Anthony Fauci und Robert F. Kennedy Jr. stehen sich 2026 nicht mehr als Kritiker und Amtsinhaber gegenüber, der eine als vorgeladener Zeuge, der andere als amtierender US-Gesundheitsminister.
Am 29. Juli musste Fauci vor dem Senate Homeland Security and Governmental Affairs Committee unter Vorsitz von Rand Paul erscheinen. Fast drei Stunden lang beantwortete er keine Frage. Die Ausschnitte gingen viral: der Mann, der schweigt und damit den Eindruck erweckt, er habe etwas zu verbergen. Schweigen ist sein Recht. 111-mal berief er sich auf den Fifth Amendment.
Seine Anwälte hätten ihm dazu geraten, weil die Befragung ihn in einen Meineid treiben könne. Am 6. August stimmte der Ausschuss mit 8 zu 5 Stimmen der anwesenden Mitglieder dafür, ihn wegen Missachtung des Kongresses an das Justizministerium zu verweisen. Das Ministerium bestätigte den Eingang und kündigte eine Prüfung an. Das ist noch keine Anklage und keine Verurteilung.
Joe Biden begnadigte Fauci an seinem letzten Amtstag für mögliches Fehlverhalten im Zusammenhang mit seiner Regierungstätigkeit vom 1. Januar 2014 bis zum 19. Januar 2025. Die Begnadigung sollte eine bundesrechtliche Verfolgung durch die nachfolgende Regierung abschneiden. Sie deckt Landesrecht nicht. Die HIV-Studien an New Yorker Pflegekindern liegen größtenteils davor, zwischen 1985 und 2005. Ob einzelne Vorgänge verjährt sind, außerhalb der Begnadigung fallen oder überhaupt einen Straftatbestand erfüllen, ist offen. Mord verjährt in den USA nicht. Ein Gericht hat diese Todesfälle aber nicht als Mord festgestellt. Die Akte begründet den Vorwurf noch nicht.
Fauci leitete von 1984 bis 2022 das National Institute of Allergy and Infectious Diseases. Unter dieser Leitung finanzierte das Institut einen erheblichen Teil der HIV-Studien, in die New Yorker Pflegekinder aufgenommen wurden. Es handelt sich nicht um gesunde Kinder, die man aus der Bevölkerung gegriffen hätte. Es waren HIV-positive Kinder aus dem Pflege- und Fürsorgesystem, viele von ihnen bereits schwer krank. Das macht die Studien nicht harmlos. Kinder in staatlicher Obhut können sich nicht selbst wehren, und der Staat, der sie verwahrt, öffnete zugleich den Zugang zur Forschung.
Die Studien sind dokumentiert, unabhängig von Kennedy. Das Vera Institute of Justice sichtete im Auftrag der New Yorker Administration for Children’s Services die Akten von 796 Kindern und identifizierte 532, die zwischen 1985 und 2005 an 88 klinischen oder Beobachtungsstudien teilnahmen. 65 dieser Studien erprobten neue Medikamente. NIAID und das National Institute of Child Health and Human Development finanzierten einen großen Teil. Die Associated Press hielt im Oktober 2021 fest, dass NIAID solche Studien finanzierte, und verwies auf Veras Befund zu den Todesfällen. Ob Fauci jede Förderung persönlich abzeichnete, lässt sich aus dem veröffentlichten Bericht nicht ableiten. Als Institutsleiter trug er die Verantwortung für das, was sein Haus finanzierte und beaufsichtigte.
Vera fand keinen Beleg dafür, dass Kinder ihren Familien weggenommen wurden, um sie in Studien einzuschreiben. Das wäre der härtere Vorwurf. Er ist nach dem vorliegenden Bericht nicht belegt. Pflegekinder sind damit noch kein Freiwild. Belegt sind fehlende oder nicht auffindbare Einwilligungsunterlagen, schlecht geführte Akten, Aufnahmen in Studien ohne die nach städtischer Policy vorgesehene Freigabe des Child-Welfare-Commissioners und Abweichungen von Verfahren, die Bundesrecht und Behördenrichtlinien verlangten.
