Der 7. Oktober 2023 war kein einzelner Grenzdurchbruch, sondern innerhalb weniger Stunden eine Vielzahl parallel ablaufender Angriffe auf zivile Orte und militärische Stellungen im Süden Israels. Es war ein Samstag, der jüdische Feiertag Simchat Tora.
An den Grenzposten und in den Beobachtungseinheiten entlang des Gazastreifens war die übliche, am Feiertag reduzierte Besetzung im Dienst. In der Nacht und am frühen Morgen waren in Gaza zahlreiche bewaffnete Kräfte zusammengezogen worden. Die unabhängige internationale UN-Kommission kommt in ihren Detailed Findings on attacks carried out on and after 7 October 2023 in Israel und in der zusammenfassenden Darstellung zu dem Ergebnis, dass mindestens 1.000 Angehörige des militärischen Flügels der Hamas und anderer palästinensischer bewaffneter Gruppen an dem Angriff beteiligt waren.
Gegen 6.30 Uhr wurden im Süden Israels die ersten Raketenalarme ausgelöst, auch im Bereich des Nova-Musikfestivals nahe Re’im. Dort befanden sich mehrere Tausend Menschen, häufig werden etwa 3.000 bis 3.500 Besucher genannt. Das Festival wurde unterbrochen, die Veranstalter sagten es ab, die Polizei forderte die Besucher zur Abreise auf. Das Gelände liegt nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt. Zu diesem Zeitpunkt waren die späteren Angreifer bereits dabei, die Grenzanlagen zu überwinden. Die Minute 6.22 Uhr taucht in manchen Rekonstruktionen auf. Sicherer belegt sind die ersten Sirenen und Einschläge gegen 6.29 bis 6.30 Uhr und die Absage des Festivals kurz danach.
Um 6.29 Uhr begann ein massiver Raketen- und Mörserbeschuss aus dem Gazastreifen. Parallel dazu überwanden bewaffnete Hamas-Kämpfer und Angehörige anderer Gruppen an zahlreichen Stellen die Grenze, zu Fuß, mit Fahrzeugen und Motorrädern sowie auf dem See- und Luftweg. Die UN-Kommission beschreibt den Vorgang als koordinierten Angriff auf militärische Stellungen und zivile Orte. Getroffen wurden unter anderem Be’eri, Kfar Aza, Nahal Oz, Nir Oz, Re’im, Nirim, Holit, Zikim, Sderot und Ofakim, dazu militärische Stützpunkte entlang der Grenze und das Nova-Festival.
In Be’eri begannen die Kämpfe zwischen etwa 6.30 und 6.45 Uhr. Nach der späteren Untersuchung der israelischen Armee drangen die Angreifer aus zwei Richtungen in den Kibbuz ein. Zunächst kämpften vor allem die örtliche bewaffnete Bereitschaft und Bewohner gegen sie.
Die Armee teilt den Verlauf in mehrere Phasen: Eindringen aus Gaza in den ersten Minuten, Beginn des Bodenangriffs bis etwa 9 Uhr, weitgehende Kontrolle des Kibbuz durch die Angreifer bis in den frühen Nachmittag, danach die schrittweise Rückeroberung. Bewohner wurden in ihren Häusern erschossen, Häuser angezündet, Menschen entführt. Die veröffentlichte IDF-Untersuchung nennt 101 getötete Zivilisten und 30 aus Be’eri entführte Personen, dazu etwa 340 Eindringlinge, von denen rund 100 im Kibbuz getötet wurden. 31 Angehörige der Sicherheitskräfte fielen im Kampfgebiet. Die Armee stellt fest, dass sie ihren Auftrag, die Bewohner zu schützen, nicht erfüllt hat. Ältere Angaben von 117 getöteten Bewohnern sind durch diese Untersuchung überholt. Die Differenz erklärt sich daraus, welche Personen der jeweiligen Zählung zugerechnet werden.
Auch Kfar Aza wurde in den ersten Minuten angegriffen. Gegen 6.42 Uhr wurden im Bereich des Kibbuz motorisierte Gleitschirme gemeldet, kurz darauf begannen Angriffe auf Häuser. Die Angreifer bewegten sich von Haus zu Haus, Bewohner versuchten, sich in Schutzräumen einzuschließen. Den Verlauf hat die Armee in ihrer Untersuchung zu Kfar Aza rekonstruiert, gebündelt mit den übrigen Oktober-Untersuchungen.
