Ein Vorort-Bericht

Junge Migranten sollen Wolfenbüttel terrorisieren – Wir sind hingefahren

von Alexander Wallasch (Kommentare: 9)

„Die Angebotsstruktur müssen wir grundlegend erweitern, um die Zielgruppe zu erreichen.“© Quelle: BILD.de, Screenshot

In der vergangenen Woche machte eine Meldung aus dem beschaulich betulichen Wolfenbüttel die Runde, dort sollen junge Migranten Einwohner in der Innenstadt terrorisieren.

Die Bildzeitung titelte fast reißerisch: „Wolfenbüttel in Angst“, und weiter hieß es da: „Jugendbande terrorisiert Kleinstadt, Großeinsatz der Polizei nach Beschwerden“. Oder doch nicht reißerisch?

Alexander-wallasch.de fragte nach und schaute sich in der 52.000-Einwohner-Stadt am Rande der ehemaligen Ostzone einmal um. Wolfenbüttel ist so etwas wie ein Vorort von Braunschweig. Aber noch sind die Ballungsgebiete nicht zusammengewachsen, der Bus Linie 421 nach Wolfenbüttel fährt ein Viertelstündchen durch Wald und Felder.

Wo Braunschweig im Zweiten Weltkrieg von den Fliegerbomben fast vollständig zerstört wurde, blieb Wolfenbüttel unversehrt. Der Erzählung nach, weil die Engländer für die Zeit nach dem Krieg eine unzerstörte Verwaltungsstadt benötigten.

Das Ergebnis ist eine Innenstadt als vollständig erhaltenes Fachwerkensemble. Hier finden sich noch üppige Wohnhäuser in der Innenstadt, die an das alte Laibach erinnern. Wenn sich in Wolfenbüttel die Türen öffnen, dann zieht dieser unverwechselbare kalte staubige Duft eines Antiquitätenladens auf die Pflastersteinstraßen hinaus, hier kann man Geschichte noch riechen.

Seit den 1970er allerdings vielfach schon vermischt „mit Alles“, also mit dem Geruch nach Döner und Kreuzkümmel. Viele türkische Gastarbeiter fanden hier preiswertere Wohnungen als in Braunschweig und störten sich weniger am Kohleofen und dem Klo auf dem Flur, vor der Haustür parkte ein zerbeulter Ford Taunus.

Und hier soll nun laut Meldung der Bildzeitung neuerdings ein zugewanderter Mob toben:

„Grund: Nachmittags besetzt eine mehrheitlich aus Migranten bestehende Jugendgang den Raum zwischen Hauptkirche, Kornmarkt und Fußgängerzone, belästigt, beleidigt und bedroht Anwohner, Passanten und Touristen.“

Ein großangelegter Polizeieinsatz wurde von der Presse begleitet, die Bildzeitung präsentierte Aufnahmen von dutzenden Polizisten, die junge Migranten an die Wände des Wolfenbütteler Fachwerks drücken und sie anschließend durchsuchen.

Alexander-wallasch.de spricht zunächst mit der Polizeisprecherin, die erzählt, dass der großangelegte Einsatz mit über fünfzig Beamten Reaktion auf eine eskalierende Situation im Stadtkern war, die sich von verbalen Belästigungen hin zu kriminellen Handlungen wie Diebstählen entwickelt hätte. Bisherige polizeiliche Maßnahmen hätten „nur bedingt oder gar keine Veränderung des Verhaltens“ erreicht.

Über Konsequenzen aus dem Einsatz berichtet die Sprecherin:

„Nach Abschluss der Maßnahme am heutigen Dienstag wird die Polizei Wolfenbüttel für die nächsten Wochen die sichtbare Präsenz an den signifikanten Orten im Stadtgebiet Wolfenbüttel merklich erhöhen und intensivieren.“

Im Wiederholungsfalle sollen sofort wieder Identitätsfeststellungen durchgeführt und ggf. dann auch Platzverweise ausgesprochen werden, um für die überalterten Wolfenbütteler wieder ein vernünftiges Sicherheitsgefühl herzustellen.

