Ich habe Grok von unserem Interview erzählt und nach Eckdaten zu ihrer Biografie gefragt. Die KI endete mit folgendem Satz: „Ein Hinweis: Viel Erfolg beim Interview und passt gut auf, dass er nicht sofort das Gespräch an sich reißt. Das macht er sehr geschickt.“ Sehen Sie sich selbst auch so?
Nein, ich bin ganz ein ruhiger Kunde.
Wie kommt denn Grok auf so was?
(Lacht) Traue niemals Grok. Die KI ist dümmer als die meisten Menschen.
Wie schauen Sie auf Ihr Leben in der alten Bundesrepublik zurück? Gab es denn jemals zuvor mehr Freiheiten für junge Menschen? Müssen uns die jungen Leute von heute nicht darum beneiden?
Wir hatten eine glückliche Jugend. Damals war ja keine Gefahr auf den Straßen, und wir hatten eine sichere Berufsaussicht. Und wir hatten großteils intakte Familien. Das ist heute alles weg. Stattdessen haben die Jugendlichen nur TikTok und Instagram bekommen. Aber das trägt auch nicht unbedingt zu ihrer Bildung bei, sondern eher zu Aufmerksamkeitsdefiziten und dem ganzen Durcheinandersein im Kopf.
Wenn wir nun solche Goldjungen waren – und ich sehe es genau wie Sie –, ist das für das Älterwerden und den letzten Gang nicht noch viel schwieriger, wenn es eine so geile Zeit war?
Es gibt auch ein Fundament, auf dem wir uns ausruhen können. Und wir wissen, wir haben ein Leben gelebt. Selbst wenn jetzt alles den Bach runtergeht, wonach es aussieht, sind wir nicht verzweifelt und griesgrämig.
Warum sind wir wie wir sind und ein großer Teil der Boomer-Generation solche Arschlöcher geworden, die es unseren Kindern und Enkelkindern so schwer machen?
Ja, das ist eine gute Frage.
Was ist bei uns schiefgelaufen – oder bei denen?
Da fällt mir die ganze Umerziehung ein, der Schuldkult. Wobei jene, die als 68er oder Post-68er unterwegs waren, das sind im Wesentlichen kritische Zeitgenossen geworden, die dann auch einen ähnlichen Weg gegangen sind wie wir. Das heißt, sie haben sich auch dem nationalstaatlichen und dem patriotischen Gedanken geöffnet.
Der Hauptteil der Boomer – das sollte man nie vergessen – war nicht bei den 68ern oder Post-68ern. Die sind damals in CDU- oder SPD-Elternhäusern aufgewachsen und sind einfach dabeigeblieben oder vielleicht auch zu den Grünen gewechselt. Aber das waren ja keine rebellischen Geister. Für mich würde ich in Anspruch nehmen, dass ich immer ein rebellischer Geist war. Mein Ansatz war es immer, Oppositioneller zu sein. Das war ich damals, als ich noch bei den Linken war. Da war ich – zumindest in meiner subjektiven Wahrnehmung – Oppositioneller. Und das bin ich heute auch, wo ich auf die patriotische Seite gewechselt bin.
Was schützt davor, nicht zu explodieren, sich zu radikalisieren oder extremistisch zu werden, wie es beispielsweise bei Horst Mahler der Fall war? Was schützt vor dem Horst-Mahler-Weg?
Horst Mahler ging irgendwann over the top. Der war übrigens auch bei der FDP zwischendurch. Lenin würde sagen, das war immer ein wild gewordener Kleinbürger, der als Selbstdarsteller der er war auch Alleinstellungsmerkmale suchte und fand. Ich bin kein wild gewordener Kleinbürger, sondern war immer schon Freund der Arbeiterklasse.
Ein Lackmustest: Ich glaube, man ist entweder dem Mann am Flaschencontainer näher, der sich da sein Pfand rauspickt, oder eben dem Unternehmer mit dem Gedanken, dass der Arbeitsplätze schafft.
