Ich empfinde es tatsächlich als ein klitzelkeines Drama: Ich habe den Termin verpasst. Und nun sitze ich am Schreibtisch und versuche seit einer halben Stunde im Bereich Harz, Heide und Braunschweig noch einen Optiker zu finden, der Sonnenfinsternis-Brillen verkauft. Diese Pappbrillen mit Silberfolie oder einer sehr dichten schwarzen Folie, die nur noch nullkommanullnullirgendwas Prozent des Lichts durchlassen. Doch sie sind restlos ausverkauft. Die Optiker, die man anruft, sind selbst überrascht, wie schnell die Brillen weggegangen sind.
Und nun fängt man an zu grübeln: Was ist an so einer Sonnenfinsternis überhaupt so interessant? Warum will man es mit den Enkeln gemeinsam erleben? In meinem Fall sind das eine Anderthalbjährige und ein Dreijähriger. Ich erinnert mich gut, wann es zuletzt eine Sonnenfinsternis gab: 1999. Damals waren die beiden Erstgeborenen nämlich in einem ähnlichen Alter, wie die Enkel heute. Es muss im August 1999 um die Mittagszeit gewesen sein – ein heller Tag, Frau hatte die Brillen besorgt, ich erinnere mich an Pappgestelle mit Silberfolie.
Wir standen vor der Tür, schauten in die Sonne und versuchte den Kindern, soweit es verständnismäßig schon möglich war, zu erklären, worum es überhaupt geht. Das Ganze zog sich hin, die Füße wurden müde, denn es war eine totale Sonnenfinsternis. Sie begann um 11:10 Uhr und endete um 14:05 Uhr, mit der Totalität zwischen 12:30 und 12:40 Uhr. Plötzlich wurde es dunkler, und eine ungewöhnliche Kühle verdrängte die Tageshitze.
Nun also, 27 Jahre später, die nächste Möglichkeit einer tiefen partiellen Sonnenfinsternis, die hierzulande 84 bis 90 Prozent der Sonne bedecken wird. Und weil es die Brillen nicht mehr gibt, schaut man halt nach, wann die nächste kommt, bei der man noch rechtzeitig bei Amazon eine Brille bestellen könnte – und stellt mit Erschrecken fest: Die nächste totale Sonnenfinsternis, die die Enkel dann wohl ohne uns erleben werden, ist am 3. September 2081.
Dann sind die Enkel ungefähr in dem Alter, in dem man sich gerade selbst befindet. Und sie haben hoffentlich eigene Enkel und werden sich vielleicht an den heutigen Tag erinnern. Aber sie können sich nur erinnern, wenn man eben diese verdammten Brillen besorgt – oder schnell eine andere Idee einer veritablen Sichtung entwickelt.
Ich habe gelesen, man könne eine Lochkamera bauen. Doch meine Frau und die Tochter befürchten, dass die Kleinen sich trotzdem umdrehen und direkt in die Sonne schauen könnten. Mit drei und anderthalb Jahren verstehen sie sicher schon, dass das eigentliche Ereignis hinter ihnen stattfindet, während sie auf eine Wand starren, auf der mühevoll das Abbild der sich verfinsternden Sonne erscheinen soll.
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Ob diese Finsternis, die gegen 19 Uhr beginnt und ihren Höhepunkt um 20 Uhr erreicht, denselben Verdunkelungseffekt wie 1999 haben wird, kann man jetzt noch nicht wissen. Aber um 19 Uhr ist es noch relativ hell.
Meine Söhne sind gerade in Albanien. Vielleicht erleben sie das Spektakel dort auch. Als ich anrufe heißt es, berichten sie, dort sei die Finsternis kaum zu sehen, nur ein paar Prozent. Aber warum ist das alles überhaupt relevant? Warum kann man es nicht einfach verpassen und sich sagen: Es gibt noch genug andere Weltereignisse, die Aufmerksamkeit verdienen?
Hier ist es wahrscheinlich wie mit dem 11. September 2001, an dem jeder noch genau weiß, wo er war, als er davon hörte. So ähnlich ging es uns mit der Sonnenfinsternis 1999. Positive Ereignisse brauchen aber oft eine stärkere „Aufladung“, um in Erinnerung zu bleiben – das liegt in der Natur der Sache, weil die Erschütterung bei Negativem deutlich größer ist.
Wir haben es damals entsprechend aufgeladen, und die Kinder erinnern sich heute – wie schön! So werden sich vielleicht auch die Enkel erinnern. Und sich dann auch an uns erinnern – ja, es klingt kitschig, aber so etwas wünschen sich Großeltern. Auf der Meta-Ebene ist ein weiterer Anker zwischen den Generationen, der Kontinuität schafft und einer Familie eine Art Sichtbarkeit gibt.
Vielleicht liegt gerade darin auch ein Grund, warum die Brillen so schnell ausverkauft waren: In einer Zeit, die überreich an negativen Meldungen ist, ist dieses Ereignis eines, das eben nicht negativ ist. Ein seltenes, gemeinsames, hoffnungsvolles Himmelsspektakel. Also jetzt schnell noch ein bisschen telefonieren. Vielleicht findet sich ja doch irgendwo im Keller einer noch nicht von den verzweifelt Suchenden frequentierten Optikeranstalt eine letzte Brille. Drücken Sie mir bitte die Daumen, das wir noch was aufs Auge bekommen.
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