Viele sehen darin den perfekten Beleg für die Dringlichkeit strengerer Kontrollen im Netz – Deepfakes, Identitätsdiebstahl, digitale Gewalt. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Die Geschichte hat vor allem einen sehr privaten Kern – und die derzeitige mediale und politische Dynamik birgt erhebliche Risiken einer einseitigen Vorverurteilung.
Der Ausgangspunkt ist kein abgekartetes Spiel von Politik, Tech-Konzernen oder einem ominösen „Deep State“. Es handelt sich zunächst um einen hoch emotionalen Rosenkrieg nach der Trennung eines langjährigen Promi-Paares. Collien Fernandes hat Strafanzeige gegen ihren Ex-Mann erstattet und wirft ihm vor, über Jahre Fake-Profile und pornografische Deepfakes unter ihrer Identität erstellt und verbreitet zu haben – Vorwürfe, die sie als „virtuelle Vergewaltigung“ bezeichnet.
Genau diese Schwere der Anschuldigungen macht den Fall für Befürworter einer stärkeren Internet-Regulierung zur idealen Blaupause. Sie haben die Vorwürfe schnell aufgegriffen, verbreitet und als Beweis für systemische Gefahren stilisiert. Das ist legitim – solange es nicht den Anschein erweckt, als hätten Ulmen und Fernandes bewusst einen Skandal inszeniert, um Regulierungsforderungen zu befeuern.
Eine solche Verschwörungstheorie ist Unsinn: Der Konflikt wirkt zu persönlich, zu verletzend und für alle Beteiligten zu riskant.
Bisher fehlt die andere Seite – und das ist entscheidend. Denn auffällig ist: Von Christian Ulmen selbst gibt es bislang keine einzige öffentliche Äußerung zu den Vorwürfen. Alles, was derzeit kursiert, basiert auf den Aussagen von Collien Fernandes – einschließlich der Behauptung, Ulmen habe gestanden. Weder liegt die Originalanzeige öffentlich vor, noch gibt es unabhängig verifizierte Belege.
Ein prominenter Strafverteidiger hat die Verteidigung Ulmens übernommen – ausgerechnet gegen seine Ex-Frau und Mutter seiner Tochter. Deutet das auch auf einen erbitterten Sorgerechts- und Vermögensstreit hin, in dem solche Anschuldigungen leider kein Novum sind?
In Scheidungskriegen gehören falsche oder übertriebene Vorwürfe (auch sexualisierter Gewalt) zum traurigen Repertoire beider Seiten – unabhängig vom Geschlecht. Hollywood hat dutzende Filme genau darüber gedreht: die zerstörerische Kraft einer falschen Vergewaltigungs- oder Missbrauchsbehauptung.
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Unschuldig beschuldigt zu werden, kann eine Existenz vernichten – und genau deshalb gilt in unserem Rechtsstaat die Unschuldsvermutung uneingeschränkt, bis ein Gericht etwas anderes feststellt.
Der Reflex, sofort Solidarität zu bekunden und daraus weitreichende gesellschaftspolitische Debatten abzuleiten, sollte automatisch die Debatte um sexualisierte Gewalt durch Zuwanderer neu eröffnen: Dort wird oft bewusst auf die Nennung des Täterhintergrunds verzichtet, um Stigmatisierung zu vermeiden – selbst wenn die Annahme später zutrifft.
Umgekehrt: Hier wird ein Mann massiv vorverurteilt, obwohl die Beweislage (öffentlich) dünn ist. In beiden Fällen gilt: Vorverurteilung schadet der Wahrheitssuche und dem Vertrauen in Institutionen.
Wer den Fall nutzt, um pauschal „Männergewalt“ oder „toxische Männlichkeit“ zu brandmarken, riskiert, dass die Debatte bei einem späteren Freispruch oder einer anderen Wendung komplett entwertet wird. Dann bleibt nur eine fiktive Tat als angebliches Exempel für ein reales gesellschaftliches Problem.
Natürlich kann Collien Fernandes recht haben – und falls sich die Vorwürfe bewahrheiten, wäre das ein Skandal. Aber hier wird ja versucht, eine mutmaßliche tat sofort über einen me-too-Mechanismus zu generalisieren. Am Ende ist es dann kaum noch wichtig, ob wirklich bei Ulmen passiert oder nicht, alle Männer sind potentielle Verbrecher und Sexualstraftäter.
Doch genau deshalb muss man jetzt nicht weniger, sondern mehr Zurückhaltung walten lassen. Die Unschuldsvermutung ist kein Nice-to-have, sondern Fundament unseres Rechts- und Wertesystems. Wer sie jetzt für vermeintlich höhere Ziele opfert, sägt am Ast, auf dem die gesamte Debatte um digitale Gewalt sitzt.
Der Fall Ulmen/Fernandes ist (noch) kein Beweis für gar nichts – außer dafür, wie schnell aus einem privaten Drama ein politisches Momentum wird. Warten wir die Ermittlungen, Gerichtsentscheidungen und vor allem: die Aussage der anderen Seite ab. Alles andere wäre nicht Journalismus, sondern Aktivismus – und der hat in diesem Fall bereits genug Schaden angerichtet.
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