Ich kannte Thorsten Benner zuvor nicht. Das mag ein Versäumnis sein. Aber ich bin jetzt über ein paar Aussagen des Politologen und Think-Tank-Gründers gestolpert, die ich besonders nachdenkenswert fand.
Nun sollte man, wenn man sich mit den Aussagen eines Mannes beschäftigt, wissen, wen man vor sich hat. Und da schrillen reflexartig alle Alarmglocken, wenn einer so tief in dieses Netzwerk der Think-Tanks, Stiftungen und Organisationen verwoben ist, wie Benner. Aber der macht daraus gar keinen Hehl.
Sein Think-Tank Global Public Policy Institute (GPPi) – wie kommt man darauf, so was zu gründen? – wird unter anderem von der Robert Bosch Stiftung finanziert, die wiederum auch die Gründung dieses so schwer kontaminierten Trusted Flagger HateAid unterstützte. Gleichzeitig ist Thorsten Benner außerordentliches Fakultätsmitglied an der Hertie School of Governance in Berlin, die wiederum mit seinem Think-Tank GPPi verbunden ist.
GPPi fühlt sich zudem einem globalen politischen Engagement der Generalversammlung der UN verbunden. Benner ist Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Biografie hält weitere Vernetzungslinien bereit. Das Bild komplett machen würde zuletzt noch eine Startfinanzierung durch George Soros, irgendetwas, das Benner automatisch in die Nähe solcher dubiosen Figuren wie Gerald Knaus (ESI) stellt, der immer im Zusammenhang mit Merkels Türkei-Deal genannt wird. Aber ein Soros-Kontext fehlt bei Benners GPPi.
Es ist verwirrend. Allerdings: Leser, die auf Texte und Äußerungen von Thorsten Benner stoßen, beschäftigen sich seltener mit solchen Hintergründen. Besagter Benner hat jetzt via X ein paar interessante Thesen und Gedanken ausgebreitet. Aufgefallen ist er heute früh damit, dass er trotz seiner NGO-Provenance die so stark bekämpfte und zuletzt auch von neuen Medien diffamierte Haltung der AfD zum US-israelischen Angriff auf den Iran verteidigte.
Thorsten Benner schrieb nämlich:
„(…) Aber was wäre, wenn es nicht primär tiefsitzender Antiamerikanismus wäre, welcher Abgrenzung in Sachen Trump & Iran treibt. Sondern AfD besseres Verständnis des deutschen Interesses hat als Iran-Kriegsbefürworter?“
Der AfD ein „besseres Verständnis“ für die deutschen Interessen zu bescheinigen, muss für jemanden mit dem Hintergrund von Benner durchaus eine Mutprobe gewesen sein. Noch dazu, wenn er sie „Iran-Kriegsbefürwortern“ gegenüberstellt, die demnach weniger Verständnis haben als die AfD. Hilfreich war hier womöglich das jüngste Zurückrudern von Kanzler Merz samt erster kritischer Ansätze.
Aber der Think-Tank-Gründer Benner geht noch weiter mit seiner AfD-Fürsprache. Im selben Kontext erinnert er an einen Gastartikel in der „Süddeutsche Zeitung“ des verstorbenen Ex-Außenministers Guido Westerwelle (FDP), der im Frühjahr 2011 unter dem Titel „Bedenke das Ende“ erschien und als Verteidigungsrede der Bundesregierung für ihre Verweigerung von Luftschlägen gegen Gaddafis Libyen gelesen werden kann.
