Was zunächst wie eine Satire, ein Deepfake oder ein besonders dreister Scherz wirkte, ist offenbar real: Jan Böhmermann hat im Rahmen des Deutschland-Besuchs von Wolodymyr Selenskyj ein Interview mit dem ukrainischen Präsidenten geführt.
Selenskyj wollte Bundeskanzler Friedrich Merz zu weiteren Milliardenzahlungen bewegen und die Bundesregierung zu Interventionen auf EU-Ebene bringen. Beides wird ihm aller Voraussicht nach gelingen. Dabei hat der Bundeskanzler eigentlich eine ganz andere Aufgabe: nämlich das Wohlergehen, den Wohlstand und die Sicherheit der Deutschen zu gewährleisten.
Die Bilder aus der dunkel holzgetäfelten Hotellobby, in der zwei etwa gleichaltrigen Männer sitzen, sind in diesem Zusammenhang kaum zu ertragen.
Das ZDF kündigt das Gespräch für morgen um 23 Uhr im Kontext der auslaufenden Sendung „ZDF Magazin Royal“ an. Der Trailer zum Interview beginnt mit Böhmermann, der in seiner unbeabsichtigten Klarheit erschreckend ehrlich wirkt. Verkürzt: „Ich bin ein Clown. Sie waren ein Clown. Jetzt ist Krieg.“
Man kann das kaum zu Ende schauen. Hier sterben immer noch täglich Menschen. Hunderttausende sind bereits elend im Schützengraben verreckt, nach ihren Müttern schreiend. Und dann sitzen Böhmermann und Selenskyj beieinander und plaudern über eine Gemeinsamkeit: das Berufsbild des Clowns.
Das ZDF formuliert es wörtlich so: In einem exklusiven Interview spreche Böhmermann mit dem ukrainischen Präsidenten über dessen ungewöhnlichen Weg vom Comedian zum Präsidenten eines Landes im Krieg. Genau damit legt man den Finger auf die Wunde, die in den sozialen Medien seit Jahren mit der berühmten Selenskyj-Penis-Szene am Klavier versorgt wird – der Szene, die immer wieder genutzt wird, um zu demonstrieren, wer dort eigentlich Präsident geworden ist.
Aber warum das alles? Offenbar war die Idee, den Deutschen Selenskyj als Mensch darzustellen. Und das im Kontext mit einer populären Figur des deutschen Fernsehens. Aber warum hat niemand Selenskyj gesagt, dass dieser Böhmermann nicht nur bei weiten Teilen des Publikums, sondern auch beim ZDF Rückhalt verloren hat?
Böhmermann fühlt sich wohl in der Rolle, es ist eine Metamorphose. Aber hin zu was? Will er dem Beispiel Selenskyjs nacheifern? Vom Clown zum Staatschef? Wenn man das genauer durchdenkt, drängt sich die Frage auf: Wo wäre eigentlich der Unterschied zwischen Friedrich Merz und Jan Böhmermann in der Sache? Soll doch Merz abtreten und diesem verhinderten Politkomiker den Weg freimachen.
Böhmermann ist kein unbeschriebenes Blatt. Er ist mehrfach mit politischen Aktionen gegen die Opposition und Journalisten in Verbindung gebracht worden – etwa im Zusammenhang mit dem Sturz des österreichischen Vizekanzlers Strache.
Hier sitzt er nun als politischer Aktivist dem Mann gegenüber, der seit vier Jahren einen russischen Angriff abwehren muss und zugleich eigentlich scharf dafür kritisiert werden muss, nicht genug getan zu haben, um den Krieg zu beenden. Aber wie kann der ukrainische Präsident selbst das Risiko eingehen, sich mit so einem aktivistischen Politclown und politischem Hazard in eine Sendung auf eine Stufe zu stellen? Denn dafür ist die Aufzeichnung offenbar gedacht.
Statt der naheliegenden, harten Fragen – wie dieser Krieg jetzt sofort beendet werden kann, was dafür getan und was unterlassen wird – geht es laut Presseerklärung um den Einfluss des Tech-Oligarchen Elon Musk auf die US-Politik, um den britischen Popstar James Blunt und – man will es nicht hören oder gar glauben – um Skifahren in Ischgl.
