My private Odyssey

Deutsche Bahn: 15 Stunden gefangen zwischen Hannover und Hamburg

von Alexander Wallasch

Braucht niemand: Hamburg-Harburg bei Nacht mit der Deutschen Bahn© Quelle: Wallasch

Alles begann mit VIP-Bändchen für Wacken und einem Zug um 13:49 Uhr ab Braunschweig. Es endete 15 Stunden später im Murmeltiermodus zwischen Hamburg und Hannover: defekter Stromabnehmer, ausgeschaltete Klimaanlage, Bürokratie-Chaos und schließlich ein Taxi nach Hause – ohne Festival.

Autor Leip hatte mitten in der Nacht noch vorausahnend dringend abgeraten: das aufzuschreiben lohne nicht, das sei doch das tägliche Drama, es passiere den Fahrgästen der deutschen Bahn von Montag bis Sonntag. Aber ist das nicht gerade ein guter Grund?

Alles begann schon am Mittwoch, als sich ein guter Freund Richtung Wacken auf den Weg machte und andeutete, dass er die begehrten VIP-Bändchen organisieren könnte. Womöglich erinnert sich sogar noch jemand an meinen Bericht von 2022, als ich zum ersten Mal überhaupt dieses gigantische Rockereignis auf einem norddeutschen Acker erlebte und dem Nachbericht die Schlagzeile gab: „Ein Wogen, ein Beben – Eine endlose Landschaft aus Menschen“.

Kurz gesagt, ich buchte spontan das Ticket für den Folgetag um 13:49 Uhr. Von Braunschweig mit Umsteigen in Hannover und Ankunft Hamburg-Harburg um 15:44 Uhr. Nun ist Harburg nicht Wacken, aber Fotograf Christian Witt kam extra von Eckernförde angefahren, mich nach Wacken mitzunehmen, ihn hatte ebenfalls das VIP-Bändchen überzeugt. Und das, obwohl am Donnerstag die britische Rockband Def Leppard als Aufmacher des Festivalstages angekündigt war.

Meine Frau sagte noch, der Schlagzeuger habe nur einen Arm. Ich weiß nicht mal, ob das stimmt, aber als Grund für eine solche Reise, die sich – Spoiler – als Odyssee mit der Deutschen Bahn entpuppen sollte, ist ein fehlender Arm kein ausreichender Grund. Das Wogen und Beben war mir hängengeblieben.

Die Temperaturen lagen am Reisetag nicht nur gefühlt bei 40 Grad. Der Zug nach Hannover hat lediglich 32 Minuten Verspätung. Gewohnheitsmäßig informierte ich mich vorab, in welchen Gleisabschnitt der Speisewagen hält. Nicht, weil ich etwa Alkoholiker wäre, sondern weil das mit einiger Sicherheit immer die Plätze sind, die bequemer, geräumiger und meistens noch frei sind. Der große englische Tee mit dem schicken pyramidenförmigen Teebeutel kostet 4,80 Euro und sollte bis Hamburg halten ohne Nachbestellung - jedenfalls, wenn man es geschickt anstellt.

Ein Nachteil hat diese Platzwahl allerdings doch: Es gibt im gesamten Speisewagen keine Steckdose. Wer also arbeiten oder einfach nur ein bisschen surfen will, tut gut daran, mit vollem Akku zu reisen und das sollte noch über eine gewisse Ladekapazität verfügen. Einmal hatte mir ein Mitarbeiter des Bord-Restaurants erklärt, warum es hier keine Steckdosen gebe: Es habe etwas mit den Starkstromleitungen zu tun, die durch den Speisewagen laufen wegen der Küchengeräte. Ich fragte aber nicht weiter nach.

Glück im Unglück: Trotz der Verspätung wartet der Anschlusszug in Hannover. Nein, er wartet natürlich nicht auf mich, er hat einfach ebenfalls eine Verspätung. Und wieder bekomme ich einen Platz im Speisewagen, Tee Nummer zwei.

Und der war zur Hälfte getrunken, dem netten älteren Paar – sie den kleinen Weißwein, er das große Paulaner – mehrfach freundlich zugenickt, als wir alle drei überrascht hochschauten: Der Zug machte kurz vor Bad Bevensen eine Art Vollbremsung, aber doch noch elegant genug, um nicht sofort als Vollkatastrophe durchzugehen.

Der Zug stand, die Durchsage kam: Der Stromabnehmer habe sich von den Oberleitungen verabschiedet. Oder war es schon eine Entdrahtung? War etwas zerstört oder gar die Antifa am Werk gewesen? Aber um was zu verhindern? Meinen Wackenbesuch?

