Ältere scheitern an Smartphones, Bankautomaten und Online-Tickets. Ein Markt für altersgerechte Technik-Hilfe wird ignoriert.

Die digitale Entmündigung der Alten – Warum Oma und Opa systematisch ausgeschlossen werden

von Alexander Wallasch

Lebensqualität bedeutet immer auch Teilhabe.© Quelle: Grok

Schon die Merkel-Regierung kämpfte gegen Einsamkeit im Alter – mit Millionen für Projekte. Heute kämpfen Alte gegen Menüs, Spam und fehlende Drucker. Zeit für einen echten Service: den technischen Hausmeister für Senioren.

Die Debatte, wie zukünftig noch Renten und Pflege bezahlt werden können, überschattet weitere Themen rund um eine älter werdende Gesellschaft. Das Durchschnittsalter liegt aktuell bei über 47 Jahren. Zum Vergleich: Das Durchschnittsalter einer ganzen Reihe afrikanischer Staaten liegt bei unter 18 Jahren. Und etwa in Ägypten und Syrien bei unter 25 Jahren.

Das bringt für Deutschland eine Reihe von Problemen mit sich. Schon die Merkel-Regierung hatte sich im Koalitionsvertrag des Themas Einsamkeit im Alter angenommen und dafür einige Millionen bereitgestellt, die dann überwiegend für Mehrgenerationenprojekte ausgegeben wurden.

Wer es über Verwandte oder Eltern mit alten Menschen zu tun hat, wer hier Zeit in Hilfestellungen investiert, dem fällt noch etwas anderes auf: Wir haben nach wie vor ein erstaunliches und zudem kaum verständliches Defizit an altersgerechter Technik. Das umfasst die Kommunikationstechnik bis hin zum Bankgeschäft.

Fangen wir mit letzterem an – jeder kennt sie mittlerweile: Die alten Menschen, die neben den Geldautomaten die Kontoauszugsdrucker besetzt halten, einfach, weil sie unsicher mit der Technik sind, eine berechtigte Angst vor Betrugsmaschen haben und natürlich den üblichen Altersgebrechen anheimfallen, wie schlechteres Augenlicht und eine reduzierte Multitasking-Fähigkeit.

Nicht selten werden dann umstehende Bankautomatenkunden um Hilfe gebeten, weil eine unplanmäßige Überweisung einfach nicht wie gewünscht rausgeht. Schon liegen die Daten für Unbekannte offen. Wer das umgehen will, der übergibt seine Bankgeschäfte notgedrungen an jüngere Verwandte. Dazu muss man aber wissen, dass es für Ältere von elementarer Bedeutung ist, selbstbestimmt ihre Finanzen zu regeln. Wer hier allein aus technischen Gründen kapitulieren muss, verliert bereits Lebensqualität.

Aber auch das ist nur eines von weiteren Symptomen einer überalterten zunehmend altersfeindlichen Gesellschaft: Auch die Kommunikationstechnik ist für Alte zu einem Desaster geworden. Das fängt beim Telefon an und hört beim Fernseher nicht auf.

Was besagte Kommunikationstechnik angeht, haben sich analoge Familientreffen vielfach in die virtuelle Welt verlagert. Familien kommunizieren in Familiengruppen, man schickt sich Bilder und Nachrichten, nie zuvor war der Kontakt so gut möglich bis hin zur Live-Schaltung per WhatsApp-Kamera mitten hinein in den Urlaub des Enkels auf der anderen Seite der Erdkugel.

Aber was nutzt das, wenn Oma und Opa nicht mit WhatsApp und Co umgehen können und ihnen niemand erklärt, wie es funktioniert. Aber selbst dann: Wenn man volle Speicher nicht leeren kann, wenn man überfordert ist von Apps und Co und wenn man eine Spam-Mail nicht von einer regulären Mail unterscheiden kann? Wo sind hier die technischen Lösungen, wo die speziellen Dienstleistungen für Alte, die Lösungen anbieten?

Der Markt ist groß genug und wächst weiter, den Alten geht es nicht mehr ums Geld allein, die Währung des Alters heißt Zeit!

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Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Was für ein Hickhack mit der Fernsehtechnik. Die Alten kommen aus einer Welt, wo der Fernseher mit der Antenne auf dem Dach verbunden war. Jetzt stehen die Alten vor dem neuen Flachbildschirm in einem Berg aus Karton und Styropor und sollen per Menü-Führung Fragen beantworten und weiterklicken, mit denen schon mancher Fernsehtechniker Probleme hat.

Dann hat der neue Fernseher eine Störung und die Garantie läuft noch. Aber wie zurücksenden? Online ist das alles eingerichtet, aber wo nun den Rücksendeschein ausdrucken, wenn man keinen Laptop/Computer benutzt, also auch keinen Drucker am Start hat?

Noch ein fiktives Beispiel: Ein älterer Mensch will in ein Museum. Er rafft sich auf und kommt auch ohne per Internet vorbestelltes DB-Ticket mit dem Zug in die entfernte Stadt, jemand hatte am Bahnhof am Ticket-Automaten geholfen. Jetzt steht das ältere Paar am Museumseingang, aber die nehmen kein Bargeld mehr, wie etwa im Kreuzberger Bunker-Museum.

Der gute Rat des Museumspersonals klingt zynisch, ist aber nicht böse gemeint: „Sie können die Karten auch ganz einfach per Handy online bestellen.“ Mal davon ab, dass diese Bestellwege oft schon für Jüngere eine Herausforderung sind, endet dieser Moment an der Museumskasse im günstigsten Falle damit, dass jemand spontan aushilft, das Bargeld der Alten nimmt und mit Karte stellvertretend bezahlt. Das ist eben so nett, wie es zu einer weiteren Entmündigung der Alten gerät.

Erstaunlich ist dieses Defizit an altersgerechter Begleitung technischer Alltagsprobleme der Älteren auch deshalb, weil es doch ein ergiebiges Geschäftsmodell wäre.

Jeder kennt mittlerweile die kleinen Autos der Pflegekräfte, bedruckt mit dem jeweiligen Betreuungsunternehmen, die wie fleißige Ameisen überwiegend am Vormittag durch die Wohnviertel huschen.

Man stelle sich vor, es gebe eine Anzahl von Spezialfahrzeugen, bestückt mit allen Eventualitäten, die es braucht, technische Probleme älterer Menschen zu beheben inklusive einer Beratung vor Ort – ein Interims-Hausmeister gewissermaßen, der als mobiler Engel die aufgelaufenen technischen Sorgen behebt und dafür auch perfekt ausgebildet und ausgerüstet ist.

Die Lebensqualität der Alten könnte so deutlich verbessert werden. Denn Lebensqualität bedeutet immer auch Teilhabe.

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