Parallel wurde der Militärstützpunkt Nahal Oz angegriffen. Nach späteren Untersuchungen bestand die erste Welle zwischen 6.30 und 7 Uhr aus etwa 65 Nukhba-Kämpfern. Weitere Wellen folgten. Auf dem Höhepunkt befanden sich rund 250 Angreifer im Stützpunkt. Die Zahl 162 bezieht sich nicht auf die Angreifer, sondern auf die an diesem Morgen anwesenden Soldaten, etwa die Hälfte der üblichen Wochenbesetzung. Die Soldaten, darunter Beobachtungssoldatinnen, leisteten Widerstand. Der Stützpunkt wurde überrannt, zahlreiche Soldaten wurden getötet, mehrere Soldatinnen als Geiseln nach Gaza gebracht.
Auf dem Nova-Gelände entwickelte sich eines der größten einzelnen Tatgeschehen des Tages. Nach den ersten Alarmen versuchten die Besucher, das Gelände zu verlassen. Die Angreifer erreichten das Festival und eröffneten mit automatischen Waffen das Feuer. Menschen flohen in Fahrzeugen, zu Fuß und in angrenzende Felder und Wadis. Es kam zu Schusswechseln und zur Verfolgung Fliehender. Die UN-Untersuchung zählt für das Festival und die angrenzenden Bereiche 379 Tote, darunter mindestens 364 Festivalbesucher, und etwa 40 Entführte. Die spätere Untersuchung der israelischen Armee kommt auf 378 Getötete, davon 344 Zivilisten, und 44 Entführte. Die Differenz erklärt sich vor allem daraus, welche angrenzenden Tatorte der jeweiligen Zählung zugerechnet werden. Eine frühere Armeeangabe von 348 Toten auf dem Festivalgelände ist damit überholt.
Im Laufe des Vormittags bewegten sich die Angreifer weiter durch den Süden Israels. In Sderot kam es zu schweren Gefechten. In Ofakim, rund 20 Kilometer vom Gazastreifen entfernt, drangen bewaffnete Angreifer in die Stadt ein. Dort dauerten die Kämpfe mit israelischen Sicherheitskräften Stunden. Auch Straßen und Fahrzeuge wurden angegriffen, Menschen aus Fahrzeugen heraus erschossen oder entführt. Parallel hielten die Kämpfe an den Grenzstützpunkten und in den Kibbuzim an. Die israelischen Streitkräfte mobilisierten zunehmend größere Kräfte, während an zahlreichen Orten gleichzeitig gekämpft wurde. Die UN-Kommission beschreibt den Angriff ausdrücklich als koordinierten Schlag gegen zahlreiche zivile und militärische Ziele, nicht als einzelnen Durchbruch.
Während der Angriffe wurden Menschen nicht nur getötet, sondern systematisch als Geiseln nach Gaza gebracht. Unter den Entführten waren Kinder, Frauen, ältere Menschen, weitere Zivilisten, Soldaten und ausländische Staatsangehörige. Die UN-Untersuchung kommt auf mindestens 252 Entführte, die später korrigierte israelische Zahl beträgt 251. Die Menschen wurden unter anderem mit Fahrzeugen und Motorrädern nach Gaza gebracht, darunter Personen aus den angegriffenen Kibbuzim und vom Nova-Festival.
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Die UN-Kommission hat die Geschehnisse anhand von Videoaufnahmen, Zeugenaussagen, forensischem Material und weiteren Quellen untersucht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Mitglieder der Hamas und anderer bewaffneter Gruppen am 7. Oktober Zivilisten absichtlich töteten, Geiseln nahmen, Menschen folterten und misshandelten, Leichen misshandelten und Häuser sowie zivile Einrichtungen zerstörten oder in Brand setzten. Die vorsätzliche Tötung von Zivilisten und die Geiselnahmen stuft sie als Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht ein. Bei sexueller Gewalt ist die Quellenlage differenzierter. Die Kommission sah an mehreren Orten hinreichende Anhaltspunkte für bestimmte Formen sexueller Gewalt. Bei einzelnen sehr detaillierten, früh verbreiteten Darstellungen fanden die Ermittler dagegen keine ausreichenden Belege. Das ist deshalb festzuhalten, weil in den ersten Wochen zahlreiche unbestätigte oder später korrigierte Behauptungen kursierten.
