Alarmierende Studie: Folgt auf Corona und Ukrainekrieg die große Depression?

Die Great Resignation ist in Deutschland angekommen

von Alexander Wallasch

Ist die große Resignation düsterer Vorbote eines Great Reset? Was mit der großen Resignation gemeint ist, muss man niemandem erklären, der von den Corona-Maßnahmen persönlich betroffen ist. Und die allermeisten sind betroffen.

Xing, das Kontaktportal für Berufstätige, begrüßte seine Nutzer neulich mit folgender Schlagzeile: „Studie zeigt: Die Great Resignation hat Deutschland erreicht.“

Konkret bezog sich Xing hier auf eine Studie der Markt- und Meinungsforscher des Gallup-Instituts, die tatsächlich Alarmierendes zu berichten haben: Immer häufiger müssen Arbeitnehmer ihre Tätigkeit wechseln, zudem ist die Burn-Out-Gefahr für den Einzelnen so groß wie lange nicht mehr.

Besagte Studie basiert auf einer repräsentativen Befragung von insgesamt 1.500 Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen ab 18 Jahren, durchgeführt im November und Dezember des vergangenen Jahres.

Ein Ergebnis der Umfrage lautet, dass nur noch eine Minderheit der Mitarbeiter in Unternehmen einen emotionalen Bezug zu ihrem Arbeitgeber hat: Lediglich 17 Prozent der Beschäftigten fühlen sich emotional an ihr Unternehmen gebunden.

Nun basiert eine persönliche Bindung an Unternehmen in der Regel auf einem gemeinsamen exklusiven Wertesystem. Um so mehr erstaunen diese desaströsen Werte angesichts intensiver und auch kostenintensiver Bemühungen von Unternehmen, die eigenen Werte besonders herauszustellen.

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Bemüht modern aufgestellte Unternehmen werden nicht müde zu betonen, dass ihre Unternehmenswerte die Loyalität ihrer Mitarbeiter zum Betrieb festigen. Alles nur heiße Luft und Lippenbekenntnisse? Werden Unternehmenswerte zwar mannigfach kommuniziert, aber selten im Unternehmen selbst nachhaltig etabliert? Das wäre keine gute Nachricht.

Erstes Fazit der Studie: Viele Unternehmen haben es während der Pandemie nicht geschafft, ihre Mitarbeiter enger ans Unternehmen zu binden. Die Chance, der pandemischen Notsituation auch einen Solidarisierungseffekt abzutrotzen, trat demnach nicht ein.

Im Gegenteil: Die Pandemie führte laut Studie zu einer gesunkenen Loyalität der Beschäftigten. 23 Prozent gaben sogar an, in einem Jahr nicht mehr beim aktuellen Unternehmen tätig sein zu wollen, und weitere 42 Prozent erklärten, innerhalb der nächsten drei Jahre wechseln zu wollen.

Folgende Zahl klingt zunächst nicht alarmierend, wenn 14 Prozent der Befragten angeben, aktiv auf der Suche nach einer neuen Stelle zu sein. Aber im Vergleich zum Vorjahr ist das eine Steigerung um einhundert Prozent. Es ist sogar der höchste Wert seit fast zehn Jahren.

Was bisher noch nie der Fall war: Erstmals sind in Deutschland prozentual mehr Menschen auf Jobsuche als in den USA, wo es aktuell zehn Prozent sind. Aber diese zehn Prozent prägen in den USA bereits den Begriff einer „Great Resignation“.

Interessant ist auch, dass sich die Unternehmen zunehmend gegenseitig vagabundisieren und Arbeitnehmer abspenstig machen wollen: Jeder dritte Befragte gab an, in den letzten 12 Monaten von einem Headhunter angesprochen worden zu sein, 2019 waren das gerade einmal 15 Prozent, die Studie wird von Gallup seit 2001 regelmäßig durchgeführt, die Ergebnisse der Erhebungen werden miteinander verglichen.

