Der Springer-Palantir-Komplex

Kriegsgewinnler „Welt“-Sicherheitsgipfel – Springer vermarktet Geheimtreffen zwischen Regierung und Rüstungsindustrie

von Alexander Wallasch

Wie Axel Springer Politik-Zugang an die Rüstungsindustrie vermarktet – und selbst darin investiert© Quelle: Welt.de/Screenshot, Grok, Phoenix, Youtube/Screenshot, Montage: Wallasch

Im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin trafen sich Anfang Juli hochrangige Politiker, Minister und Rüstungs-CEOs zum WELT-Sicherheitsgipfel. Was als seriöse Sicherheitsdebatte verkauft wird, ist in Wirklichkeit ein ethikfernes kommerzielles Produkt: Media Impact bietet Unternehmen gegen Geld exklusiven Zugang zur Politik.

Das Netzwerk reicht von Poschardts Ukraine-Orden über Röpckes Wechsel in die Drohnenindustrie bis hin zu den Investments der Döpfner-Familie in genau jene Firmen, die auf dem eigenen Gipfel auftreten. Ein System, das den Weimer-Skandal in den Schatten stellt – nur professioneller und auf Konzernebene.

Im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin trafen sich am 1. und 2. Juli 2026 rund 130 handverlesene Gäste zum zweiten WELT-Sicherheitsgipfel. Angekündigt waren unter anderem Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, dazu BKA-Präsident Holger Münch, Rheinmetall-Chef Armin Papperger, Airbus-Defence-Chef Michael Schöllhorn, STARK-CEO Uwe Horstmann und weitere aus der Rüstungs- und Sicherheitsbranche – darunter Palantir-CEO Alex Karp zugeschaltet sowie Vertreter von Quantum Systems und TYTAN Technologies.

All das fand unter Chatham-House-Regeln satt: vertraulich, abgeschirmt, hochkarätig.

Organisiert und verkauft hat das Ganze Media Impact, die Event- und Werbeabteilung von Axel Springer. Wer Verkaufsunterlagen zum Event liest, versteht sofort, worum es wirklich geht. Für den Sicherheitsgipfel wird mit „exklusivem Gästekreis“, „Top-Level # NETZWERK“ und „geschütztem Raum für offene und vertrauliche Debatten“ geworben.

Beim verwandten "Welt"-Wirtschaftsgipfel heißt es noch unverblümter: „EXKLUSIVER ZUGANG ZUR POLITIK“, „DAS EXKLUSIVSTE ENTSCHEIDER-UMFELD EUROPAS“ und „ein einzigartiges Speed-Dating mit den exklusivsten Entscheidern Europas“.

Unternehmen zahlen dafür, dass sie Minister und Entscheidungsträger in geschlossener Runde treffen, ihre Marke in WELT-Artikeln und Videos platziert bekommen und am Ende als seriöser Teilnehmer einer „Sicherheitsdebatte“ dastehen.

Das Geschäftsmodell hatte schon beim Ludwig-Erhard-Gipfel des Hochstaplers und Noch-Kulturstaatsministers Wolfram Weimer für einen handfesten Skandal gesorgt. Dort hieß es in Werbebroschüren, die Weimer Media Group biete Unternehmen gegen hohe Summen exklusiven Zugang zu Ministern und „Einfluss auf politische Entscheidungsträger“.

Politiker zogen sich zurück, Weimer legte Anteile treuhänderisch nieder. Hier bei Springer fehlt der Minister – stattdessen sitzt ein milliardenschwerer Medienkonzern am Tisch, der gleichzeitig über Verteidigung berichtet und mit denselben Kreisen Geschäfte macht. Wenn das eine ein Skandal war, ist das andere kein kleinerer. Er ist nur besser verpackt und auf Konzernebene hochskaliert.

