Wir sprachen mit Roland Tichy über das Making Of zu einem Interview, dass selbst für einen der besten Journalisten die wir haben zu einer echten Herausforderung wurde. Roland Tichy ist der Erfinder der neuen Medien. Dieses Mal führte ihn seine Arbeit für ein paar Stunden hinter Gitter. Bedrückend war der Zustand des Eingesperrtseins auch für den Besucher, verriet uns Roland Tichy im Gespräch.
Das Interview auf dem Youtube Kanal von Tichys Einblick
Jemanden, der jahrelang im Knast oder im Gefängnis sitzt, einfach zu besuchen – da denkt man ja zunächst, dass das gar nicht so einfach möglich ist. Wie ist das zustande gekommen?
Das ist natürlich schon rein rechtlich ein riesiges Problem. Man brauchte nach der Einwilligung des Häftlings und seiner Anwälte die Zustimmung des Richters, der Haftanstalt, des Landeskriminalamts und letztlich des Justizministeriums. Der Anfang ist natürlich, dass man mal fragen muss.
Jetzt haben Sie Prinz Reuß in Untersuchungshaft in Frankfurt besucht. Eine Ihrer ersten Meldung war erst mal eine Erschütterung über diesen Knast selbst.
Ich bin zunächst an diesem Gefängnis entlanggefahren. Das hat eine riesige Betonmauer und obendrauf Stacheldraht und wirkt wie eine gigantische Festung. Daran ist zunächst nichts zu kritisieren. Gefängnis ist Gefängnis. Aber für denjenigen, der damit zum ersten Mal zu tun hat, ist es bedrückend. Abschreckend. Das soll es ja auch. Verängstigen.
Ich muss allerdings sagen, dass die Gefängniswärter ausgesprochen entgegenkommend waren, soweit es in der Situation möglich ist – eine durchaus freundliche und korrekte Behandlung. Das Gefängnis selbst ist auch nicht so, wie man es aus amerikanischen Filmen kennt, mit Ratten, die über Flure laufen und Häftlingen, die an den Gitterstäben klappern, sondern im großen Ganzen ein vergleichsweise heller und freundlicher Bau. Selbst die Zwischentüren dort haben kleine Fenster zwischen der Stahlbewehrung. Wobei es ein Untersuchungsgefängnis ist. Und dann dieses einprägsame „Plopp“, wenn sehr schwere Türen zufallen.
Alles wird auch elektronisch überwacht. Klar, hier möchte man nicht sein müssen. Der erste Eindruck ist der eines Krankenhauses mit langen Fluren. Bedrückend ist der Zustand des Eingesperrtseins auch für den Besucher. Und der Zustand verschärft sich je nach Haftgrund, wenn man etwa besonders streng bewacht wird.
Prinz Reuß wird – wenn er beispielsweise im oder vor dem Gerichtssaal ist – immer von zwei stämmigen Wärter an den Oberarmen gehalten. Und er wird beim Verlassen des Gefängnisses vor Ort und nach dem Transport aus dem Gefängnis in allen Körperöffnungen untersucht, bald so, als fürchte man, er habe sich unterwegs eine Maschinenpistole besorgt. Das mag ja alles seine Richtigkeit haben. Denn wer sich erinnert: Die RAF hatte es trotzdem geschafft, Pistolen in Stammheim einzuschmuggeln. Aber für diesen älteren, isolierten Herrn scheint es mir dann doch etwas übertrieben zu sein.
Ich würde hier zu Protokoll geben wollen, dass die Selbsttötungen der RAF-Spitze in linksradikalen und linksextremen Kreisen als nicht restlos geklärt gilt.
Das ist ja okay. Nur was bleibt: Sie haben sich am Ende erschossen.
Aber genau das bestreiten bestimmte linke Kreise, die sagen: Baader und Co wurden erschossen.
In diese Debatte will ich eher weniger einsteigen.
Sie sagen „in alle Körperöffnungen“ – Zur RAF-Geschichte gehört, dass auch die Anwälte strengsten Kontrollen unterlagen. Werden die Reuß-Anwälte ähnlich schikanös untersucht wie Reuß selbst?
Nein, diese Art von Untersuchungen gibt es bei den Anwälten nicht. Aber natürlich wird jeder Anwalt beim Besuch von den Sicherheitsbehörden durch den Scanner geführt und muss seine Tasche öffnen. Lange war es so, dass die Kommunikation nur über einen Lautsprecher möglich war, was dazu geführt hat, dass ein vernünftiges Gespräch nicht richtig funktioniert hat oder kaum möglich war. Denn wenn man sich da als Anwalt und Häftling gegenübersitzt, mit einer Glaswand getrennt und dann nur durch ein knarziges Mikrofon spricht, dann hilft das nicht bei der Wahrheitsfindung.