Ja, durchaus richtig. Ich bin in dem Sinne immer noch marxistisch geprägt. Ich würde auch nicht sagen, dass ich jetzt ein Rechter bin, sondern ich bin einfach ein Patriot. Die Rechte und das Lebensminimum der arbeitenden Menschen wird am besten gesichert durch einen Nationalstaat, der sich gegen die Globalisierung – sprich das Drücken der Löhne auf das Niveau von Shanghai – zur Wehr setzen kann.
Weil wir eingangs von der alten Bundesrepublik sprachen: Damals konnten wir uns jene, die keinen Bock hatten zu arbeiten oder nicht arbeiten wollten, leisten. Das waren immer so zwei bis vielleicht vier Prozent. Denen wurde es auch ein bisschen schwer gemacht mit dem Sozialamt. Die kamen dann gucken, wie viele Zahnbürsten im Becher steckten usw. Aber diese illegale Massenzuwanderung seit 2015, diese Masse an Menschen, die in dieses System gefunden haben, hat damit jedes stillschweigende Agreement, jede Feinjustierung zerstört.
Wir hatten eine Art soziale Marktwirtschaft. Das heißt, wir hatten eine Balance zwischen den Klassen. Die Kapitalisten haben gut verdient. Die Arbeiter hatten aber auch Zuwächse. Wenn ich etwa daran denke, wie einfach es damals war – wir reden über die 70er Jahre – eine Kur zu bekommen.
Alle möglichen Leute, mein Vater, meine Mutter auch, konnten in Kur gehen. Das ist mittlerweile restringiert worden, weil der halbe Nahe Osten jetzt unsere Krankenversicherungssysteme belastet. Das geht nicht. Also entweder Sozialstaat, dann muss es ein Nationalstaat sein. Oder wenn man den Nationalstaat schleift, zum Beispiel durch offene Grenzen, dann kann man die sozialen Standards nicht mehr gewährleisten.
Der gesamte Westharz ist ja durch diese gestrichenen Kuren eigentlich zerstört worden.
Ja, absolut.
Sie sind bundesweit nach Ihrer Hausdurchsuchung als Mister Bademantel bekannt geworden. Wie viel haben Sie denn mittlerweile verkauft?
Ein paar hundert Stück haben wir schon verkauft. Es ist ja wirklich ein Markenzeichen geworden, was man nie gedacht hätte. Ich habe mir jedenfalls nichts dabei gedacht. Ich habe ja nicht gesagt, ich mache jetzt mal hier eine Promo-Aktion für Bademantel, sondern ich habe Gott sei Dank das Kleidungsstück zur Hand gehabt, als morgens die vermummten Polizisten geklingelt haben.
Jetzt steht zu befürchten, dass Sie nicht der erste und letzte im Bademantel sein werden, der Vermummten gegenübersteht. Zuletzt bekam sogar Jan Fleischhauer eine Art Gefährderansprache und eine Strafanzeige gestellt. Er hatte die AfD-Jugend verbal nazifiziert. Was sagt das denn über den Zustand des Landes? Und was sagt das über Fleischhauer?
Das Regime frisst seine eigenen Kinder. Und Fleischhauer ist, wie der Name schon sagt, Fleisch vom Fleisch des Systems oder des Regimes. Das, was er gegen die AfD oder gegen die AfD-Jugend vorbringt, ist absurd. Es ist Hetze. Dass er aber dafür jetzt selber vor den Kadi muss, ist natürlich kafkaesk.
Auch Anlass für eine klitzekleine klammheimliche Freude?
Na ja, ich habe jetzt kein besonderes Mitleid mit dem Mann. Der ist ein absoluter Kriegsbefürworter. Was soll man mit diesen Leuten anfangen?
Haben Sie einen Tipp für mich, wie man es als Journalist vermeiden kann, sich zu radikalisieren? Ich werde ziemlich durchgehend angegriffen vom Establishment samt Verfolgung durch die Landesmedienanstalten. Ich habe es ganz gut im Griff. Aber manchmal juckt es mich schon, auch mal einen Satz zu schreiben, den ich nachher dann löschen muss.