Media Impact vermarktet seit 2008 die nationalen Anzeigen und Events von Axel Springer. Schon 2009 lag allein dieser Bereich bei mehr als 500 Millionen Euro Umsatz. Der ganze Konzern kommt heute auf über 2,2 Milliarden. Der Anteil dürfte inzwischen noch deutlich höher sein.

Der Sicherheitsgipfel ist kein nettes Nebenprojekt, sondern ein Baustein, der Reichweite, redaktionelle Platzierung und vor allem den verkauften Zugang zu Politik und Wirtschaft liefert. Partner wie Mercedes-Benz, Rolls-Royce Power Systems, SAP oder Vodafone Business zahlen dafür.

Aus der Rüstungsbranche kamen nicht nur Sponsoren, sondern auch prominente Sprecher. Alles vermischt sich hier, es geht um die dicken Geldkoffer und wer sie am Ende wegtragen darf.

Das ist alles so dreist und abgewichst, dass einem bei der Recherche schon schwindelig werden kann, noch mehr, wenn man nicht bereit ist zu vergessen, dass diese ganzen Waffensysteme Kriege verlängern, anheizen, auslösen und massenhaft Menschen töten – Soldaten und Zivilisten.

Döpfners und Poschardts „Welt“ quatscht vornehm von „Chatham-House-Regeln“, also vertraulich, abgeschirmt, hochkarätig. Das Potsdamer Geheimtreffen ist nichts dagegen. Hier wird im Geheimen über die Milliarden Euro Steuergelder freisetzende Fortsetzung des Tötens gesprochen! Springer bringt hier die Politik als Auftraggeber am Parlament vorbei mit dem Produzenten des Todes zusammen und Großmäuler wie Ulf Poschardt machen sich via X noch darüber lustig, wenn jemand diese Kriegstreiberversammlung kritisiert.

Deutschlands mächtigster Rüstungsmanager Armin Papperger kritisierte live auf der Bühne die mangelnde Verlässlichkeit der Bundesregierung bei Bestellungen und forderte mehr Planungssicherheit. Die Industrie darf beim Welt-Geheimtreffen ihre Wünsche direkt an die Minister richten – auf einer Veranstaltung, die von einem Medienhaus organisiert wird, das selbst über Rüstungspolitik berichtet.

Die Verflechtungen ziehen sich durch das gesamte Netzwerk. Katherina Reiche war jahrelang Stammgast und Rednerin beim Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee. Jetzt ist sie fester Bestandteil des WELT-Sicherheitsgipfels. Das alte Tegernsee-Netzwerk aus Politik, konservativer Wirtschaft und Medien hat einfach den Ort gewechselt. Noch direkter wird es bei der Familie Weimer: Valentin Weimer, Sohn von Wolfram Weimer, ist Chief of Staff der WELT-Gruppe. Der Skandal um den Vater führt direkt in die Führungsetage des Hauses, das genau dieses Geschäft professionalisiert!

Ulf Poschardt, lange Chefredakteur und Herausgeber der WELT-Gruppe, hat das Format aktiv unterstützt und gepusht. Als Grünen-Politiker Janosch Dahmen auf X den Gipfel kritisierte und ihn mit Döpfners Wirtschaftsgipfel verglich – wo Palantir-Chef Karp direkt zur Bundesregierung sprechen konnte –, konterte Poschardt prompt und nannte Karp „den klügsten Mann im deutschen Bundestag“. Und er legte nach: Karp wäre sein Kandidat für den Wirtschaftsminister. Das er damit Ministerin Reiche als gern gesehenen Gast – und natürlich als lukratives Kontaktverkaufsargument für die zahlenden Unternehmen – bei den „Welt“-Geheimtreffen brüskieren könnte, ist ihm durchgerutscht.

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2022 hatte Poschardt selbst den ukrainischen Verdienstorden dritter Klasse erhalten, weil seine Berichterstattung die deutsche Regierung zu Waffenlieferungen bewegt hatte. Der Mann, der den Gipfel mitträgt und Kritiker auf X abkanzelt, wurde für genau die Linie ausgezeichnet, die der Rüstungsindustrie nützt. Eine Rüstungsindustrie, die ordentlich Umsatz bei Springer generiert. Man kann einen Ferrari durch Buchverkäufe finanzieren – das geht aber auch anders.

