Martin K. Burghartz ist intimer Kenner des Iran, er ist auch familiär eng mit dem Land verbunden. Burghartz ist Agenturgründer mit dem Hauptaugenmerk auf PR- und Politikberatung. Ein Schwerpunkt ist die Kommunikationsberatung im Zusammenhang mit Aktivitäten im Iran. Er ist Mitglied im DFJV und im Presseclub und in diversen Arbeitsgruppen von Verbänden aktiv.
Wir sprachen mit ihm unmittelbar nach Bekanntwerden der israelischen und amerikanischen Luftschläge gegen den Iran.
Hier geht es zum Originaltelefonat.
Sie kennen den Iran seit vielen Jahrzehnten. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage heute Morgen im Iran ein?
Das Chaos ist jetzt durch diesen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg programmiert. Es passiert zum zweiten Mal, dass der Iran von Israel und jetzt auch von Israel und den USA überfallen wird. Beim ersten Mal waren die USA aber auch schon dabei. Das Chaos ist also programmiert, es weiß keiner, was dabei herauskommt.
Der amerikanische Präsident spricht schon vom Blutzoll für die amerikanischen Soldaten. Das klingt danach, dass man dort die großen Waffen rausholen will. Was das dann ergibt, ist noch vollkommen ungewiss. Ich befürchte, dass es sehr, sehr viele Tote geben wird. Und es wird auch eine riesige Flüchtlingswelle geben, die natürlich logischerweise auch dann wieder Europa trifft.
Glauben Sie an einen spontanen Aufstand der Menschen? Welche Gruppen könnten das am ehesten?
Das wage ich aus eigener Erfahrung zu bezweifeln. Die Amerikaner sind ja auch nicht gerade beliebt im Iran. Sie haben 1953 die Demokratie im Iran zerstört. Die Amerikaner waren immer feindselig. Es gibt amerikanische Sanktionen. Ich wüsste nicht, warum wegen der Äußerungen von Trump das iranische Volk auf eine amerikanische Befreiung gehofft hat. Das ist natürlich dummes Zeug.
Was man jetzt nicht weiß: Die Iraner sind natürlich durch die Sanktionen auch sehr gebeutelt. Es ist auch eine große Armut da. Es ist eine große Arbeitslosigkeit da und es ist ein riesiges Vakuum.
Ich wüsste auch gar nicht, was für eine Staatsform dort jetzt existieren sollte. Auch der Schah, was jetzt viel von den Exil-Iranern gesagt wird, ist natürlich überhaupt nicht beliebt. Das ist ebenfalls bekannt. Und alle meine Freunde haben gesagt: Den wollen wir auf gar keinen Fall haben. Das ist auch ein großes Thema. Die Frage ist: Was kommt danach?
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Welchen Rückhalt haben die Mullahs in der Bevölkerung?
Die Mullahs haben mit Sicherheit keinen großen Rückhalt in der Bevölkerung. Auch das ist bekannt. Es gibt einen Unterschied zwischen Teheran, zwischen den städtischen und den ländlichen Regionen, wie überall in der Welt. Da sind zum einen die Teheraner, die sehr lange dem Schah hinterhergetrauert haben. Und in ländlichen Regionen wie Isfahan sind sie überwiegend islamisch geprägt.
Nein, die Mullahs sind nicht beliebt. Es hat einen großen wirtschaftlichen Niedergang dieses Landes gegeben. Aber nochmal, die Frage ist: Was kommt danach? Wenn wir uns Irak, Syrien und weitere Kriege anschauen, welche die Amerikaner ja geführt haben, dann gab es da nie ein Plan. Danach war das Chaos größer als vorher. Und das befürchte ich leider auch für den Iran.
Andererseits: Der Iran hat 90 Millionen Einwohner. Das sind keine Stämme, das ist ein ganzes Volk. Also die nächste Frage: Wie verhält sich ein ganzes Volk, wenn es dermaßen massiv von außen angegriffen wird? Ich denke mal, da wird ein Solidarisierungseffekt entstehen und der ist nicht das, was sich die Amerikaner und die Israelis erhoffen.
Was ist Israels Rolle hier?
Die Rolle Israels ist im Grunde genommen klar. Die Israelis sind seit Jahren der Hauptaggressor im Nahen Osten, das muss man wirklich sagen. Sie haben im Grunde genommen als einzige Atomwaffen. Sie haben die ganze Unterstützung der USA. Sie haben gerade im Gaza-Krieg 100.000 Menschen auf dem Gewissen, davon 20.000 Kinder.
Israel schlägt um sich und Netanjahu macht, was er will. Das ist eine Rolle, die von der Weltpolitik her nicht kritisiert wird. Offensichtlich nehmen wir das alles so hin: völkerrechtswidrige Kriege und auch hunderttausendfache Tote.
Was kann der Iran jetzt entgegensetzen? Was befürchten Sie?
Ich befürchte, der Iran kann nicht viel entgegensetzen. Auch wenn sie das schaffen, die amerikanischen Stützpunkte anzugreifen, da wird die Reaktion aus Amerika noch viel schlimmer sein. Das heißt, die iranische Zivilbevölkerung wird leiden. Die Bombardements werden nicht unterscheiden zwischen strategischen und zivilen Zielen, sondern die werden so lange bomben, bis auch die Zivilbevölkerung praktisch im Ganzen aufgibt, zumindest in den großen Städten. Das wird so sein.
Der Iran ist nicht in der Lage, militärisch dem etwas entgegenzusetzen, was die USA und die Israelis aufbieten. Das ist gar kein Thema.
30 Jahre Warnung vor der iranischen Atombombe – Was ist wirklich dran?
Na ja, man muss ja feststellen, dass in der Vergangenheit sämtliche internationalen Organisationen bis zu einem gewissen Punkt gesagt haben: Der Iran hält sich an die Auflagen. Das war unbestritten. Bis ein Herr Trump dieses Abkommen, was ja auf gutem Wege war, einfach aufgekündigt hat ohne Grund. Das ist grundlos aufgekündigt worden zum Entsetzen aller Organisationen, auch neutraler Organisationen, die dieses Atomprogramm im Iran ja beobachten durften, auch innerhalb des Landes.
Es ist ohne Not aufgekündigt worden. Hätte man das fortgeführt, wäre Sicherheit gewesen vor iranischen Atombomben. Das hat man einfach nicht mehr gewollt. Ich glaube, die Situation, die jetzt da ist, wollte man auch so herbeiführen.
Danke für das Gespräch!