Wir haben hinreichend dazu berichtet: „Bild“-Reporter Julian Röpcke folgt seinem ehemaligen Chef Johannes Boie in die Kommunikationsabteilung eines Drohnenherstellers. Röpcke ist zudem Träger des Verdienstordens der Ukraine für Propaganda und macht aus seiner parteiischen Haltung in diesem Konflikt kein Geheimnis – legendär sein Kommentar, dass die ukrainische Armee russische Soldaten „zu Dünger gemacht“ habe.
Alexander-Wallasch.de hat über diesen Medienskandal umfassend berichtet und wir haben uns zudem über ein mutmaßliches Springer-Rüstungsnetzwerk Gedanken gemacht.
Was uns dabei erstaunt hat, war allerdings das anhaltende Schweigen der Medien und hier insbesondere auch neuer Medien, wie Tichys Einblick, Nius und Apollo-Nius. Was war da los? Berichtenswert ist der Fall „Röpcke“ auf jeden Fall, jedenfalls gemessen daran, mit welcher Aufmerksamkeit sonst Totalausfälle etwa von Angestellten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kommentiert werden.
Julian Reichelt mag man noch zugutehalten, dass er nichts Negatives über seinen Freund Röpcke schreiben mag, den er einst als Autor entdeckte und zu „Bild“ holte. Andererseits scheint eine Ukraine-Berichterstattung generell das Stiefkind bei „Nius“ zu sein. Orientiert man sich hier an den Erfahrungen eines Boris Reitschuster? Der hatte wohl zu Beginn des Ukrainekrieges empfindliche Einbußen in den Leserzahlen hinnehmen müssen, als er sich früh klar auf die Seite der Ukraine stellte.
Reitschuster hatte sich gegen Putins Invasion positioniert. Er nannte den Krieg einen „verbrecherischen Angriffskrieg“, sprach von „Putins Terror gegen Zivilisten“ und kritisierte die „alte KGB-Taktik“, alle Gegner als Nazis zu diffamieren. In den ersten Kriegswochen verlor Reitschuster viele Unterstützer. Zum Jahrestag des russischen Angriffs schrieb Reitschuster einen emotionalen Artikel unter anderem mit den Worten: „Auch ich habe viele Leser und Unterstützer verloren“. Und weiter schrieb Reitschuster:
„Die Verteidiger Putins spüren eindeutig wieder Oberwasser. Und viele von ihnen sind besonders lautstark dabei, den Täter zum Opfer zu machen. Und dem Opfer das Recht abzusprechen, sich zu wehren.“
Auch Reitschuster hat sich zum Wechsel eines der einflussreichsten Ukraine-Berichterstatter in Deutschland zum deutsch-ukrainischen Drohnenhersteller bisher nicht geäußert. Oder in einem Satz: Auch die neuen Medien berichten nicht zum Röpcke-Wechsel. Warum nicht? Geschrieben haben „Junge Welt“, „Nachdenkseiten“ („Kriegsprofiteure in den Redaktionsstuben“), "Compact", „Medieninsider“ und wir. Das war es dann schon.
Aber warum nicht einfach mal nachfragen, Debatte führen? Was die AfD mittlerweile lebt, nämlich eine erstaunliche neue Binnenpluralität, kann auch den neuen Medien gut tun. Gesagt, getan: Ich habe also Fragen an „Tichys Einblick“, „Nius“ und weitere neue Medien geschickt. Liegt es an mir oder am Thema? Bis heute keine Antwort und keinerlei Rückmeldung. Ich hatte gebeten und hätte mich gefreut, bis gestern Mittag Antworten für meine Leser zu bekommen, die ja vielfach auch Leser der Befragten sind.
Kommen wir zum besonders erfreulichen Teil. Roland Tichy hat geantwortet inklusive zweier Nachfragen. Tichy ist Erfinder der Neuen Medien. Auch so erfolgreiche neue Portalmacher wie Julian Reichelt müssen anerkennen, dass Tichys Einblick Leitstern der Neuen Medien ist, zudem mit dem bisher einzigen und erfolgreichen Printprodukt.
Hier die Antworten von Roland Tichy und meine Nachfragen:
„Ich bin gerade auf dem Rückweg aus der Schweiz und von den 6 Zügen haben 6 Verspätung. Der frühere Chefredakteur des Sterns ist zur Bahn gewechselt, seinerzeit. Die Züge wurden nicht pünktlicher. Ich gratuliere Ihnen zur Story über die Verwicklung des Springer-Konzerns mit der Rüstungsindustrie. Ein echter Scoop.
