Entvolkung oder Umvolkung: Wer Schrumpfung ausgleichen will, löscht kulturelle Identität aus

Die Bevölkerungsexplosion findet nicht statt – stattdessen droht die große Schrumpfung

von Alexander Wallasch

Ein renommierter Ökonom zerlegt das 50-jährige linke Narrativ der Überbevölkerung.© Quelle: https://www.sas.upenn.edu/~jesusfv/Screenshot, Grok, Montage: Wallasch

In den Medien noch zu wenig beachtet: 2023 fiel die weltweite Geburtenrate erstmals unter das Selbsterhaltungsniveau. Statt Explosion kommt Schrumpfung. Fernández-Villaverde hält ein vernünftiges, gesteuertes Maß an Zuwanderung für sinnvoll. Das Volumen jedoch, das nötig wäre, um die Schrumpfung komplett auszugleichen, würde die kulturelle Identität vieler Nationen auslöschen.

In einem der aufregendsten Interviews des Jahres – mit dem linksliberalen US-Magazin „TheAtlantic“ – rechnet der Ökonom und Demografie-Experte Jesús Fernández-Villaverde von der University of Pennsylvania mit einem halben Jahrhundert politischer Panikmache ab.

Im Gespräch mit Derek Thompson erklärt er (übersetzt):

„Das Jahr 2023 war ein einzigartiges Jahr in der Geschichte der Menschheit, denn es war das erste Mal, dass unsere Gesamtfruchtbarkeitsrate weltweit unter die Reproduktionsrate fiel. Das ist in den letzten 200.000 Jahren noch nie vorgekommen.“

Das bedeutet, dass die große Bevölkerungsexplosion, mit der linke und grüne Kreise jahrzehntelang Angst geschürt und Politik begründet haben, sich endgültig als grandioser Irrtum erwiesen hat. Stattdessen beginnt die „Great Depopulation“ – die große Entvölkerung. Die Bevölkerungsexplosion ist demnach der Saure Regen von heute. Spannend wird sein, wie krampfhaft all jene an dieser nun widerlegten These festhalten werden – welche Geschäftsmodelle der NGOs hängen an so einem Soylent Green-Weltuntergangsszenario?

Fernández-Villaverde prognostiziert im Interview, dass die Weltbevölkerung in etwa 30 Jahren ihren Höhepunkt erreichen und ab etwa 2055 strukturell schrumpfen wird. Das alte Schreckensszenario von Paul Ehrlichs „Population Bomb“ von 1968 – unaufhaltsames Wachstum, Massenhunger, Ressourcenkriege und ökologischer Kollaps – löst sich damit in Luft auf.

Tatsächlich waren seriöse Demografen waren schon früher skeptisch, während Linksintellektuelle und Institutionen wie die UN jahrzehntelang am Narrativ der Bombe festhielten. An Zahlen und Faken mangelt es nicht. Dennoch tut sich die UN sehr schwer, ihr eigenes Weltbild aufzugeben.

Die Ursachen für den weltweiten Geburtenrückgang sind vielfältig und betreffen nicht nur reiche Länder. Fernández-Villaverde zählt sie alle auf: veränderte soziale Normen, stark beschleunigt durch Social Media und Smartphones, die jungen Frauen in traditionellen Gesellschaften plötzlich Alternativen zur klassischen Rollenverteilung zeigen. Dazu kommt der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft, die Frauen bessere berufliche Chancen bietet, das „educational arms race“ – das Bildungs-Wettrüsten mit immer längeren Ausbildungszeiten, späterer Familiengründung und enormem Druck, die wenigen Kinder optimal zu fördern, besonders extrem in Ostasien. Hohe Wohnkosten tun ihr Übriges.

Viele dieser Entwicklungen seien grundsätzlich positiv, betont der Ökonom: mehr Bildung, mehr Freiheit für Frauen, bessere Verhütung. Dennoch sei der Absturz weit dramatischer ausgefallen als erwartet (übersetzt):

„Was mich überrascht hat, ist, dass wir nicht von sieben auf zwei gesunken sind. Wir sind viel, viel weiter gesunken.“

Die „7“ steht für die hohen Geburtenraten, die in vielen Entwicklungsländern noch in den 1960er Jahren üblich waren. Damals lagen die Raten oft bei 6 bis 7 Kindern pro Frau. Das war die Zeit der klassischen „Bevölkerungsbombe“-Szenarien. Die „2“ steht für das Niveau von etwa 2,1 Kindern pro Frau. Das ist die Rate, bei der eine Bevölkerung langfristig stabil bleibt – ohne Ein- oder Auswanderung.

