschen. Und wieder andere haben bereits damit begonnen, Listen mit weiteren Namen deutscher Feinde der Meinungsfreiheit zu schreiben, die man dann der US-Regierung senden will, damit diese Personen ebenfalls US-Sanktionen erhalten.
Ist es blauäugig anzunehmen, die USA habe tatsächlich die Meinungs- und Pressefreiheit im Sinn? Vielleicht wird so ein Schuh draus: Die USA befürworten diese Auseinandersetzung in Europa, indem sie den Regierungen – übrigens zu Recht – eine Verletzung der Meinungs- und Pressefreiheit vorwerfen, weil sie gleichzeitig die Gewissheit haben, dass diese inneren Unruhen Deutschland und Europa auch wirtschaftlich massiven Schaden zufügen.
Was hier in Zukunft noch fehlt, um die Sache rund zu machen, sind heimliche Dollarzahlungen an konservative Gruppierungen in Deutschland, um die Regierung zu bekämpfen, so, wie es die USA in den vergangenen hundert Jahren rund um den Erdball praktiziert haben – nicht zuletzt in Libyen und Syrien mit den bekannten Folgen auch für Europa.
Wahr bleibt allerdings, dass Deutschland und die EU massive Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit planen und durchführen. Auch Alexander-Wallasch.de ist aktuell massiv davon betroffen und wird gleich von fünf von Zwangsgebühren finanzierten Landesmedienanstalten verfolgt. Und von mehreren Verfassungsschutzämtern werden Daten gesammelt, wie verschiedene öffentlich gewordene Vorgänge belegen konnten. Übrigens sanktioniert uns auch Google. Wo bleibt da die strenge Hand der US-Regierung?
Tatsache bleibt auch: Das Engagement der US-Regierungen bleibt immer zuallererst eigennützig. Unter Präsident Trump ist die „America First“-Haltung sogar offiziell zur Staatsdoktrin erhoben worden.
Die Opposition in Deutschland und Europa muss hier einen gewaltigen Spagat hinlegen. Einerseits nutzt ihr die US-Kritik, wenn es darum geht, die Meinungs- und Pressefreiheit wieder durchzusetzen. Andererseits darf man nicht zulassen, dass das Engagement und die Einmischung der USA die EU-Staaten auch wirtschaftlich schwächt, indem es Politik handlungsunfähig und entsprechend erpressbar macht.
Das funktioniert erst dann, wenn die Opposition in Deutschland rein gar nichts mehr von der Bundesregierung erwartet und davon ausgehen muss, dass die Herrschenden ihre Macht auf Zeit nicht mehr aus den Händen geben werden – selbst dann nicht, wenn es die Meinungs- und Pressefreiheit insgesamt kostet. Aber was wäre dann die Rolle der USA?
Europa kann sich nur selbst befreien. Die USA sind keine Freunde der Freiheit, wenn es ihnen nicht nutzt.
Trump ist hier keine Ausnahme; er hat dieses Deal-System auf die Spitze getrieben. Auf der Meta-Ebene wäre es interessant, einmal zu erörtern, welches Zusammenspiel es zwischen Kapitalismus, Demokratie und Meinungs- und Pressefreiheit gibt. Hier müsste erst einmal der Gegenbeweis geführt werden, dass die chinesische Diktatur wirtschaftlich nicht erfolgreich ist. Solange das nicht gelingt, ist jedes Misstrauen berechtigt. Die USA sind nicht unserer Freund. Jedenfalls nicht bedingungslos.
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Kommentar von Joseph Conrad
Ich persönlich bin allerdings enttäuscht über die Mickrigkeit der Trump'schen Weihnachtsgeschenke!
Ich hatte mir als Weihnachtsgeschenk ein Ende des sinnlosen, bestialischen Kriegs in der Ukraine mittels einseitiger Beendigung der Wirtschaftssanktionen der USA gegen Russland erhofft.
Gegeben hat's dann nur die mickrigen Einreiseverbote…
Und erst heute, nachträglich,
aber will man da meckern? - offenbar zum Schutz der dort tatsächlich massiv und höchst blutig verfolgten Christen (u.a. über 2 Millionen Vertriebene) - amerikanische Luftangriffe in Nigeria, nämlich angeblich auf Ziele der auch in Nigeria aktiven, islamischen Terrororganisation Islamischer Staat (IS).