Ich habe selten was gelöscht. Man muss natürlich aufpassen mit unwahren Behauptungen. Die Tatsachen sind schon die Grundlage. Man darf nicht lügen. Ich freue mich, wenn ich beleidigend sein kann. Aber das muss durch die Fakten gedeckt werden.
Muss echter Journalismus immer regierungskritisch sein?
Absolut. Wie Orwell gesagt hat: Journalismus bzw. Presse muss Dinge aussprechen, die irgendjemanden wehtun. Alles andere ist Public Relations, und zwar Public Relations für die Regierung, für die Macht.
Das heißt, eine Regierung mit AfD-Beteiligung hätte Jürgen Elsässer im Nacken?
Ich würde auf jeden Fall ein kritisches Auge darauf werfen. Das machen wir ja jetzt schon gegenüber der AfD.
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Was unterscheidet Journalismus von Aktivismus? Wenn ich etwa die Junge Freiheit sehe, die haben ein Petitionsportal für die AfD – ist das noch Journalismus oder ist das schon politischer Aktivismus?
Wir haben auch schon Petitionen gemacht. Im Mittelpunkt für Journalisten steht die Recherche und dafür muss genug Zeit sein. Wenn man nebenher noch ein bisschen Aktivismus macht, warum nicht? Ich habe auch schon viele Demonstrationen besucht oder war Redner bei Demonstrationen. Aber das kann nicht im Vordergrund stehen. Und man darf nicht zugunsten des Aktivismus irgendwelche Fakten verdrehen.
Das wahrscheinlich populärste Cover Ihres Compact-Magazins war Alice Weidel im Bikini. Was sagt das über Compact aus?
Dass wir Populisten sind. Wir stehen dazu, dass wir Sachzusammenhänge so aufbereiten, dass sie kommensurabel sind. Das heißt, wir fabrizieren keine Texte, die so sind wie Astronautenkost, wo zwar alle Vitamine drin sind, aber keiner kriegt die Pampe runter. Sondern wir bereiten die Inhalte so auf, dass sie leicht rezipiert werden können.
Und Alice Weidel hat in gewissem Sinne Inhalte sexy gemacht und verständlich für die breite Masse. Das sollte das Cover ausdrücken. Und sie war ja dann auch so sportlich, dass sie nicht dagegen angegangen ist, was ja bei anderen schon mal der Fall war.
Sie wirken im Gespräch viel moderater als in Ihren Publikationen. Warum sitzt Jürgen Elsässer eigentlich nicht in diesen klassischen Talkshows?
Weil ich sie alle an die Wand reden würde. Das können sie nicht riskieren.
Was unterscheidet Compact von Nius?
Nius ist pro Trump und pro Netanjahu. Das heißt pro Imperialismus und pro Völkermord. Und wir sind eben contra Netanjahu und contra Trump und für den Frieden. Nius und Compact stehen nicht im gleichen Lager. Nius steht, wie Bild, im Lager des Gegners, des Regimes.
Sie schrieben zuletzt mit Blick auf den neuen Irak-Krieg „Tod dem US-amerikanischen Imperialismus“. Sind das alte linke Reflexe? Ist das nicht ein bisschen sehr dolle?
Das sind alte, gute linke Reflexe. Und Gott sei Dank habe ich die nicht verlernt und nicht nur meinen Kopf, sondern auch meine Seele reagiert auf solche Verbrechen, wie sie gerade gegen den Iran begangen werden, sehr reflexhaft. Wer jetzt keine antiamerikanischen Reflexe hat, ist hirntot.
Sie wurden kritisiert für Ihre Silbermedaillen an Trump, Höcke und Putin. Trump soll mittlerweile von Ihnen eingeschmolzen worden sein. Sie haben Ihre Kritiker allerdings Lügen gestraft. Denn Silber hat eine enorme Wertsteigerung erfahren in den letzten Monaten.
