Von Corinna Gehre
Krieg beginnt nicht auf dem Schlachtfeld – er wird in den Köpfen der Menschen geführt und ist am ehesten möglich, wenn er von dort aus abgesegnet wird.
Kognitive Kriegsführung jedoch geht bei weitem über stabil gepflegte Feindbilder hinaus. Sie knüpft an klassische Propaganda und psychologische Kriegsführung an, ist gemäß Bernard Claverie resp. François du Cluzel die „Kombination der neuen Cyber-Techniken der Informationskriegsführung und der menschlichen Komponenten der Soft Power, sowie der Manipulationsaspekte von PSYOPS“ und darüber hinaus eine „Sammlung von Möglichkeiten zur Manipulation der Kognitionsmechanismen eines Feindes oder seiner Bürger, mit dem Ziel, ihn zu schwächen, zu durchdringen, zu beeinflussen oder sogar zu unterwerfen oder zu zerstören.“
Das sind keine Verschwörungsmythen, sondern in offiziellen NATO-Papieren nachzulesende Strategien – die nur nicht weithin öffentlich diskutiert werden.
Mit diesen Erkenntnissen eröffnete Dr. Jonas Tögel vergangene Woche seinen Vortrag „Kognitive Kriegsführung und wie wir uns dagegen wehren können“ an der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität. Die Friedensgruppe Jena hatte ihn mit Unterstützung von Professor Dr. Manuel Vogel von der Theologischen Fakultät, der die Räumlichkeiten organisierte, und eines privaten Spenders, dem das Thema wichtig genug war, ins Saaletal eingeladen.
Tögel, deutscher Amerikanist, Propagandaforscher und Autor, ist an der Universität Regensburg als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig und hat an der Universität Augsburg promoviert. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Propaganda, psychologischer Beeinflussung, Soft Power, Nudging, Motivation und den Methoden der kognitiven Kriegsführung. Zu seinen bekannten Büchern zählen Kognitive Kriegsführung (2023), Kriegsspiele – Wie NATO und Pentagon die Zerstörung Europas simulieren (2025) sowie Soft Power und Motivation im Unterricht (2021).
Sein Auftreten ist sachlich, zugewandt, humorvoll – die dialektale Färbung verrät subtil seine süddeutsche Herkunft. Man hört ihm als Redner gern zu! So empfanden es jedenfalls sicher die meisten der etwa 150 Besucher im bis auf den letzten Platz ausgefüllten Hörsaal.
Der Mensch als sechste Operationssphäre
Laut dem Essay „Nato’s sixth domain of operation“ (August Cole, Hervé Le Guyader: NATO 6th Domain of Operations, September 2020) erklärt Tögel in seinem Vortrag weiter, unterscheide die NATO inzwischen sechs verschiedene Operationssphären. Zu den bis vor Kurzem drei üblichen Bereichen der Kriegsführung – zu Land, zur Luft und im Wasser – gesellten sich während der letzten Jahre das Internet, der Weltraum und: Der Mensch daselbst, dessen Gedanken es zu beherrschen und den es im Ernstfall zu eliminieren gilt!
Marie-Pierre Raymond, kanadische Verteidigungswissenschaftlerin, die 2024 im Rahmen der Operation Unifier übrigens für knapp sieben Monate von Kiew aus in direkter Zusammenarbeit das ukrainische Militär beriet, bezeichnet Kognitive Kriegsführung als die „fortschrittlichste Form der Manipulation, die es heute gibt“ – und die menschliche Sphäre (Human domain) stellt ihren Kriegsschauplatz dar. Nur unter Einbezug jenes Schlachtfeldes sei in den Augen der Strategen ein dauerhafter, politischer Erfolg möglich. Nur dort könne der endgültige und vollständige Sieg errungen werden. (François du Cluzel: Cognitive Warfare, NATO Innovation Hub, Januar 2021, S. 36.)
