Seit Ende Juli 2026 gilt in der EU und damit auch in Deutschland eine neue Linie: Neu einreisende ukrainische Männer zwischen 23 und 60 Jahren erhalten keinen automatischen vorübergehenden Schutz mehr nach § 24 Aufenthaltsgesetz, wenn sie nicht nachweisen können, dass sie ihre „militärischen Verpflichtungen“ in der Ukraine erfüllt haben oder legal ausgereist sind.
Was den meisten gar nicht klar ist: Die EU-Regelung trat auf Wunsch Kiews und mit aktiver Unterstützung Berlins in Kraft! Die Tagesschau etwa meldete Ende Juni 2026: „Die Ukraine habe die Kommission um diesen Schritt gebeten.“
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte zuvor unmissverständlich erklärt: „Flucht vor Wehrpflicht ist kein Asylgrund.“ Wer den pauschalen Schutz verliert und im regulären Asylverfahren scheitert, wird ausreisepflichtig. Das Bundesinnenministerium stellt klar: Ukrainische Staatsangehörige, die sich illegal in Deutschland aufhalten, „können abgeschoben werden, wenn die allgemeinen rechtlichen Voraussetzungen für die Abschiebung von Ausländern vorliegen“.
Zwischenfrage an den Innenminister: „Wehrpflicht“ oder Kriegsdienst? Werden die Ukrainer nach einer Schnellausbildung nicht an die Front geschickt? Und wer mehr weiß, möge es mir mitteilen. Aber bis dahin gilt: Dobrindt (Jahrgang 1970) fiel in die Zeit der allgemeinen Wehrpflicht. Formal hätte er nach dem Abitur 1989/90 einberufen werden können. Öffentlich ist jedoch nirgends dokumentiert, dass er gedient hat – weder bei der Bundeswehr noch im Zivildienst.
Der Katholik Dobrindt selbst äußert sich dazu nicht und lässt entsprechende Nachfragen unbeantwortet. Es gibt also keinen positiven Beleg für einen Wehrdienst. Oder anders ausgedrückt: Alexander Dobrindt wurde schon der Wehrdienst zu viel, als sich die Frage eines Kriegsdienstes noch gar nicht stellte.
„Flucht vor Wehrpflicht ist kein Asylgrund.“ Diese Logik ist brutal einfach und politisch gewollt: Asyl beantragen – Chancen gering, weil Vermeidung der Mobilisierung allein nicht reicht – Ablehnung – kein Aufenthaltstitel – Abschiebung möglich. Bestehende Schutzstatus bleiben unberührt, aber für Neuanträge und besonders für die, die sich dem System entziehen, schnappt die Falle zu.
Gleichzeitig berichtet eine aktuelle Recherche der „Zeit“ von hunderten ukrainischen Soldaten, die während der Ausbildung in Deutschland desertieren. Seit 2022 hat die Bundeswehr nämlich rund 29.000 Ukrainer ausgebildet. Allein in Sachsen-Anhalt sind dem Innenministerium etwa 80 Fälle bekannt, deutschlandweit müssen es mehrere Hundert sein.
Viele wurden zwangsrekrutiert. Ein Deserteur sagte der „Zeit“: „Ich will einfach nicht sterben und auch nicht töten.“ Ihnen drohen in der Ukraine bis zu zwölf Jahre Haft wegen unerlaubten Entfernens von der Truppe. Der vereinfachte Schutz nach § 24 gilt für sie nicht – sie wurden offiziell zur Ausbildung entsandt. So bleibt ihnen in Deutschland nur der Asylantrag, dessen Erfolgsaussichten gering sind. Ein Sprecher der Bundesregierung bestätigte dann auch gegenüber der Zeitung: Ukrainische Soldaten dürfen „grundsätzlich keinen Antrag auf eine Aufenthaltserlaubnis nach Paragraf 24“ stellen.
Bleiben noch die Kirchen, wie sieht es da aus mit dem Handwerkszeug zum Thema „Du sollst nicht töten“? Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die katholische Deutsche Bischofskonferenz verurteilten den russischen Angriff von Anfang an scharf, betonten das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine und unterstützten humanitäre Hilfe sowie die Aufnahme von Flüchtlingen.
