Lob des Sohnes

In angenehmer Atmosphäre: Mit Weimer beim Mohnkuchen im KZ Dachau

von Alexander Wallasch (Kommentare: 3)

Wolfram Weimer ist als Kulturstaatsminister untragbar geworden© Quelle: Pixabay/ Naturell, Wikipedia/Weigend CC BY-SA 3.0, Montage: Wallasch

Pünktlich deutsch mit dem Audi-Verbrenner vorfahren, warme Mäntel, Mohntorte im Besucherzentrum: Die „Welt“ begleitet Wolfram Weimer auf Gedenkstätten-Werbetour – und serviert nebenbei eine Homestory für den eigenen „Chief of Staff“ Valentin Weimer. Ein Stück Kuchen, so zuckrig-verlogen wie die gesamte Erinnerungspolitik dieses Mannes.

In der Chefetage der „Welt“ ist Weimers Sohn Valentin als „Chief of Staff“ beschäftigt und er ist es nicht viel länger, als sein Vater Kulturstaatsminister ist. Die „Welt“ hat jetzt eine Art Homestory „Unterwegs mit Wolfram Weimer“ veröffentlicht. „Welt“-Feuilleton-Redakteur Marc Reichwein verabredete sich mit dem Kulturstaatssekretär im KZ Dachau – für Weimer eine Herzensangelegenheit.

Zuletzt hatte er eine „Kulturbauten-Offensive“ angekündigt. Die KZ-Gedenkstätten in Dachau und Flossenbürg sollen von der Bundesregierung 21,8 Millionen Euro erhalten.

Dabei klingt „Modernisierungsvorhaben“ merkwürdig. Man modernisiert ja keine KZ-Baracken, damit das Grauen weniger grauenvoll ausschaut. Oder doch? Tatsächlich geht es, wie die „Welt“ berichtet, um „die Neugestaltung der rekonstruierten Häftlingsbaracken, die mit 17,5 Millionen gefördert werden soll“.

Für den Kulturstaatsminister sind Gedenkstätten wie in Dachau „Grundpfeiler des demokratischen Selbstverständnisses“. Erinnerung sei, so Weimer, „unsere stärkste Antwort auf Extremismus“. Das war vor zehn Tagen. Mit dabei sein durfte das Feuilleton der „Welt“. Da sagt man in der anschließenden Berichterstattung erst einmal artig Danke zum Kulturstaatsminister, der ja über Sohn Valentin irgendwie mit zur großen „Welt“-Familie gehört – so fühlt es sich jedenfalls an, wenn man mitliest:

„Die Debatten um Wolfram Weimer verdecken, dass der Kulturstaatsminister Akzente setzt: Rekordetat erkämpft, gegen Big Tech in den Ring gestiegen, die identitätsstiftende Wirkung großer Kulturinstitutionen erkannt. Wir haben ihn einen Tag lang begleitet.“

Aber wie schreibt man über einen KZ-Besuch? Die „Welt“ beginnt so: „Ein klarer, kalter Novembermorgen.“ Von den warmen Mänteln der Gedenkstättenleitung ist die Rede. Dann kommt schon der Staatssekretär ums Eck: „Auf die Minute genau fährt ein dunkler Audi mit dem Kennzeichen B-KM vor, Wolfram Weimer steigt aus.“

Die Fallstricke liegen hier überall. Warmer Mantel – da denkt man an die frierenden Häftlinge in ihren kalten Baracken oder an den Film „Der Junge im gestreiften Pyjama“. Und wenn Weimer überpünktlich ist, an deutsche Pünktlichkeit, industrielle Vernichtung, das Uhrwerk läuft – so in etwa? Und mit Audi fangen wir erst gar nicht an; die haben im Moment mit dem Verbrenner schon genug Probleme.

Hier wird Geld in die Erinnerung investiert. Aber wenn sich Menschen erinnern, dann bitte richtig und nicht wie diese Corona-Nazis, die „Ungeimpft“ auf gelbe Davidsterne schrieben und diese dann an ihre Jacke nähten. Oder jene, die behaupteten, dass die Bundesregierung Ungeimpfte wieder in Lager stecken wolle. Dafür gab es empfindliche Strafverfahren, während in Australien die ersten Internierungslager für Ungeimpfte vorgestellt wurden, die sich später „Quarantäne-Lager“ nannten.

Wer mit Konzentrationslager nur die Vernichtung der deutschen und europäischen Juden verbindet, den erinnert der Katholik Wolfram Weimer an den Priesterblock in Dachau, den der Kulturstaatsminister auf seiner Stippvisite unbedingt noch mitnehmen will, wie die „Welt“ berichtet. Apropos Relativierung der Judenvernichtung …

Und dann ist es schon Zeit für die Enzmann-Wilhelm-Gastronomie GmbH, die ein Café und Bistro im Besucherzentrum des KZ betreibt. Dort werden „kalte Getränke, Frühstück, Kuchen, Snacks und Hauptgerichte zu vernünftigen Preisen“ und, so heißt es weiter, „in einer angenehmen Atmosphäre“ gereicht.
Verschnaufpause vom Grauen.