Platons Höhle und die Macht der Bilder
Im Folgenden verwendet Tögel Platons Höhlengleichnis, um aufzuzeigen, dass es die ausgeklügelte Vorgehensweise der Herrschenden sei, die versklavten Menschen, welche an ihren Ketten in der Höhle der Unwissenheit gehalten werden, mithilfe von Projektionen einer fiktiven Realität an der Wand zu beschwichtigen, wenn ihnen von der wahren, freien Welt draußen erzählt wird und sie zu rebellieren drohen.
Das Ganze funktioniert durch Soft Power, die (im Gegensatz zu Hard Power, bei welcher die Obrigkeit physische Gewalt anwendet) unmerklich die Menschen dazu bringt, gegen ihren immanenten Drang nach Freiheit und Frieden zu handeln. Auf die vier ‚Schattenbilder‘ der Kognitiven Kriegsführung (Kriegspropaganda, digitale Manipulation, kulturelle Manipulation und Zukunftstechnologien) geht der Wissenschaftler später im Vortrag noch näher ein.
Edward Bernays und die Propaganda
Als federführend in der kognitiven Kriegsführung weiß er den Neffen Sigmund Freuds, Edward Bernays zu nennen, der sich die tiefenpsychologischen Erkenntnisse seines Onkels zunutze gemacht und diese weiterentwickelt hat. Bernays sah in der zielgerichteten Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen einen wesentlichen Bestandteil – man lese und staune! – demokratischer Gesellschaften, lieferte mit seinem Buch Propaganda4 ein vortreffliches, ja beispielloses Manipulationswerkzeug und avancierte rasch zum wichtigsten PR-Berater der amerikanischen Regierung.
Nicht nur Konzerne wie Lucky Strike konnten dank Bernays Raffinesse mit einer gezielten Kampagne die Frauen zum öffentlichen Rauchen als Akt der Befreiung überzeugen – selbst Woodrow Wilson, der noch vor der Wahl seine Kriegsunwilligkeit beteuerte, änderte, frisch Präsident, seine Meinung um 180 Grad (es sind nicht 360, so Tögel, auch wenn man uns das mitunter anders glauben machen will).
Wilson versuchte zunächst, sich gegen den Widerstand der Bevölkerung mit Gewalt – also Hard Power – durchzusetzen. Der seinerzeit 26-jährige Bernays aber, der für das mit Kriegseintritt im April 1917 gegründete Committee on Public Information (staatliche Propaganda-Behörde, auch bekannt als Creel-Kommission) engagiert wurde, riet dem opportunistischen Präsidenten, sich stattdessen der vortrefflichen Künste der Soft Power zu bedienen: Er solle ganz einfach die Rahmenerzählung ändern! Plötzlich war ein einziger Krieg notwendig, um alle Kriege zu beenden und – wie sollte es anders sein – die Welt sicher für Demokratie zu machen. Gleichzeitig kam Gräuelpropaganda ins Spiel, welche die deutschen Soldaten im 1. Weltkrieg in Wort wie auch Bild als Kinder schändende, Jungfrauen entführende, brutale Barbaren darstellte. Und schwupp: War das Volk gefügig!
Kriegspropaganda in der Gegenwart
Ähnlich funktioniert das mit der Gräuelpropaganda heute, wenn der unter Kriegsrecht amtierende ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zum Beispiel den Raketeneinschlag im Kiewer Kinderkrankenhaus als russischen Angriff darstellt, während Moskau eine russische Verantwortung bestreitet und von einer ukrainischen Flugabwehrrakete spricht – doch deutsche Qualitätsmedien wie BILD in ihren Schlagzeilen, gespickt mit entsprechend einprägsamem Bildmaterial, ausschließlich aus der vertrauenswürdigen Quelle „Selenskyi“ zitieren. Oder wenn die WELT mit „Hört auf, Menschen zu essen“ titelt, nachdem der ukrainische Geheimdienst, auf sagenhafter Grundlage einer mitnichten unabhängig bestätigten Funkaufzeichnung, der russischen Armee Kannibalismus unterstellte.
