Rainer Langhans: "Ich sterbe täglich. Prima!"

Im Jenseits dieses Kampfes ist es wirklich schön

von Alexander Wallasch

Von den 68ern zu Paul Brandenburg© Quelle: X/DocBrandenburg/Screenshot, Rainer Langhans, Montage: Wallasch

Rainer Langhans: „Willst du weiter in diesem ergebnislosen, in diesem Verliererkampf kämpfen, dich aufhalten? Oder willst du tatsächlich richtig leben, indem du dich aus diesen Kämpfen heraushältst und dich der großen Liebe zuwendest?“

Rainer Langhans, Mitbegründer der Kommune 1 und einer der prägenden Akteure der 68er-Bewegung, gehörte zu denjenigen, die mit gezielter Provokation und Tabubrüchen staatliche Reaktionen herausforderten und damit die Grenzen der damaligen Gesellschaft sichtbar machten.

Im Gespräch geht es um die Verhaftung des Publizisten Paul Brandenburg und die Frage, inwieweit sich heutige Formen der Systemkritik und Konfrontation mit dem Staat mit den Strategien und Erfahrungen der Apo-Zeit vergleichen lassen – und welche Rolle das bewusste Überschreiten von Grenzen damals wie heute spielt.

Der Publizist und Podcaster Paul Brandenburg wurde verhaftet. Er geriet durch seine scharfen verbalen Angriffe auf staatliche Repräsentanten ins Visier der Justiz. Siehst du darin eine moderne Variante jener Provokationsstrategie, mit der du und die Kommune einst Reaktionen des Staates sichtbar machen wollten?

Nein, wir wollten etwas ganz anderes. Wir wollten nur zeigen, dass es eine andere Welt gibt und dass diese Welt falsch ist, die uns die Leute immer vorhielten. Und deswegen wurden wir verfolgt, weil wir was anderes sahen, weil wir eine Möglichkeit sahen, zu lieben und richtig zu leben. Und das wurde als Provokation empfunden: Dass man sagt, das geht auch anders. Insofern würde ich sagen, ist das ein winziger Ableger vielleicht davon, dass jemand sagt, keine Impfung oder irgendwas und deswegen natürlich mit dem Staat aneinandergerät.

Das ist für mich schwierig, hier einen Vergleich zu sehen. Das ist so ein kleiner Ausschnitt von anderer Sichtweise im Verhältnis zu unserer Geschichte. Dass man das eigentlich kaum vergleichen kann.

Den Staat als faschistischen Staat zu betrachten, ist ja keine Erfindung der Coronamaßnahmen-Kritiker oder der Kriegskritiker heute. Das kommt ja aus den 68ern oder aus der Vor-RAF-Geschichte. Das sehe ich eng mit euch verbunden, den Staat als sehr repressiv wahrzunehmen und zu versuchen, ihn auch durch Sponti-Aktionen zu provozieren. Verhaftungen gab es ja auch, du hast ja selbst eingesessen …

Klar, aber wenn du sagst, es geht auch ganz anders, dann sagen die Leute: Du willst uns angreifen, du provozierst unsere Lebensweise und das lassen wir uns nicht bieten. Und dann kommen sie mit ihrem ganzen Krimskrams, um einen mundtot zu machen. Das ist klar.

So eine Impfkritikgeschichte mit den 68ern zu vergleichen, mit diesem Aufbruchsgefühl zu einem wahren Leben, das finde ich problematisch. Aber man kann natürlich sagen, innerhalb dieser Versuche, anders zu leben, die Dinge ganz anders zu sehen, ist das vielleicht ein kleiner Nachläufer.

Vielleicht habe ich es falsch formuliert. Brandenburg ist Systemkritiker, überzeugter Kriegsgegner, großer Gegner der Milliardenfinanzierung der Ukraine usw. Da kommt vieles zusammen – ein Fundamentaloppositioneller. Würdest du denn sagen, Meinungsfreiheit an Höflichkeiten gebunden ist? Meinungsfreiheit kann ja auch sehr ätzend sein für den Staat.

Na ja, klar.

Was passiert denn politisch, wenn ein Publizist den Staat bewusst bis an die Grenzen des Erträglichen reizt?

