Hodenamputationen an Soldaten - Wahrheit oder Propaganda?

Linksradikale „junge Welt“ hält Kastrationen an russischen Soldaten für wahrscheinlich

von Alexander Wallasch

Mutmaßliche Grausamkeiten gegen russische Soldaten: Ist das die Zeitenwende beim Blick auf die Ukraine und ihren heroischen Kampf gegen den russischen Aggressor?© Quelle: Screenshot / jungewelt.de

Kastrier(t)en Ukrainer gefangene russische Soldaten? Wenn sich diese ungeheuerliche Barbarei als wahr herausstellen sollte, dann könnte diese Nachricht eine Zeitenwende in der westlichen Betrachtung der heroisierten Ukrainer und ihres Verteidigungskampfes gegen Putins Invasoren markieren.

Wie kann es überhaupt zu diesem schrecklichen Verdacht kommen? Die überregionale Zeitung junge Welt bezieht sich in ihrem Bericht zunächst auf ukrainische und russische Medienberichte von vor ein paar Wochen.

Anschließend wird von der Zeitung eine Quelle aufgerufen, die Grausames zu berichten weiß:

„Im nationalen Infosender Ukraina-24 hatte der Arzt und Leiter des Projekts „Mobiles Lazarett“, Gennadij Drusenko, mitgeteilt, er habe seine nachgeordneten Militärärzte angewiesen, russische Kriegsgefangene, die ihnen auf den OP-Tisch gerieten, bei der Gelegenheit gleich zu kastrieren.“

Die Süddeutsche Zeitung schrieb wenige Tage nach Kriegsbeginn ausführlich über die Arbeit von Ukraina-24, und hier unter anderem darüber, „wie ein ukrainischer Sender den Betrieb trotz ständigen Alarms am Laufen hält“.

Laut junge Welt soll der zitierte Arzt Drusenko gegenüber der ukrainischen Zeitung seine Kastrationsanweisung damit begründet haben, Russen seien nicht mehr als Menschen, sondern als Küchenschaben zu betrachten. Der Arzt distanzierte sich zwar wenige Tage später, „er habe sich von seinen Emotionen hinreißen lassen“, aber die Aussage Drusenkos stände nicht allein, ergänzt die junge Welt.

Unter anderem habe auch ein Moderator von Ukraina-24 dazu aufgerufen, russische Kinder zu töten. Er sei sogar persönlich bereit gewesen, daran mitzuwirken.

Alles nur grausige Kriegspropaganda? Laut junge Welt liegt ihr eine Nachricht aus dem Donbass an eine in Deutschland lebende Ukrainerin vor. Diese Nachricht beweise, dass es tatsächlich zu den geforderten Kastrationen gekommen sei.

Autorin der Nachricht sei eine in Donezk tätige Ärztin, eine „seriöse Person“. Inhalt der Nachricht wäre laut junge Welt die Information, dass der Sohn einer Kollegin nach einem Gefangenenaustausch nach Donezk zurückgekehrt sei, „nachdem ihm in der Gefangenschaft die Hoden amputiert worden seien“.

Laut junge Welt sei die Glaubwürdigkeit untermauert vom privaten „und nicht zur Veröffentlichung vorgesehene(n) Kontext der Aussage“. Aber wie glaubwürdig ist die Zeitung selbst?

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Weitere ausgetauschte russische Gefangene hätten von Kastrationsdrohungen berichtet, ebenso wie von Schlägen auf Wunden und Todesdrohungen. Die junge Welt zitiert im selben Kontext auch solche Berichte von ukrainischen Spezialkräften, die russische Gefangenen bewusst in die Beine geschossen haben sollen.

Die Zeitung schreibt von Grausamkeiten, die allerdings nicht im direkten Zusammenhang mit der Kastrationsbehauptung stehen – allenfalls insoweit, dass sie den Verlust jedweder Zivilisation aufzeigen und die Eskalation der Propagandaschlacht rund um den Krieg in der Ukraine dokumentieren.

Anfang April ging ein weiteres Video um die Welt, in dem Russen gezeigt werden, die während des Rückzugs aus dem Gebiet Kiew von ihren Kameraden verwundet zurückgelassen und anschließend von ukrainischen Soldaten gezielt erschossen wurden. Die New York Times bezeichnete das schreckliche Filmmaterial als „mutmaßlich authentisch“.

Das Fazit der Zeitung, die vom Verfassungsschutz als „linksextrem“ beobachtet wird, lautet:

„Es steht leider zu erwarten, dass dies keine Einzelfälle bleiben, auch wenn nach offizieller Lesart allein russische Soldaten zu allen denkbaren Grausamkeiten fähig sind. Denn in dem Maße, wie sich die ukrainische Seite siegessicherer fühlt und spürt, dass sie auf die 'bedingungslose Solidarität' ihrer westlichen Sponsoren zählen kann, wächst zwangsläufig auch das Gefühl der Straflosigkeit, wenn gegen bestehende Regeln des Kriegsrechts verstoßen wird.“

Die westlichen Unterstützer im Kampf gegen den russischen Aggressor werden von junge Welt zu Komplizen der Täter gemacht. Hier ist allerdings Vorsicht geboten, was den Propagandaeffekt einer solchen Nachricht angeht.

Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass die im Brief beschriebene brutale Entmannung so stattgefunden hat, dann müssen diese Verbrechen auch als schwerwiegende Kriegsverbrechen geahndet werden. Die Details dieser Grausamkeiten, so sie denn stattgefunden haben, dürften vom Westen niemals als Kollateralschaden verharmlost oder sonst wie heruntergespielt werden.

Das deutsche Nachrichten-Portal news.de berichtete schon am 23. März von der „unmenschlichen Entgleisung“ des ukrainischen Arztes Gennadiy Druzenko.

Die Klinik, in der Druzenko tätig ist, bestritt zudem Kastrationen gegenüber dem Sender Ukraina-24.

„Gefangene offenbar kastriert“ – so lautet die Schlagzeile über dem Artikel der linken Zeitung. Auch die taz bekam jüngst den Zorn der jungen Welt zu spüren, als das marxistische Blatt ausgerechnet beim Hausblatt der Grünen eine rechtsrevisionistische Autorin identifiziert haben wollte.

Die ist nämlich für die Putin gegenüber kritische Zeitung Novaya Gazeta tätig. Das Blatt ging ins Exil und bekam am 9. Mai eine Extra-Ausgabe in der taz, unter anderem mit einem Artikel, der die Kriegsschuld Hitlers anzweifelt.

Die Nachricht von möglichen Kastrationen und das angebliche Update über die Aussage einer Ärztin – all das muss dringend überprüft werden. Und das sicher noch mehr, wenn es aus dem Umfeld von junge Welt stammt.

Zu bedenken gilt hier abschließend: Grausamkeiten sind von allen Kriegsbeteiligten vorstellbar. Das belegt der Abu-Ghuraib-Folterskandal, als irakische Insassen eines Gefängnisses von US-Soldaten misshandelt, vergewaltigt und oft bis zum Tod gefoltert wurden.

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