Mich interessiert auch die journalistische Perspektive. Das ist ja eine Art Gratwanderung. Sie kommen dorthin. Sie müssen sich emotional aufmachen, um eine gute Arbeit zu leisten. Sie sind professionalisiert. Andererseits muss man natürlich selbst auch schauen, dass man nicht alle Eindrücke in sich aufnimmt. Wie finden Sie die Balance?
Man muss sich einfach über die eigene Rolle klar werden. Was ist meine Rolle? Und ich definiere das ganz klar so: Ich bin kein Anwalt, ich bin schon gar kein Staatsanwalt. Und ich bin keinesfalls Richter. Wenn es bei so einem Gespräch einen Richter gibt, ist es der Zuschauer. Der Zuschauer will und muss sich ein Bild über den Gesprächspartner machen. Und ich muss alles tun, um ein möglichst umfassendes und glaubwürdiges, authentisches Bild zu übermitteln. Und ich glaube, das ist wichtig, dass man nicht ins Gespräch reingeht, wie es heute von einigen linken Journalisten verlangt wird, den Interviewten gewissermaßen zu verhören.
Wir haben nicht die Aufgabe des Verhörs. Wir haben die Aufgabe, den anderen zum Sprechen zu bringen, ihm zuzuhören. Und natürlich beinhaltet es auch kritische Nachfragen. Aber es geht im Wesentlichen um die Person des Gegenübers. Und wenn einem das gelingt, dann ist es okay. So habe ich es immer schon gehalten, wenn ich Interviews gemacht habe mit vier Bundeskanzlern und vielen Bundesministern. Die sind ja nicht Gefangene. Aber sie sind in ihrer Festung der eigenen Propaganda eingesperrt. Sie nutzen Sprachplatten, politischen Formeln und gestanzten Erklärungen. Und da muss man dann versuchen, hinter die gestanzten Formeln zu kommen und den Gegenüber in eine Situation zu bringen, wo er doch noch etwas Authentisches sagt. Das gelingt manchmal und manchmal nicht.
Eine kleine Anekdote: Ich musste mal Franz Josef Strauß interviewen, und er war nicht gut gelaunt. Und ein nicht gut gelaunter Franz Josef Strauß war, so sagen wir mal, ein bisschen wie ein Vulkan. Oder ein verletzter Bulle. Strauß hatte so Aktenmappen vor sich liegen. Und auf jede Frage zog er eine Akte heraus und las dann die Antwort vor. Die war dort vorformuliert. Ich habe Blut und Wasser geschwitzt, weil es natürlich mörderisch langweilig war.
Ich spürte, ich muss aus diesem System ausbrechen und habe ihm eine Frage nach Airbus gestellt. Das war sein Herzensthema. Damals war Airbus das große Thema der deutschen Industriepolitik, und er war involviert. Und in dem Moment schob er den Aktenberg beiseite, wandte sich mir zu und gab mir ehrliche authentische Antworten, zum Airbus und dann auch zu den anderen Fragen. Dann war das Interview plötzlich großartig, weil es mir gelungen war, ihn aus der Festung der Akten herauszulocken.
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Das führt direkt zur Frage nach dem Airbus von Prinz Reuß.
Ich glaube, der Airbus-Antrieb war, dass man ihn persönlich traf und dass ich ihn persönlich befragt habe. Auch zu seiner Tochter. Das ist sein Lindenblatt. Denn nur das kann etwas Neues bringen. Und zu den sachlichen Vorwürfen: Es gibt ja bereits 150 Verhandlungstage im Gericht. Diese 150 Verhandlungstage kann ich in Ihrer Genauigkeit, Präzision und in Ihrem Umfang nicht übertreffen. 1,5 Millionen Seiten Akten! Ich kann nicht den komplexen Prozess nachspielen. Ich brauche einen anderen Zugang. Und der andere Zugang erschien mir richtig über die Person zu laufen. Ist das wirklich jemand, dem man einen Staatsstreich und Massenmord zutraut? Redet er sich nur raus oder ist er glaubwürdig?
Warum sind Sie überhaupt nach der langen Zeit der Erste gewesen? Spiegel, Springer – alle mit großen Redaktionen. Hatten sie denn eine besondere Möglichkeit, dort einen Zugang zu kriegen? Oder hätten es die anderen genauso machen können?
Das hätten auch andere machen können.
Was vermuten Sie, warum das nicht passiert ist?