Ja, was passiert dann? Normalerweise bekommt er dann eine Anzeige oder irgend sowas. Wir dürfen ja immer noch sagen, was wir wollen und ganz anderer Meinung sein. Ob die Leute dem folgen, ist ja eine ganz andere Sache – in der Politik vor allem. Aber mein Gott, ja, kann man machen. Aber viel Erfolg folgt darauf erst mal nicht.

Das wäre die nächste Frage. Ist denn diese Art der Provokation erledigt? Ist das was von gestern? Würdest du dem noch eine Wirkmacht zubilligen, diesem Aufbegehren, diesem Lautwerden, diesem Fritz-Teufel-artigen Gestus? Hat das heute überhaupt noch eine Chance? Ist das ein politisches Mittel der Wahl, um den Mächtigen immer wieder auf die Füße zu treten?

Natürlich sollte man immer weitermachen. Nur sehr wirksam ist es zunächst nicht. Es sei denn, du versammelst sehr viele Leute hinter dir und versuchst dann mithilfe meistens einer Gemeinschaftsbildung dann irgendwie dem auch politisch Druck zu verleihen.

Diese Dinge gibt es seitdem natürlich sehr viel, aber viel kommt leider nicht dabei raus. Zum Beispiel diesen Krieg in der Ukraine, dass wir den so wahnwitzig unterstützen. Sind wir verrückt geworden? Ja, das machen die Leute einfach. Was willst du jetzt dagegen machen? Du kannst publizistisch dagegen angehen, um dann auf die Politik einzuwirken zu versuchen, dass sie diesen Irrsinn aufhören. Aber schwierig. Sicher kannst du sagen: Ja, furchtbar alles und die beschimpfen. Aber das nützt erstmal nicht viel.

Nun ist ja das Einsitzen im Knast automatisch eine Märtyrerrolle. Das will niemand. Baader und Meinhof waren im Knast am wirkmächtigsten vielleicht.

Schon, aber die haben ja mehr gemacht, als nur eine Meinung zu äußern als Abweichung vom Üblichen. Die haben dann schon – wie sich das hinterher nannte – Bandenbildung betrieben, haben Autos geklaut, sind damit durch die Gegend gefahren und haben Leute versucht, ebenfalls dazu zu animieren. Also das ist schon ein bisschen mehr als so eine Sache mal anders hinzustellen, als sie ist.

Aber diese Verhaftung gab es ja schon vor der RAF, dass da Leute eingeknastet wurden. Du, du musstest auch ein paar Tage einfahren. Das war ja auch Protestpotenzial. Rückblickend hat sich der Staat mit dem Festsetzen von Oppositionellen nicht immer einen Gefallen getan, oder?

Nein, natürlich nicht. Wir hatten ja konkrete Dinge gemacht oder sie haben sich konkrete Dinge da zusammengereimt und haben uns dann vor Gericht gebracht. Konkret haben wir Flugblätter verfasst, die uns als „Anstiftung zur menschengefährdenden Brandstiftung“ ausgelegt wurden. Und haben die dann behauptet, ja, das würden Leute irgendwie ernst nehmen.

Da wurden dann viele Leute vor Gericht zitiert – Literaten wie Günter Grass –: Ja, das ist doch Satire! Und dann, drei Wochen später, sind sie tatsächlich in Kaufhäuser gegangen in Frankfurt. Das sind halt diese Spielformen. Ein Flugblatt oder eine Art von Manifest ist halt, wenn es ernst genommen würde, ist natürlich etwas, das die Leute aufregt, wenn da jemand über die Meinungsfreiheit hinaus verdächtigt wird, dass er damit Leute auch erreicht. Das ist seitdem natürlich alles sehr üblich und ob sowas strafwürdig ist, also ob man dann eine Anzeige erstattet oder einen vor Gericht zieht, das sind alles Sachen, die kennen die viel besser inzwischen.

Zumal es bei Brandenburg nur um Beleidigung geht. Nun hast du ja den großen Vorteil, auch altersbedingt, dass du ein viel größeres Spektrum überblicken kannst. Du bist ja in einer Zeit groß geworden, wo der politische Gegner noch Konrad Adenauer hieß oder Willy Brandt. Wenn du die Adenauer-Regierung mit der Merz-Regierung vergleichst, wer ist da repressiver?

