Wenn Politik ins Kinderzimmer darf – aber nur von der richtigen Seite

Campact, KiKa und die vergessenen Nazi-Zöpfe

von Alexander Wallasch

Campact-Newsletter© Quelle: Campact-Newsletter, Screenshot

„Hallo Alexander“, schreibt Campact vertraulich. Und dann geht’s um angebliche „Rechtsextreme“ im öffentlich-rechtlichen KiKa-Kanal, eine Schülerin als Opfer und eine Petition: unterschreiben Sie jetzt bei WeAct, der hauseigenen Petitionsmaschine. Nein, keine eigene Campact-Kampagne – nur ein freundlicher Hinweis, weil das ja so viele Campact-Aktive unterstützen.

Der Vorgang selbst ist real. Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat „logo!“ Interviews der ehemaligen Landesschülersprecherin Lucienne Balke mit Sven Schulze (CDU) und Ulrich Siegmund (AfD) gesendet. Siegmund sprach von Sonderklassen für Geflüchtete, von einem „schönen Leben auf unsere Kosten“ und von einem Wachdienst an Problemschulen. Die Redaktion hat das überraschenderweise mal so gesendet, wie man eben Interviews sendet: als Aussagen eines Kandidaten, der zur Wahl steht.

Aber gleich darauf explodierte der polit-mediale Komplex und seine Entourage. Die Schülerin kassierte einen Shitstorm. Der Skandal, den Campact verkauft, lautet im Kern: Ein AfD-Mann durfte ausreden. Also die Schülerin hier gewissermaßen als Neuauflage von Ben Berndt, der ebenfalls ausreden ließ.

Für Mecklenburg-Vorpommern sollte dasselbe Prinzip mit Enrico Schult wiederholt werden. Der Landesschülerrat stellte Bedingungen: eigene Fragen, Vorbereitung, Einordnung. Das ZDF erklärte das für zu kurzfristig. Also drehte die Redaktion selbst. Campact und ein Schülerkollektiv fordern nun: nicht ausstrahlen. Stattdessen ein kindgerechtes Format über Rechtsextremismus.

Das soll fürsorglich klingen. So ein Modell „DDR-Kita-Erziehung“ war aber niemals und an keiner Stelle Fürsorge. Hier soll vielmehr eine neue Normalität erzeugt werden, die festlegt, dass bestimmte Parteien nicht mehr befragt werden. Die sollen vorab entsorgt und, wenn das nicht funktioniert hat, mindestens nachträglich passend „eingeordnet“ werden, bis vom Gespräch selbst nichts mehr haften bleibt.

Aber was passiert da? Eine Schülerin darf Politiker befragen. Eine Redaktion darf das Gespräch senden. Eine Partei, die auf dem Stimmzettel steht, wird interviewt. Das ist der Normalfall – sollte er jedenfalls sein. Denn Aussagen einer zugelassenen Partei – noch dazu der mit Abstand größten – sollten im öffentlich-rechtlichen Programm nicht erst durch die Korrekturabteilung müssen.

Wer das trotzdem verlangt, hat sich an ein Sonderrecht gewöhnt: Mit der AfD spricht man nicht wie mit anderen Parteien. Man spricht über sie. Man warnt vor ihr. Man lässt sie nicht stehen.

Campact macht genau das zum Programm. Diese NGO ist in vielen Forderungen auf die AfD ausgerichtet. Sie lebt davon, zu warnen, sie lebt übersetzt davon, die Apokalypse eines Dritten Reichs immer wieder neu in den wundervoll düstersten Farben an die Wand zu malen – nein, zehntausendfach zu verschicken als Newsletter.

Die von Campact beworbene Petition will keine Bühne für die AfD im Kinderkanal. Sie fordert ein Format, das erklärt, warum „Rechtsextremismus“ Demokratie und Menschenrechte bedroht. Und wer rechtsextrem ist, entscheidet Campact bzw. ein politischer Verfassungsschutz markiert vorher entsprechend. Statt eines Interviews also ein Lehrplan!

