Das vollständige „Spitzengespräch“ als Video finden Sie hier
Richard David Prechts zentrale Positionen – Auszüge und Paraphrasen aus dem "Spiegel"-Gespräch:
„(Wenn die) Amerikaner bombardieren, das hat doch nichts mit der Befreiung der irakischen Bevölkerung zu tun. Wenn einer große Schuld daran trägt, dass der Iran sich nicht liberal und demokratisch hat entwickeln können, dann sind es die Vereinigten Staaten. Als Sie damals Mossadegh gestürzt haben und den Schah an die Macht gebracht haben, als Sie Khomeini unterstützt haben, aus Angst, dass die Mossadegh-Leute wieder drankommen. Wir haben bei Trump in Venezuela gesehen: überhaupt kein Interesse an der Befreiung der Bevölkerung von einem Unrechtsregime. Das ist doch garnicht das Ziel. Darum geht es ja gar nicht.“
Precht erklärte weiter, der Bundeskanzler stelle sich so hin, als handele es sich bei den amerikanischen Bombardierungen um eine Art humanistische Intervention, deren eigentlicher Grund die Befreiung des iranischen Volkes sei. Sowohl Pete Hegseth als auch Rubio hätten jedoch ganz klar und unmissverständlich gesagt, dass man kein Regime Change wolle. Er wisse auch genau, warum die Amerikaner das nicht wollten.
„Man muss sich mal vorstellen, es käme zu einem Regime Change. Und stellen wir uns wirklich mal vor – mit ganz, ganz, ganz viel Glück –, es kommt nicht zu zwanzig Jahren Bürgerkrieg, sondern es gelingt – wie auch immer schwierig genug, sich das vorzustellen –, dass da eine liberal demokratische Entwicklung einsetzt, dass das Land wirklich befreit wird. Ein Land mit so einer großartigen Bevölkerung, mit wahnsinnigen Bodenschätzen, das wird innerhalb kürzester Zeit ein Global Player. Das will niemand! Das haben die Amerikaner versucht über Jahrzehnte zu verhindern. Das wollen die Türken nicht, das wollen die Saudis nicht.“
Precht betonte, im Grunde genommen hätten diejenigen, die dort Krieg führten, gar kein Interesse an der Entwicklung des Iran und schon gar nicht an der Befreiung des iranischen Volkes. Deshalb ärgere es ihn, wenn der Bundeskanzler sich hinstelle und sage, er finde es unter humanistischen Gesichtspunkten gut, was dort gemacht werde – so als ginge es in diesem Krieg tatsächlich darum.
„Also wenn man (sich) jetzt anschaut, wohin die Tendenz geht, dann kann man sagen, die regelbasierte Weltordnung, die uns noch vor sehr kurzer Zeit sehr, sehr wichtig war und die wir auch immer groß angeführt haben, zum Beispiel um den Völkerrechtsbruch des Angriffskrieges von Russland in der Ukraine zu verurteilen. Die scheint uns allen jetzt mehr oder weniger nicht mehr viel wert zu sein. Wenn ich ‚uns allen‘ sage, muss ich löbliche Ausnahmen dazu zählen: Die Spanier haben den USA nicht erlaubt, ihre Militärstützpunkte zu nutzen. Aber in Deutschland scheint es so zu sein, dass wir uns damit abfinden, dass nicht mehr die Stärke des Rechts zählt, sondern das Recht des Stärkeren und meinen, uns an das anpassen zu müssen. Insofern ist es um das Völkerrecht nicht gerade gut bestellt.“
Er führte aus, die Liste der Völkerrechtsbrüche der USA beginne nicht erst im letzten Jahr mit den Schlägen gegen das iranische Atomprogramm, sondern ziehe sich durch die gesamte Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg – vom Koreakrieg über den Vietnamkrieg bis hin zum Irakkrieg unter George W. Bush und darüber hinaus. Die USA hätten sich immer als Exzeptionalisten das Recht herausgenommen, im Zweifelsfall nicht an das Völkerrecht gebunden zu sein. Früher habe man gehofft, das ändere sich, doch es gehe in die Gegenrichtung.
