Lauterbach und Käßmann predigen gegen das verlotterte Weihnachten und Silvester

Beseelte Dame und düsterer Herr

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Lauterbach und Käßmann predigen gegen das verlotterte Weihnachten und Silvester
Weihnachten und Silvester in Zeiten von Corona © Foto: Pixabay / Gerd Altmann

Zuerst erschienen im November 2020 bei Tichys Einblick

In der Pandemie haben sich wie einst im pestgeplagten Mittelalter neue Propheten erhoben: ein SPD-Politiker und eine frühere Bischöfin haben der Völlerei den Kampf angesagt.

Es heißt gemeinhin, außergewöhnliche Zeiten würden außergewöhnliche Maßnahmen erfordern. Als Legitimationshilfe ist das für vieles zu missbrauchen. Interessanter dürfte es sein, zu fragen, ob außergewöhnliche Zeiten auch außergewöhnliche Menschen formen. Jedenfalls fühlen sich viele berufen, jetzt und mitten in die Verwerferungen rund um die Covid-19-Pandemie hinein, die Welt mit ihren Weisheiten zu beehren.

Als der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert nach Venedig kam und von hier aus ein Drittel der Bevölkerung des europäischen Kontinents dahinraffte, war das die Zeit der Priester und Scharlatane. Die einen sahen den Zorn Gottes über die Menschen gekommen, die anderen boten die passenden und sündhaft teuren Arzneien und Beschwörungsformeln an, die helfen sollten, die Pest schadlos an sich vorbeiziehen zu lassen. Die Venezianer boten Gott gar einen Handel an: Verminderung der Sünden gegen Befreiung von der Seuche. Sittenwächter schwärmten aus, den lebensfrohen und hedonistischen Venezianern die Pest als „göttlichen Aufruf zur moralischen Umkehr“ zu verkaufen.

Einige Jahrhunderte später hat ein Coronavirus die Menschheit fest im Griff, Präsidenten verlieren Wahlen, aufgeklärte Gesellschaften werden auf einmal hysterisch, die Wirtschaft gerät aus den Fugen – und auch mit dieser modernen Geißel beginnt ein Zeitalter der Heilsversprechen. Von einer großen Chance ist die Rede, die Bundesregierung nutzt gar die Pandemie, die Fundamente der Bundesrepublik zu bemühen, von einem „Wiederaufbau“ nach der Krise zu sprechen, von der günstigen Gelegenheit, Deutschland und die Welt grüner und nachhaltiger zu gestalten.

Es sind zwar die alten Gesichter, die weiterhin die Zentren der Macht besetzen, aber sie kommen jetzt nicht mehr nur als gewählte Vertreter der Bürger daher, sie kommen als Propheten einer neuen, einer gereinigten, einer besseren Welt. Der christdemokratische Wirtschaftsminister Peter Altmaier beispielsweise wagt den Klimavorstoß, der gleichzeitig zur Verbeugung wird vor dem zukünftigen grünen Koalitionspartner: Eine „Charta“ soll noch vor der kommenden Bundestagswahl verbindlich beschlossen werden.

Die internationale Bestsellerautorin und Ikone der Linken, Naomi Klein, hatte solche Strategien der Übergriffigkeit des Staates in der Krise bereits vor vielen Jahren in „Die Schockstrategie“ ausführlich beschrieben. Heute sind ihr diese Thesen selbst peinlich, werden sie doch zunehmend auch von konservativen Kreisen als Erklärung für die Übergriffigkeit der Staaten jetzt während der weltweiten Corona-Maßnahmen herangezogen.

Aber zurück nach Deutschland. Auch hier haben sich neue Propheten aus der eigenen Bedeutungslosigkeit erhoben, um sich zu Welterklärern aufzuschwingen. Zwei Typen stechen gerade besonders hervor: Einerseits diejenigen, die im Gefolge der Pandemie die Welt besser machen wollen, und andererseits die Apokalyptiker, die es etwas einfacher haben, denn sie müssen ihre düsteren Bilder später nicht im gleichen Maße rechtfertigen, falls die Düsternis wider Erwarten doch nicht über die böse Welt kommen wollte wie vorausgesagt.

Nehmen wir konkret zwei Personen aus dem Kreis der Apokalyptiker heraus. Da wäre zum einen Karl Lauterbach, der Gesundheitsexperte der deutschen Sozialdemokratie, und da wäre die kirchenpopulistische Pfarrerin und Bestsellerautorin Margot Käßmann. Lauterbachs x-te Ankündigung einer zweiten Corona-Welle verschob sich mit jedem neuen Aufschrei Lauterbachs wieder um Wochen, heute ist die Chance allerdings besser denn je, dass sie doch noch über das Land schwappt. Der düstere Prophet erlebt daher gerade seine persönliche Sternstunde.