Aber genau hier und bei diesem Newsletter von Campact beginnt eine Gedächtnislücke – nein, ein Gedächtnisgraben! Wir helfen hier gerne mit einer Erinnerung aus:Im Februar 2016, als von AfD-Spitzenkandidaten bei „logo!“ noch keine Rede sein konnte, erschien in der Apothekerzeitung „Baby & Familie“ der Artikel „Gefahr von Rechts“.

Behauptet wurde damals, Kitas hätten Hilfe gesucht, weil sie es mit „rechten Eltern“ zu tun hätten. Nicht der Glatzenvati mit Baseballschläger, hieß es dort, die Mitte der Gesellschaft sei das Problem: Verdächtige auf dem Spielplatz und in der Kita.

Befragt wurde damals Heike Radvan von der „Fachstelle Gender und Rechtsextremismus“ der Amadeu-Antonio-Stiftung. Von ihr erfuhr man dann Erstaunliches: Kinder rechter Eltern fielen manchmal erst nach längerer Zeit auf, „zum Beispiel, weil sie sehr still oder sehr gehorsam sind“.

Die – na klar – Diplom-Sozialarbeiterin Eva Prausner ergänzte in besagter Apothekerzeitung „Baby & Familie“ das Warnsignal: Achtung bei akkurat geflochtenen Zöpfen, langen Röcken und fehlenden amerikanischen Schriftzügen auf der Kleidung.

Ich hatte das damals bei Tichys Einblick unter dem Titel „Und wie blond ist Dein Nazi-Kind?“ veröffentlicht, bis heute einer der meistgelesenen Artikel bei Tichys.

Mal ehrlich, muss man es extra erklären? Blonde Zöpfe sind kein politisches Programm, und die Kelly Family waren keine Nazis. In einem Blatt für Eltern und Kleinkinder wurde der Blick der Erzieherin in den Kitas auf Frisur, Rocklänge und Gehorsam umgepolt: weg vom Kindeswohl, hin zur DDR-Gesinnungsschnüffelei.

Die Stiftung lieferte den Erzieherinnen die Handreichung „Ene, mene, muh – und raus bist du!“ nach, mit Grußwort aus dem Bundesfamilienministerium! Wieder Zöpfe, Kleider, Hausarbeiten, der morgendliche Lauf. Der Shitstorm dazu war ordentlich. Hinterher die Relativierung: Es gehe um konkrete Fallbeispiele völkischer Familien, nicht um jedes Mädchen mit Zopf. Aber das Muster bleibt erkennbar: Erst kommt der Anheizer, dann die relativierende Klarstellung, dann bleibt der Verdacht im Raum, Ziel erreicht.

Aber Campact hat die blonden Zöpfe gar nicht vergessen. Die NGO hat sie einfach nie als Problem begriffen! Eine Stiftung, die Erzieherinnen beibringt, artige, stille, traditionell gekleidete Kinder als Hinweis auf das falsche Elternhaus zu lesen, ist für diese Klientel nicht vergleichbar mit „Rechtsextremen im Kinderkanal“. Für Campact und Co. ist das – wie missglückt auch immer – Demokratieförderung.

Man muss es eigentlich nicht extra sagen: Natürlich in der Apothekerzeitung von 2016 kein Wort über dunkle Zöpfe, sprich Integrationskonflikte mit Eltern, die zu keinem Elternabend erscheinen, deren Lebenswelt, Religion und Werthaltungen sich der Kita entziehen. Dafür die Bekehrungsgeschichte der arbeitslosen Alleinerziehenden Melanie, die nach vielen Gesprächen mit den Erzieherinnen „einsichtiger“ wurde und sich bei der Mutter eines Migrantenkindes entschuldigte. Halleluja, was für eine Fremdschamattacke!

