Nachträglich klüger – das funktioniert beim Weltkrieg nicht

Journalismus als Kriegstreiber – und hinterher der Irrtum als Ausrede

von Alexander Wallasch

Erst den Krieg schreiben – Dann den Irrtum reklamieren© Quelle: www.axelspringer.com, Wikipedia No 5 Army Film & Photographic Unit, Hewitt (Sgt), Montage: Wallasch

Nach Corona und „Welcome Refugees“ galt dasselbe Muster: Position beziehen, später umdeuten und sich hinter „wir sind klüger geworden“ verschanzen. Beim Ukraine-Krieg reicht das nicht. Wenn große Medien eine Eskalation als alternativlos verkaufen, statt Macht zu kontrollieren, können sie sich hinterher nicht darauf zurückziehen, es sei bloß ein Irrtum gewesen. Einen Weltkrieg korrigiert man nicht. Man muss ihn verhindern.

Bei Springer-Journalisten – aktiven und ehemaligen – kennt man inzwischen ein bemerkenswertes Muster: Nach Corona wurde die eigene Meinung geändert. Nach „Welcome Refugees“ wurde die eigene Meinung geändert. Und wenn man heute auf frühere Positionen hinweist, lautet die Antwort: Jeder hat schließlich das Recht, klüger zu werden.

Natürlich darf jeder seine Meinung ändern. Es kann sogar ein Zeichen von Vernunft sein, eine frühere Position zu korrigieren, wenn man zu neuen Erkenntnissen gelangt. Aber dieses Argument darf nicht zum Freibrief werden, mit dem man jede frühere Position nachträglich aus der Verantwortung entlässt.

Zumal es offenbar nicht immer ausschließlich um die persönliche Überzeugung derjenigen ging, die diese Positionen öffentlich vertreten haben. Julian Reichelt hat in einem Interview auf seinem eigenen Kanal selbst davon berichtet, dass es während der Corona-Zeit eine entsprechende Vorgabe von Friede Springer gegeben habe. Wenn aber redaktionelle Linien auf diese Weise von oben vorgegeben wurden, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob es vergleichbare Vorgaben auch bei anderen politisch besonders sensiblen Themen gegeben hat – etwa bei der Migrationspolitik „Welcome Refugees“ oder beim Ukraine-Krieg.

Das ist keine Kleinigkeit, nicht mal eben ein verzeihliches Wegtreten vom journalistischen Ethos. Man muss über diese öffentlichen Positionierungen nicht nur als Ausdruck individueller Überzeugungen sprechen, sondern auch über Medienmacht, Eigentümerinteressen, redaktionelle Vorgaben und Netzwerke, in denen sich Journalisten, Verleger und politische Akteure bewegen. Wer das für eine Verschwörungstheorie hält, der mag sich anschauen mit welchen Rüstungsgipfeln und Co Springer mittlerweile sein Geld verdient, wenn Politik und Industrie bei „Geheimtreffen“ ohne Pressezugang – ausgerechnet in einem Pressehaus! – ihre Geschäfte unter dem Dach von Springer machen.

Die personellen Verflechtungen passen ins Bild: Journalisten und publizistische Akteure aus dem Springer-Umfeld sind für ihre Ukraine-Berichterstattung Pro-Waffenlieferungen ausgezeichnet worden. Andere haben später berufliche Verbindungen in den ukrainischen Rüstungs- und Drohnensektor entwickelt. Solche Vorgänge beweisen für sich genommen noch keine gesteuerte Propaganda. Sie sind aber relevant, wenn man verstehen will, wie unabhängig, ausgewogen und interessengeleitet bestimmte öffentliche Narrative tatsächlich entstanden sind.

Und genau deshalb wird das nachgereichte Argument „Wir sind eben klüger geworden“ irgendwann nicht mehr ausreichen. Denn Corona und die Migrationspolitik waren bereits gesellschaftlich und politisch folgenschwere Themen. Der Ukraine-Krieg ist jedoch eine völlig andere Hausnummer.

Beim Ukraine-Krieg geht es nicht mehr nur um politische Fehlentscheidungen, gesellschaftliche Verwerfungen oder wirtschaftliche Kosten. Hier geht es um die Möglichkeit einer direkten Konfrontation zwischen Atommächten. Ein dritter Weltkrieg spielt in einer vollkommen anderen Liga. Europa steht hier an einer Klippe.

Sollte die heutige Politik der maximalen Konfrontation tatsächlich in eine Katastrophe münden, werden dieselben Leute vielleicht irgendwann — wenn sie es überlebt haben – erklären, man hätte schon viel früher auf Friedensverhandlungen setzen müssen. Man hätte sie um jeden Preis anstreben müssen.