Ich würde schon sagen, dass die Adenauers sehr autoritär waren, also sehr viel stärker reagiert haben, wenn jemand gesagt hat, wir wollen es anders. Dagegen ist ja Merz harmlos. Aber das waren damals andere Zeiten. Und die haben sich erst langsam daran gewöhnen müssen, dass die Leute mehr sagen, als nur sich alles gefallen zu lassen. Das hat sich schon geändert und verbessert. Das ist durch die 68er sehr stark verändert worden.

Aber wenn ich das persönlich nehme, würde ich sagen, mir sind meine Bankkonten gekündigt worden. Ich werde von Diensten verfolgt. Die Landesmedienanstalten wollen meine Seite schließen und wollen Strafgelder. Google-Werbung wird mir abgeschaltet. Man wird im Wohnviertel verfolgt: In meiner Straße wurden Plakate mit meinem Gesicht an die Laternen geklebt: „Ist Ihr Nachbar ein Faschist?“ Das hat in den 68ern noch die Bildzeitung erledigt.

Das kann man laut sagen (lacht).

Ihr habt ja damals auch mit Tabubrüchen gearbeitet. Brandenburg macht das heute auf seine verbale Art, mit einer aggressiven politischen Sprache, wie es das Medium Internet eben möglich macht. Hat sich hier auch die Funktion der Provokation grundlegend verändert? Ihr habt ja vieles durchgesetzt für viele. Also wie kann man den Staat heute noch herausfordern? Was tun, wenn wir diesen Krieg nicht wollen? Wir wollen nicht, dass hier unsere Sicherheitsarchitektur zerstört wird usw. Du bist der Ältere. Du musst den Jüngeren ein paar Tipps geben bitte.

Hm, wie kann man ihn da provozieren?

So ein friedliches Sit-In wie früher macht ja keinen Sinn …Nein, das haben die alles erlebt und wissen inzwischen, wie man damit umgeht. Das geht nicht mehr so wie früher.

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Oder ist eine komplette Verweigerungshaltung der Weg, dass man sich komplett entzieht, dass man tatsächlich die Reise ins Ich versucht, an der ihr so lange gearbeitet habt. Wie sind denn deine Erfolge? Ihr habt ja den politischen Kampf gegen den Staat an einer Stelle abgelehnt und habt begonnen, an euch selbst zu arbeiten. Die These ist ja: Erst wenn ich den Menschen von innen verändere, kann ich das Außen verändern. Wo sind die Erfolge, Rainer?

(Lacht) Die Erfolge sind, dass ich heute glücklich bin mit diesem ganzen Kram, auch mit meiner Vergangenheit, weil ich wirklich gesehen habe, es geht nicht um Kämpfen. Da hast du schon verloren, wenn du da überhaupt drauf einsteigst.

Alle anderen kämpfen. Das ganze normale Leben ist ein Kampf bei uns. Und wenn du siehst, dass du in diesen Kämpfen nicht wirklich viel erreichst – im Gegenteil sogar im Grunde genommen immer wieder verlierst, weil wenn du kämpfst, hast du schon verloren – dann hilft es nur, indem du aus diesem Kampf aussteigst.

Und das ist das, wie du schon richtig sagst, das ist dieses nach innen gehen. Und da ist man dann im Jenseits dieses Kampfes und da ist es wirklich schön. Da ist dann das, was wir damals einen Augenblick lang erlebt hatten. Und das ist tatsächlich immer noch und immer wieder Wirklichkeit. Nämlich Liebe, allumfassende Liebe. Und das ist etwas, was eben in diesen kämpferischen Zusammenhängen, die unser Normalbewusstsein die ganze Zeit über bedient – nach deren Pfeife tanzt – ist das nicht zu haben.

Und da haben wir wohl gelernt, dass nicht die Welt zu verändern ist, sondern wir, die wir immer wieder auf diese Welt einsteigen. Und wenn wir das nicht mehr tun, dann gibt es für uns zumindest diese Welt nicht mehr. Wenn das viele tun, dann werden auch viele diesen Umstieg ins wirkliche Leben – das ja nicht in diesem kämpferischen Leben ist – versuchen. Und das werden dann auch die Politischen, also die Normalen, die hiergeblieben sind, merken.