Aber dabei bleibt es nicht: Die Kirchen stellten sich grundsätzlich hinter deutsche Waffenlieferungen und die politische Linie der Bundesregierung. In der neuen Friedensdenkschrift 2025 der EKD wurde sogar die Notwendigkeit militärischer Verteidigungsfähigkeit und atomarer Abschreckung stärker anerkannt.
Und die Kirchen werden auch propagandistisch tätig während Bemühungen um einen Dialog der Kriegsgegner zurücksteht. Es überwiegen Solidaritätskundgebungen, Aufrufe zur Unterstützung der Ukraine und moralische Rückendeckung für den „gerechten Verteidigungskrieg“ – Nobiscum Deus! Kritik an Zwangsrekrutierungen, an der Aussetzung des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung in der Ukraine oder an der Jagd auf Wehrpflichtige blieb leise und wurde dem „Überlebenskampf“ der Ukrainer untergeordnet.
Wie sieht es konkret mit Kirchenasyl aus? Das Instrument, mit dem Gemeinden seit Jahrzehnten Härtefälle vor Abschiebung schützen, wurde in den vergangenen Jahren vor allem für Migranten aus Dublin-Fällen und andere Flüchtlingsgruppen genutzt. Für ukrainische Wehrdienst- und vor allem Kriegsdienstverweigerer gibt es keine wahrnehmbare kirchliche Stimme, die Kirchenasyl fordert. Die Kirchen haben sich eindeutig als moralische Stütze der staatlichen Ukraine-Politik positioniert. Faktisch haben sie damit die entrechteten Männer, die nicht sterben und nicht töten wollen, im Stich gelassen.
Damit stehen die Kirchen allerdings in einer unheiligen Tradition! Diese neue Haltung ist alles andere, als ein Unfall der Gegenwart. Die deutschen Kirchen haben in der Geschichte immer wieder und grundsätzlich die Seite der Macht und des Krieges gewählt. Im Ersten Weltkrieg unterstützten evangelische und katholische Kirchen den Krieg lautstark: Als 1914 die Mobilmachung verkündet wurde, sang die Menge „Nun danket alle Gott“. Geistliche gaben dem Krieg eine religiöse Deutung, predigten vom „heilsamen Krieg“ und vom „Gericht Gottes“!
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Feldgeistliche hielten „feierliche Waffenweihen“, und die Allianz von „Thron und Altar“ war ungebrochen. Pfarrer ließen Soldaten geloben, mit ihren Leibern das Vaterland zu decken – „mit Gottes Hilfe“.
Im Zweiten Weltkrieg wiederholte sich das Muster. Bischöfe und Pfarrer beider Konfessionen riefen zu Treue, Gehorsam und Pflichterfüllung auf – samt Hitlergruß versteht sich. Kirchenglocken wurden für den Kriegseinsatz eingeschmolzen – mit kirchlicher Billigung in „Glockenopferfeiern“. Der Angriff auf die Sowjetunion wurde von vielen als „Kreuzzug gegen den gottlosen Bolschewismus“ begrüßt.
Militärseelsorger sollten den Kampfeswillen stärken. Der Geistliche Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche telegrafierte Hitler seine „unwandelbare Treue“. Die Mehrheit der Kirchenleitungen machte sich mitschuldig, indem sie den Durchhaltewillen stärkte statt ein klares „Nein“ zu setzen. Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn zur Wahrheit gehört auch dazu: Das KZ Dachau war ab 1940/41 das zentrale Lager für Geistliche: Im sogenannten Pfarrer- bzw. Priesterblock waren insgesamt rund 2.720 Geistliche inhaftiert: ca. 2.579 katholische und 109 evangelische. Der überwiegende Teil der Pfarrer waren allerdings polnische Geistliche, die grundsätzlich als politische Gegner galten.