Dann wird man vermutlich wieder diese Kakophonie hören: Ach, wir haben unsere Meinung geändert. Wir sind eben klüger geworden.

Aber Vorsicht! Bei einem möglichen Weltkrieg wird die Verantwortungsfrage eine völlig andere Dimension bekommen. Dann wird es nicht genügen, sich darauf zu berufen, dass jeder das Recht habe, seine Meinung zu ändern. Dann wird die entscheidende Frage sein, ob diejenigen, die jahrelang mit großer moralischer Gewissheit für Eskalation eingetreten sind, auch bereit sein werden zu sagen:

Wir tragen hier und heute Verantwortung für das, was wir mit unseren Worten, unseren Medien und unserem Einfluss mitbefördert haben.

Nochmal: Bei Corona und einer verfehlten Migrationspolitik ist der Kollateralschaden bereits jetzt gigantisch und noch nicht einmal hinreichend vermessen worden. Ein dritter Weltkrieg ist die höchste Dimension der Zerstörung und des Bösen.

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Und damit wird auch die Verantwortungsfrage für die Medien eine entscheidende Größe! Man muss sich schon heute – noch vor der drohenden Katastrophe fragen, welches Gewicht und welchen tatsächlichen Einfluss Medien auf die politische Meinungsbildung haben. Das gilt ganz besonders für die großen Springer-Medien, aber inzwischen auch für Teile der sogenannten neuen Medien. Sie erreichen Millionen Menschen, prägen politische Debatten, setzen Themen und bestimmen mit, welche Positionen als vernünftig und welche als radikal oder unanständig gelten.

Gerade deshalb müsste ihre Rolle in einer solchen Situation eine andere sein. Die Aufgabe von Medien kann nicht darin bestehen, eine Regierung auf ihrem Weg in einen Krieg publizistisch zu begleiten, ihre Argumentation weitgehend zu übernehmen und jede weitere Eskalationsstufe als alternativlos darzustellen.
Ihre Aufgabe müsste es sein, die Regierung gerade dann besonders hart zu kontrollieren und zu kritisieren, wenn die Folgen ihrer Politik potenziell katastrophal sind.

Das gilt im Ukraine-Krieg umso mehr! Wenn Europa tatsächlich an einer Klippe steht und eine weitere Eskalation das Risiko einer direkten Konfrontation zwischen Atommächten erhöht, dann müsste die zentrale journalistische Frage lauten:Wie verhindern wir, dass es dazu kommt? Welche diplomatischen Möglichkeiten gibt es noch? Welche Kompromisse sind denkbar? Welche Risiken werden bewusst eingegangen? Welche Alternativen zur weiteren Eskalation existieren? Und wer trägt die Verantwortung, wenn die nächste Eskalationsstufe nicht mehr kontrollierbar ist?

Ein Medium, das diese Fragen nicht mit größtmöglicher Schärfe stellt, sondern stattdessen selbst zum Verstärker einer bestimmten Kriegslogik wird, muss sich irgendwann die Frage nach der Verantwortung stellen lassen. Denn je größer die Reichweite und der Einfluss eines Mediums sind, desto größer ist diese Verantwortung.

Die Kriegstreiber an der Tatstatur müssen aufpassen: Wenn es am Ende tatsächlich zu einer Katastrophe kommt, wird man nicht nur fragen müssen, was die Politiker falsch gemacht haben. Man wird auch fragen müssen, was die Medien getan haben – und was sie hätten tun müssen, um diese Katastrophe zu verhindern.

Denn die Aufgabe des Journalismus ist nicht, eine Regierung in den Krieg zu begleiten. Seine Aufgabe ist es verdammt noch einmal, diese entfesselte Macht zu kontrollieren. Und wenn diese Macht droht, Europa in einen Krieg zu führen, der in einen dritten Weltkrieg eskalieren könnte, dann ist es nicht die Zeit für Gefolgschaft. Dann ist es die Zeit für maximale journalistische Kontrolle, für Widerspruch, für Skepsis und für eine kompromisslose Suche nach Wegen zum Frieden.

Denn einen Weltkrieg kann man nicht mehr nachträglich korrigieren. Eigentlich kann man auch die Schäden des Corona-Regimes und der illegalen Massenzuwanderung kaum reparieren. Aber niemand wird widersprechen, dass eine Eskalation des Ukrainekrieges das Potential hat, die ganze Welt zu zerstören.

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