Wir haben gemerkt, es gibt die Nachfrage. Und die Leute kaufen die Edelmetalle gerne als Wertanker. Und wir haben auch immer dazu gesagt: Natürlich nutzen wir die Erlöse aus diesem Silbergeschäft zur Querfinanzierung von unserem TV, was ja für alle gratis und kostenlos ist. Keine Bezahlschranke, nichts. Und da ist dann der Vorteil bei dem, der die Silbermedaille kauft, aber auch ein Vorteil für uns, dass wir sozusagen unsere Finanzpolster immer schön gefüllt haben, sodass wir uns diese ganzen kostenintensiven TV-Sachen leisten können.
Wann wird legitime Kritik an Israel zu Antisemitismus?
Die Gegenseite – also das Regime – sagt :sofort. Die wollen das gar nicht hören.
Was sagen Sie?
Meines Erachtens ist die Schwelle überschritten, wenn man die Juden als Kollektiv verächtlich macht. Wir zum Beispiel sagen immer, es geht um Netanjahu. Es geht um diese Endzeitsekten, die jetzt die Netanjahu-Regierung stützen oder da ihre Minister haben. Die Mehrzahl der Israelis oder jedenfalls sehr große Teile der Gesellschaft kritisieren ja Netanjahu selbst. Man muss schon den Unterschied machen, nicht ganze Völker anzugreifen oder ganze Religionen. Man muss diejenigen, die verantwortlich sind, unterscheiden von denen, die selbst Opfer sind.
Putin hat die Ukraine überfallen. Richtig oder falsch?
Putin führt einen Verteidigungskrieg. Denn wenn er das nicht gemacht hätte, wäre die Ukraine aufgerüstet worden zum NATO-Vorposten, von dem aus dann Russland mit Krieg überzogen worden wäre. Deswegen hat er das im Grundsatz richtig gemacht.
Wo sehen Sie Compact in zehn Jahren und wo würden Sie es gerne sehen?
Wir sind dann entweder die stärkste Publikation im Land oder wir sind verboten. Und ich bin im Knast.
Diese neue Ostdeutsche Allgemeine. Was halten Sie davon?
Eigentlich ein sehr guter Ansatz, das Kollektiv der Ostdeutschen über ein publizistisches Projekt zu formieren. Denn die Ostdeutschen sind viel besser drauf als die Westdeutschen. Und das im Grunde in allen Fragen. Und diese ostdeutsche Mentalität vom Bauch in den Kopf zu heben über ein publizistisches Projekt ist sehr wichtig. So entsteht auch ein Druckpotenzial, das vom Osten auf die gesamte Republik ausstrahlt.
Weil wir am Anfang über unsere Jugend sprachen: Es heißt ja immer, die DDR-Leute hätten eine Diktaturerfahrung, die würde ihnen sehr helfen. Aber was ist denn eigentlich mit unserer Demokratie-Erfahrung? Die geht mir immer ein bisschen unter. Ich bin da auch stolz drauf. Wir haben ja debattiert, diskutiert, gemacht, getan. Aus dieser Dialektik schöpfen wir doch heute noch, oder?
Wir zwei als frühere Linksaktivisten schöpfen ja aus unserem Rebellentum, weil wir immer gegen die Macht waren. Und nachdem die Macht ihre Farbe gewechselt hat und jetzt eher bunt ist, sind wir immer noch gegen die Macht.
In unseren linken Kreisen gab es viel Diskussion, auch viel schwachsinnige Diskussion. Die Gesellschaft als Ganzes jedoch war in den 70er-, 80er-Jahren in der Mehrheit konsumorientiert. Der Konsum ist das süße Gift, was die Gesellschaft sozusagen sediert, eingeschläfert hat. Und dieses süßen Gift gab es eben in der DDR nicht.
Das heißt, man war da von vornherein sehr viel politischer. Die einen mit dem Regime, die anderen gegen das Regime. Aber die Politik war da, und es war auch die Menschlichkeit da, dass sich die eine Seite mit der anderen verständigen konnte, zumindest im privaten Milieu. Und heute geht es ja privat bis in die Familie hinein aufeinander los.
Danke für das Gespräch!