Sevim Dağdelen spricht mit dem russischen Botschafter – Ein umstrittener Dialog-Termin in Berlin-Mitte

Der russische Botschafter im Dialog: „Wir sind harte Burschen – wir kommen schon durch“

von Alexander Wallasch (Kommentare: 1)

Matinee in Mitte: Frieden durch Dialog© Quelle: Christian Witt

Die BSW-Politikerin Sevim Dağdelen ist mit ihrem Dialog ein Wagnis eingegangen. Der Botschafter selbst bekam jedenfalls keine Gratiswerbung für die russische Sache. Hat Frau Dağdelen der Sache des Friedens einen Dienst erwiesen? Sie bleibt stabil.

Sevim Dağdelen trifft Sergei Netschajew – seit 2018 russischer Botschafter, man kennt sich also aus der Vorkriegszeit. Dağdelen gehört zu den prominenten Gesichtern des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Sie saß zwei Jahrzehnte für die Linke im Bundestag und gilt heute als die Stimme ihrer Partei, wenn es um Friedenspolitik geht.

Frau Dağdelen kandidiert 2026 für das Berliner Abgeordnetenhaus auf Platz 4 der BSW-Landesliste. Aber unabhängig vom günstigen Listenplatz muss es das BSW in Berlin im Herbst erst einmal über die fünf Prozent schaffen, sonst nutzt auch Listenplatz 1 nichts – aktuell sehen Umfragen die Partei bei drei Prozent.

Sevim Dağdelen geht es seit Jahren darum, alles dafür zu tun, diesen Krieg zwischen Russland und der Ukraine auf diplomatischem Weg zu beenden. Am heutigen Sonntag hat sie sich dafür gemeinsam mit dem russischen Botschafter ab 12 Uhr zu einem Gespräch vor Publikum verabredet. Heute ist Muttertag. Aber außer vielleicht, dass Sevim Dağdelen auch Mutter ist, spielt das hier im Berliner Sprechsaal in der Marienstraße in Mitte keine Rolle.

Die gepflegten Gründerzeithausfronten leuchten hell in der Sonne. Niemand auf der Straße. Nur vor dem Sprechsaal eine kleinere Gruppe Wartender, vielleicht 25 Personen, im ebenerdigen Vortragsraum selbst noch einmal knapp einhundert Personen, die stehen und sitzen eng aneinander, die Luft ist schon vor Beginn dünn geworden.

Die BSW-Politikerin bietet hier mit „Matinee in Mitte“ regelmäßige Gespräche an. Das schlichte Motto heute: „Frieden durch Dialog“. Im Publikum kaum junge Menschen. Aber der Charakter eines letzten Aufgebots für den Frieden entsteht nicht aufgrund des fortgeschrittenen Alters. Vielmehr meint man in dem einen oder anderen Gesicht ablesen zu können, dass allein die Anwesenheit einer Mutprobe gleicht.

Rechts vom Eingang in einem offenen Seitenraum ist ein Kuchenbuffet aufgebaut. Keine Lieferung eines Konditors, sondern liebevoll Gebackenes, wie man es auch beim Feuerwehrfest oder einem von Müttern organisiertem Schulfest bekommt.

Zwei Stunden sind angesetzt. Eine für das Gespräch zwischen Sevim Dağdelen und dem russischen Botschafter. Die zweite für eine Fragerunde aus dem Publikum. Anschließend sollen Gespräche bei Kaffee und Kuchen möglich sein.

Der 72-jährige Sergei Netschajew erscheint pünktlich, er bahnt sich unter Applaus seinen Weg zur Bühne (Video im Anhang). Auch hier keinerlei sichtbare Sicherheitsvorkehrungen, Polizei ist keine aufgetaucht. Proteste mit blaugelben Fahnen – Fehlanzeige.

Frau Dağdelen beschränkt sich auf eine Befragung des Botschafters. Dessen Ausführlichkeit lässt allerdings auch kaum etwas anderes zu, wenn man ihn nicht jedes Mal unterbrechen will. Aber weshalb sollte man das heute? Der Redeanteil von Sevim Dağdelen dürfte bei maximal zwanzig Prozent gelegen haben. Aber so locker und professionell ihre Moderation gelingt, so klar wird auch: Die Politikerin hat es sich im Vorfeld bei der Auswahl ihrer Fragen nicht leicht gemacht. Was fragt man in 60 Minuten den Vertreter Russlands in Deutschland?