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Kommentar von F. Lo
„Werden hier die Fußsoldaten sanktioniert, weil man sich an die Großen nicht herantraut?“ Notgedrungen Ja. Man kann kaum „der Bundesrepublik Deutschland“ bzw. „der Europäischen Union“ ein Einreiseverbot auferlegen. Und letztlich muss man sich immer bewusst machen, dass jede ideologische Maßnahme in praxi nur funktioniert, weil auf den unteren Ebenen Personen und Gruppen die Umsetzung höchst freudig übernehmen! Die HateAid-Chefetage ist sicher nicht zu ihren Jobs geprügelt worden. Es ist ja mutmaßlich auch kein schlechtes Gefühl, die besseren Menschen zu spielen, die böse Mitbürger mit Definitionsmacht sanktionieren können.
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Kommentar von Paul Mittelsdorf
"Rubio und Co. ist die Meinungsfreiheit in Europa herzlich egal."
Die mehrfachen Mahnungen von Vance lassen das Gegenteil vermuten.
"Die USA befürworten diese Auseinandersetzung in Europa, indem sie den Regierungen – übrigens zu Recht – eine Verletzung der Meinungs- und Pressefreiheit vorwerfen, weil sie gleichzeitig die Gewissheit haben, dass diese inneren Unruhen Deutschland und Europa auch wirtschaftlich massiven Schaden zufügen."
Wenn der wirtschaftliche Schaden Europas langfristig das Ziel der USA wären, müßten sie gar nichts tun. Sie könnten sich in dieser Hinsicht auf das Sofa setzen und zugucken, wie EU, Klimareligion und Einwanderung ihres Amtes walten. In der Wirklichkeit aber warnen die USA unter Trump ausdrücklich sowohl vor der Energie- als auch der Einwanderungspolitik. Ich sehe hier eher die Sorge der USA, daß die europäischen Länder mittel- und langfristig als Bündnispartner ausfallen.
"Wem hat Deutschland die millionenfachen Massenzuwanderung aus Syrien und Afghanistan zu verdanken?"
Uns selbst. Niemand hat uns gezwungen, die Menschen aufzunehmen und weiter hierzubehalten.
"Wer hat sich über ein Jahrzehnt hinweg in der Ukraine engagiert und den Konflikt mit Russland provoziert?"
Auch hier ist Deutschland hinsichtlich der Konsequenzen selbst schuld. Deutschland zahlt den ukrainischen Flüchtlingen Bürgergeld, niemand in den USA fordert das. Auch die immensen Geldleistungen an die Ukraine direkt sind keine Forderung der Amerikaner. Die Verschleppung eines Friedensabkommens erst recht nicht.
"Wer hat sich aus rein wirtschaftlichen Interessen – sogar unter Androhung von Gewalt – von Minute eins an gegen den deutsch-russischen Nordstream-Deal gestellt? Die Exporte von US-Fracking-Gas wuchsen automatisch um ein Vielfaches."
Gegenfrage: Wer warnt uns seit Jahren, daß die Energiewende ein Irrweg ist und wir damit unsere Energieversorgung gefährden?
"Was hier in Zukunft noch fehlt, um die Sache rund zu machen, sind heimliche Dollarzahlungen an konservative Gruppierungen in Deutschland, um die Regierung zu bekämpfen, so, wie es die USA in den vergangenen hundert Jahren rund um den Erdball praktiziert haben – nicht zuletzt in Libyen und Syrien mit den bekannten Folgen auch für Europa."
Nicht jede finanzielle Unterstützung mündet automatisch in einen Bürgerkrieg. Linke Organisationen erhalten ebenfalls Geld, ob vom WEF, Soros, Gates oder in der Vergangenheit über USAID. Hat das zu einem Bürgerkrieg geführt? Es wäre schön, wenn auch die Konservativen ihre Basis mal ein wenig unterstützen würden.
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Kommentar von Joseph Conrad
Die Idee mit "Trumps vergiftetem Weihnachtsgeschenk" scheint wohl geradewegs aus der Gerüchteküche der linkspatriotischen "Phalanx" aus Sevim Dağdelen, Jürgen Elsässer und, last not least, dem universellen Schachterlteufel Götz Kubitschek zu kommen. (Analog der hier kürzlich ausgemachten - angeblichen - "Phalanx" militaristischer Ukrainekriegsbefürworter aus Lucassen, Stein und Kubitschek.)
Obama, Biden und die links-woken US-Globalisierer hatten kein Interesse an einer Destabilisierung ihrer linken europäischen Verbündeten wie Merkel, Scholz, Starmer und Macron.
