Der CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter hat wieder zugeschlagen: Deutschland bzw. Europa sollen sich Atomwaffen anschaffen. Wörtlich postete Kiesewetter per X:
„Ein Staat, der wehrhaft sein will, muss sich Denkräume schaffen, in denen auch das Unwahrscheinliche gedacht wird, sowie Eventualplanung parat haben. Dazu gehört auch, über einen europäischen Nuklearschirm nachzudenken.“
Kiesewetter ist auch ein großer Propagandist für Waffenlieferungen in die Ukraine. Hier steht er auf Augenhöhe mit Leuten wie dem „Welt“-Herausgeber Ulf Poschardt, der für seine Propaganda sogar schon den Verdienstorden der Ukraine erhalten hat.
Kiesewetter ist da vergessen worden. Da kann er noch so für Kiew strampeln, andere ziehen immer an ihm vorbei. Schon 2023 wurden Baerbock, Strack-Zimmermann und Hofreiter für ihre Waffenlieferpropaganda ausgezeichnet.
Anlass für die Debatte um deutsche bzw. europäische Atomwaffen ist der Griff des US-amerikanischen Nato-Verbündeten nach Grönland. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hatte spekuliert, dass eine Operation zur Einverleibung des dänisch kontrollierten Grönlands auch ein Ende der Nato bedeuten könne.
Nun ist es allerdings so, dass Europa längst Atomwaffen hat. Konkret zählt Frankreich zu den Atommächten. Das Nachbarland soll aktuell 290 einsatzbereite Atomwaffen besitzen. Davon ein Großteil auf Atom-U-Booten und ein kleinerer Teil in der Luftkomponente.
Die Atom-U-Boote haben den Abschreckungsauftrag, auch dann noch einen Gegner zu vernichten, wenn Frankreich schon atomar angegriffen wird. Deshalb ist immer ein französisches U-Boot auf hoher See unterwegs. Eine ähnliche Strategie gilt auch für Bomber, die auf dem französischen Flugzeugträger Charles de Gaulle stationiert sind.
Es gibt also mit Frankreich längst eine europäische Atommacht. Und tatsächlich hatte der französische Präsident Macron im März 2025 ein strategisches Gespräch über die Rolle der französischen nuklearen Abschreckung in der europäischen Sicherheit angeboten – eine Wiederholung und Ausweitung seines Angebots aus dem Jahr 2020.
Dies geschah in einer Fernsehansprache am 5. März 2025, in der er explizit einen „strategischen Dialog“ zur Erweiterung des französischen Atomschirms auf europäische Alliierte vorschlug, unter anderem als Reaktion auf Unsicherheiten bezüglich des US-Engagements in der NATO.
Der bei den Ordensverleihungen von Selenskyj übergangene Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter möchte auch hier ein Wörtchen mitreden. Also warum nicht gleich selbst ein bisschen im Atombaukasten stöbern anstatt sich nur auf Frankreich zu verlassen?
Was fiel Kiesewetter als Argumentationslinie ein? Na klar: Die Nazi-Karte. Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte der Abgeordnete, angesichts der Ambitionen der französischen Rechtspopulistin Marine Le Pen, die nächste Präsidentin Frankreichs zu werden, müsse man auf andere Optionen setzen als nur auf das Nachbarland.
Weiterlesen nach der Werbung >>>
Ihre Unterstützung zählt
Oder mit anderen Worten: Spaltung, wo Spaltung möglich ist. Selbst die über zwei Weltkriege hinweg von de Gaulle und Adenauer sowie Mitterrand und Kohl geschmiedete deutsch-französische Freundschaft kann weg, Hauptsache Aufmerksamkeit in den Medien und dann vielleicht doch noch irgendwann einen Orden aus Kiew.
Wenigstens irgendein Blech, damit Roderich nicht der erste Kiesewetter aus dieser Soldaten- und Offiziersfamilie ist, der ohne eine einigermaßen ansehnliche militärische Auszeichnung in die ewigen Jagdgründe gehen muss.
Was für ein tragischer Fall von Selbstüberschätzung, Hochmut und Verachtung des Eigenen. Wer das Mandat eines Bundestagsabgeordneten auf diese Weise missbraucht, schadet dem Land auf besondere Weise. Und das muss selbst schon bis zu Friedrich Merz durchgedrungen sein, der den Amok-Parteifreund schon länger auf Abstand hält und ihm keinerlei Funktion innerhalb seiner Bundesregierung gestattet hat.
