Nach „Aufstehen“-Bewegung scheitert auch „Populäre Linke“: Mangel an Glaubwürdigkeit?

Jetzt ist mal gut: Wagenknecht und Lafontaine – Ein langer, zäher Abschied

von Alexander Wallasch (Kommentare: 3)

Wer Michael Ballwegs große Demonstration auf der Straße des 17. Juni Ende August 2020 erlebt hat, der bekam eine Ahnung davon, welche Kraft von einer entschlossenen Opposition tatsächlich ausgehen kann.© Quelle: Screenshot / Youtube / Collage Alexander Wallasch

In den letzten Jahren habe ich des Öfteren Positionen von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine geteilt, weil sie mir interessant genug erschienen, eine zerfahrene politische Debatte neu zu beleben.

Das war sowohl auf der liberal-konservativen Bühne von Roland Tichy mehrfach der Fall, wie auch später auf der Corona-Maßnahmen gegenüber kritischen Seite von Boris Reitschuster. Auch auf meiner eigenen Seite habe ich immer wieder Statements von Lafontaine und Wagenknecht abgebildet und besprochen.

Die beiden Linkspolitiker – Lafontaine ist mittlerweile aus der von ihm gegründeten Partei ausgetreten – haben sich allerdings bei den alternativen Medien nie blicken lassen, trotz mehrfachen Bemühens unsererseits, direkt ins Gespräch zu kommen.

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal

Das kann man bedauerlich finden, muss man aber nicht. Eines allerdings darf man hier aus dieser Erfahrung heraus schon ableiten: Beide, Wagenknecht wie Lafontaine, haben den Hype um ihre Person auf dieser Bühne gerne mitgenommen – erkennbar daran, welche Positionen sie immer zielsicher bedient haben. Aber ansonsten herrscht Funkstille rund um diese geschickte Selbstvermarktung als Salon-Rebellen in eigener Sache.

Aber was ist nun los mit den beiden linken Gallionsfiguren, die sich gern den Spielerpass bei den Alternativen offenließen?

Haben Lafontaine und Wagenknecht das Blatt überreizt, oder liegt es daran, dass jetzt auch Politiker wie Wolfgang Kubicki (FDP) auf den Aufmerksamkeitszug aufgesprungen sind, um ebenfalls bei den echten Oppositionellen anzuklopfen mit einer ihren Parteien gegenüber abtrünnigen oder mindestens individuellen Haltung?

Sahra Wagenknecht hat sich vor wenigen Wochen für eine finale Schlacht gegen ihre eigene Partei entschieden, ihre verbliebenden Freunde um sich geschart und eine Reformbewegung bzw. Umgestaltung der Partei „Die Linke“ gefordert. Dafür nutzte sie die Mittel des außerparlamentarischem bzw. außerparteilichen Protestes und einen zu unterzeichnenden Aufruf für eine „Populäre Linke“, wie Wagenknecht es nannte.

Wer aber auf diese Weise alles in eine Waagschale wirft, der sollte auch erkennen, wenn es nicht so läuft, wie erhofft: Wenige tausend Unterschriften sind einfach nicht genug.

Da war Wagenknechts „Aufstehen“-Bewegung im Herbst 2018 mit 170.000 Unterzeichnern noch deutlich erfolgreicher, aber kein Jahr später schon hatte sich Wagenknecht aus der von ihr selbst gegründeten Bewegung schon wieder verabschiedet, Weggefährten beklagten wenig schmeichelhaft fehlendes Engagement und organisatorische Fehler bei Wagenknecht.

Wagenknechts neue Bewegung, eine Erneuerung der Linken von außen, muss jetzt allerdings auch als gescheitert angesehen werden mangels Anhänger. Aktuell gibt es gerade einmal 5.758 Unterstützer. Ja, das sind nicht wenige, aber lange nicht genug für Reformen oder gar einen Umsturz innerhalb der Linken.

Die Linke bzw. ihre Vorgängerpartei startete 1990 noch mit 280.000 Mitgliedern, die Zahlen sanken kontinuierlich auf nunmehr 57.036 in 2021.

Es haben demnach gerade mal zehn Prozent der eigenen Partei für die Erneuerung gestimmt. Es waren wohl sogar noch einmal deutlich weniger, da auch Nicht-Parteimitglieder mitunterzeichnen konnten.