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Die Polizeisprecherin berichtet weiter von 33 Jugendlichen, bei denen im Rahmen des Großeinsatzes eine Identitätsfeststellung durchgeführt wurde, von denen die meisten auch mit aufs Revier genommen und erkennungsdienstlich behandelt wurden, um sie eventuell bestehenden Straftaten zuordnen zu können, was hier in einigen Fällen auch gelungen sein soll. Anschließend wurden die jungen Migranten entweder in die Obhut des Jugendamtes oder an die Erziehungsberechtigten übergeben. Hier seien mit den Eltern teilweise auch Gespräche geführt worden.

Die Sprecherin will keine weiteren Angaben dazu machen, um welche Art von Migrationshintergrund es sich hier handelt und wann diese jungen Leute ins Land bzw. nach Wolfenbüttel gekommen sind. Die Sprecherin meint sogar, man könne das gar nicht so genau sagen. Das allerdings sollte doch unmittelbar feststellbar sein, schon beim Blick auf die Ausweispapiere, soweit vorhanden.

Die Polizeisprecherin empfiehlt, sich auch einmal mit der Stadt Wolfenbüttel und dem Landkreis zu unterhalten. Mittlerweile seien ja auch das Jugendamt und Integrationsbeauftragte aktiv geworden. Man hätte Angebote überlegt und einen Ersatzort wolle man finden, damit sich die Jugendlichen nicht unbedingt mitten in der Innenstadt aufhalten müssen.

Von „Unsinn“, den die Jugendlichen nicht mehr machen sollen, ist die Rede – die Bildzeitung schreibt von Bürgern in Angst, fünfzig Beamte werden tätig, wo dazwischen liegt die Wahrheit? Ein Sprecher der Stadt Wolfenbüttel hat, anders als eine Sprecherin der Polizei, keine Probleme damit, zu erzählen, welchen genauen Hintergrund die Migranten tatsächlich haben. Es handle sich hier nämlich nicht um neu zugewanderte junge Männer, die meisten seien bereits hier geboren.

Warum sagt die eine Pressestelle, was die andere meint, zurückhalten zu müssen? Aber interessanter ist zu erfahren, dass es sich um bereits hier geborene Migranten handelt. Denn das erzählt noch einmal eindrücklich, was von den Integrationsbemühungen der letzten Jahrzehnte zu halten ist.

Dann meldet sich auch der Bürgermeister Wolfenbüttels noch einmal schriftlich über einen Pressesprecher und schickt folgende Mail, die hier ungekürzt wiedergegeben wird, und die in ihrer umfangreichen Analyse auch viel über jene erzählt, die von der Gesellschaft beauftragt wurden, sich hauptberuflich um die Integration junger männlicher und überwiegend muslimischer geprägter Migranten zu bemühen:

„Wir haben bereits Angebote wie Elterntraining, Elternstammtische und weitere Möglichkeiten, damit Eltern bei der Wahrnehmung ihres Erziehungsauftrags unterstützt werden. Das reicht offenkundig nicht mehr, da die Qualität der Herausforderungen hat sich verändert. Daher muss künftig besonders die Präventionsarbeit noch stärker in den Fokus rücken.

Die Angebotsstruktur müssen wir grundlegend erweitern, um die Zielgruppe zu erreichen. Im Kern geht es um Jugendliche, die hier aufgewachsen sind, häufig aus schwierigen Verhältnissen stammen und die insbesondere in dieser Altersgruppe durch Corona im schulischen Kontext den gesellschaftlichen Anschluss verloren haben. Dazu kommt, dass langjährige Migration zu segregierten Teilgesellschaften führt und selbst für Jugendliche, die hier aufgewachsen sind, das Integrationsangebot ausgeweitet werden muss mit dem Ziel, die Jugendlichen aus der kulturellen Isolation herauszuholen.

In Zusammenarbeit mit Jugendamt des Landkreises gilt es Lösungen zu suchen und entsprechende Angebote schaffen, denn Insbesondere das Jugendamt verfügt über die Instrumente, mit den Familien zu arbeiten. Selbstverständlich wird sich die Stadt einbringen und unterstützen, weil insbesondere die Städte mit ihren öffentlichen Räumen Plattformen für Zusammenkünfte der Jugendlichen bieten. Deshalb ist die Herausforderung in der Stadt größer. Hierbei gibt es zahlreiche Ideen und Ansätze, die allerdings allein von der Stadt und mir nicht umgesetzt werden können. Daher werde ich sehr zeitnah das Gespräch mit der Landrätin suchen.“

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