Orden habe ich noch nicht erhalten und erwarte allenfalls eine Ehrennadel für langjährige Mitgliedschaft beim Eisstockschützen-Verein Hammerau oder häufiges Blutspenden vom Roten Kreuz. Ich versuche mich in Neutralität, dafür gibt’s keine Orden.
Wechsel von Medien in die Wirtschaft gibt es zahlreiche; aus den Chefetagen vom Manager Magazin zu TUI oder Daimler, vom ZDF zu Lufthansa und Infineon, Automobilwoche zu Opel, Zeit zu BMW, von Süddeutscher zu Siemens oder Richtung Bundespräsident oder von Wirtschaftswoche zu Deutsche Bank fallen mir auf Anhieb ein. Lange war das Handelsblatt die Rekrutierungs-Messe für die Telekom.
Auch Richtung Politik dreht sich die Tür: Zeit und SZ zu Steinmeier, Bundespresseamt zu RBB und BR, von Die Welt zur Bundeswehr usw. usf. Seit Medien nicht mehr laufen, rotiert die Drehtür schneller; wer kann es den Kolleginnen verübeln?
Wichtig ist Transparenz. Bei der WiWo wurde der damalige Chefredakteur sofort beurlaubt und nach einer mehrmonatigen Abkühlphase freigegeben. Diese Transparenz habe ich bei Röpcke vermisst. Aber irgendwie bleibt er ja im Haus; entsteht hier ein industriell-publizistischer Komplex? Sieht danach aus.“ Roland Tichy
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Vielen Dank für die umfassende Beantwortung. Ich habe nachgefragt:
„Ich stolpere bei Ihnen etwas über den Satzteil ‚wer will es ihnen verübeln‘. Das mache ich doch seit Tagen. Ich verübele es. Sollte man das nicht, wenn Journalismus so beschädigt wird? Wann haben Sie Ihren Idealismus verloren?“
Antwort wieder von Roland Tichy:
„Auch Journalisten dürfen die Branche und das Aufgabenfeld wechseln. Die entscheidende Frage ist immer: Wie stellt man das an? Macht man das transparent? Übrigens: Willy Brandt und Wolfgang Clement waren früher mal …. Journalisten. Und nicht mal die Schlechtesten. Man muss ja nicht wie Ulrike Meinhof gleich ins Terrorfach wechseln.“
Ich habe ein zweites Mal nachgefragt:
„Aber wohin wechselt Röpcke? Zu einem Drohnenhersteller, über den er vorher monatelang geschwärmt hat. Und er ist Träger des Ukraine-Verdienstordens für Propaganda. Übrigens gemeinsam mit Ulf Poschardt – Ronzheimer hat abgelehnt, er wollte Journalist bleiben. Das ist also alles nicht einfach ein ‚Wechsel‘ oder?“
Und Roland Tichy antwortete mir:
„… Die Frage ist doch nicht: einmal Journalist – bis ins Grab Journalist. Sondern: Erfüllt der Träger eines hochrangigen Ordens der Ukraine die Forderung nach Neutralität und Objektivität, die man von einem Journalisten verlangt? Wohl eher nicht, für Kritik gibt’s keine Orden und insofern erübrigt sich Ihre Frage, ob ich einen habe. Der Ukraine-Orden ist der Beleg für einseitige Berichterstattung. Insofern ist der Wechsel zum mit der Ukraine eng verbundenen Drohnenkonzern konsequent und kann der WELT helfen, wieder Glaubwürdigkeit zu erlangen in diesem Feld der Berichterstattung.“
Und wer mag hier noch einmal zum Nachlesen mein Fragenkatalog. Ich wollte wissen:
1. Würden Sie persönlich einen solchen ukrainischen Verdienstorden annehmen?
2. Ist die Annahme eines solchen Ordens überhaupt mit dem Berufsethos eines unabhängigen Journalisten vereinbar?
3. Sie haben bis heute nicht über den Wechsel von Julian Röpcke zu dem Drohnenhersteller berichtet. Warum nicht? Die Relevanz des Falls (ehemaliger Bild-Militärexperte wechselt direkt in die Rüstungsindustrie) scheint doch gegeben. Auch Ex-Bild-Mann Johannes Boie arbeitet heute bei einem Drohnenhersteller (Helsing).