Aber warum ist das so? Ein Glaubwürdigkeitsproblem? Möglicherweise auch das. Das Brennen für die Sache ist nicht mehr zu spüren. Überlagert noch von der Erfahrung bei ihren Anhängern, dass Wagenknecht und Lafontaine immer dann besonders glühten, wenn sie in Sachen Wagenknecht/Lafontaine unterwegs waren.

Und so etwas ist insbesondere dann ein Problem, wenn man in den oppositionellen Reihen punkten will. Bevor man einen Akt der Solidarität von der Straße einfordert, sollte man zunächst der Straße gegenüber solidarisch sein und sich dort auch zeigen.

Stattdessen wurde Wagenknechts „Aufstehen“-Bewegung 2020 mit Leichtigkeit überholt von Michael Ballwegs von Stuttgart kommender ungemein erfolgreicher Querdenken-Bewegung. Die überragende politische Person 2020 ist zweifellos Ballweg, das war sein Jahr. Wer Ballwegs große Demonstration auf der Straße des 17. Juni Ende August 2020 erlebt hat, der bekam eine Ahnung davon, welche Kraft von einer entschlossenen Opposition tatsächlich ausgehen kann.

Wagenknecht und Lafontaine haben das nie erreicht. Nicht einmal im Ansatz – nicht ohne Grund fand sich die Ballweg-Bewegung dann auch im Verfassungsschutzbericht wieder und nicht Wagenknechts Aufstehen-Truppe. Da aber unter Angela Merkel der Verfassungsschutz zu einer Institution zum Schutz der Regierung umgebaut wurde, muss man wohl zwingend im Verfassungsschutzbericht auftauchen, will man als außerparlamentarische Opposition ernst genommen werden.

Zuletzt muss man dankbar sein für die vielen exzellenten Widerworte von Wagenknecht und teilweise auch Lafontaine in den öffentlich-rechtlichen Talkshows. Dafür gebührt ihnen Anerkennung. Aber wenn knackige Statements bei Maischberger, Illner, Will und Plasberg zu der einen tragenden Säule einer oppositionellen Stellung in der Gesellschaft werden, dann ist das deutlich zu dünn.

Lafontaine hätte das gemerkt und er wäre deswegen bei den Linken ausgetreten? Bei allem Respekt vor der Lebensleistung dieses Mannes und der überragenden Fähigkeit, nicht aufzustecken und sich immer wieder neu zu erfinden: Hier spielte sicher auch das fortgeschrittene Alter eine Rolle und die Situation in Saarbrücken, wo Lafontaine endgültig die Segel strich als Parlamentarier.

Möglicherweise kann man das Schicksal dieses außergewöhnlichen Ehepaars auch mit dem des mittlerweile über 80 Jahre alten Jürgen Todenhöfer vergleichen, der zuletzt sogar noch eine Partei gegründet hatte, die seinen Namen trägt – ein Aufbäumen, ja, aber danach keine Explosion und der Fall in die Bedeutungslosigkeit.

Man sollte die Verdienste und politischen Erfolge dieser drei prominenten politischen Persönlichkeiten betrachten und sich fragen, was sie wirklich erreicht und umgesetzt haben von ihren Ideen.

Und da, muss man nüchtern attestieren, liegt Todenhöfer fast vorn. Warum? Weil Todenhöfer seine Aufgabe anders definiert hat, weil er es sich als Autor zur Aufgabe gemacht hatte, an die Orte in der Welt zu fahren, wo Menschen schweres Unrecht zugefügt wird, also ins persönliche Risiko zu gehen, um anschließend darüber zu berichten und aufzuklären. Todenhöfers Berichte wurden allesamt Besteller. Und wo waren Wagenknecht und Lafontaine zu der Zeit? In einer der genannten Talkshows oder mit dem Tandem im schönen Saarland unterwegs.

Was es für Perspektiven gibt? Man stelle sich einmal eine außerparlamentarische Bewegung vor, wo all diese Köpfe versammelt wären, von Wagenknecht über Ballweg bis Todenhöfer, Politiker neben Querdenkern, Investigativjournalisten neben Filmemachern, Friedensaktivisten und Pazifisten. Oder klingt das jetzt wie so eine linke Spinnerei aus den 1970er Jahren?

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen. Aufgrund von zunehmendem SPAM ist eine Anmeldung erforderlich. Wir bitten dies zu entschuldigen.

Kommentare