Aufschrei aus der Villa am Wasser

Charakter und moralischer Kompass sind nicht korrumpierbar

von Alexander Wallasch (Kommentare: 9)

Die Corona-Pandemie hat aufgezeigt, wie wichtig sensible Seismografen des Widerstands sind. Ganz gleich, ob diese nun in einer Villa oder einer Etagenwohnung aufgestellt sind.© Quelle: Pixabay / merlelepik

Heute schickte mir ein Leser einen klugen Text. Neugierig geworden, schaute ich ins Internet, was der Mann sonst so macht, wo er herkommt, was ihn umtreibt.

Was ich mir dann aus dem Netz zusammenpuzzelte und was mich erstaunte, waren die Lebensumstände eines Familienvaters mit Villa am Meer, wie sie schöner kaum sein könnte: Auf grüner Wiese stehen einladend weißlackierte Liegestühle mit Blick aufs glitzernde Wasser. Auch eine Bilderbuchgroßmutter ist zu sehen, daneben eine nette Frau und ein lächelndes Kind und im Hintergrund besagte wohl schon über einhundert Jahre alte gepflegte Villa mit Walmdach.

Wer so wohnt, dachte ich, der hat es geschafft, der muss im Leben ein paar Weichen in die richtige Richtung gestellt haben. Solche Orte finden sich sonst nur noch auf Postkarten oder in Kaffee-Werbungen der 1970er Jahre.

Was mich hier nachhaltig irritierte: Besagte Traumvilla steht mitten im Habeckland. Hier war der amtierende Bundeswirtschaftsminister einmal stellvertretender Ministerpräsident, hier ist er aufgewachsen, die Menschen hier formten auch sein Weltbild und seine Art zu leben.

Aber die Entfernung zwischen dem klugen Autor und Robert Habeck könnten kaum größer sein. Oder ist da doch eine Nähe vorhanden, die ich nicht erkenne? Erlauben die gleichen Lebensumstände solche gegenläufigen Entwicklungen? Ich kann es mir nicht vorstellen.

Kommen wir zum Inhalt dessen, was mir der Autor so ausführlich schrieb: Ein düsteres Bild der Gegenwart und ein noch düsterer Blick in die Zukunft. Aber wie kann so ein dunkles Weltbild in so einem Idyll entstehen, wo man am Samstagmorgen sein Brötchen aufschneidet, die gute Butter verstreicht und ein warmes Ei darüber löffelt, um dann vielleicht spielerisch zu fluchen, wenn ein wenig Eigelb beim Zubeißen seitlich an den Fingern vorbeirinnt?

Ich konnte nicht widerstehen und rief die angefügte Telefonnummer an. Das Gespräch zog sich hin, keiner mochte auflegen, beide hatten immer noch eine Idee, was noch zu erzählen sei. Schnell entstand ein großes Einvernehmen, welches meine Verwunderung noch verstärkte.

Unsere Lebensumstände sind sicher ganz verschieden, in der Herkunft unterscheiden wir uns ebenfalls. Aber dennoch war da eine Gemeinsamkeit, die das Gespräch sehr angenehm machte. War das die Art und Weise, wie wir auf die Dinge schauen, wie wir die Gegenwart erleben und Zukunft denken?

Rein materiell hat der Mann viel zu verlieren, dachte ich sofort. Also muss es etwas geben, das er mehr fürchtet, als Nachbarn, die ihn nicht einladen, Freunde in den sozialen Netzwerken, die ihn entfreunden und blockieren, Gespräche die verstummen, wenn er den Raum betritt und Geschäftspartner, die keine mehr sein wollen, Kunden, die ausbleiben und Aufträge, die storniert werden.

Aber ängstlich klang nicht, was er mir nach und nach erzählte. Eher so, als gäbe es da einen unverrückbaren moralischen Kompass, eine Feinjustierung, die durch nichts zu erschüttern oder zu verunsichern ist. Ich kanns nicht präziser benennen, als mit dem Begriff Ehrlichkeit. Ausgerechnet Wikipedia hat eine schöne Definition von Ehrlichkeit, die so geht: „Die Ehre (Ehrenhaftigkeit) als persönliches Attribut kann als Ergebnis der Ehrlichkeit (ehrlichen Verhaltens) angesehen werden.“

Was ich daraus gelernt habe: Sich über die bestehenden Verhältnisse zu empören, wird nicht zwangsläufig von persönlichen Besitzverhältnissen diktiert. Auch das ist eine Lehre aus den Corona-Jahren.

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Das gilt übrigens auch für die traditionelle politische Links-Rechts-Navigation: Wer im August 2020 in Berlin dabei war, als Michael Ballweg hunderttausend Menschen für die Grundrechte auf die Straße brachte, da waren solche Teilnehmer deutlich in der Überzahl, die man ohne zu zögern dem linken Spektrum zuordnete.

Arm oder Reich spielte ebenfalls keine Rolle. Vielleicht ist das eine gewagte These, aber ich glaube, damals formte sich eine Bewegung aus Leuten, die ein starkes Gespür für Unrecht haben. Oder sogar für die Vorläufer kommenden Unrechts.

Aber was eint diese Menschen konkret? Ich glaube, eine Antwort gefunden zu haben in einer Reihe von Fremdscham-Momenten, ausgelöst von Protagonisten des Corona-Regimes wie dem gescheiterten CDU-Kandidaten Armin Laschet, der sich gerade reinwaschen will mit der Forderung einer Corona-Kommission und der sich gegenüber der Bildzeitung allen Ernstes als Maßnahmen-„Lockerer“ verkaufen wollte.

Aber was unterscheidet nun die einen von den anderen? Was ist es, dass die einen schwer belastet und andere keinen Deut interessiert? Warum riskiert einer wie Sucharit Bhakdi seinen exzellenten Ruf, warum opfert er alles, was er sich in Jahrzehnten aufgebaut hat? Und warum leisten Figuren wie Dieter Nuhr Abbitte und warum bleiben Kollegen wie Lisa Fitz und Uwe Steimle standhaft?

Eine der naheliegendsten Antworten hat fast etwas enttäuschend Banales: Es ist eine Charakterfrage. Und es hat sicher auch etwas mit einer Qualität der persönlichen Vorausschau zu tun.

Der Autor, der mir einen Text schickte, könnte seinen Kopf in den Sand stecken, sich in seiner Villa verschanzen und eine goldgelbe Semmel essen. Aber es ist ihm einfach unerträglich zu wissen, dass sich um ihn herum eine Welt neu aufstellt, deren Bedrohlichkeiten er materiell womöglich als einer der letzten zu spüren bekäme.

Aber darum geht es ihm nicht. Etwas ist in ihm angelegt, das man als Frühwarnsystem bezeichnen könnte. Die Corona-Pandemie hat aufgezeigt, wie wichtig diese sensiblen Seismografen des Bösen sind. Ganz gleich, ob diese nun in einer Villa oder einer Etagenwohnung aufgestellt sind.

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