In Deutschland ist das Kirchenasyl eine späte, zivilgesellschaftliche Wiederentdeckung. Die alte mittelalterliche Tradition des Sakralasyls war längst dem staatlichen Gewaltmonopol gewichen. Neu belebt wurde es erst 1983 – ausgelöst durch den Suizid des türkischen Asylsuchenden Cemal Kemal Altun, der sich aus Angst vor Abschiebung aus dem Fenster eines Berliner Gerichts stürzte. Wenige Wochen später gewährte die Heilig-Kreuz-Gemeinde in Berlin einer palästinensischen Familie das erste moderne Kirchenasyl.
Aber besser spät als nie. Seither ist Kirchenasyl ein Instrument der humanitären Notwehr und des zivilen Ungehorsams gegen drohende Abschiebungen in Gefahr – vor allem bei Dublin-Fällen. Es ist kein altes Privileg der Kirchenmacht, sondern eine Praxis, die Gemeinden gegen staatliche Härte durchsetzen. Aber wohl nie war die Gelegenheit für echtes Kirchenasyl so eindeutig wie mit Blick auf die verängstigten ukrainischen Männer.
Und nochmal: Es geht nicht darum, eine Verteidigung des Eigenen zu verdammen, wenn man angegriffen wird. Was hier in einem Atemzug angeprangert werden muss, ist die Kriegstreiberei und der unbedingte Willen der Bundesregierung, jetzt aus der Kriegswirtschaft einen Wirtschaftsaufschwung herzuleiten etwas indem man die Automobilindustrie zur Rüstungsindustrie umbaut nachdem man die Verbrennertechnologie ideologisch weitestgehend zerstört hat.
Es steht fünf vor Zwölf für die deutschen Kirchen jetzt endlich Farbe zu bekennen. Die neuen repressiven EU-Regelungen und Hunderte desertierter Soldaten aus den deutschen Trainingslagern machen Kirchenasyl nicht nur symbolisch, sondern jetzt existenziell absolut notwendig.
Ihr Pfarrer und Priester: Reagiert endlich, fangt an euch darauf einzustellen! Baut Unterkünfte aus, organisiert Zeltstätten in Euren Kirchengärten. Diese Männer sind entrechtet: vom eigenen Staat zur Front gezwungen oder gejagt, von der EU und Deutschland aus dem pauschalen Schutz ausgeschlossen, im Asylverfahren chancenarm und mit Abschiebung bedroht.
Kirchenasyl ist das letzte Mittel, um sie vor der Rückkehr in den Tod oder in die Haft zu bewahren – zumindest so lange, bis eine humanitäre Lösung oder ein Wiederaufgreifen des Verfahrens möglich wird.
Kirchen, hört auf, nur die staatlichen Narrative zu segnen! Bietet jetzt systematisch Kirchenasyl an – für die neu Ankommenden ohne Schutzstatus und für die Deserteure aus Altengrabow und den anderen Übungsplätzen. Das wäre kein „Missbrauch“, sondern die eigentliche christliche Pflicht: Schutz derer, die dem Töten und dem Getötetwerden entkommen wollen.
Die Kirchen haben heute eine verdammte Bringschuld: Wer jahrhundertelang Kanonen und Kriege gesegnet und die Macht gestützt hat, und wer erst spät und zögerlich das moderne Kirchenasyl als Korrektiv wiederentdeckt hat, muss jetzt die Konsequenz ziehen und den Menschen schützen, die diesen Krieg mit ihrem Körper bezahlen sollen. Alles andere ist Heuchelei – und Fortsetzung einer langen Tradition der Komplizenschaft mit der Gewalt.
Wenn sich die Kirchen auch diesmal wieder weigern oder nur zögerlich und symbolisch reagieren, dann bleibt – wie schon so oft in der deutschen Geschichte – den Mutigsten nichts anderes übrig: Einzelne Menschen werden diese entrechteten Männer in ihren Kellern, Garagen und privaten Räumen verstecken müssen. Dann tragen wieder Privatpersonen das Risiko und die moralische Last, die die Institutionen der Kirche und des Staates abschütteln. Das wäre die bittere, aber absehbare Konsequenz.
Die Gemeinden haben die Räume, die Tradition des Schutzes und die moralische Autorität. Nutzen Sie sie. Jetzt. Bitte.
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