Andreas Gassen: Vom relativen Kritiker pauschaler Eingriffe zum Präventions-Erzieher

Die Corona-geschädigten Eltern sind fette, rauchende Säufer – jetzt soll der Staat die Kinder in den Kitas retten

von Alexander Wallasch (Kommentare: 1)

Deutschland im Jahr X nach Corona© Quelle: Grok

Gassen sah die Stigmatisierung und die Grenzen der Maßnahmen relativ früh. Jetzt fordert er höhere Steuern, den Staat in die Kitas und die Umerziehung der Deutschen – ohne die Corona-Ursachen zu benennen. Ein Lehrstück in Anpassung.

Hat Andreas Gassen, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, während der Corona-Jahre alles getan, was in seiner Macht stand, um zu verhindern, dass Menschen ausgegrenzt und stigmatisiert wurden?

Andreas Gassen hat die Impfung früh und klar für Risikogruppen empfohlen und sie als wichtigen Individualschutz gegen schwere Verläufe gesehen. Gleichzeitig gehörte er zu den Stimmen, die schon 2021 gegen verpflichtende 2G-Regeln argumentierten und eine Exit-Strategie forderten – früher als viele andere.

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hat allerdings ein feines Gespür dafür, wenn die Stimmung kippt. So erklärte er beispielsweise Mitte 2024 und mit Blick auf die geleakten RKI-Protokolle, es stehe „außer Frage“, dass die Corona-Impfungen in der Risikogruppe der Hochbetagten und Vorerkrankten gewirkt hätten, gerade um schwere Verläufe zu verhindern. Aber die Aussage, wer nicht geimpft sei, trage Schuld an Ansteckungen und Todesfällen anderer, sei „nicht gedeckt“.

Noch früher im Herbst 2021 hatte er gegen die Linie von Karl Lauterbach eine Exit-Strategie angestrebt. An anderer Stelle erklärte Gassen, Ungeimpfte seien in der Corona-Pandemie „zu sehr stigmatisiert“ worden. Bei vielen habe sich eine „inquisitorische Rechthaberei“ gezeigt, die aufgearbeitet werden müsse.

Später forderte Gassen eine Enquete-Kommission. Und er wird wissen, warum er keinen Untersuchungsausschuss gefordert hatte. Denn Gassen ist ein anpassungsfähiger Typ. Er ist aber vor allem auch daran interessiert, selbst möglichst unbeschadet zu bleiben, wenn er forderte: „Dabei soll es nicht um Schuldzuweisungen gehen, sondern um die Frage: Was ist gut gelaufen? Welche Maßnahmen haben sich als falsch erwiesen oder wurden vielleicht gar nicht wirklich befolgt?“

Die Folgen der Lockdowns und Ausgrenzungskampagnen, des Impfzwangs und die Planspiele für Lager für Ungeimpfte haben tiefe Wunden geschlagen. Kinder und Jugendliche wurden verdächtigt, ihre Großeltern per Ansteckung umzubringen, Schulen wurden geschlossen und Heranwachsende in die Isolation gesteckt. Aufmerksame Psychologen attestieren einer ganzen Generation psychische Belastungen und Auffälligkeiten, Ängste, depressive Symptome, geminderte Lebensqualität. Und dafür gibt es Verantwortliche.

Andreas Gassen hat sich jetzt gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung mit den Folgen der Corona-Jahre befasst, allerdings ohne diese explizit als solche zu benennen. Die Regierung müsse, so Gassen, viel mehr tun, um Menschen von ungesunden Lebensweisen abzubringen. Die Deutschen seien häufig dicker, rauchten mehr und trieben weniger Sport. Auch gäbe es auffällig hohe Werte beim Rauschtrinken.

Tatsächlich gibt es heute zahlreiche Untersuchungen und systematische Reviews und Meta-Analysen, die genau diese Veränderungen – häufigere Gewichtszunahme, Übergewicht, weniger Sport, körperliche Aktivität und teilweise verändertes Rauchverhalten – mit den Lockdowns und Corona-Maßnahmen in Verbindung bringen. Die Evidenz ist bei Gewicht und Bewegung besonders klar und konsistent. Deutsche und europäische Befragungen berichten, dass 35–40 Prozent der Erwachsenen eine Gewichtszunahme angaben (teilweise im Mittel 5–6 kg bei den Betroffenen), die teilweise auch Jahre später noch spürbar war und mit weniger Bewegung und ungesünderer Ernährung zusammenhing. Wenn man diese Corona-Entstehungsgeschichte allerdings in diesem Kontext auslässt, dann wird es schwierig, wirkmächtige Maßnahmen zu treffen.

