Ein detailliertes ökumenisches Rahmenkonzept der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz vom Dezember 2025 bereitet die kirchliche Seelsorge auf Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall vor und steht in deutlichem Spannungsverhältnis zur überlieferten Friedensbotschaft.
Dieses interne Arbeitspapier soll nur ein Organisationsleitfaden sein. Dabei handelt es sich um ein umfassendes Rahmenkonzept, das die Rolle und Verantwortung kirchlicher Seelsorge angesichts neuer sicherheitspolitischer Herausforderungen beschreibt.
Es benennt explizit seelsorgliche Aufgaben im Krieg, in Szenarien militärischer Bedrohung und gewaltsamer Konflikte, die auch Deutschland unmittelbar betreffen können – so heißt es. Besonders hervorgehoben werden Belastungen für Zivilbevölkerung, Soldatinnen und Soldaten, Einsatzkräfte, Verwundete, Gefallene, Kriegsgefangene und Geflüchtete. Das Papier skizziert, wie kirchliche Strukturen vorbereitet, vernetzt und gestärkt werden können, um in Krisenfällen handlungsfähig zu bleiben. Oder kürzer: Mobilmachung der Kirche.
Nun wissen die Kirchenoberen selbst, welches heiße Eisen Sie da in den Fingern halten. Also sichert man sich erst einmal ab:
„Wer aus Gottes Frieden lebt, tritt für gerechten Frieden ein. Friede ist keine Selbstverständlichkeit. Ihn zu wahren, zu fördern und zu erneuern, ist eine immerwährende Aufgabe. Der Friede ist von Anfang an ein zentrales Motiv des Christentums. Dementsprechend ist auch die Friedensethik der beiden Kirchen von dem Primat der gewaltfreien Konfliktlösung geprägt. [...] Das vorliegende Konzept beabsichtigt in keiner Weise, diese friedensethischen Diskurse und Grundeinsichten zu relativieren. Es geht allerdings darum, sich für Situationen vorzubereiten, in denen alle Friedensbemühungen gescheitert sind. Nicht zuletzt der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zeigt, dass so ein Fall tatsächlich eintreten kann.“
Als biblische Orientierung dient hier das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,29–37), das die Weisung Jesu festhält, das jeweils Naheliegende zu tun.
Wenn man den in den Evangelien überlieferten Worten Jesu folgt, dann steht die Bergpredigt für eine radikale Alternative zur Gewaltlogik: Widersteht nicht dem Bösen, liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen. Die überlieferte Szene am Ölberg, in der Jesus seinem Petrus das Schwert aus der Hand nimmt mit der Begründung, alle, die zum Schwert greifen, würden durch das Schwert umkommen, unterstreicht diese Haltung.
Das vorliegende Rahmenkonzept ignoriert diese überlieferte Radikalität nicht explizit – es beansprucht sogar Kontinuität mit den friedensethischen Dokumenten der Kirchen seit den 1990er Jahren. Aber das dicke Ende folgt, denn in der konkreten Ausarbeitung entwirft es ein detailliertes System von Vorbereitungsmaßnahmen für den Ernstfall.
Das Papier unterscheidet drei Szenarien, die nach geltendem Recht politisch festgestellt und verkündet werden müssen: Spannungsfall, Bündnisfall und Verteidigungsfall.
Der Schwerpunkt liegt auf dem Bündnisfall, in dem Deutschland vor allem als logistische Drehscheibe für Truppen- und Materialtransporte sowie für die Rückführung von Verwundeten und Gefallenen fungiert. Die Kirchen rechnen mit einer hohen Anzahl an Verwundeten und Gefallenen, mit logistischen Aktivitäten schon Wochen oder Monate vor Kampfhandlungen, mit Belastungen durch Fluchtbewegungen und mit der Notwendigkeit, Soldaten im Inland sowie ihre Familien seelsorgerlich zu begleiten.
Für den Fall einer möglichen Ausweitung der Wehrpflicht oder verstärkter Reservisteneinberufung werden Konsequenzen für die Militärseelsorge benannt.
Was an diesem Papier besonders irritiert ist die Detailtiefe mit der sich die Kirchenvertreter tief hinein in den Schützengraben buddeln: So bespricht man hier, dass etwa Kriegsgefangene gemäß den Genfer Konventionen primär durch Geistliche ihrer Herkunftsnationen betreut werden. Heimische Seelsorgende und Expertinnen aus Militär-, Gefängnis- und Notfallseelsorge sollen ergänzend einbezogen werden. Das klingt alles ganz furchtbar wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für unter Kirchenaustritten schwer angeschossenes zu reichhaltig aufgestelltes Bodenpersonal.
Für Gefallene und Hinterbliebene wird schon über würdige Bestattungen, multireligiöse Trauerfeiern, die Überbringung von Todesnachrichten und langfristige Trauerbegleitung nachgedacht. Im Gesundheitswesen geht es um die Begleitung von medizinischem Personal unter extremer Belastung und um seelsorgerliche Versorgung in Kliniken. Gott mit uns.