Die Kämpfe dauerten bis in den Nachmittag. Einige Gemeinden waren weiterhin nicht vollständig unter israelischer Kontrolle. In Be’eri wurde die militärische Kontrolle erst am Nachmittag und später am Tag schrittweise wiederhergestellt. In mehreren Orten hielten sich Angreifer über Stunden auf. Gleichzeitig erreichten Verstärkungskräfte die betroffenen Gebiete. Polizei, Armee, Spezialeinheiten und lokale Sicherheitsbereitschaften kämpften an verschiedenen Orten gegen die Eindringlinge. Die israelische Armee hat später selbst eingeräumt, dass ihre Reaktion an diesem Morgen erheblich verspätet und unzureichend koordiniert war. Die Untersuchungen zeigen, dass einzelne Einheiten lange nicht über das Ausmaß des Angriffs informiert waren.
Auch die medizinische Versorgung stand vor enormen Problemen. Der Bericht des israelischen Rechnungshofs hält fest, dass die organisierte Übergabe von Verletzten an Magen David Adom erst mit einer Verzögerung von nahezu acht Stunden nach Beginn des Angriffs mit der Gaza-Division abgestimmt wurde. Das bedeutet nicht, dass bis dahin keine Verletzten behandelt oder evakuiert wurden. Hunderte wurden bereits vorher von Rettungskräften, Soldaten, Polizei und Zivilisten abtransportiert. Es zeigt aber die Dauer und das Ausmaß des Zusammenbruchs der regulären Abläufe.
Am Abend des 7. Oktober befanden sich noch bewaffnete Angreifer in einzelnen Bereichen und Gebäuden, in mehreren Orten liefen Gefechte weiter. Gleichzeitig begann die israelische Luftwaffe mit Angriffen auf Ziele im Gazastreifen. Erste Schläge setzten bereits am Morgen ein, etwa zwei Stunden nach dem Beginn des Raketenbeschusses. Noch am Vormittag erklärte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in seiner Stellungnahme, Israel befinde sich im Krieg, nicht in einer Operation und nicht in einer Runde. Die Erklärung wurde gegen 11 Uhr veröffentlicht. Der Name Swords of Iron wurde vom Armeesprecher bereits am 7. Oktober verwendet, nicht erst am folgenden Tag.
Nach heutiger Rekonstruktion wurden in Israel ungefähr 1.200 Menschen getötet und 251 entführt, mehrere Tausend wurden verletzt, darunter Zivilisten, Soldaten und Angehörige der Sicherheitskräfte. Die UN-Kommission unterscheidet ausdrücklich zwischen Zivilisten und Angehörigen der Sicherheitskräfte und kommt auf mindestens 809 getötete Zivilisten. Auf der Seite der Angreifer beteiligten sich nach UN-Einschätzung mindestens 1.000 Personen. Sie drangen über Land, Meer und Luft ein, griffen zahlreiche militärische und zivile Ziele an, töteten, nahmen Geiseln und zerstörten oder setzten Gebäude in Brand.
Der zeitliche Kern lässt sich so fassen. Gegen 6.30 Uhr die ersten Raketenalarme und der Beginn des Beschusses, parallel der Grenzdurchbruch. Zwischen 6.30 und 7 Uhr das Eindringen in zahlreiche Kibbuzim und Militärstützpunkte, darunter Kfar Aza, Be’eri und Nahal Oz. Zur gleichen Zeit die Flucht vom Nova-Festival und der Angriff auf die Fliehenden. Am Vormittag Kämpfe, Tötungen und Entführungen nach Gaza, dazu Netanjahus Kriegserklärung. Am Mittag und Nachmittag das Eintreffen israelischer Verstärkungen und die Rückeroberung einzelner Orte. Am Abend und in der Nacht die letzten Gefechte auf israelischem Gebiet und die Fortsetzung der Luftangriffe auf Gaza.
Die genaue Uhrzeit einzelner Vorgänge ist nicht immer zweifelsfrei feststellbar. Gerade deshalb sind die nachträglichen israelischen Untersuchungen zu Be’eri, Kfar Aza, Nahal Oz und anderen Orten wertvoll. Sie rekonstruieren die Ereignisse teilweise minutengenau anhand von Funkverkehr, Überwachungskameras, Mobiltelefonen, Zeugenaussagen und Einsatzprotokollen.
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