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Also warum nicht gleich über das Kochrezept der ukrainischen Großmutter, das man hier auch in Deutschland mal vorkochen könnte? Warum nicht gleich eine Kochsendung mit dem ukrainischen Präsidenten? Oder gleich „Wetten, dass…?“ mit den beiden Tokio-Hotel-Figuren auf dem von Gottschalk duchgesessenen Sofa? Selenskyj könnte dann die Wette anbieten: Ich wette, dass ich den Krieg in 24 Stunden beenden kann – und damit selbstverständlich scheitern. Oder er bietet an: Ich wette, dass ich den Krieg noch fünf Jahre verlängern kann und weiter tapfer Friedensverhandlungen verhindere und darauf hoffe, dass Deutschland finanziell ausblutet. Wer will dagegen wetten?
Selenskyj erhofft sich weitere finanzielle Unterstützung und Waffen, auch aus den USA über den Kongress, bedankt sich für SpaceX – und teilt Böhmermann mit, dass ihm Musks Haltung zum Krieg nicht gefalle.
Natürlich: Für den absteigenden Böhmermann ist das ein Scoop. Es ist so, als wolle er seinen Kritikern und auch seinem Arbeitgeber ZDF nochmal die lange Nase zeigen.
Aber vor allem ist es furchtbar, weil es in unsere Zeit passt, in der alles entwertet wird, alles möglich ist und alles auf eine so seicht-blöde Politshow heruntergebrochen werden kann. Es gibt keine Trennlinien mehr. Journalisten werden zu regierungsnahen Verkündern, Komiker machen Politik, Politiker sind Komiker.
Am Ende passt nichts mehr, und der Mensch auf der Straße verliert die Orientierung – und vor allem sein Vertrauen in jene Figuren, die er ins Amt wählt und teuer bezahlen muss mit seiner Hände Arbeit. Böhmermann selbst ist ein Produkt der Zwangsgebühren. Er hat jetzt genug verdient. Dass er jetzt noch einmal eine Politshow „von Clown zu Clown“ veranstaltet, wie er selbst sagt, rundet das Bild tatsächlich ab.
Warum findet das überhaupt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen statt? Weil hier Propaganda gemacht werden soll. Weil die Stimmung in Deutschland kippt. Weil nur noch wenige Deutsche Verständnis dafür haben, dass hier Milliarden aus unserem Wohlstand und unserer Sicherheit abgezogen und in die Ukraine geschickt werden.
Nur darum geht es. Und deshalb werden die richtigen Fragen selbstverständlich nicht gestellt: Was glaubt Selenskyj, wie man das alles weiter argumentieren kann? Warum sollen wir das bezahlen? Was haben wir mit diesem Krieg zu tun? Wie sieht es nach diesem Krieg aus? Warum gibt es hier keine sofortigen Friedensverhandlungen, in welcher Form auch immer? Was können wir dafür tun? Und wie bekommen wir unser Geld in welcher Form zurück – was ist die Gegenleistung?
Interessant wird es jetzt bei den üblichen Vertretern der Medien, bei Ulf Poschardt und auch bei den neuen Medien, bei Julian Reichelt und anderen, die zu den großen Böhmermann-Kritikern gehören. Das könnte zu Verwicklungen oder dem großen Schweigen führten. Diese Spagat-Konflikte treten im Kontext des Ukrainekriegs immer häufiger auf. Man kann Merz zu Recht aufs Schärfste kritisieren. Aber wenn es um das Thema Ukrainefinanzierung geht, müssen die Genannten immer wieder einen Schritt zurückgehen. Und da tut es im Schritt weh, wenn der Spagat wieder zu weit auseinandergeht.
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Kommentar von Ralf H.
Selbst wenn man den Gürtel um die Schuhe bindet, ist es noch unter der Gürtellinie.
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Kommentar von Torsten Kandziora
Das ist ein schlechter Scherz. oder?