4. Axel Springer bzw. die Döpfner-Familie sind oder waren offenbar über Investmentfonds (u. a. Project A Ventures, Döpfner Capital) geschäftlich mit dem Drohnenhersteller Stark Defense verbunden. Wie bewerten Sie solche personellen und finanziellen Verflechtungen zwischen Medienkonzernen und der Rüstungsindustrie?
5. Betrachten Sie es als Risiko für alternative Medien, große Medienkonzerne wie Axel Springer kritisch zu beleuchten?
6. Die „Sicherheit Israels“ ist bei Springer als Staatsräson und Compliance-Regel verankert. Nun scheint es offenbar auch eine Art „Ukraine-Räson“ zu geben. Wie bewerten Sie die Berichterstattung der etablierten Medien zum Ukrainekrieg insgesamt? Und wie sehen Sie Ihre eigene Berichterstattung dazu?
7. Viele Ihrer Leserinnen und Leser betrachten die Ukraine-Politik kritisch und berücksichtigen dabei auch die Vorgeschichte, etwa das langjährige US-Engagement in der Ukraine (inklusive CIA-Aktivitäten). Ist dieses kritische Hinterfragen ein großes Thema in Ihren Publikationen?
Auch Julian Reichelt bekam die gleichen Fragen zugeschickt. Allerdings ergänzt um Fragen zu seinem persönlichen Verhältnis zu Röpcke und welche Rolle dieses spielen könnte.
Transparenzhinweis: Ich schrieb von 2015 bis 2021 täglich bei Roland Tichy, später unregelmäßiger und ab 2021 ein paar Monate für Reitschuster und regelmäßig über zwei Jahre zehn Artikel pro Monat für Epoch Times.
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Kommentar von Schwar Zi
Dieser Konflik in der Ukraine spaltet nicht nur das Land, sondern auch innerhalb der einzelnen Lager entstehen hierdurch Risse. Besonders im konservativ - libertären Lager zeigen sich diese Risse. Bei der Ukraine, aber auch im Umgang mit Israel und Bibi oder dem Bro im Washington und seiner Mullah-Expedition.
Die Suche nach den Ursachen ist komplexer. Da gibt es die alten Feindbilder die schneller wieder aktiviert werden konnten, als wir alle uns das vorstellen konnten. "Der böse Russe"... Ich frage mich eher warum man Russlanddeutsche nicht einmal zu Wort kommen lässt, könnte spannend sein.
Dann die andere Seite vertreten durch als SU Romantiker...zu sehen letztes Wochenende auf der Brücke in Torgau...die Rentner die die Sowjetflagge (als Deutsche) tragen und auf den Westen meckern...der ihnen aber durchaus angenehme Renten beschwert und einen Lebensstil der so in der DDR unmöglich gewesen wäre.
Und die dritte Gruppe, zu der ich mich zähle. Meine Dankbarkeit gegenüber den Russen entstand erst nach der Wende, der 2+4 Vertrag ect. Ich bin nicht mega pro-russsch...und ich würde nie die Fahne eines anderen Landes schwenken, besonders nicht die Flagge der Sowjets. Aber ich sehe sowohl bei den Ursachen als auch bei der Dauer des Krieges hier eine nicht unerhebliche Mitschuld der Ukraine. Ich denke ein Frieden wird immer nur MIT und nicht GEGEN Russland machbar sein. Europa hat im Laufe seiner langen Geschichte genug Kriege gesehen. Und als Deutsche werden wir in eine besonders heikle Situation (2+4) gebracht. Und spätestens seit dem Urteil des BGH's sollten wir keine Zahlungen an Staaten vornehmen, die unsere Energie-Infrastruktur...egal...Prügel bekommen wir von beiden Seiten. Und ja, ich hab nichts gegen die Russen, kulturell ein großartiges Volk, unglaublich spannende Menschen...
Aber verbale Prügel gibt es trotzdem von beiden Seiten, wobei die "Russen-Hasser" härter austeilen. Nie in der DDR gewesen, nie in Russland gewesen, es gerade so nach Berlin geschafft...via Flugzeug über "die Zone" nicht durch die Zone...egal...Herr Wallasch wie schaut es denn aus? Mal Lust Russlanddeutsche zu befragen? Gerade im Westen leben viele auch in BaWü, viele haben Kinder bei der Bundeswehr. Ich denke mal, denen gefällt das auch nicht. Und ja, womöglich sind die sogar in meiner Gruppe.