Der FAZ-Korrespondent Michael Martens stellt in Belgrad bei einer Pressekonferenz mit Wolodymyr Selenskyj eine Frage , die sich nicht mehr zurückholen oder schönreden lässt:
„Was kann Europa tun, um der Ukraine zu helfen, mehr russische Soldaten zu töten?“
Das ist tatsächlich eine Kriegserklärung im Fragebogenformat. Ein Mann, der von Berufs wegen Distanz halten, Macht hinterfragen und die Wirklichkeit möglichst ungeschminkt und unparteiisch abbilden soll, positioniert sich hier offen als inoffizieller Berater einer Kriegspartei. Weiter entfernt von einer journalistischen Nachfrage kann man kaum sein.
Er fragt nicht nach den Kosten, nicht nach den humanitären Folgen, nicht nach möglichen Verhandlungswegen oder den langfristigen Konsequenzen für Europa. Er fragt nach effizienterem Töten. Und das in einem Ton, der so tut, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt. Embedded journalism wird hier auf eine neue Daseinsstufe gehoben.
Der Einwand, Journalisten hätten auch Überzeugungen, greift hier nicht. Diese Karte wollte im Juli 2018 schon der politische Autor und Ex-Monitor-Moderator Georg Restle ziehen, als er in einem Aufsatz für den WDR gewissermaßen ein neues Zeitalter eines konstruktiven Journalismus ausrufen wollte. Damals schrieb Restle:
„Journalismus im Neutralitätswahn - Warum wir endlich damit auhören sollten, nur abbilden zu wollen, "was ist". Mein Plädoyer für einen werteorientierten Journalismus in der aktuellen Ausgabe von "WDR Print".“
Aber mit dem Blick zurück auf Martens: Journalismus muss tatsächlich nicht bedeutet, die eigene moralische oder politische Überzeugung hinter einer neutralen Maske zu verstecken und dann so zu tun, als hätte man sie nie gehabt. Journalismus – jedenfalls jenseits eines Meinungsartikels – bedeutet allerdings, die eigenen Überzeugungen bewusst zurückzustellen, um den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit zu geben, sich selbst ein Urteil zu bilden.
Journalismus bedeutet Fragen zu stellen, die Macht unangenehm berühren – und hier ganz besonders jene, die Parteien und Politikern nur auf Zeit vom Souverän anvertraut wurde.
Wenn also ein Korrespondent in einer internationalen Pressekonferenz den ukrainischen Präsidenten fragt, wie man dem russischen Gegner mehr Verluste zufügen kann, hat er jede Grenze überschritten. Er ist nicht mehr Beobachter, er ist Teilnehmer. Er liefert dem einen Lager die legitimierende Formulierung und dem anderen die Bestätigung, dass westliche Medien längst Kriegspartei geworden sind.
Wer hier behauptet, so sei nun mal die Logik des Krieges, viele machen das ohnehin und es geht um Realismus, der liefert eine journalistische Bankrotterklärung ab. Denn insbesondere weil der etablierte Journalismus in Deutschland und weiten Teilen Europas seit 2022 so auffällig eng an die Regierungslinie gerückt ist, wäre Standfestigkeit nötig gewesen.
Stattdessen erleben wir bei Martens für die FAZ eine Annährung: Die Sprache der Politik und die Sprache der Leitmedien verschmelzen. Journalismus wird Propaganda. Springer-Mitarbeiter wie Ulf Poschardt und Julian Röpcke erhielten dafür Verdienstorden des ukrainischen Präsidenten.
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Bei Martens in Belgrad an Selenskyj gerichtet werden Waffenlieferungen nicht mehr als politische Entscheidung diskutiert, sondern als moralische Selbstverständlichkeit. Kritik an Eskalation ist hier selbstverständlich naiv oder putinfreundlich abgetan. Und wer dann noch eine Frage stellt wie Martens, gilt plötzlich als besonders klar oder besonders mutig und fühlt sich auch so.
In Wahrheit ist das der Endpunkt einer Entwicklung, in der Distanz als Schwäche und Parteinahme als allerbeste Haltung verkauft wird. Heute muss man es wohl extra erwähnen: Journalismus ist in demokratischen Gesellschaften keine Dienstleistung für die jeweils richtige Seite. Er ist das systematische Misstrauen gegenüber jeder Erzählung, die zu glatt, zu einseitig oder zu bequem ist. Das gilt für russische Staatsmedien genauso wie für westliche Leitmedien, die sich in den letzten Jahren erstaunlich einig waren, welche Fragen gestellt werden dürfen und welche nicht.
Wenn die FAZ, die sich immer noch gerne als Blatt der gebildeten Skepsis versteht, einen Korrespondenten beschäftigt, der in einer solchen Situation so etwas fragt, dann ist das kein Ausrutscher. Dann ist das eine Entwicklung und ein eiterndes Symptom. Es zeigt, wie weit die Selbstverständlichkeit der Parteinahme schon fortgeschritten ist.
Nein, man muss den russischen Angriff nicht schönreden um zu erkennen, dass ein Journalist, der nach effizienterem Töten fragt, seinen Beruf verfehlt hat und dem Beruf selbst damit schweren Schaden zugefügt hat.