Wie entwickeln sich Kinder unter einer fortwährenden Angstglocke, die immer wieder mit neuen Anlässen gefüttert wird, vom Corona-Massensterben über eine Klimakatastrophe bis hin zum drohenden Dritten Weltkrieg von Russland ausgehend? Andreas Gassen spricht nur über die Symptome, nicht über die Ursachen. Gerade was Corona angeht, kann auch eine Aufarbeitung seiner eigenen Rolle vor einem Untersuchungsausschuss Aufschluss geben. Aber diesen U-Ausschuss verweigert auch Gassen. Denn da würden auch die Folgen der Maßnahmen detailliert besprochen werden.

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Gegenüber der Zeitung forderte Gassen jetzt noch mehr staatliche Eingriffe, um der Probleme Herr zu werden:

„Notwendig wäre es, viel stärker in Kitas und Schulen zu gehen, damit die Kleinen früh lernen, sich gesund zu ernähren, sich viel zu bewegen und aus selbstzerstörerischen Konsummustern rauszukommen.“

Und dann doch noch der Bezug zu den Corona-Jahren:

„Dafür müsste auch der öffentliche Gesundheitsdienst gestärkt werden. Das Versprechen aus der Corona-Zeit wurde aber nicht eingelöst.“

Man reibt sich die Augen. Derselbe Gassen, der in den Corona-Jahren die Risiken pauschaler staatlicher Eingriffe und die gesellschaftlichen Kosten zumindest teilweise erkannt und später sogar die Stigmatisierung kritisiert hat, fordert nun wieder mehr Staat – diesmal direkt in den Kitas und Schulen. Offenbar hat er wenig daraus gelernt. Hier wird wieder einmal die Lufthoheit über die Kinderbetten als Lösung gefordert, anstatt die Familien zu stärken, ihnen ihre Autonomie und Selbstbestimmung und den Kindern damit Sicherheit zu geben. Es gibt wohl kein totalitäres Gesellschaftssystem, das sich nicht auf diese Weise an die Kinder heranwanzt, um sie systemkompatibel zu formen. Kaum eine staatlich finanzierte linke NGO, die nicht nach den Kitas und Schulen schielt.

Vergleichsstudien zufolge seien die Gesundheitsrisiken in Deutschland durch Alkoholkonsum, Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel massiv. Andreas Gassen möchte Tabak und Saufen noch viel teurer machen: „Um die Menschen vom Rauchen und übermäßigen Trinken abzubringen, wären deutlich höhere Preise notwendig. Bei der Flasche Wodka hätte es fünf oder zehn Euro mehr sein müssen.“

Oder mit anderen Worten: Die Leute wurden durch die Corona-Maßnahmen, anschließend durch die große Angstmachmaschine, durch den im Klimawahn herbeigeführten wirtschaftlichen Niedergang und mittels einer Kriegsgeilheit der Herrschenden in den Kontrollverlust getrieben – und nun soll ihnen erzieherisch von der Kita an zu einem neuen Menschen erzogen werden, der wenigstens sportlich fit und gesund die nächste Katastrophe kommen sehen soll?

Auch beim Tabak reichen die geplanten zwei Euro mehr für eine Schachtel Zigaretten aus Sicht des Kassenärzteverbandes nicht aus, schreibt die Neue Osnabrücker Zeitung. „Da hätte der Staat lieber mal ordentlich zulangen sollen. Denn wenn sie sich das nicht leisten können, lassen junge Menschen idealerweise die Finger davon“, erklärt Gassen.

Gassen fordert jetzt vom neuen Bundesgesundheitsminister Linnemann, der von seinem Fach keine Ahnung hat und sich erst einlesen muss, einen Neustart bei der Prävention. Es ist Gassen offenbar unangenehm, die Folgen auch der Corona-Politik zu erleben. Oder verständlicher: Der Schläger reicht seiner Frau fürsorglich den Schminkkasten, das blaue Auge muss ja draußen keiner sehen.

Ein Corona-Untersuchungsausschuss wäre allerdings die beste Prävention gewesen. Er hätte nämlich Schuldige produziert und Urteile erwirkt. Und er hätte den Opfern Genugtuung verschafft. Und Genugtuung ist hier die beste Medizin. Diese so entschädigten Opfer wären wiederum ihren Kindern ein positiveres Vorbild. So einfach ist es bisweilen.

(Bild: Youtube/Tagesschau/Maischberger)

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