Ärztekammer-Präsident empfiehlt abgelaufene Medikamente, deren Haltbarkeit überschritten ist

Deutsche sollen ihre Medikamente auf Flohmärkten kaufen

von Alexander Wallasch (Kommentare: 4)

Studien mit abgelaufenen Medikamenten sind schon aus ethischen Gründen in Deutschland nicht zugelassen. Erleben wir jetzt auf Anraten des Ärztekammer-Präsidenten einen gigantischen unethischen Feldversuch?© Quelle: Privat

Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, empfiehlt aber nicht nur Flohmärkte, sondern auch abgelaufene Arzneimittel. Davon rät sogar das Gesundheitsministerium ab.

Man meint sie gerade wieder ganz deutlich zu hören, diese grausig schöne Zitter-Melodie aus „Der dritte Mann“ von 1949. Orson Welles spielte darin den Bösewicht Harry Lime, der sich auf dem blühenden Schwarzmarkt einen Mangel zu Nutze macht: Er verkauft gefälschtes bzw. gepanschtes Penicillin.

Das war damals keine erfundene Geschichte, Autor Graham Greene hatte während des Krieges für den Geheimdienst gearbeitet und Penicillin-Schiebereien selbst erlebt. Es war eben doch nicht nur der Zigaretten-gegen-Butter-Schmuggel zwischen Ruinen, von dem Großeltern früher verklärt erzählten.

Daran muss man unweigerlich denken, wenn jetzt der Ärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt allen Ernstes „Flohmärkte in der Nachbarschaft“ für Medikamente vorschlägt, weil bestimmte Arzneien Mangelware geworden seien.

Erst spürte es der Verbraucher nur punktuell, wenn mal ein Medikament fehlte. Später hörte er es von Nachbarn. Und dann bestätigte es der Apotheker selbst oder der Hausarzt telefonierte – tatsächlich so passiert – die Apotheken durch, um noch an ein bestimmtes Medikament zu kommen, um eine gerade festgestellte akute Krankheit zu behandeln.

Wörtlich sagte Reinhardt:

„Jetzt hilft nur Solidarität. Wer gesund ist, muss vorrätige Arznei an Kranke abgeben. Wir brauchen so was wie Flohmärkte für Medikamente in der Nachbarschaft.“

Ist Deutschland medikamentös bald auf dem Niveau von Afrika angekommen? Noch vor Jahren wurden Menschen aufgefordert, nicht mehr benötigte oder abgelaufene Medikamente zu spenden in Länder, wo Mangel und also Bedarf besteht. Wird der Verein „Medikamentenhilfe für Menschen in Not“ demnächst vom Ausland aus deutschen Bedürftigen helfen müssen?

Aber wozu führt so ein Mangel? Schätzungen gehen davon aus, dass zeitweilig bald fünfzig Prozent der in Afrika verkauften Medikamente minderer Qualität seien. Auch viele vollkommen wirkungslose Produkte werden verkauft, der dritte Mann ist hier leider allgegenwärtig.

Schlimmer noch: Ein großes indisches Pharma-Unternehmen musste nach 2013 eine halbe Milliarde Dollar Strafe zahlen, weil man für bestimme Weltregionen mit schlechteren Kontrollen minderwertige Medikamente in separaten Produktionsprozessen hergestellt und verkauft hatte.

Aber zurück nach Deutschland: Hier empfiehlt jetzt besagter Bundesärztekammer-Präsident, auch abgelaufene Medikamente einzunehmen, deren Haltbarkeitsdaten einige Monate überschritten sind. Das allerdings ist mindestens fahrlässig, wenn nicht sogar potenziell richtig gefährlich. Denn ein Medikament ist kein Joghurt, von dem man, wenn er schlecht geworden ist, allenfalls Magengrummeln bekommen kann.

Experten warnen seit Jahren davor, abgelaufene Medikamente einzunehmen. Dazu muss man wissen, wie Haltbarkeitsdaten bei Arzneien festgelegt werden: Sie werden einer Stabilitätsprüfung unterzogen und anhand der Ergebnisse wird die Haltbarkeit bestimmt. Konkret darf sich ein Medikament beispielsweise in seinen chemischen und physikalischen Eigenschaften nicht verändern.

Die korrekte Lagerung spielt hier eine wichtige Rolle. Man muss davon ausgehen, dass Medizin in Privathaushalten ganz anders gelagert wird als in Apotheken. Erschwerend kommt noch hinzu, dass der Medizinschrank früherer Haushalte in modernen Wohnungen Mangelware geworden ist. Der immerhin garantierte eine gewisse Lagerfähigkeit von Medikamenten entlang ihres Haltbarkeitsdatums.

Praktisches Beispiel: Das profane Aspirin zerfällt bei unsachgemäßer Lagerung gerne mal zu Salizyl- und Essigsäure. Salizylsäure wiederum verursacht Magenschmerzen.