„Der Staatsminister hat ein Stück Mohntorte geordert“, so erzählt die Zeitung ihren exklusiven KZ-Besuch weiter. Beim Mohnkuchen wird es intimer, emotionaler – die Zwischenüberschrift lautet: „Unter vier Augen im Café“, und es will klingen wie ‚kuscheln am warmen Ofen‘.

Bei diesem „Gespräch unter vier Augen“ mit der „Welt“ wechselt Weimer die Rolle. Er ist jetzt nicht mehr Kulturstaatsminister, nicht mehr der Medienschaffende. Aus der Priesterbaracke kommend ist Weimer jetzt Weimer der Priester. Oder wie es die „Welt“ schreibt: „Weimer, jetzt als Katholik“.

So emotionalisiert vom Dachau-Grauen erinnert sich Weimer an seine Großmutter, „eine gläubige Bäuerin“, der von den Nazis Ärger angedroht worden sei, weil sie sich geweigert habe, „ein Kruzifix aus dem Fenster zu nehmen und durch ein Bild von Adolf Hitler zu ersetzen“. Noch ein Demokratiemoment des kleinen Wolframs als Initial für den großen Wolfram?

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Alexander-Wallasch.de hatte solchen Kindheitserinnerungen von Weimer nachgespürt, nachdem der sich für „Deutschlandfunk Kultur“ im Format „Mein Demokratiemoment“ erinnerte, die Nelkenrevolution in Portugal erlebt zu haben, während er aber längst wieder daheim in Deutschland zur Schule ging.

„Religion“, sagt Weimer mit Mohnkrümeln im Mundwinkel in einer „angenehmen Atmosphäre“ im KZ Dachau, „schütze vor politischer Indoktrination“. Weimer will hier sagen, dass gläubige Christen niemals richtige Nazis sein können, aber dieses katholische Whitewashing ist schon bei Horst Mahler ganz furchtbar gescheitert.

Und man überlegt, warum diese persönliche Reportage „Mit Weimer in Dachau“ so bedrückend gerät, wo sie nur locker plaudern will. Schon deswegen? Ja doch, auch zur Staatsaffäre Weimer äußert sich der Kulturstaatsminister gegenüber dem Arbeitgeber seines Sohnes Valentin: „Beim Kuchenessen sagt Weimer, dass er sich keine Illusionen gemacht habe: ‚Du wirst schärfer angeguckt, härter kritisiert.‘“

2024 sammelte Weimer Autoren für sein Buch „Lob des Sohnes“ zusammen – von Kafka bis Kästner – und schrieb als Herausgeber über diese Sammlung:

„Die Hälfte der Menschheit ist Sohn. Ein Gutteil der anderen Hälfte hat Söhne. Sohn sein und Sohn haben ist das Normalste der Welt – und doch ein Heiligtum des Lebens. (…) Das Buch über die Söhne ist wie das Leben mit den Söhnen: großartig.“

Dieser merkwürdige ‚Mohnkuchen-im-KZ‘-Artikel beantwortet zwischen Käffchen und Streusel auch die Frage, warum Weimer nach den Recherchen von Alexander-Wallasch.de so in die Kritik geraten ist:

„Vielleicht, weil sich der parteilose Weimer als Mann der Mitte versteht, liberal-konservativ, und die extremistischen Ränder als Autoritarismus bekämpft?“

Aber die „Welt“ unter Herausgeber und „Shitbürger“-Autor Ulf Poschardt geht noch weiter: Noch kein Beauftragter für Kultur und Medien sei jemals „so aktiv Medienminister“ gewesen.

Der KZ-Besuch mit Weimer hat den Welt-Redakteur versöhnlich gestimmt. Denn richtig hätte es ja heißen müssen: Nach den Enthüllungen rund um Weimers Medienmüll-Imperium und die schwerwiegenden Urheberrechtsverletzungen samt mehrerer Unterlassungserklärungen der Weimers stürzte sich der Kulturstaatsminister in eine panisch-manische Aktivität mit dem Ziel, die negativen Schlagzeilen mit einbestellten Gefälligkeitsartikeln zu überladen – so wie die sizilianische Mafia ihren Leichen auf der Müllhalde von Palermo einfach zukippen lässt.

Wolfram Weimer meint gegenüber der „Welt“: „Erinnerungspolitik ist zentral, ohne sie kann es keinen Kampf gegen den Antisemitismus geben.“ Aber wie glaubwürdig kann das sein von jemandem, der partout nicht an sein Leben vor dem Staatsministerposten erinnert werden mag, der sich selbst so schwertut, sich präzise zu erinnern? Plauderstunde und Kulturbrainstorming im KZ Dachau.

Und weil Weimer beim Mohnkuchen wohl merkt, dass auch hier wieder jede Menge neue Fallstricke lauern, will Weimer es am Ende selbst gar nicht mehr gewesen sein:

„Unser Gespräch im Café endete übrigens mit einem Gag, den er seit Launch seines digitalen Alter Egos schon mehrmals gemacht hat: ‚Ich finde es toll, dass Sie gar nicht gemerkt haben, dass der wahre Weimer gar nicht hier sitzt.‘“

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