„Und das große Problem, was wir dabei haben, ist, wenn wir Ausnahmen machen und ich selber entscheiden darf, was eine legitime Ausnahme ist – man ist immer so bedroht, wie man sich gerade fühlt –, dann öffnen wir den Verbrechern dieser Welt Tür und Tor. Dann haben wir auch kein Argument mehr, gegen Wladimir Putin vorzugehen und den Völkerrechtsbruch in der Ukraine anzuprangern, wenn unsere Seite das von ihrer Seite ebenfalls macht. Letztlich ist dieser Schulterschluss mit Trump auch ein Schulterschluss mit den Putins dieser Welt, weil auch Putin hat am 8. Mai 2022 seinen Angriff auf die Ukraine gerechtfertigt mit Selenskyj Ankündigung auf der Münchener Sicherheitskonferenz im Januar 2022 aus dem Budapester Memorandum auszusteigen und Atomwaffen zu stationieren. Und er hat gesagt, das ist ein Präventionskrieg gegen die atomare Aufrüstung der Ukraine.“
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Precht stellte klar, man wisse, dass Putin viele andere Gründe gehabt habe. Dennoch könne nun jeder überall auf der Welt nach eigenem Gutdünken eingreifen, indem er behaupte, er fühle sich bedroht. Das bedeute, dass das Völkerrecht, wie wir es kennen, dysfunktional geworden sei. Artikel 51 der UN-Charta sei natürlich ebenso wichtig wie Artikel 2: Ein Land, das unmittelbar vor einem Überfall stehe, dürfe sich wehren. Doch wer sich auf Artikel 51 berufe, trage die Beweislast, dass ein solcher Angriff tatsächlich unmittelbar bevorstehe. Nach dem, was man über das iranische Atomprogramm wisse, fehlten dafür die Indizien.
„Das, was Donald Trump erzählt: Der Iran ist kurz davor, die Bombe zu zünden oder in die USA zu schicken, ist natürlich Blödsinn. Das heißt also der Grund für den gegenwärtigen Angriff ist mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Tatsache, dass die Iraner kurz davor stehen, eine Atombombe gen Israel zu schicken. Und damit zieht der 51 nicht. Mein Verdacht ist, dass der Grund, warum die USA im Iran bombardieren, weder etwas mit der Freiheit der iranischen Bevölkerung zu tun hat, noch allzu viel mit dem iranischen Atomprogramm, sondern dass wir es hier mit imperialistischer Machtpolitik zu tun haben. Wir dürfen nicht vergessen: sehr, sehr viel des iranischen Öls geht an China, und zwar zu Dumpingpreisen. Das ist den Amerikanern ein ganz großer Dorn im Auge. Und es wäre natürlich schön, wenn man neben den ganzen gezeigten Militärbasen vielleicht auch irgendwann mal eine im Iran hätte, was ein ganz interessantes geostrategische Drehkreuz ist.“
Precht äußerte, er halte Donald Trump weder für sensibel noch humanistisch genug, um schlaflose Nächte wegen des Schicksals der Iraner zu haben. Er glaube nicht, dass diese Grundvoraussetzung überhaupt gegeben sei. In der Realität hätten Interventionen unter dem Banner der Freiheit – Vietnam, Irak – fast immer zu jahrzehntelangem Leid geführt, statt die Bevölkerung wirklich zu befreien. Das Völkerrecht mit seinen beiden Eckpfeilern – territoriale Integrität und Selbstverteidigungsrecht – sei eigentlich gut konstruiert, doch die UNO sei handlungsunfähig und reformunfähig zugleich. Er kritisierte scharf die unterwürfige Haltung gegenüber Trump und warnte, dass Europa dadurch seinen eigenen moralischen Kompass und seine Eigenständigkeit aufs Spiel setze. Am Ende betonte er, eine echte Befreiung des Iran könne nur vom iranischen Volk selbst kommen; von außen sei sie extrem kompliziert und riskant. Dafür bräuchte es eine glaubwürdige Alternative sowie Amnestie- und Perspektivangebote für Teile des alten Regimes, sonst drohe ewiger Bürgerkrieg.
(Der Text ist eine redigierte, in Teilen wörtlich zitierte und in Abschnitten indirekt wiedergegebene Zusammenfassung der zentralen Beiträge von Richard David Precht aus dem SPIEGEL-„Spitzengespräch“ vom 4. März 2026. Der Text dient der öffentlichen Diskussion und respektiert urheberrechtliche Grenzen durch die Mischung aus Zitat und Paraphrase.)