Welche Quelle wohl der Aussage des aktuellen Kanzlers zugrunde liegt, Russland führe auf dem Leipziger Flughafen Krieg gegen Deutschland – eine Behauptung immerhin, welche die Schließung des Russischen Generalkonsulats in Bonn und die Kündigung des Betriebsvertrags für das Russische Haus für Wissenschaft und Kultur in Berlin rechtfertigte sowie folglich die Schließung der drei Goethe-Institute in Russland nach sich zog? In der Bundespressekonferenz vom 2. September 2026 fragten Journalisten wiederholt nach konkreten, öffentlich überprüfbaren Beweisen für die offiziell unterstellte russische Urheberschaft.
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Die Bundesregierung verwies unkonkret auf „Tatmuster“, polizeiliche Ermittlungen und „geheimdienstliche Erkenntnisse“, ohne aber je die geforderten Belege vorzulegen. Auch eine nachfolgende Kleine Anfrage im Bundestag verlangt Auskunft über die konkreten Erkenntnisse, auf welchen diese Zuschreibung beruht. Sie war Mitte Oktober noch immer unbeantwortet, während es sich laut der Zeugenaussage seitens eines Mitarbeiters des Leipziger Flughafens um eine gewöhnliche Mediamarkt-Drohne handelte, wie sie wegen der Reichweite immer wieder von Privatleuten in dortiger Nähe losgelassen werden, und die Presse bereits zum Filmen Gewehr bei Fuß stand. Vieles spricht also auch in diesem Falle für eine gezielte False-Flag-Aktion, um mittels entsprechender Propaganda drastisch an der Eskalationsspirale drehen zu können, ohne dass das Volk dagegen aufzubegehren droht.
Wessen Erzählung wird geglaubt?
Dr. Tögel betont jedoch auch, dass jede Kriegspartei ihre eigene Rahmenerzählung habe und darin den Feind mehr oder minder zum Unmenschen degradiere. Aus Sicht des Westens lautet diese in etwa, dass die Ukraine Europa gegen den russischen Aggressor verteidige und für die guten, westlichen Werte kämpfe. Demokratie und so. Aus russischer Sicht wird der Rahmen als großer, patriotischer Krieg gesteckt, bei dem es nicht um Russland gegen die Ukraine (die sollte im Zuge einer Spezialoperation von Faschisten befreit werden), sondern um den Westen (USA, EU, NATO) gegen Russland geht.
Gerade, weil die Wahrheit im Krieg stets das erste Opfer ist, lohnt es sich also, bei jeder Nachricht genau hinzusehen: Wer verbreitet sie mit welchem möglichen Ziel? Auf welcher Quelle beruht ihre Aussage? Welche Bilder, auch rhetorischer Natur, werden genutzt? Welche Informationen fehlen – und welche Wirkung sollen Text und Bild beim Empfänger entfalten? Wo werden wir möglicherweise in die Irre geleitet und zu Dingen gebracht, die unseren eigenen Werten im Grunde widersprechen?
Digitale Spuren und künstliche Intelligenz
Besonders bedenklich ist neben der Manipulation auf medialer und kultureller Ebene aus Tögels Sicht die Rolle von Internet und KI-Systemen. Als Beispiel führt er HeyGen, eine der weltweit führenden KI-gestützten Videoplattformen, an. Sie beherrscht alle Sprachen und wäre im Falle von internationalen Notständen bereit, binnen Sekunden mit sämtlichen betroffenen Nationen zu kommunizieren.
Zudem konstatiert Tögel, dass die am teuersten gehandelte Ressource inzwischen unsere menschlichen Daten seien. Alles wird gesammelt auf eine Weise, dass der „Schattentext“, den wir mit unseren Endgeräten hinterlassen, jederzeit dazu dienen kann, uns mit Informationen zu versorgen, die uns gefügig machen – oder eben gar, uns gänzlich auszuschalten.