Seine Mahnungen werden energischer, seine Forderungen lauter. Sein Meisterstück, das große Lauterbachfinale wähnt der 57-Jährige jetzt zur Jahreswende herannahen: Deutschland an Silvester in vollkommener Stille, in Andacht und Ehrfurcht vor dem Virus, in Sorge um das Morgen an den Lippen derer klebend, die das Land wieder an die leuchtenden grünen Gestade führen sollen, das Paradies ist nahe, aber die Deutschen sollen es nicht zum Nulltarif bekommen, nicht ohne Abbitte, nicht ohne die große Geste, nicht ohne die längste Schweigeminute der Gegenwart: Silvester ohne Böller.

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Oder, wie es der neue Miesepeter der Nation so bedeutungsschwanger und mit seinen unverwechselbar lauterbachschen heruntergezogenen Mundwinkeln in die Kameras ausgerufen hat: „Es ist richtig, also Feuerwerke zu verbieten. Böller zu verbieten. Das sind ja alles Gelegenheiten wo sich dann mehrere Leute treffen, Alkohol trinken und sich gegenseitig infizieren.“

So beschreibt Karl Lauterbach Szenen von wahrhaft dionysischen Ausschweifungen unter lautem Geknalle von Sprengstoffminiaturen made in China. Und man schaut dann in dieses vollkommen freudlose Gesicht und weiß es sofort: Das alles hat mit Corona so wenig zu tun wie das Knallen an Silvester mit dem Hunger in der dritten Welt. Aber womöglich hätte einer wie Lauterbach gerne auch ohne Covid-19 diese Völlerei, diesen Lärm und diese elendige blöde Sauferei schon viel früher verboten. Nur fehlte ihm noch die passende Schockstrategie (Naomi Klein), es fehlte der finale Anlass, die Forderung aufzustellen zu können für diesen dramatischen Moment der Stille, für diesen lauterbachschen Rebirth, für die Befreiung der Sünde durch Ablass. Halleluja.

Das ist so evangelisch, so sehr „Das Weiße Band“ nach Michael Hanecke, dass wir hier gleich zu Margot Käßmann herüberwechseln müssen, um die Stimmung nicht abflauen zu lassen: Die nämlich ist in der Sache die beste Gefährtin des verbitterten Sozialdemokraten und ebenso wie Lauterbach eingebildete Schneiderin dieser weißen Bänder, die in Haneckes Film als Symbol der Unschuld ständige Mahnung sind – Synonym von morgen für den Impfpass mit der eingetragenen erfolgreichen Impfung gegen Covid-19?

Wie auch immer, Pfarrerin Margot Käßmann jedenfalls setzt noch früher an als Lauterbach. Nicht das versoffen lautstarke Silvester ist Ziel ihrer Strafexpedition einmal quer durch die deutsche Seele, sie fühlt sich als predigende Christin berufen, über den Ablauf des Weihnachtsfestes Gericht zu halten. Ihre Idee, ihre Strafe für die Sünder auf Erden von Flensburg bis Berchtesgaden: „Es gibt kein Recht auf das Weihnachtsfest.“ Wir dürften uns nicht vormachen, so Käßmann, „dass die Welt am 23. Dezember auf einmal eine andere sei – eine ohne Corona.“ Ein Satz, wie eine Bestrafung, wie eine Ohrfeige gleichzeitig auf beide Wangen der Ungläubigen, die doch den wahren, den asketischen Christen mit dem Coca-Cola-Weihnachtsmann ihr karges Weihnachtsfest geklaut haben.

Käßmann wittert die Chance: Der Tritt in die Kniekehlen jener Deutschen, die nur einmal im Jahr in die Kirche gehen, um nach Belieben etwas Weihnachtsstimmung abzusaugen, wie sie es gerade brauchen. Wo die Weihnachtsgottesdienstler nur die Strafpredigt lächelnd über sich ergehen und schnell zwei Euro in den Klingelbeutel fallen lassen, um dann daheim in der guten Stube die oberen Knöpfe der Hose zu öffnen und die Weihnachtsgans zu zerteilen. Über diese soll nun endlich das göttliche Gewitter hereinbrechen, wo die Worte der Predigerin sonst schon beim Verlassen der Kirchen verhallt sind. Corona als Scharfrichter.