Julian Röpcke, jahrelang BILDs Militär- und Ukraine-Experte, wechselte 2026 als Chief Marketing Officer zu United Unmanned Systems, einem deutsch-ukrainischen Drohnenhersteller, der seit 2023 Tausende Drohnen an die Ukraine geliefert hat. Vom Berichterstatter zum Vermarkter der Waffen, über die er zuvor schrieb.

Auch Röpcke bekam den Verdienstorden wie Poschardt. Und er schrieb darüber – noch als Reporter für Springer und die Arbeit dort – freimütig, er sei ihm Auftrag für die Zukunft:

„Für diese Arbeit wurde ich kürzlich vom ukrainischen Präsidenten ausgezeichnet und bekam den ukrainischen Verdienstorden von Oleksii Makeiev überreicht. Eine Ehrung, die ich nicht als Abschluss betrachte, sondern als Auftrag für die Zukunft.“

An der Spitze des Netzwerks bei Springer steht die Eigentümerfamilie. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender und Mit-Eigentümer von Axel Springer, hat einen Sohn namens Moritz. Der führt den VC-Fonds Doepfner Capital. Peter Thiel investierte dort massiv. Der Fonds wiederum stieg bei STARK Defence ein – genau dem Berliner Drohnen-Start-up, dessen CEO Uwe Horstmann auf dem WELT-Sicherheitsgipfel sprach!

STARK erhielt Bundeswehr-Aufträge und sammelte Hunderte Millionen ein. Im Bundestag gab es deswegen politischen Ärger wegen der Thiel-Verbindungen.

Ein Medienkonzern verkauft Politik-Zugang an die Rüstungsbranche. Die Eigentümerfamilie investiert gleichzeitig selbst in diese Branche. Ehemalige Chefredakteure bekommen Orden für pro-Waffen-Berichterstattung und dissen Kritiker auf X. Militärexperten wechseln direkt in die Industrie. Reiche springt zwischen Tegernsee und Springer-Gipfel. Valentin Weimer sitzt als Chief of Staff im Haus. Poschardt pusht das Format. Röpcke geht in die Drohnenbranche. Die Döpfner-Familie investiert in STARK. Das Netzwerk ist lückenlos.

Das ist kein Zufall. Das ist ein funktionierendes System aus Medienmacht, Politik-Nähe und Rüstungsgeschäft. Während Media Impact für Springer mit dem Verkauf von Einfluss verdient, profitiert die Eigentümerfamilie am Aufstieg derselben Firmen, die auf dem eigenen Gipfel auftreten. Das ist keine unabhängige Berichterstattung mehr. Das ist kommerzielle Einflussnahme mit redaktionellem Deckmantel. Die Fakten liegen offen da – in den Media-Impact-PDFs, in den Teilnehmerlisten, in den Karrierewechseln und in den Fonds.

Wer das ignoriert, will die Realität nicht sehen. Der WELT-Sicherheitsgipfel zeigt, wie aus dem, was bei Weimer noch als Skandal galt, ein etabliertes, skalierbares Geschäftsmodell geworden ist. Mitten in Berlin. Mitten in einem der mächtigsten Medienkonzerne des Landes.

Alexander-Wallasch.de hat zu diesen Verflechtungen bereits ausführlich geschrieben – wer die ganze Dimension verstehen will, findet dort weitere Hintergründe.

Der offene Verkauf von Einfluss ist das faktische Ende von Journalismus. Wenn das kein Fall für die Landesmedienanstalten als selbsternannte Hüter des Journalismus sind, was dann? Aber auch die „Welt“ schützt sich vor den Anstalten mit einer Mitgliedschaft im Presserat.

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