Aber das ist ein langer Prozess und da habe ich mich damals auf den Weg gemacht und heute bin ich damit sehr zufrieden. Ich sterbe täglich. Prima! Also raus aus diesen ganzen Zusammenhängen. Da ist wirklich ein besseres Leben.

Das Bewusstsein bestimmt an der Stelle wirklich das Sein? Ist das das Fazit?

Natürlich Alexander, vom Bewusstsein kommt das Sein überhaupt her. Jeden Tag, jeden Morgen, muss ich diesen Körper da irgendwie programmieren auf den Tag und mich dann damit beschäftigen – muss ihn hochfahren erstmal.

Das ist alles eine Sache des Bewusstseins. Und wie weit ich da mich dem Kampf entziehen kann, der hier in dem normalen Körperbewusstsein gegeben ist, das ist dann eine Frage der persönlichen Entwicklung. Ob du das schaffst, wie weit du das schaffst und wie oft du das hinkriegst. Aber das geht und das ist gut. Und das ist wirklich gut.

Aber das ist ja erst einmal für die Gesamtgesellschaft wenig relevant. Das kann ja erst Kriege verhindern, wenn es eine Massenbewegung wird. Aber da sind wir ja weit entfernt von …Das ist die Frage! Warum sind da nicht mehr Leute auf dem Weg? Natürlich wird da nicht groß drüber geredet, weil man kann das nicht politisch benutzen und damit fällt es aus der politischen Aufmerksamkeit raus.

Aber ich glaube, dass sich sehr viele Leute inzwischen damit beschäftigen. Nur das ist leise. Das ist nicht dieses laute, kämpferische Polit-Zeug. Sondern das ist etwas Leises, was ein paar Leute machen müssen.

Jetzt kann man sagen: Ja, das werden sowieso nicht viele sein, und die werden auch nichts ausrichten, wenn das drei Leute sind. Dann kann man natürlich immer sagen. Aber ich würde sagen: Dann musst du gucken, wie du sein willst. Willst du weiter in diesem ergebnislosen, in diesem Verliererkampf kämpfen, dich aufhalten? Oder willst du tatsächlich richtig leben, indem du dich aus diesen Kämpfen heraushältst und dich der großen Liebe zuwendest?

Das sind eben Fragen, mit denen wir konfrontiert waren. Und ich habe mich dafür entschieden, aus dieser Kampfzone auszusteigen und mich stattdessen in diesen liebevollen – was ja damals unsere 68er-Erfahrung ausgemacht hat in Wirklichkeit – Sphären zu befinden. Da kann man hinkommen.

Damals schien es so, als ob wir da nie wieder hinkämen. Und viele Leute sagen: Ja, 68, das wäre toll, das müsste es wieder geben. Sie können das. Aber wenn sie sich damit abfinden, dass das von außen kommen muss, nicht von ihnen und in ihnen, dann wird es wahrscheinlich schwierig aussehen.

Ich hatte jetzt ein bisschen das Gefühl, du hast dein Licht unter den Scheffel gestellt. Du bist ja nicht nur introvertiert, du gehst klar nach außen, du gibst Interviews. Und vielleicht kann ich mit Blick auf Brandenburg mal dran erinnern. Du hast ja ein langes Gespräch geführt mit Michael Ballweg, der saß brutale neun Monate im Knast, da habt ihr euch unterhalten, ausgetauscht. Er hat im Knast gelernt zu meditieren usw. Also was kann man Paul Brandenburg empfehlen, wenn er da noch ein paar Tage sitzen muss?

Ja, das kann wie bei Ballweg auch dazu führen, dass jemand auch die Meditation, also das weiter nach innen gehen übt. Also nicht bloß darüber nachdenken, sondern eben wirklich mit Übungen beginnen. Und dann hätte das einen Sinn gemacht, dass du eine solche Auszeit gekriegt hast (lacht).

Wir haben die Postanschrift von Paul Brandenburg. Ich kann ihm ein Buch schicken. Was ist deine Empfehlung?

(Überlegt) Ich habe ja ein Buch geschrieben, fang doch damit an (lacht).

Gut, dann machen wir das mal anders als der Otto Schily, der hatte dem Mahler Hegel in den Knast geschickt. Das hat dann aber genau das Gegenteil bewirkt.

(Lacht)

Danke für das Gespräch!

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