Trump hingegen hat ein Interesse an einem Machtwechsel in dem mit den USA verbündeten Europa, nämlich zugunsten der rechtskonservativen Opposition, also AfD, Reform UK in Großbritannien und RN (früher le Pen) in Frankreich.
Die - vorgeblich - euro- oder deutschpatriotische Vermischung dieser unterschiedlichen Interessenlagen und politischen Aktionen als anhaltende Absicht einer Destabilisierung Europas ist nicht sachgerecht.
Nebenbei bemerkt: Bei "geköpften Überbringern schlechter Nachrichten" handelte es sich immer um eigene Fußsoldaten; das "Köpfen" der Fußsoldaten des Gegners lag in der Natur des - im aktuellen Zusammenhang ja nur metaphorisch gebrauchten - Krieges.
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Kommentar von T S
Es geht auch eine Nummer kleiner, nicht unbedingt gleich Zersetzung ist das Ziel sondern auch im Ausland die eigene Unterstützerbasis zu stärken und Konkurrenten zu schwächen. Was nicht zuletzt Aufgabe der Diplomatie ist, den hinter allem gegenseitigen Austausch und Kompromissen steckt letztlich das Ziel der Bedienung der eigenen Interessen.
Ebenso "klassische Aufgabe übrigens einer Regierung eines Nationalstaates" - ein Satz den man leider viel zu selten sieht und den anscheinend ein Großteil der hiesigen Bevölkerung in ihrer Vernebelung nicht erkannt hat, egal ob Obama-Beweihräucherer oder Trump-Fetischist.
Oder wie ich es schon seit Jahren bei jeder US-Präsidentenwahl vorab sage, das schlechte Ergebnis (für uns) steht schon fest: Wieder ein US-Amerikaner!
Dennoch muß ich die Einreiseverbote und Kontenkündigungen gutheißen, denn auch wenn ich die Wahl der Mittel ablehne so befürworte ich doch das Ergebnis. Offen bleibt ob das tatsächlich ein Warnschuß ist dem im Falle mangelnder Kursänderung weitere Maßnahmen folgen, oder ob es nur Blendwerk zur Bespaßung der eigenen Zielgruppe war.
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Kommentar von Ostdeutsche
Ob nicht die Millionen-Strafe gegen Musk das Faß zum Überlaufen gebracht hat? (Auch wenn jetzt nicht die echten Drahtzieher getroffen wurden, schadet es nicht.)
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Kommentar von winfried Claus
Knechte kann man immer opfern, dafür wurden sie ja geboren!
Die Schuldigen sind die, über die man nicht zu sprechen wagt!
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Kommentar von Eichelhäher
Deutschland und die EU sind so lange für die USA interessant so lange die USA Gewinn aus den Beziehungen trägt. Darüber hinaus war es immer us-amerikanisches Interesse Deutschland und Russland voneinander zu trennen. Vor diesem Hintergrund macht das Vorgehen der US-Regierung absolut Sinn. Ein geköpftes Europa würde diesen Interessen derzeit massiv entgegen stehen.
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Kommentar von Winfried Bähring
Zitat:
"Europa kann sich nur selbst befreien. Die USA sind keine Freunde der Freiheit, wenn es ihnen nicht nutzt".
Völlig richtig!
ABER:
Das "vergiftete" Weihnachtsgeschenk ist trotzdem ein Signal für diejenigen, die immer noch glaubten (oder bereits daran zweifeln) , dass die EU in ihrer heutigen, zunehmend autokratischen Ausprägung immer noch der Olymp für "freiheitliche-demokratische" Grundordnungen ist (falls sie das je gewesen ist).
Und im konkreten Fall ist es auch ein (gutes) Gefühl "ausgleichender Gerechtigkeit" in der Form, dass sich die Waffen, die diese EU-Autokraten ausschließlich zur eigenen Machtmanifestation gegen andere erhoben haben, nun gegen sie selbst richten (auch wenn es nur diejenigen sind, die gerade die Drecksarbeit machen).
Das „Großreinemachen“ bis in die Chefetagen müssen die europäischen Völker selbst in Angriff nehmen (Ungarn und die Slowakei sind ein zartes Pflänzchen der Hoffnung)
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Kommentar von Jürgen Frohwein
Der nächste und eigentlich logische Schritt wäre dann die "wahren Verantwortlichen aus Berlin und Brüssel" mit einem Einreiseverbot zu belegen, ich hoffe sehr das es zu einer solchen Eskalation kommt und in der weiteren Folge das postdemokratische Regime in Europa stürzt.