Der folgende Text soll keinesfalls vor einer Masernimpfung ihrer Kinder abraten. Der Text soll der Sachaufklärung dienen. In Deutschland ist die Masernimpfung Pflicht. Und diese Pflicht ist bisher sehr erfolgreich.
Im neusten Epidemiologischen Bulletin berichtete das Robert Koch-Institut vorgestern, dass Deutschland bei der Masernelimination einen Rückschlag erlitten hat. Deutschland hatte 2022 und 2023 den WHO-Status „endemische Übertragung unterbrochen“ bei Masern erreicht. Das hieß: Es gab keine dauerhafte einheimische Verbreitung mehr. 2024 wurde dieser Status wieder zurückgenommen.
Besonders auffällig: Viele Fälle waren importiert, darunter aus Ländern mit niedrigen Impfquoten. Vor diesem Hintergrund rückt ein wenig beachteter biologischer Effekt in den Fokus – der Einfluss des Impferfolgs auf den sogenannten Nestschutz bei Säuglingen. Während der Schwangerschaft überträgt die Mutter Antikörper über die Plazenta auf das ungeborene Kind. Dieser passive Schutz soll das Neugeborene in den ersten Lebensmonaten vor Masern schützen, bevor eine eigene Impfung möglich ist.
In der Vor-Impf-Ära: Fast alle Mütter hatten eine natürliche Maserninfektion durchgemacht. Sie besaßen hohe Antikörper-Titer, die gut auf das Kind übertragen wurden. Der Nestschutz hielt oft 6–12 Monate oder länger.
In hochgeimpften Gesellschaften wie Deutschland sind die übertragenen Antikörpermengen bei Müttern deutlich niedriger. Viele Babys verlieren diesen passiven Schutz bereits nach 2–4 Monaten, teilweise sogar früher, wie Studien belegen. Babys werden dadurch früher anfällig als in früheren Jahrzehnten.
Zuwanderung macht den Unterschied besonders sichtbar. Dieser Effekt beschränkt sich nicht nur auf Ukrainer. Er tritt bei praktisch allen Herkunftsgruppen aus Ländern mit langjährig niedrigen Impfquoten oder kriegsbedingten Impflücken auf. Viele Frauen aus Syrien, Afghanistan, der Türkei, dem Jemen, Pakistan oder Somalia haben keine Impf-, sondern eine natürliche Immunität, weil sie das Virus selbst durchgemacht haben.
Ihre Babys erhalten einen robusteren und länger anhaltenden Nestschutz. Im Gegensatz dazu haben Babys von Müttern aus hochgeimpften Bevölkerungsgruppen oft nur den schwächeren Impf-bedingten Schutz.
Der massive Masernausbruch 2017–2019 in der Ukraine mit über 115.000 Fällen hat bei einem Teil der Bevölkerung genau diese natürliche Immunität hinterlassen, wie man auch einem WHO-Bericht entnehmen kann.
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Ähnliche Effekte gab es jedoch auch bei syrischen und afghanischen Geflüchteten in früheren Jahren. Bei Zuwanderung aus Krisenregionen zeigt sich deshalb häufig ein stärkerer passiver Schutz für die Säuglinge – zumindest vorübergehend. Gleichzeitig bergen ungeimpfte oder unvollständig geimpfte Kinder aus diesen Gruppen selbst ein höheres Risiko, sobald der Nestschutz nachlässt.
Allerdings gelten Babys unter einem Jahr als besonders gefährdet für schwere Masernverläufe, Komplikationen wie Enzephalitis oder die tödliche Spätfolge SSPE.
Der langjährige Erfolg der Impfprogramme hat demnach eine neue Verwundbarkeit geschaffen: Gerade die verletztlichste Altersgruppe trägt die Folge des fehlenden natürlichen Virusumgangs in der Elterngeneration – einen spürbar schwächeren Nestschutz.
Manche Kritiker sprechen hier sogar von einem „Kollateralschaden“ der Impfstrategie. Die Daten zeigen jedenfalls, dass der Nestschutz in hochgeimpften Gesellschaften schneller nachlässt als früher angenommen.
Das RKI-Bulletin macht einmal mehr deutlich: Die Masernelimination hängt nicht nur von Impfquoten, Kontrolle und Überwachung ab, sondern auch von subtilen Veränderungen im Immunprofil der Bevölkerung – Veränderungen, die die Impfstrategie selbst mit sich gebracht hat.
Und um das abschließend noch einmal deutlich zu sagen: Der Nettonutzen der Impfung ist enorm – Masern waren früher eine Massenkinderkrankheit mit viel Leid und Todesfällen und Komplikationen. Der schwächere Nestschutz ist mittlerweile zum bekanntesten Argument für frühzeitige Impfung und hohen Durchimpfungsraten geworden.
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