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Autorin Julia Lang beeilte sich festzustellen, Melanie sei kein Beispiel für rechtsextreme Familien, sie zeige nur, wie schon eine rechte Haltung Intoleranz erzeuge. Blond, brav, verdächtig. Kein verdammtes Klischee wurde ausgelassen.

Merksatz für die Autorin auch zehn Jahre danach: Eine Kita ist keine Parteischule! Sie ist ganz sicher auch keine Frühwarnzentrale gegen die Gesinnung der Eltern. Wer dort Integration, Vielfalt, Klima, Gender und „Gefahr von Rechts“ zum Alltagspaket schnürt, betreibt Indoktrination. Nur eben mit anderem Label.

Man muss es diesen Politoffizieren von Campact offenbar explizit erklären: Jedes einzelne Kind hat ein Recht darauf, vor dem Zugriff von Erwachsenen geschützt zu werden, die aus dem Gruppenraum ein politisches Labor machen. Das galt für die sozialistische Persönlichkeit in der DDR-Krippe. Das gilt für die „rechte Haltung am Küchentisch“, die Erzieherinnen 2016 abtrainieren sollten.

Und das gilt exakt so auch für die Idee, Kindernachrichten in ein Format über Rechtsextremismus umzubauen. Finger weg! Übrigens gilt das selbstverständlich auch für vergleichbare Formate über Islamismus, Clankriminalität oder den Preis offener Grenzen.

Wer die Archive durchsieht, findet dazu nicht nur einen Artikel. Es sind Dutzende. Kindergarten als Ort, an dem Eltern erzogen werden sollen. Schule als Ort, an dem der falsche Satz am Küchentisch zum Fall für die Fachstelle wird. Immer dieselbe miese Bewegung. Das Kind wird zum Material. Die Institution wird der Hebel. Und die Abweichung wird Diagnose. Bei den Ideologen wie jenen von Campact sind alle Barrieren gefallen. Es sind im Prinzip dieselben Leute, die mit ihrem Tun andere dazu aufhetzen, Journalisten privat zu besuchen und sie vor deren Nachbarn als Faschisten zu plakatieren – oder es sind die Nachbarn selbst.

Auch klar: Campact ist kein Kinderschutzverein. Campact ist ein regierungsnaher Kampagnenbetrieb – privat finanzierte Propagandisten der Bundesregierung. Campact mobilisiert schnell, moralisch aufgeladen, mit klarer Feindmarkierung. Besagte neue Petition hat zudem nicht einmal die Eier, Klartext zu reden: Man habe nichts dagegen, die AfD einzuladen, und fordert im selben Atemzug, das Interview nicht in diesem Format auszustrahlen.Wenn eine Partei, die auf dem Stimmzettel steht, interviewt wird, ist das für Campact der Ausnahmezustand. Aber wer diese Normalität für „ungefilterte Bühne“ hält, verrät etwas: Der gesteht ein, dass solche Filter inzwischen als journalistische Pflicht gelten sollen – in eine Richtung!

Zehn Jahre lang sah dasselbe wokegrünlinke Milieu begeistert zu, wie Stiftungen und Lifestyle-Blätter Erzieherinnen zu Hilfssheriffs gegen Zöpfe und Gehorsam machten.

Aber Campact hat sich auf ein gefährliches Terrain begeben, denn was sie hier tun, lässt sich um 180 Grad umdrehen: Woran erkennt man ideologische Indoktrination in der Kita? Wie arbeiten woke-linksradikale Stiftungen mit Feindbildern?

Oder konkreter: Warum gilt das stille Mädchen mit Zopf als Verdachtsfall, die überforderte Einrichtung mit ungelösten Integrationskonflikten aber nicht?

Ein Kindernachrichtenformat darf Parteien zeigen, die zur Wahl stehen. Aber Politik darf nicht in der Kita rumfingern. Campact hat die Nazi-Zöpfe vergessen. Die Kinder sind weiter im Blickfeld. Aber auch Campact rückt immer mehr in dieses Blickfeld.

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