Eine weitere Durchsage eines Zugführers, dessen Stimme in den folgenden Stunden immer vertrauter werden sollte, ging so – ich hatte diese und alle Weiteren aufgenommen:

„Was das für unsere Weiterfahrt bedeutet, wird sich in Kürze klären, ich bitte sie noch um etwas Geduld, wir sind alle sicher hier, alles ist gut, die Verkehrsleitung weiß Bescheid.“

Das Folgende sollte wohl beruhigend klingen, erreichte aber – zumindest bei mir – das Gegenteil:

„Auf dem Streckenabschnitt auf dem wir sind, kann kein anderer Zug reinfahren. Wir stehen jetzt erst einmal hier und setzen unsere Fahrt so bald als möglich fort oder ich gebe Ihnen andere Informationen. Alles ist im Werden, vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.“

Um die Sache abzukürzen, solche Meldungen des Zugfahrers sollten von nun an die Highlights der kommenden Stunden werden:

„Da wir aktuell nur noch minimale Spannung haben, werden jetzt nach und nach alle Verbraucher ausgeschaltet. Das heißt: Wie sie merken, die Klimaanlage ist bereits aus, so langsam werden sich dann auch die Übergangstüren in einen Modus verabschieden, dass diese nur noch händisch geöffnet werden können. Solange die Toiletten noch grün leuchten, können sie diese noch benutzen. Sollten die WC-Steuerungen dann nicht mehr grün leuchten, ist dann bitte auch die Benutzung der Toiletten zu unterlassen, da das dann auch nur noch zu unangenehmen weiteren Nachwirkungen führt.“

Wieder etwas später die Meldung, man habe nun herausgefunden, „dass auch sicher alles sicher ist an Bord“. Allerdings werde uns nun langsam auch die Batteriespannung verlassen. Man erwarte aber, dass in etwa einer halben Stunde das „Notfallmanagement“ am Ort eintreffen werde, für die nächste Stunde sei aber alles „in Motion“, was immer das bedeuten mag.

Und während es im Zug immer wärmer und die Luft immer dünner wird – keine Möglichkeit ein Fenster zu öffnen – sieht man außerhalb des Zuges Krankenwagen, Feuerwehr und Polizei auffahren, die auch immer mal wieder die Strecke ablaufen und Handyaufnahmen von den Oberleitungen machen, die man vom Zug aus nicht einsehen kann.

Orte für Platzangst sind normalerweise steckengebliebenen Fahrstühle. Jedenfalls stellte ich mit Erstaunen fest, dass die abnehmende Luftqualität in Verbindung mit der Hitze selbst in einem geräumigen Speisewagen, den man nicht verlassen kann, zunehmend bedrückender werden kann. Und anderen ging es offenbar auch so: Der Mensch neigt in so einer Situation dazu, immer wieder Blickkontakt zu suchen, also nickten wir uns dauernd beruhigend zu. Nächste Durchsage: Es gäbe jetzt eine Notfallration Wasser im Speisewagen, „Bitte nehmen Sie nur das Nötigste mit“.

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Die Stunden vergehen, Christian Witt will auf mich warten, er steht nun schon drei Stunden in Hamburg-Harburg, bis Wacken wären es dann noch eine bis eineinhalb Stunden. Und zwischendurch immer wieder neue Ansagen des Zugführers bis hin zu jener, wo er plötzlich beginnt uns zu duzen, die Erleichterung ist ihm anzumerken: „Die gute Nachricht an Euch ist, wir haben wieder Strom in der Stromleitung. Das heißt, es wird auch wieder Elektrizität in unser Fahrzeug eingespeist.“

Und tatsächlich spürt man bald einen kühlen Windhauch, die Klimaanlage brummt wieder. Aber Sie ahnten es vielleicht, die Erleichterung ist nicht von Dauer. Ich kürze ab: Zunächst muss wieder alles abgeschaltet werden. Es ist wie bei einem Laptop-Totalausfall, das System muss neu hochgefahren werden. Als auch das nach einer weiteren Stunde erledigt ist, fährt der Zug aber immer noch nicht weiter. Dieses Mal seien es bürokratische Hürden, es müsse „noch jede Menge Papierkrieg erledigt werden“, so der nun selbst genervt klingende Zugführer, der dann auf Englisch erklärt, dass sei eben so typisch Deutsch:

„We are standing still here, because there is a lot of bureaucracy to be done here, since we are still in Germany … and you can imagine, everybody must be satisfied and be safe and informed. So once that all is taken place, we can continue our way.“

Wieder verkürzt: Das System kann nicht mehr hochgefahren werden, der Zug wird von der Deutschen Bahn nun endgültig aufgegeben. Zunächst heißt es, man könne nun auf die gegenüberliegende Seite wechseln und gratis immerhin zurück nach Hannover fahren. Es ist etwa gegen 19:30 Uhr. Ich bitte Christian Witt telefonisch, nicht mehr länger in Harburg zu warten, er müsse nun ohne mich nach Wacken starten, sein VIP-Bändchen läge ja bereit.

Ich sitze also in diesem Zug Richtung Hannover, der aber fährt dann doch überraschend nach Harburg. Zumindest ist das die neue Ansage des wieder gleichen Zugführers, der wohl als Letztes von der Brücke in den Rettungs-ICE gewechselt ist. Okay, dann Hamburg, aber von dort aus will ich zurück nach Hannover und Braunschweig, Wacken ist nicht mehr zu retten, Christian schon abgedreht.