Es gilt dringend zu vermeiden, sich zu sehr auf die konkrete Forderung von Roderich Kiesewetter einzulassen (finanzielle Beteiligung Deutschlands an einem erweiterten europäischen Nuklearschirm, Eventualplanung für 5–10 Jahre Entwicklungszeit, Allianz mit Nord-/Osteuropa statt allein Frankreich). Denn dann spielt man quasi schon auf dem Feld, das er gerade abgesteckt hat.
Man legitimiert damit indirekt, dass das Thema überhaupt in dieser Form und mit diesem Timing debattiert werden muss – obwohl es für viele weiterhin ein hochgradig toxisches und unnötiges Tabu bleibt.
Tatsächlich ist Kiesewetter kein Nuklearphysiker, kein Stratege der force de frappe und auch kein Diplomat mit jahrzehntelanger Verhandlungserfahrung in Genf oder Wien. Sein Hintergrund ist der eines Obersts a. D. der Bundeswehr. Nicht mehr und nicht weniger. Ein Sofa-Krieger in Uniform.
Im Falle von Roderich Kiesewetter genügt es hinlänglich, den Absender der Botschaft zu dekonstruieren. Man muss sich mit dem selbstverliebten und in seiner Fraktion ziemlich isolierten Abgeordneten nicht weiter befassen. Das erledigen die etablierten und öffentlich-rechtlichen Medien schon zur Genüge. Hier kann man nur hoffen, dass sich keine relevanten politischen Entscheider von Kiesewetters gefährlichem Unsinn beeindrucken lassen oder zu einer Erwiderung provoziert fühlen.
Einen Kommentar schreiben
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen. Aufgrund von zunehmendem SPAM ist eine Anmeldung erforderlich. Wir bitten dies zu entschuldigen.
Zur Anmeldung
Kommentare
melden
Kommentar von stephan manus
@ Detlef Piel
Ich gehe davon aus, dass Kiesewetter weiß, dass Deutschland keine eigenen Atomwaffen haben kann. Und das ist gut so. Was allerdings geht, ist Atomwaffen anderer Länder auf deutschem Boden zu stationieren. Analog den amerikanischen Atomwaffen in D. Deutschland zahlt natürlich.
Außer Krieg gegen Russland scheint Kiesewtter&Co nix im Kopf zu haben. Die Nato kennt m.E. nur Kriege, Eskalation und territoriale Ausdehnung. Braucht kein Mensch, weil es den Warschauer Pakt nicht mehr gibt. Kann komplett weg meiner Meinung nach.
Übrigens, die Ukraine hatte nie Atomwaffen. Das waren Atomwaffen der Sowjetunion, Rechtsnachfolger ist die russische Föderation. Hätten die Ukrainer niemals zünden können, genausowenig wie Deutschland die Atomwaffen auf ihrem Staatsgebiet zünden könnte. Egal wer sie auf deutschem Boden stationiert.
So. Jetzt mal Schluß. Abrüstung und Frieden sollte, statt Aufrüstung und Krieg, die Politik bestimmen. Egal was big "Daddy" oder die ukranische Kriegspropganda verzapft.
melden
Kommentar von Eddy Nova
Verdammt ,langsam bekommt man das Feeling bei einigen Altparteien members mischt sich 'suizidäres Verhalten & Wahnsinn' ...Inhaltlich zu kommentieren lohnt nicht - der Zeitpunkt scheint mir ungünstiger denn je. Irgendwann wird sich Russia sagen ,jetzt haben wir aber die Schnauze voll ...und dann kracht es in der UKRAIN fünfach wo nur doppelt vorgesehen war. Als wichtig genug für Bomben drüber hinaus würde ich den irren Roderich nicht einschätzen.
*****
In Berlin keine Stromversorgung zeitnah auf Reihe kriegen und global den GröFaZ zu machen - als ob es einen Wettbewerb geben würde wer näher am durchgeknallten Wahnsinn ist.
MEDWEDEW sollte sich dem Fall mal annehmen und eine individualisierete Analyse zur Roderich Gefahr für den nenn ich es mal Provinzfrieden abgeben. Anständige Regierungen würden sich um Normalität bemühen - die Altparteien Banden sind scheinbar im Dauereskalationsmodus.
*****
Irgendwer muss da mal ein Machtwort sprechen - faktisch ist ja TRUMPAMERICA immer noch Besatzungsmacht ...völlig klar das auch solch ein pardon Scheiss wieder negative Folgen auf die Deutsche Volksstimmung hat. Alles so kleine Nadelstiche die summiert Investoren abhalten fern der Waffenbranche noch in Deutschland zu investieren.