Vielleicht weil man nicht gefragt hat sondern der Staatsgewalt einfach glaubt? Weil vielleicht klar wurde, dass der Befragte nicht noch ein Verhör über sich ergehen lassen will? Ich weiß, dass das ZDF auch sehr weit war und dann aus einem Grund, den ich natürlich nicht weiß, gestoppt wurde.
Sie mussten sich vorab intensiv mit Prinz Reuß beschäftigen müssen. Wir haben ja später im Interview gesehen, dass da doch einige sehr dubiose Dinge von Reuß erzählt wurden. Wie haben Sie sich dem Mann angenähert?
Zuvor hatte ich über den Prinzen bereits mehrere Beiträge geschrieben und dazu entsprechend reflektiert. Und ich habe natürlich auch gelesen, was andere relevante Autoren dazu schreiben. Als die Reichsbürger-Geschichte begann, war ich schon kritisch gegenüber den üblichen Verlautbarungen.
Ich habe dann in meinem ersten Beitrag den Begriff „Rollator-Putsch“ geprägt. Mit Blick auf diese Leute und der Einschätzung: Die können doch nicht ernsthaft einen Putsch versuchen. Andreas Baader von der RAF war demgegenüber ein junger Mann in den kräftigsten Jahren, er war geschult und konnte schießen. Im Untergrund war ein richtiger Guerilla-Kämpfer mit einem schnellen Passspiel, Porsche und schönen Frauen. Also ein Mann in vollem Saft und voller Kraft.
Und bei Reuß sprachen Sie dann über die Kraft von viele Pyramiden im Garten und von der Hilfe des Universums, wenn ich das alles richtig verstanden habe. Ich hatte während Ihres gesamten Interviews oft Gefühl, ich müsse ausschalten. Und ich glaube, es ging einigen Lesern ebenso. Es fehlte der Moment eines Minimums von irgendetwas Schönem, Beruhigendem.
Wir hatten ja das Unternehmen SIGMA-Holding, das bei uns explizit zu dieser Recherche Werbung schalten wollte. Ich fragte mich, wie packe ich da Werbung rein? In eine Knast-Sendung? Und dann fiel mir ein, dass es eigentlich um Freiheit geht. Reuß ist im Knast. Und es geht um Freiheit als Gegenpol. Wie weit ist da der Bogen zu unternehmerischer Freiheit?
Und dann haben wir eine Werbeform entwickelt, mit Bildern von freien, weiten Landschaften. Mir ging es ja nicht anders, als Ihnen beim Betrachten des Videos, dass ich mich bedrückt gefühlt habe, dass ich irgendwie eine Erlösung brauchte, eine Pause von der Bedrängnis des Raums und der Intensität. Und diese Erlösung waren dann Fotos, Bilder von Landschaften und Meeren, von Seen, vom Blick vom Berg. Wir haben das mit dem Begriff der Weite gekontert, also die Enge des Gefängnisses und die Weite der Reklame. Es hat übrigens funktioniert mit der Werbung aus der Sicht des Kunden.
Wenn sich morgen die Tore öffnen und schon morgen Prinz Reuß dort rausmarschiert, nach Hause zu seiner Tochter. Gerecht oder ungerecht?
Dazu haben wir gestern noch eine zweite Geschichte nachgeschoben. Und die beinhaltet, dass der Prinz und seine ganze Umgebung Ihre Feindbilder aus einer Hollywoodserie von 1995 entliehen haben könnten. „Babylon 5“ lief von 1994 bis 1998 und gehört zu den ambitionierteren Science-Fiction-Produktionen ihrer Zeit.
Da kamen diese galaktischen Mächte auch alle vor samt dieser Gefängnisse „DUMBS“ unter der Erde, in denen Kinder schikaniert und ausgeschlachtet werden. Auch die Elemente des Guten, die Erdallianz und die kosmische Föderation kommt dort bereits vor, die Übermacht der galaktischen Kräfte und die Kooperation von Russen und Amerikanern. Alles schon dagewesen
Der Prinz glaubt oder glaubte tatsächlich daran. Aber das wirklich Komische ist, die deutsche politische und Justiz-Elite glaubt das offensichtlich auch. Ich denke, die Justiz und Staatsgewalt jagen Schatten. Sie jagen imaginäre Geister. Mit riesigem Aufwand. Und ein paar haben sie gefangen und eingesperrt. Dumm gelaufen.
So wie Xavier Naidoo? Wie oft ist Ihnen der Sänger im Kontext Reuß in den Sinn gekommen?
Denn hatte ich null im Kopf.
Danke für das Gespräch!
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