Organisatorisch will man „keine neuen Strukturen schaffen“, sondern Bestehendes vernetzen: Militärseelsorge, Notfallseelsorge, Telefonseelsorge, Gemeindeseelsorge und die kirchlichen Werke. Die Kirchenbürokratie und -hierarchie auf dem Schlachtfeld.
So fordert das Papier dazu auf, sich mit der jeweiligen Rechtslage in den verschiedenen Alarmstufen, der Reduzierung von Schnittstellen, der Beibehaltung bestehender Führungsstrukturen und mit einer klaren ökumenische Koordination mit eindeutigen Ansprechpersonen auf allen Ebenen zu befassen.
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Kirchliche Krisenstäbe auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene, Meldeketten und professionelle Krisenkommunikation sollen die Handlungsfähigkeit sicherstellen. Besonderes Gewicht soll auf der Befähigung der Seelsorgenden selbst liegen etwa durch Fortbildungen, Supervision, Intervision und Maßnahmen zur Stärkung persönlicher Resilienz, weil die Seelsorgenden „auch selbst dieser zuzuordnen“ seien und unter massiver eigener Betroffenheit arbeiten müssen.
Stärkung persönlicher Resilienz? Wie trainieren sich die christlichen Regenbogenkinder eine Abstumpfung gegenüber heraushängenden Därmen und weggeschossenen Köpfen an? Wieviel schwieriger ist es da, sich im Hungerstreik in Soutane an das Kriegsministerium zu ketten und endlich ein Ende des Tötens zu verlangen? Wieviel Resilienz braucht es dafür?
Stattdessen managt man das große Verrecken und gibt den Ausblutenden Trost. Frühere kirchliche Positionen werden über Bord geworfen. Jesus bekommt einen Stahlhelm aufgesetzt und Gott wird zur mächtigen Mutterdrohne hoch über dem Schlachtfeld.
In den 1980er Jahren, zur Zeit des NATO-Doppelbeschlusses und der großen Friedensbewegung, unterstützten weite Teile der evangelischen und auch katholischen Kirche aktiv Kriegsdienstverweigerer durch Beratungsstellen und öffentliche Positionen gegen die Militarisierung.
Heute entsteht stattdessen ein detailliertes Rahmenkonzept, das die Kirche als verlässlichen Partner im Krieg aufstellt– eng vernetzt zu den jeweiligen Landesregierungen und auf Bundesebene.
Verstörend ist hier die Kontinuität zur NS-Zeit. Damals begleiteten zahlreiche Militärgeistliche beider Konfessionen die Wehrmacht in einem Angriffskrieg. Trotz einzelner Widerstandsinseln blieb die seelsorgerliche Betreuung der Soldaten weitgehend selbstverständlich. Nachher war man zur Buße bereit: Etwa die EKD erklärte im Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945:
„Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. [...] Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
2026 erfordert es allerdings nur einem Bruchteil des Mutes, den man damals aufwenden musste um zu widerstehen und mit einem festen Glauben im Rücken den Kriegshetzern entgegenzutreten – auch in den eigenen Reihen.
Das ökumenisches Rahmenkonzept der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz wiederholt stattdessen lieber ein vergleichbares Muster: Statt radikaler Distanz zum Krieg wird die Kirche als funktionsfähiger, stabilisierender Teil des staatlichen Systems im Ernstfall konzipiert. Bedrückend auch, welche Mobilisierungskräfte für den Frieden und den Glauben Kirchenleute hier liegenlassen.
Von der Einbindung in Operationspläne über die Qualifizierung von Seelsorgenden bis hin zur Schaffung von Begegnungsräumen und Gedenkorten – macht sich die Kirche mit diesem Konzept de facto zu einem Element der gesellschaftlichen Resilienz im Kriegsfall. Sie bereitet nicht in erster Linie die Kritik am Krieg vor, sondern dessen seelsorgerliche und organisatorische Bewältigung!
Statt unbequem zu sein, den Kriegstreibern entgegenzutreten, zu widerstehen, und Nein zu sagen, macht sich die Kirche zur spirituellen und organisatorischen Hilfsorganisation des Staates. Bei aller Sorge um leidende Menschen – Zivilbevölkerung, Soldaten, Verwundete, Gefallene, Flüchtende und die Seelsorgenden selbst – bleibt dies ein tiefer Widerspruch zur überlieferten Botschaft des Evangeliums – wenn man noch daran glaubt!
Die Kirche sollte in solchen Zeiten widerstehen und nicht dran mittun, diesen Krieg möglicher zu machen. Dieses Rahmenkonzept eines bürokratisierten Schreckens zeigt, wie weit sich die Kirche von sich selbst entfernt hat. Gott ist bestürzt. Und wenn dann alle verreckt sind, kommen die Kirchenleute aus ihren Verstecken und setzen ein paar düstere Steinkreuze obendrauf.
Jesaja (Kapitel 59, Vers 15b und 16)
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