Wir leben in Zeiten, in denen etablierte Medien und politische Machtzentren immer enger zusammenrücken, in denen Abweichung schnell als Gefährdung der „Werte“ oder der „Sicherheit“ markiert wird. In Zeiten, in denen die Forderung nach regierungskritischem Journalismus wie Nostalgie belächelt wird, ist dieser längst überlebensnotwendig. Denn sobald Journalisten aufhören, die Macht misstrauisch zu beäugen, werden sie zu Verstärkern und zu Propagandisten der Mächtigen.
Martens’ Frage ist stilistisch abstoßend. Aber sie ist vor allem ein Lehrstück darüber, wie leicht aus Berichterstattung Kriegsrhetorik wird – und wie wenig Widerstand das im eigenen Lager noch erzeugt.
Wer das für übertrieben hält, sollte sich die Gegenprobe vorstellen: Dieselbe Frage, gestellt an Putin, in Moskau, von demselben Mann. Der Aufschrei wäre ohrenbetäubend. Und zu Recht. Die Asymmetrie, die man hier konstruiert, ist selbst schon die Parteinahme, die man vorgibt, nur zu beschreiben.
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Kommentar von T S
Von der Kriegstreiberei abgesehen erschreckt schon allein die Sprache und Denkweise:
Denn selbst hinter den Soldaten eines noch so verfeindeten und aggressiven Staates stecken immer noch Menschen.
Und es ist naives Wunschdenken darauf zu hoffen daß diese Gesinnung sich nicht über kurz oder lang auch auf vermeintliche Gegner diesseits der Landesgrenze ausweitet.
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Kommentar von Bernhard Moser
Vielen Dank für den wichtigen Beitrag!
Wenn man es für angebracht hält, wie jetzt in diesem Fall, auf die Geschichte Deutschlands zu verweisen, halten das einige immer für unangebracht - ist es aber nicht.
Dieser Michael Martens von der FAZ ist ganz sicher einer von denen, die vom "Herbert Quandt Medien-Preis" träumen. Hierzu Rückblick:
"Zusammen mit seinem Vater Günther Quandt zwang Herbert Quandt bis zu 57.500 Menschen in Batteriefabriken zur Sklavenarbeit. Das Vermögen der Familie Quandt wurde auf diesen Verbrechen aufgebaut. Günther Quandt erwarb nach den nationalsozialistischen Enteignungen (sogenannten „Arisierungen“) Unternehmen, die zuvor im Besitz von Juden waren. Herbert Quandt trug persönlich dazu bei, einige dieser Geschäfte abzuschließen, und beaufsichtigte die Planung eines Außenlagers eines Konzentrationslagers im von den Nazis besetzten Polen. Nach dem Krieg arbeitete er weiterhin mit radikalen ehemaligen Nazis aus Joseph Goebbels’ Propagandaministerium zusammen. (...)"
https://www.theguardian.com/commentisfree/2025/may/24/germany-nazi-past-gaza-media-prize-state
https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Quandt_Medien-Preis
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Kommentar von stephan manus
Habe gerade die Antwort von Selenski gelesen.
Ukraine Pravda: ""Money is needed": Zelenskyy responds to what Europe can do to help Ukraine wipe out Russian troops""...."but resolving only the money question is not enough"...additional money so that Ukraine's defence industry can produce twice as much
Und weiter:"We are grateful for the 21 packages, but this is not enough."
Nichts ist genug für diesen Kriegsverrückten und seine deutsch/ukrainische Entourage. Russische Soldaten "töten" mit noch mehr Geld und noch mehr Sanktion ist einfach nur irre. Die deutschen Eliten mit ausschliesslich ukrainischen Interessen sind m.E. chancenlos. Und das ist gut so.
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Kommentar von stephan manus
Schlimm. Die Entwicklung von D/Ukraine ist wie folgt:
2014: Die (ukrainischen) Soldaten haben sich ihre ukrainischen Militärabzeichen abgerissen. Wurden so zu den sog. "Grünen Männchen". Krim wird russisch (was denn sonst?), Rest der Ukraine ist nicht russsisch.
2022. Die Nato besteht auf Natobeitritt der Ukraine in 2021 nach der Drohung Rudssland gem Stoltenberg. Russland tut in 2022 das was sie angekündigt haben. Ukraine ist unverändert immer noch nicht russisch.
Heute: Krim und 4 Provinzen sind russisch.
Nächstes Jahr werden statt 4 mindestens 6 Provinzen russsich sein, meiner Meinung nach.
Da D und die Ukraine nix ausser Krieg auf der Pfanne haben, halte ich das für eine gute Entwicklung. Eine stark dezimierte zerstörte Restukraine, ohne Meereszugang, ist m.E. gut für eine künftige europäische Sicherheitsarchitektur, die natürlich nicht ohne Einbindung Russlands möglich ist.
Die USA und die Nato bekommen auf die Mütze. Egal ob Westasien oder Europa. Das finde ich eigentlich gut, weil es zukünftige Kriege verhindert und deren expansives militärisches Ausbreiten verhindern wird.
Russische Soldatern töten? Was ist mit den immer weniger werdenden ukrainischen Soldaten. Beides gut? Nur noch abartig.
So schnell wie möglich auf russische Forderungen eingehen, wäre meine Empfehlung, ansonsten wird das zu einem deutsch-ukrainischen Albtraum.