Und laut Online-Zugauskunft wäre ich dann auch vor Mitternacht wieder daheim. Aber Sie ahnen es erneut: Das ist zu optimistisch gedacht. Denn nun stellt sich heraus, dass der Ersatzzug ebenfalls komplett neu hochgefahren werden muss.

Zwischenzeitlich bin ich in die Erste Klasse gewechselt, die grenzt immer direkt an den Speisewagen, die Ledersitze sind angenehm kühl. Jedenfalls dann, wenn die Klimaanlage funktioniert, aber die wird ja gerade hochgefahren. Aber der Hauptgrund für Klasse 1 sind die Steckdosen zwischen den Sitzen zum Aufladen des MacBooks und des Handys – also wenn der Strom nicht gerade hochgefahren wird.

Sie kennen Murphys Gesetz: „Alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen.“ Das Ladegerät vom MacBook ist ein ziemlicher Klotz, passt aber gerade so in die Steckdose zwischen den Sitzen. Aber man sollte nicht ruckartig aufstehen, um sein Gratiswasser abzuholen, ich reiße das Ladegerät heraus, die Stifte brechen ab.

Auch der Zug braucht also viel länger als erwartet, ich komme in Hamburg an und habe eineinhalb Stunden Zeit, bis um 22:40 Uhr ein Zug nach Hannover fährt samt Anschlusszug nach Braunschweig Ankunft 1:58 Uhr. Und ich finde tatsächlich in Harburg noch einen dieser türkisch betriebenen Handyläden und kaufe dankbar ein neues Ladeteil für das Mac Book.

Ansonsten kann Hamburg-Harburg durchaus Anwärter sein, unter den zahlreichen aufgegebenen deutschen Stadtteilen auf den vorderen Plätzen zu rangieren. Blitzlicht: Zwischen Handyladen und Döner sollte wohl mal ein Haus saniert werden und wurde dann aufgegeben. Jetzt hausen dort hinter Plastikplanen Familien, die gleichgültig auf den Gehsteig starren.

Sie ahnen es: Es wurde nichts aus 22:40 Uhr. Auch dieser Zug hat Verspätung und startet erst um 23:30 Uhr, aber nur, um dann wiederum mit zweieinhalb Stunden Verspätung endlich um 2:55 Uhr in Hannover einzutreffen. Aber Glück im Unglück, es fährt noch ein Zug um 3:15 Uhr nach Braunschweig. Jedenfalls ist das die Information bis zu dem Zeitpunkt, wo dieser Zug ersatzlos gestrichen wird – der nächste Zug nach Hause startet erst nach fünf Uhr.

Womöglich geht es Ihnen ähnlich: Ich kann im Hellen nicht einschlafen, ich muss wenigstens noch eine Stunde Nacht haben, um dann notfalls in den Tag hinein schlafen zu können, wenn es spät wurde. Und weil solche Ausnahmesituationen nicht nur Quelle neuer Erkenntnisse sind, sondern auch das Potenzial für Sentimentalitäten haben: Heimat mag ein Ort sein. Aber Heimat sind vor allem auch vertraute Menschen.

Nach Hause. Endlich raus aus dieser so lächerlichen Endlosschleife zwischen Hamburg und Hannover. Also nehme ich schweren Herzens ein Taxi von Hannover nach Braunschweig. Ein Hotel in Hannover wäre natürlich billiger gewesen. Aber was dann?

Im Taxi habe ich dann ein Bild im Kopf, das sich eingebrannt hat: Auf diesem Endzeit-Bahnhof Hamburg-Harburg tauchte plötzlich diese Blondine im blütenweißen Kleid auf, den Rücken sehr tief ausgeschnitten und dort, wo andere in den 1990ern ihr Geweih trugen, war ein Satz tätowiert. Um nicht aufdringlich zu erscheinen, bin ich nicht näher heran. Aber morgens kurz vor vier Uhr und nach fast 15 Stunden ICE zwischen Hamburg und Hannover möchte ich die Botschaft doch gern wissen. Hätte dieser eine Satz vielleicht eine Antwort auf alle die vielen offenen Fragen gegeben?

Nachsatz: Ganz gleich, wen ich in diesen vielen Stunden angerufen und wem ich mein Schicksal geschildert hatte, dieses unterdrückte Lachen hinter dem Mitgefühl wurde Stunde für Stunde lauter. Und Bruder Leip schrieb mir dringend, schreib das bloß nicht auf, das interessiert doch niemanden, das haben die Leute doch selbst alle schon erlebt, bevor sie sich entschlossen, nicht mehr Zug zu fahren.

(Quelle:Alexander Wallasch privat)
(Quelle:Alexander Wallasch privat)
(Quelle:Alexander Wallasch privat)

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