Auch wichtig zu wissen: Studien mit abgelaufenen Medikamenten sind schon aus ethischen Gründen in Deutschland nicht zugelassen. Erleben wir jetzt auf Anraten des Ärztekammer-Präsidenten einen gigantischen unethischen Feldversuch?

Wie fragwürdig auch aus juristischer Sicht so eine Empfehlung ist, muss ebenfalls noch geklärt werden. Was passiert denn, wenn Medikamente im guten Glauben an ihre Wirksamkeit eingenommen werden, aber diese überhaupt nicht helfen bzw. Schaden anrichten, weil sich die Inhaltsstoffe verändert haben?

Was sagt das Bundesgesundheitsministerium eigentlich dazu? Das Ministerium von Karl Lauterbach gibt ausführliche Anweisungen, wie Medikamente zu lagern seien. Von der Einnahme abgelaufener Medikamente ist hier nicht die Rede, sie wird abgelehnt.

Noch eine wichtige wie kompetente Institution kann hier befragt werden: Was sagt eigentlich die Bundesapothekerkammer zur Verwendung abgelaufener Medikamente? Noch 2021 war die Antwort eindeutig: „Das Verfallsdatum von Medikamenten ist nicht verhandelbar.“

Nochmal zur Erinnerung: Der Tagesspiegel schreibt aktuell, dass Ärztekammer-Präsident Reinhardt darauf hingewiesen hätte, es kämen auch Arzneimittel für den Flohmarkt in Frage, „deren Haltbarkeitsdatum bereits einige Monate abgelaufen“ sei.

Die Bürger, so Reinhardt weiter, sollen jetzt „vier bis sechs Wochen die Zähne zusammenzubeißen, wenn das irgend möglich ist“. Der Ärztefunktionär weiter, es gehe auch darum, wieder zu lernen, „Krisenzeiten pragmatisch und standfest abzuwettern“.

Tatsächlich aber gibt es noch Medikamente auf dem Weltmarkt zu kaufen. Aber das findet Reinhardt unethisch: "Andere Länder der Welt haben dasselbe Problem. Denen können wir doch die Arzneien nicht wegkaufen.“

Was also bei mRNA-Produkten noch problemlos ging, wird jetzt als unethisch erkannt, während mRNA -Produkte für Milliarden Euro nicht mehr benötigt werden? Wer erinnert sich noch daran, als die Bundesregierung und andere solche Produkte mit schwindendem Haltbarkeitsdatum nach Afrika verklappen wollten?

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Jetzt gilt es noch zu klären, warum Medikamente überhaupt knapp geworden sind. Schon lange vor der aktuellen Krise warnten zuständige Institutionen vor einer drohenden Verknappung von Medikamenten. So berichtete der BKK-Dachverband von „vielschichtigen Ursachen“ für Engpässe, einige davon hausgemacht.

Die BKK forderte 2020, „bestehende oder drohende Lieferengpässe transparenter zu machen“. Die Betriebskrankenkassen befürworten, so hieß es damals, „eine Regelung, die aus der bislang freiwilligen Meldung von Lieferengpässen an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Pflicht macht“.

Die Grünen nahmen diese Forderung auf, geholfen hat es indes nicht, wie die aktuelle Krise deutlich macht. Oder wäre es ansonsten noch schlimmer ausgefallen? Verkürzt gesagt: Auch die schnellste Meldung hilft nichts, wenn keine Alternative sichtbar ist, wenn der Markt insgesamt einen Teilzusammenbruch erlitten hat.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte möchte Konsumenten auf ihrer Webseite beruhigen. Wie das BfArM das macht, klingt allerdings eher vertröstend als beruhigend:

„Ein Lieferengpass ist eine über voraussichtlich zwei Wochen hinausgehende Unterbrechung einer Auslieferung im üblichen Umfang oder eine deutlich vermehrte Nachfrage, der nicht angemessen nachgekommen werden kann.“

Seit Beginn des Ukrainekrieges empören sich verschiedene Player über eine zu hohe Abhängigkeit Deutschlands und Europas vom russischen Gas. Aber auch die Medikamenten-Engpässe sind ursächlich in einer zu großen Abhängigkeit von einem produzierenden Land zu sehen, hat die Frankfurter Rundschau geschrieben.

Die Ursache ist simpel erklärt: „Chinas Null-Covid-Politik störte die Lieferketten – und trägt damit zur Medikamentenknappheit bei uns bei.“ Dazu muss man wissen, dass heute zwei Drittel der Wirkstoffe aus Ländern wie China oder Indien kommen.

Zuletzt noch ein bekanntes Filmzitat aus dem Eingangs erwähnen Filmklassiker „Der Dritte Mann“:

„Zugegeben, das Ganze ist nicht sehr schön! Aber Opfer? Was für ein Wort! Sieh mal da hinunter. Würde es dir leid tun, wenn einer von diesen Punkten da für immer aufhören würde, sich zu bewegen? (…) Übrigens, ich bezahl nicht mal Steuern bei dem Geschäft. Nur so kommt man zu Geld.“

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