Der Beginn bringt schon die Ersten auf die Palme. Nicht unbedingt die Zuhörer im Sprechsaal unter der faszinierenden Stuckdecke. Sondern später jene BSW-ferne Klientel in den sozialen Medien, die eine der Aufzeichnungen anschauen. Und die gleich zu Beginn ein indirektes Bekenntnis zur Brandmauer erleben.

Ist das die Eintrittskarte so eine explosive Begegnung in Zeiten des Krieges überhaupt organisieren zu können? Oder schlicht Wahlkampf? Jedenfalls macht Sevim Dağdelen gleich mal die Brandmauer sichtbar, indem sie den Botschafter mit Zitaten von AfD-Politikern konfrontiert, die den 8. Mai nicht als „Befreiung“ verstehen.

Das allerdings ist längst kein Alleinstellungsmerkmal der AfD auf dieses Datum, sondern eine der großen Debatten der Nachkriegszeit. Nach der Veranstaltung wird draußen vor der Tür eine ältere Zuhörerin mit einem Anstecker mit weißer Friedenstaube auf blauem Grund erzählen, dass doch in jedem Krieg vergewaltigt wird. Und man wisse ja nicht einmal, wie viele Russinnen vergewaltigt wurden, die seien ja anschließend alle liquidiert worden. Aber was stimmt dann an Opas Geschichte, dass deutsche Soldaten für Vergewaltigungen in Russland an die Wand gestellt wurden? Eine Lüge?

Natürlich will auch die DDR-Geschichte nicht so richtig zur „Befreiung“ passen. Woher sonst die Freude bei der Wiedervereinigung, die mit der Zerstörung der Mauer ihren symbolischen ersten Akt erlebte? Allerdings ist auch Putins Russland nicht mehr die Sowjetunion von 1945.

Sergei Netschajew wirkt hier am Sonntag in dieser wackeren Schar der Friedensbewegten wie eine Naturgewalt. Er ist Vertreter einer Kriegspartei. Diesen Mantel kann man nicht mal eben wie einen Regenschirm zusammenklappen, nur weil die Sonne scheint.

Zunächst erinnert Netschajew an 700.000 verschleppte Zwangsarbeiter, beerdigt in deutschem Boden, wie er berichtet. Die Bundesregierung hatte Millionen tote russische Zivilisten nicht als Genozid anerkannt, wie es Russland zuletzt immer wieder forderte. Aber was sollen jetzt jene Deutschen sagen, die eine Familiengeschichte in den deutschen Ostgebieten haben? Flucht und Vertreibung sind bis zu zwei Millionen Ostdeutsche zum Opfer gefallen. Alle selbst schuld? Russland hat offiziell den 19. April als Gedenktag für die Opfer des Völkermords am sowjetischen Volk eingeführt, berichtet der Botschafter.

Quasi im selben Atemzug erklärt seine Exzellenz die Erzählung für unwahr, der Holodomor sei ein Verbrechen Stalins gewesen. Hier kann sich Putins Russland allerdings nur in Haftung nehmen lassen, wenn es sich in der Tradition der Sowjetunion sieht.

Der Botschafter erzählt in perfektem Deutsch. Mitunter meint man, sein Deutsch einer bestimmten Region zuordnen zu können, dann verschwimmt der Eindruck wieder. Frau Dağdelen fragt nach dem 28-Punkte-Plan der USA für Frieden. Sie fragt auch nach Schröders Vermittlerrolle. Und sie will wissen: Warum dieser Krieg?

Die Antwort von Sergei Netschajew: Dafür müsse er eine Doktorarbeit schreiben – aber der süße Kuchen warte ja, fügt er mit hochgezogener Augenbraue an. Seine Kurzfassung geht so: Wiktor Janukowytsch, der frühere Präsident der Ukraine, habe lediglich noch Zeit erbeten, die Papiere zur EU-Assoziation zu lesen. Dann sei der Maidan über ihn hereingebrochen.

„Wir haben diesen Krieg nicht angefangen“, erklärt Botschafter Netschajew mit einem Achselzucken. Allerdings erklären auch deutsche Medien, dass der Krieg nicht erst mit dem russischen Großangriff am 24. Februar 2022 begann. Der Botschafter fügt an: „Wir wurden schon mehrfach betrogen in der Sache, das vergessen wir nicht.“

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Zum Waffenstillstand in diesen Tagen meint Netschajew, Russland sei nicht naiv, man sei klüger geworden, Waffenpausen würden von der Gegenseite lediglich zum Aufrüsten genutzt. Und Sergei Netschajew erneuert das Argument einer Entnazifizierung. Russische Straßen in Kiew trügen den Namen des Nazis Bandera. Auch die russische Sprache dürfe nicht mehr verboten werden. Aber dafür eine Schlacht mit hunderttausenden Toten?