Und was den Corona-Burn-Out angeht: Die Studie belegt zunächst einmal, dass er existiert. Der Stresslevel ist definitiv gestiegen. Fühlten sich vor der Pandemie noch 26 Prozent der Arbeitnehmer innerlich ausgebrannt, sind es heute schon 38 Prozent, was auch aus medizinischer Sicht besorgniserregend ist.

Nicht überraschen kann hier, dass sich vor allem diejenigen ausgebrannt fühlen, die nur eine geringe Bindung zum Unternehmen haben. Wenn aber die Bindung zum Unternehmen generell sinkt, ist ein Anstieg der Burn-Out-Erkrankungen unvermeidbar.

Dem gegenüber schützen, so die Studie, emotionale Bindungen vor Kündigungen. Umgekehrt funktioniert das aber auch: Baue ich als Unternehmen nur geringe emotionale Bindungen auf, fällt es mir später leichter, Mitarbeiter zu kündigen und so passiert es dann auch.

Bleibt noch die Frage, woran emotionale Bindungen in erster Linie festgemacht werden können. Auch darauf wissen die Studienmacher eine Antwort: „Bei der emotionalen Bindung spielen weniger die Rahmenbedingungen, sondern vor allem gute Führungskräfte eine entscheidende Rolle“, sagt Marco Nink, ein Direktor von Gallup.

Es bleibt aber fraglich, ob man aus einer fehlenden emotionalen Bindung der Mitarbeiter wirklich zwingend einen Abfall der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit ableiten kann. Wahrscheinlicher ist doch, dass Unternehmen erkannt haben, dass sie Strukturen der Arbeit in ihre Unternehmen implantieren können, die Leistung auch generieren, ohne ein Investment in eine emotionale Bindung. Oder schlimmer: Sie investieren in eine negative Emotionalisierung: Die Angst um den Arbeitsplatz wirkt über einen bestimmten Zeitraum hinweg auch leistungssteigernd – zu Lasten des Arbeitnehmers.

Davon unbeeindruckt will das Gallup-Institut errechnet haben, dass „innere Kündigungen“ großen volkswirtschaftlichen Schaden in bald dreistelliger Milliardenhöhe anrichten.

Wenn die „Great Resignation“ eine Vorstufe hin zum „Great Reset“ ist, folgt der großen Resignation dann die große Depression? Ein Begriff, der fest verbunden ist mit schaurigen Schwarz-Weiß-Bildern des Elends der Arbeitslosigkeit.

Die Great Depression folgte auf den Schwarzen Freitag, Ende Oktober 1929, als ein gigantischer Börsencrash eine folgenschwere Weltwirtschaftskrise einleitete, die den Menschen Jahre voller Elend und Entbehrungen bescherte – Millionen von ihnen verloren ihr Vermögen, ihren Arbeitsplatz, ihre Rente und ihren Glauben an die Marktwirtschaft.

Jan-Otmar Hesse, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Bayreuth, fragte für die Bundeszentrale für politische Bildung Ende 2020: „Stürzt Corona Europa in eine neue 'Große Depression'?“ Heute über ein Jahr später lässt sich sagen: Die große Resignation ist als mögliche Vorstufe einer Depression längst eingetroffen.

Ende 2020 war Prof. Hesse noch vorsichtig optimistisch und befand, am (negativen) Beispiel der Großen Depression ließe sich sehr gut zeigen, dass eine rasche Krisenüberwindung nur über den Weg der internationalen politischen Kooperation führe. „Sie ist kein Garant für eine gute Krisenbekämpfung, aber ihre Abwesenheit würde auf jeden Fall zu einer Eskalation führen.“

Damals konnte Hesse noch nicht ahnen, wie sehr sich das Verhältnis westlicher Staaten, der USA und der EU zu Russland durch Putins Überfall auf die Ukraine verschlechtern würde. Wird dieser Konflikt jetzt zum befürchteten Brandbeschleuniger, der aus einer großen Resignation eine große Depression macht?

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