Drei Kinder kamen in eine Phase-1-Studie, die der Commissioner nicht genehmigt hatte. Eine Recherche der Associated Press von 2005 hatte bereits gezeigt, dass ein erheblicher Teil der Pflegekinder nicht den damals vorgeschriebenen unabhängigen Fürsprecher erhielt. Ein Erwachsener entscheidet selbst über eine riskante Behandlung. Ein Kind kann das nicht. In staatlicher Obhut muss ein Vormund oder unabhängiger Fürsprecher dazwischentreten. Hier war der Staat zugleich Verwahrer und Türöffner der Studien.
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Von den 532 Kindern starben 80 während der Pflegezeit, 25 davon während einer Medikamentenstudie. Veras medizinisches Personal fand in den geprüften Unterlagen keinen Todesfall, der sich direkt auf ein Studienmedikament zurückführen ließ. 22 der 25 Kinder hatten vor Studienbeginn bereits mehrere Aids-bedingte Komplikationen. Die New York Times fasste das am 28. Januar 2009 so zusammen. Vera hatte keinen vollständigen Zugang zu sämtlichen staatlichen medizinischen Unterlagen. Wer aus der Coronazeit gelernt hat, wie Todesursachen zugeordnet und auch nicht zugeordnet werden, hat Grund zur Skepsis. Der Bericht liefert den direkten Kausalnachweis nicht. Er räumt die Todesfälle auch nicht aus der Welt.
Die BBC-Dokumentation Guinea Pig Kids von 2004 machte das Incarnation Children’s Center international bekannt und zeigte harte Bilder. Die BBC entschuldigte sich später teilweise und räumte ein, die Sendung habe die Medikamente als grundsätzlich nutzlos und gefährlich dargestellt und einen falschen Zusammenhang zwischen den Studien und dem Entzug elterlicher Rechte hergestellt. The Guardian berichtete am 23. Oktober 2007. Die BBC bestätigte nicht jede Beschwerde. Studien, Teilnahme der Pflegekinder und Lücken bei Einwilligung und Vertretung stehen unabhängig davon im Vera-Bericht.
Kennedy beruft sich auf die Journalistin Celia Farber und behauptet, auf dem Gate of Heaven Cemetery in Hawthorne, New York, sei ein verborgenes Massengrab mit zahlreichen kleinen Särgen entdeckt worden. Er verbindet diese Kinder mit den Studien und mit Fauci. Friedhofsunterlagen, Sterbeurkunden, Beerdigungsregister und eine Zuordnung der dort Beigesetzten zu den konkreten Studien liegen öffentlich nicht vor. Der Vera-Bericht bestätigt die Massengrabgeschichte nicht. Ein Gesundheitsminister hat andere Zugänge als ein Außenstehender. Solange er die Belege nicht vorlegt, bleibt die Behauptung unbelegt. Fauci hat 2026 die Auskunft verweigert. Die Behörden, die die Studien genehmigten, haben die vollständigen Primärakten nicht von sich aus offengelegt.
Offen liegt damit dies: Hunderte HIV-positive Kinder in staatlicher Obhut, bundesfinanzierte Medikamentenstudien mit Beteiligung der Pharmaindustrie, fehlende Einwilligungen, fehlende Fürsprecher, drei Aufnahmen in eine nicht genehmigte Phase-1-Studie und 25 Todesfälle während laufender Medikamentenstudien ohne von Vera festgestellten direkten Kausalnachweis. Die HIV-Studien fallen größtenteils vor den Begnadigungszeitraum. Die Akte ist unvollständig, und sie ist hart genug, dass man sie nicht mit einer viralen Friedhofserzählung ersetzen sollte.
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