Der Fahrdienstanbieter Uber verdingte sich 2012 als „Verkehrsforscher“, indem er sich unter dem Blog-Eintrag Rides of glory den Spaß erlaubte, anhand dessen, welches Smartphone mit welchem anderen Smartphone wo die Nacht verbrachte, das Seitensprungverhalten seiner US-amerikanischen Kunden öffentlich auszuwerten – was nur ein banales Beispiel dessen ist, wozu unsere digitalen Spuren dienlich sein können.
Mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz erhält diese Entwicklung eine zusätzliche Dimension. Der „Schattentext“ wächst mit jeder Suchanfrage, jedem Klick, unseren Aufenthaltsorten, Interessen und unserer alltäglichsten Kommunikation. Im Kontext Kognitiver Kriegsführung stellt sich nun eine weitreichende Frage: Was geschieht, wenn solche Methoden nicht mehr nur Kauf- oder Wahlentscheidungen beeinflussen, sondern gezielt Ängste, Feindbilder und gesellschaftliche Konflikte verstärken sollen? Der digitale „Schattentext“ liefert dafür potenziell wertvolle Informationen, indem er unsere Interessen und Gewohnheiten, unsere psychische Verfasstheit und Verwundbarkeiten preisgibt – dergestalt, dass uns Gemini und Claude vielleicht bereits heute besser kennen, als wir uns selbst.
Wege aus der Manipulation
Tögel rät dennoch dazu, den Kopf nicht in den Sand, sondern viel lieber regelmäßig an die frische Luft zu stecken, Kraft in Spiritualität zu tanken und weise mit den neuen Technologien umzugehen – denn mit jeder Stunde offline stärken wir unsere Rezeptoren für das Wesentliche, während mit jedem einzelnen Klick unser Schattentext und die Digital Dizziness weiter wachsen.
Er erwähnt Aufklärung, Optimismus und echte Verbindung, zitiert Kant, Butler und Mead (siehe Vortragsfolien), um Wege aus der Resignation angesichts zunehmender Kriegstreiberei in unseren Köpfen aufzuzeigen und schließt mit dem klaren Vermerk, dass wir doch 99 Prozent sind, die im Grunde nichts als Frieden wollen!
Und in eigener Sache: Wie schön, lieber Herr Tögel, dass Sie den weiten Weg nach Thüringen nicht scheuten – danke Ihnen für Ihren klaren Standpunkt in Friedensfragen, Ihren Mut und Ihre wichtige Forschung sowie Prof. Manuel Vogel und Heinz Bächer mit der Friedensgruppe Jena für die Einladung, diese mit uns zu teilen…
Wer das Thema der kognitiven Kriegsführung vertiefen mag, dem sei der Kauf des gleichnamigen Buches auf der Internetseite von Dr. Jonas Tögel oder ein Blick auf seinen YouTube-Kanal geraten, wo viel Wissenswertes und auch ähnliche Vorträge wie der in Jena zu finden sind.
Edward Bernays: Propaganda. Die Kunst der Public Relations, übersetzt von Patrick Schnur, orange-press, Freiburg 2007.
Deutscher Bundestag, Drucksache 21/8202.
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Corinna Gehre stammt aus Chemnitz und lebt heute in Jena, wo sie Romanistik, Sprechwissenschaft und evangelische Theologie studierte. Sie ist als vor allem als Sängerin, aber auch als Sprecherin und Dozentin für Stimmbildung tätig. Ihr musikalisches Repertoire umfasst neben eigenen Liedern vor allem internationale Traditionals und Covers, die ihr am Herzen liegen. Neben ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigt sie sich mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen wie Frieden, Corona-Aufarbeitung und Cancel-Culture.
(Foto: Corinna Gehre)
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