Die Strafe der Kirche für Gottlosigkeit. Die Rückeroberung der Deutungshoheit über das Weihnachtsfest im Schatten der Krise – oder wieder nach Naomi Klein: Die Schockstrategie. Oder wie es Käßmann mit großer Geste gegenüber dem Deutschlandfunk in etwa ausruft: Euer Weihnachten ist gottlos geworden! Im Originalzitat: „Maria und Josef waren in der Ursprungsgeschichte auch nicht in einem großen Familienkreis zusammen.“ Der Engel hätte gesagt, so Käßmann: Fürchtet euch nicht. Aber wovor sollen sich die Einsamen an Weihnachten mehr fürchten? Vor dem Eindringen der möglicherweise infizierten bösen Loriot-Familie oder vor einer Pfarrerin, die gerade so unangebracht über ihre Kanzel hinausgreift?

Margot Käßmann will im Gefolge von Corona das Weihnachtsfest, so wie es bisher war, ausradieren, endlich der so vielfach belächelten Strafpredigt Taten folgen lassen: „Weihnachten war im Ursprung überhaupt kein ‚Glanz und Gloria‘-Fest“, mahnt deshalb Frau Pfarrerin. Wobei sie erneut zeigt, dass sie die Bibel vergessen hat. Denn die Hirten auf dem Feld kamen hinzu und sollen ziemlich begeistert gewesen sein, der Engel des Herrn überstrahlte die Landschaft und Bethlehem und die Drei Heiligen Könige aus dem Morgenland brachten bald reiche Gabe. Es war ein Fest der Freude, mit Glanz und Gloria, erzählt uns die überlieferte Weihnachtsgeschichte, anders als die vergessliche Bischöfin.

Natürlich später nicht mehr so uneingeschränkt. Denn über viele Jahrhunderte hinweg litten die Ärmsten der Armen unter der Knute der Kirche, trugen noch das letzte Ei und den letzten Laib Brot zur Kirche hin, so brutal und unerbittlich, dass an ein besinnliches Weihnachten über den knurrenden Magen hinaus lange nicht zu denken war.

Der aufgeklärte Mensch in mehr oder weniger bescheidenem Wohlstand verdankt denselben eben nicht der Kirche oder gar der unbescheidenen Margot Käßmann. Die Anmassung der Pfarrerin darf also getrost eingereiht werden dorthin, wo der weltliche Karl Lauterbach viele Deutsche für so etwas wie fahrlässige versoffene Knallbonbons hält.

Nein, Corona ist alles andere als ein göttlicher Aufruf zur moralischen Umkehr, keine Strafe Gottes gar für unmoralisches Handeln. Die Venezianer des Spätmittelalters glaubten das tatsächlich. Aber ihre Welt war eine gänzlich andere als unsere. Eine in mancherlei Hinsicht düsterere. Düster, obwohl oder sogar gerade weil die Kirche so mächtig war. Venedig erdachte eine Art Sittenpolizei gegen die Pest, „um alle Blasphemie, allzu freizügige Lebensart, Glückspiel, Völlerei, prahlerischen Aufwand bei Geschmeide und Zuchtlosigkeit bei der Kleidung zu unterbinden. Denn viele Frauen tragen raffinierte Gewänder, die ihre Reize hervorheben“, wie es in einem Spiegel-Artikel von 2007 heißt. Und die Kirchen Venedigs nutzten gleich mal die Gelegenheit, alle Bettler rund um ihre prunkvollen Bauten zu vertreiben. Ein Großreinemachen. Arme und Bettler als eine Beleidigung Gottes.

Käßmann und Lauterbach stellen sich während der Covid-19-Pandemie eine Art Reinemachen light vor. Gott sei Dank (oder wem immer), reicht es 2020 aus, die beseelte Dame und den düsteren Herren kräftig und laut auszulachen, um dann fröhliche Weihnachten zu feiern und es Silvester ordentlich knallen zu lassen, wenn einem danach ist. Dann aber mit Bedacht, so aufmerksam, aber so ausgelassen wie eben möglich. Käßmann und Lauterbach braucht es dazu weiß Gott nicht. Höchstens aus Neugierde werden wir an Weihnachten und Silvester mal kritisch schauen, was die beiden da jeder für sich so treiben und ob sie sich an ihre eigenen Vorgaben halten. Spaß muss ja auch sein in diesen ernsten Zeiten.

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