Und weiter: Ohne Geschichte könne es keine Zukunft geben. Hier antwortet ihm Sevim Dağdelen: „Deshalb sind wir heute hier“.

Nächste Frage: „Bereitet Russland einen Krieg gegen die NATO vor?“ Antwort: „Wir wollen keinen Krieg gegen die NATO, das ist Quatsch“, das habe Putin auf Deutsch exakt so gesagt.

Der Botschafter zitiert Goethe:

Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer Glatte Fläche ringsumher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

Sevim Dağdelen will wissen, wie es mit den Russen in Deutschland aussieht. Und ob man noch nach Russland reisen kann. Mündend in der Frage: „Gibt es eine Zukunft für gemeinsame Kontaktaufnahme?“

Das sei jetzt aber eine Doktor-Doktor-Arbeit, erwidert der Botschafter und legt also auf seine Antwort zur Entstehungsgeschichte des Krieges noch eine Schippe drauf. Aber die deutsche Kultur habe nach wie vor einen hohen Stellenwert in Russland. Die größten Schlangen vor dem Bolschoi-Theater kämen beim „Nussknacker“ zusammen. Und das basiere nun mal auf der Erzählung des deutschen Autors E. T. A. Hoffmann.

Von der Kultur geht’s zurück in den Schützengraben: 50 Staaten führten Krieg gegen Russland, so der Botschafter: „Die NATO führt bei uns einen Krieg mit ukrainischen Soldaten“. Und dann lauter werdend: „Was haben wir Deutschland angetan?“ Dafür gibt es spontanen Applaus aus der Runde.

Den Russen fehle die deutsche Aussage: Russland ist nicht unser Feind. „Was will Deutschland?“, fragt der Botschafter. Ziel der neuen deutschen Militärdoktrin, die Frau Dağdelen ansprach, sei eine Aufrüstung gegen Russland.

Und wieder ruft Sergei Netschajew Goethe als Zeugen auf:

„Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende, was ihm an Wahrheit und an Kräften fehlt.“

Sevim Dağdelen betont gegenüber ihrem Gesprächspartner einmal mehr, dass die Mehrheit der Deutschen keinen Krieg gegen Russland möchte. Der Botschafter erwidert später: „Wir sind harte Burschen – wir kommen schon durch“. Zudem sei er davon überzeugt, dass die Europäer gezielt eine Friedenslösung torpedieren.

Irritierend: Während des gesamten Vortrags ist immer wieder ein ansteigendes Summen zu vernehmen, als flöge ein Schwarm Drohnen ums Haus, der dann wieder abdreht. Später entpuppt es sich als eine Straßenbahn, die in der Nähe vorbeifährt und dem Ohr einen Streich gespielt hat. Über zwei Stunden lang befragten Sevim Dağdelen – später noch eine Handvoll Zuhörer in der Fragerunde – den russischen Botschafter. Daran kann nichts schlecht sein.

Jedenfalls nicht, wenn man ein Ende dieses Krieges will. Und das erinnert wiederum an ein Credo des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt: „Lieber hundert Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute schießen“.

Man muss es nicht über Gebühr strapazieren, aber Sevim Dağdelen hat heute versucht, Menschenleben zu retten. Sie ist mit diesem Termin durchaus ein Wagnis eingegangen. Und der emotional-kritische Kommentar eines BSW-Mitstreiters während der Fragerunde machte das deutlich.

Klar ist auch, der Botschafter hat hier keine Gratiswerbung für die russische Sache bekommen. Die natürliche Distanz zwischen den friedensbewegten Zuhörern und dem russischen Botschafter war hier in jeder Minute spürbar. Der eine führt Krieg, der in vier Jahren hunderttausende Männer auf beiden Seiten vernichtet hat. Und die anderen sind darüber verwirrt und verängstigt. Jeder auf seine Art und auf dem Fundament seiner individuellen Lebensgeschichte.

Die BSW-Politikerin Sevim Dağdelen hat der Sache des Friedens heute einen guten Dienst erwiesen. Sie bleibt stabil. Und sie gewinnt mit solchen Dialogen noch an Standfestigkeit. Dabei bleibt sie natürlich auch eine Politikerin im Wahlkampf – das sollte man hierbei nicht vergessen.

Ankunft des russischen Botschafters

(Quelle:Alexander Wallasch privat)

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