Einleitend heißt es in diesem 15 Jahre alten Text:
„Die Libyen-Politik der Bundesregierung war kein Fehler, sondern ein sorgfältiges Abwägen des Für und Wider. Was ist, wenn die Luftschläge den Bürgerkrieg nicht beenden? Gehen dann Bodentruppen ins Land? Deutschland hat sich mit der Entscheidung weder isoliert, noch die Bündnissolidarität gefährdet, noch tatenlos einen Diktator gewähren lassen.“
Westerwelles Text ist deshalb so interessant, weil er sich hier bereits ein halbes Jahr vor dem Sturz von Gaddafi positioniert und viele Jahre im Vorfeld der Erkenntnis, welches Desaster der Krieg gegen Libyen ausgelöst hat. Übrigens bis hin zur massenhaften illegalen Migration über das Mittelmeer mit zehntausenden Todesopfern auch auf dem Konto der so genannten Seenotretter.
Thorsten Benner bescheinigt der AfD-Spitze also eine ähnliche Hellsicht, wie sie Guido Westerwelle rückblickend zugesprochen werden kann.
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Grundsätzlich positioniert sich Benner so via X:
„Ich kann diejenigen verstehen, die sagen, Verurteilungen auf Basis des Völkerrechts bringen nichts in einer Welt der Macht. Aber anzunehmen, von Trump & Netanyahu begonnener & geführter Krieg in explosiver Region wäre im deutschen Interesse, das ist unentschuldbare Blindheit.“
Auch der Journalist Henning Rosenbusch hat dazu heute Vormittag eine Punktlandung hingelegt:
„Warum war der Dreck den Merz, Klingbeil, Grüne und Co. bisher auf Trump geworfen haben kein Antiamerikanismus? Den gibt es erst wieder seit nicht alle einen neuen Krieg bejubeln…“
Thorsten Benner stellt weiter fest:
„Noch weniger entschuldbar als diejenigen, die sich aufgrund des Schreckens des iranischen Regimes überzeugt haben, daß Trump & Netanyahu das Richtige tun, sind diejenigen, die Sanewashing auf Basis chinapolitischer Großstrategie ("Weg nach Peking führt über Teheran") betreiben.“
Und ergänzt:
„Es geht nicht um "Gegeneinanderausspielen" von Ukraine und Sicherheitsinteressen im Nahen Osten. Sondern um strategische Klarheit, dass Irankrieg nicht im deutschen Interesse ist und kurzfristig Russland sehr hilft vor allem durch Ölpreis & auch Verknappung Flugabwehrsysteme.“
Das ist noch einmal interessanter, weil hier der Bogen hinüber zu der Frage gespannt wird, ob die Kritik bzw. Absage an ein deutsches Engagement im Iran – ob Guido Westerwelle auch für das gigantische Ukraine-Engagement Deutschlands mahnend zitiert werden kann.
Benner widerspricht in dem Kontext direkt dem CDU-Abgeordneten Norbert Röttgen, der bei Maybritt Illner die Ukraine und den Iran sprichwörtlich über einen Kamm geschert hatte:
„Wir haben ein Interesse an Frieden und Sicherheit in der Ukraine und im Nahen Osten, weil das auch unsere eigene Sicherheit schützt. Beides gegeneinander auszuspielen wäre ein strategischer Fehler. Wir müssen Prioritäten setzen, verfügen aber in EUR noch über ausreichend.“
Abschließend und mit Blick auf Thorsten Benner lässt sich feststellen, dass die spontane Lagerbildung zum Angriff auf den Iran zwar massiv war samt reflexartiger Diffamierung von Kritikern, wie man es zuletzt unter Corona erlebt hatte. Aber nichtsdestotrotz gibt es Bewegung. Die Front der Befürworter des Angriffskrieges scheint bereits zu bröckeln. Die mahnende Erinnerung an den Text von Guido Westerwelle ist hier Thorsten Benner anzurechnen.
Nachtrag: Nach Hinweis auf seine interessanten Ausführungen zur AfD, hat Thorsten Benner nachgelegt:
"Ja. Das macht mich nicht zum AfD-Verharmloser. Ich bin überzeugt, dass wir in der Sache diskutieren müssen. Und die Tatsache, dass Mehrheit AfD-Führung Irankrieg ablehnt, ist denkbar schlechtes Argument für den Irankrieg."