Letztes Saisonkonzert in der Berliner Nacht – zwischen Antike, Migration und gemeinsamer Erinnerung

Gianna Nannini auf der Waldbühne: Ein wehmütiges Sehnen nach einem vergangenen Europa

von Alexander Wallasch

Gianni Nannini – Bello e impossibile, con gli occhi neri e quel sapor mediorientale!© Quelle: Alexander Wallasch

Unter Säulenprojektionen wird aus einem Septemberabend mehr als nur ein Konzert: Eine Sängerin aus Italien, ein Berliner Publikum und Lieder, die Generationen verbinden – bis die Arme in die Luft gehen und manchen die Tränen kommen.

Fast 20.000 Menschen in der Berliner Waldbühne. Viele Italiener im Publikum. Dazu ein Septemberabend, der sich noch einmal wie Sommer anfühlt: knapp 20 Grad, kein Regen. Mit dem Konzertbeginn ist es längst dunkel.

Das gibt diesem letzten Konzert der Waldbühnen-Saison eine besondere Atmosphäre. Im Sommer beginnt ein Konzert hier oft noch bei Tageslicht und endet in der Dämmerung. Jetzt ist die Nacht von Anfang an da. Die beleuchtete Bühne mit ihren Säulen, antiken Köpfen und Fragmenten wirkt dadurch fast wie eine eigene Welt.

Schon der Weg dorthin passt zu diesem Abend. Man kommt am Olympiastadion und den monumentalen Bauten des Olympiageländes vorbei, an einer Architektur, die sich bewusst auf die griechisch-römische Antike bezieht und zugleich mit der düsteren Geschichte des Nationalsozialismus verbunden ist. Und dann steht dort Gianna Nannini, eine Italienerin, vor einem Berliner Publikum. Rom, Griechenland, Berlin, Europa – plötzlich liegen diese Geschichten ganz nah beieinander.

Auf den Rängen sitzen Frauen in Adidas-Jacken, ältere Paare, Familien, Müzzer mit ihren Töchtern, Freunde. Viele singen jedes Wort mit. Arme gehen in die Luft, Menschen schwingen im Takt, immer wieder sieht man auch Tränen der Rührung. Für viele ist diese Musik mit dem eigenen Leben verbunden. Und die tapfere kleine Frau da vorn – man wills kaum glauben – Geburtsjahr 1954.

Dieser Abend erzählt auch eine Geschichte der Migration. Viele der Italiener, die hier mitsingen, gehören zu einer Generation oder zu Familien, die mit der italienischen Einwanderung nach Deutschland verbunden sind. Die ersten sogenannten „Gastarbeiter“ kamen bereits Ende der 1950er und in den 1960er Jahren. Sie brachten ihre Sprache, ihre Musik und ihre Lebensweise mit. Und sie erlebten hier durchaus Ablehnung und offene Ausgrenzung.

Heute ist daraus längst ein Teil deutscher und Berliner Alltagskultur geworden. Was einmal als fremd betrachtet wurde, gehört inzwischen selbstverständlich als Europäer unter Europäern zu diesem Land.

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Vielleicht ist das der besonders anrührende Gedanke dieses Abends: Hier wird eine italienische Kultur gefeiert, die längst auch eine deutsche und europäische Kultur geworden ist. Man steht mitten in Berlin und singt italienische Lieder. Menschen, deren Eltern oder Großeltern einst als Fremde kamen, feiern hier eine gemeinsame europäische Erinnerung.

Gianna Nannini bringt dabei etwas sehr Selbstverständliches mit: ihre Sprache, ihre Musik, ihre Geschichte, ihre Vorstellung von Freiheit. Es muss keine große politische Botschaft sein. Es reicht, dass diese Kultur da ist und dass Menschen sie gemeinsam leben.

Unter den antiken Köpfen auf der Bühne und vor der monumentalen Kulisse des Olympiageländes bekommt das eine besondere Bedeutung. Die europäische Vergangenheit ist plötzlich nicht mehr düstere Geschichte aus einem Museum. Sie steht lebendig und große Wehmut auslösend auf der Bühne, singt, tanzt und wird von fast 20.000 Menschen weitergetragen.

Es ist ein Konzertabend. Eine große italienische Erinnerung. Und vielleicht, ganz leise, auch eine Erinnerung daran, dass Europa immer dort lebendig wird, wo Menschen ihre unterschiedlichen Geschichten miteinander teilen.

Gianni Nannini – Bello e impossibile, con gli occhi neri e quel sapor mediorientale!

(Quelle:Alexander Wallasch privat)
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