In Ländern wie Südkorea, Japan, aber auch in Teilen Lateinamerikas liegen die Raten inzwischen deutlich unter dem US-Niveau. Besonders eindrücklich und unbequem wird die Analyse tatsächlich beim Beispiel Japan. Fernández-Villaverde rechnet vor (übersetzt):

„Wenn man die Bevölkerung Japans durch Einwanderung über einen Zeitraum von 200 Jahren konstant halten wollte, würde Japan in 200 Jahren zu 5 Prozent aus Japanern und zu 95 Prozent aus Nicht-Japanern bestehen. Hier geht es nicht darum, ein paar Einwanderer aufzunehmen. Hier geht es darum, das eigene Land zu verändern. Dieses Land wäre dann nicht mehr Japan.“

Es gehe nicht um ein paar zusätzliche Einwanderer, sondern um die komplette demografische und kulturelle Transformation eines Landes. Der renommierte Demograf betont gegenüber „The Atlantic“:

„Es geht hier nicht darum, fremdenfeindlich zu sein. Es geht hier nicht darum, gegen Einwanderer zu sein. Es geht darum, dass wir kein Land mehr haben.“

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Fernández-Villaverde, selbst Einwanderer, hält ein vernünftiges, gesteuertes Maß an Zuwanderung für sinnvoll. Aber:

Das Volumen jedoch, das nötig wäre, um die Schrumpfung komplett auszugleichen, würde die kulturelle Identität vieler Nationen auslöschen.

Am Beispiel Kataloniens verdeutlicht er, dass die katalanische Sprache bei anhaltender Zuwanderung als lebendiges Alltagsidiom zum Untergang verurteilt sei. Die Frage „Habe ich nicht das Recht, dass meine Sprache weiter existiert?“ sei legitim.

Dabei führt das Interview führt hier keine abstrakte philosophische Debatte, ob „Volk“ und „Nation“ an sich ein Wert sei. Fernández-Villaverde nimmt allerdings die Perspektive der betroffenen Menschen ernst. Viele Japaner, Koreaner, Spanier oder Europäer sehen ihr Land nicht als austauschbare Wirtschaftszone. Sprache, Traditionen, soziale Vertrautheit und gewachsene Kohäsion gelten ihnen als schützenswert – ein Wunsch, der durch die demografische Realität plötzlich wieder hochaktuell wird.

Die Folgen der Schrumpfung seien zweischneidig. Positiv wirken sich für Fernández-Villaverde geringerer Energieverbrauch, Entlastung für Umwelt und Ökosysteme sowie die Möglichkeit aus, hässliche Hochhausviertel aus den Boomzeiten abzureißen und Städte menschlicher zu gestalten. Negativ überwiegen für ihn jedoch die gesellschaftlichen Belastungen bei weitem: der drohende Kollaps von Renten- und Gesundheitssystemen, die Schließung von Schulen und Krankenhäusern, der Verlust ganzer Regionen an Lebensqualität.

Ein Extrembeispiel gibt Fernández-Villaverde mit Thailand (übersetzt): „Wie wickelt man eine Gesellschaft von 63 Millionen Menschen auf nur noch 2 Millionen herunter?“ Bei anhaltender Rate von 0,8 Kindern pro Frau wäre aber genau das das langfristige Ergebnis.

Der Demograf äußert sich auch zu den dann fehlenden „Fachkräften“: KI und Deep Learning könnten einen Teil der Produktivitätslücken füllen und den Übergang erleichtern. Dennoch ersetze Technologie und Robotik keine gewachsene Gemeinschaft (übersetzt): „Wie willst du das mit künstlicher Intelligenz ersetzen?“– etwa den lokalen Pub als sozialen Treffpunkt eines englischen Dorfes.

Die große Entvolkung zwingt Gesellschaften zu unbequemen Wahrheiten. Masseneinwanderung als vermeintliches Allheilmittel löse das demografische Problem nicht, so Fernández-Villaverde, sondern ersetzt lediglich eine schrumpfende Bevölkerung durch eine andere.

Wer seine Nation, Kultur und Kontinuität als schützenswerten Wert betrachte, steht vor einer klaren Wahl: bewusste Schrumpfung mit mutiger Anpassung oder die schrittweise kulturelle Selbstaufgabe.

Das alte linke Narrativ der Überbevölkerung ist endgültig Geschichte. Die neue Realität verlangt ehrliche, illusionsfreie Antworten – und die sind alles andere als bequem.

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