*****
Apropos Froschfresser Atomwaffen -ich würde mich wohler fühlen wenn Le Pen und nicht Macron darüber verfügen könnte. Generation Z Politiker sollten keine Atomwaffen haben ...Familienväter sind da vertrauenswürdiger ...
melden
Kommentar von Detlef Piel
@ stephan manus:
"Frankreich und England verfügen bereits über 600 Atomwaffen."
Was haben Frankreich und Großbritannien mit Deutschland zu tun? Kiesewetter sagt Europa, meint aber Deutschland. Ob ich ein Streben nach Nuklearwaffen für sinnvoll halte ist eine Sache, Sie müßten mir aber mal erklären, warum Sie auch jetzt noch nicht von Ihrem "wir sind ein Europa" bzw. Eine-Welt-Denken lassen können.
Deutschland hat keine Freunde, sondern bestenfalls sich deckende Interessen mit anderen Staaten, die in Europa enden dürften, wenn dem deutschen Steuerzahler das Geld ausgeht. Bedauerlichweise hat Deutschland nicht einmal Freunde im Innern und auch die meisten Deutschen, gleich ob rechts oder links interessieren sich nicht sonderlich für deutsche Interessen, vom fehlenden Bekenntnis zum eigenen Volk ganz zu schweigen.
melden
Kommentar von Detlef Piel
Unabhängig von der Person Kiesewetter, ist die Aussage, daß Deutschland über Nuklearwaffen verfügen müßte realpolitisch richtig. Macht hat man, wenn man Macht ausüben kann, bzw. verhindern, daß gegen einen Macht ausgeübt wird.
Hört man noch was von westlicher Kritik an Nordkorea? Hätte Rußland die Ukraine angegriffen, wenn diese ihre eigenen Atomwaffen nicht abgegeben hätte? Wo stände Israel heute, wenn es keinen eigenen nuklearen Schutz hätte?
Natürlich ist der eigene Besitz von Nuklearwaffen ein außenpolitischer Machtfaktor. Dies zu negieren ist naiv. Deswegen streben doch der Iran und Ägypten den Besitz von Atomwaffen an, siehe Uranabbau auf dem Sinai.
Gleichfalls ist es naiv zu glauben, die Großmächte würden Deutschland den Besitz eigener Nuklearwaffen gestatten. Immerhin führte man zwei Weltkriege um Deutschlands Aufstieg zur Weltmacht zu verhindern und Europa eben nicht unter deutsche Kontrolle geraten zu lassen.
Kiesewetter kann, darf und sollte man jederzeit kritisieren. Der Besitz von Nuklearwaffen würde Deutschland aber einen ganz anderen außenpolitischen Spielraum ermöglichen. Das sind zwei verschiedene paar Schuhe. Eine Aussage ist nicht automatisch falsch, nur weil sie vom Falschen geäußert wird. Ob ich Atomwaffen in Händen der deutschen Intelligenzija sehen möchte ist nochmal eine andere Frage.
melden
Kommentar von stephan manus
Kieserwetter, Panzertoni usw nimmt doch keiner ernst. Und das ist gut so.
"europäischen Nuklearschirm". Was soll der Käse?. Falls er die EU meint, sollte er wissen, dass die EU kein souveräner Staat ist und die Zukunftsaussichten dieser Institution nicht rosig sind . Außerdem ist D dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten. Soll Deutschland austreten?
Frankreich und England verfügen bereits über 600 Atomwaffen. Soviel wie China. Das reicht.
Das Thema Ukraine gekoppelt mit einem immer stärker werdenden Russenhass geht mir gehörig auf den Senkel.
melden
Kommentar von Ombudsmann Wohlgemut
@TS
Da Russland als Feind gesehen wird, sollte man schon alle aufzählen, da es daneben eh nur 2 gibt.
Wahrscheinlich wurde wieder einmal Europa mit EU gleichgesetzt, was natürlich Unsinn ist.
melden
Kommentar von T S
Brandstifter am Werk, mit der Union jubelnd in den Untergang.
"Nun ist es allerdings so, dass Europa längst Atomwaffen hat. Konkret zählt Frankreich zu den Atommächten." kann man noch um Großbritannien ergänzen. Außer man hält es wie nicht wenige der dortigen Insulaner die sich außerhalb von "the continent" sehen. Erheblich näher als Grönland ist das Inselkönigreich aber allemal.