Was an diesen Epstein-Akten nachhaltig irritiert, sind nicht die abartigen, Grusel versprechenden Inhalte an sich, sondern mittlerweile die Reaktion auf diese Files, die ja allesamt Vorkommnisse behandeln, die in der Vergangenheit liegen.
Die aber jetzt offensichtlich Myriaden von Nutzern der sozialen Medien, auf ihrem Sofa sitzend, vor dem Energydrink zu antisemitischen Ausfällen verleiten, wie man sie seit Jahren so nicht mehr lesen konnte, wenn nicht im Kontext mit dem Gaza-Krieg.
Hier werden mittelalterliche Narrative neu entdeckt, die man so im modernen Zeitalter nicht mehr für transportierbar erachtet hätte. Von Babys essen über Blut trinken bis hin zu düsteren jüdischen Geheimtreffen der Weltverschwörer – das Spinnennetz, die Weltkrake. Hier vermischt sich dann ein moderner Antizionismus mit einem Antisemitismus übelster Ausprägung. Jener jahrhundertealte Antisemitismus, der im 20. Jahrhundert in den schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte gipfelte.
Mit Blick auf die Epstein-Akten kommt aber noch ein weiteres Phänomen zum Tragen, das kein neues ist, sondern die unausrottbare Behauptung einer jüdischen Elite, die die Weltherrschaft anstrebt. Hier werden US-Milliardäre als Globalisten jüdischen Ursprungs mit einem gemeinsamen Ziel apostrophiert.
Fundamental missachtet wird hier ein entscheidender Satz, der diese Epstein-Files von Anfang bis Ende begleiten sollte. Und der geht wie folgt: Nur wer Antisemit ist, interessiert sich auch dafür, ob Epstein Jude war. Das Gleiche gilt für seine Mitstreiter. Jedem anderen sollte die Kritik an diesen ungeheuren Verwerfungen ausreichen.
Weiterlesen nach der Werbung >>>
Ihre Unterstützung zählt
Verstörend ist zudem aktuell zu beobachten, welche Energie wiederum aus der fundamental-christlichen Ecke kommt. Von dort aus wird besonders lautstark der Verlust von Moral und Anstand angeprangert und auf biblisch-apokalyptische Art und Weise die Erosion aller Werte erklärt. Aber die westlichen Werte sind sicherlich keine Erfindung des Christentums, sie basieren wesentlich auf der Antike.
Tatsächlich waren die großen Denker Europas oft nicht wegen, sondern trotz des Christentums erfolgreich. Die Kirche hat kein Abo auf Werte. Sie ist nicht die Inhaberin der allein beständigen Werte der Menschheit. Der heilige Gral ist keine christliche Reliquie; er ist allenfalls eine hehre Idee.
Im Lichte der Epstein-Files kann man sogar sagen: Historisch gesehen ist die Entwertung aller Dinge, der Verlust von Moral, Anstand und Würde eine christliche Erfindung. Mit Blick auf eine über tausendjährige Kriminalgeschichte des Christentums sind die grausigen Epstein-Files allenfalls eine Randerscheinung.
Nur einige wenige fast noch harmlose Beispiele:
https://x.com/Christi74422036/status/2018618391284875571 – Ein Post, der Epstein mit jüdischen Milliardären und israelischen Geheimdiensten in Verbindung bringt und eine "Israeli web" als Verschwörung andeutet.
https://x.com/jmailonx/status/2018603299826725112 – Hier wird Epstein als jüdisch dargestellt, mit Behauptungen über Talmud-Lesungen, Spott über "Goyim" und satanische Rituale, was klare antisemitische Stereotype bedient.
https://x.com/guychristensen_/status/2018593281681318293 – Der Post behauptet, es sei früher "antisemitisch" gewesen, Epstein als Mossad-Agenten zu bezeichnen, und präsentiert es nun als "offensichtlich", mit Bildern, die Verschwörungstheorien verstärken.
https://x.com/MagnetStefan/status/2018624909786624435 – Ein Beitrag, der eine "satanische Epstein-Verschwörung" beschreibt, gegen die Putin und Trump kämpfen sollen, was oft antisemitische Untertöne hat, da Epstein jüdisch war und solche Narrative häufig damit verknüpft werden.
https://x.com/Ssaniya_/status/2018606226305913118 – Prognose, dass Kritik an Epstein bald als "antisemitisch" abgetan wird, was eine umgekehrte Form der Rhetorik darstellt und das Thema instrumentalisiert.