Im Interview: Robert Lambrou, hessischer AfD-Fraktionsvorsitzender

Wird in Marburg ein der Muslimbruderschaft Nahestehender mit Toleranzpreis geehrt?

von Alexander Wallasch

AfD-Fraktion Hessen fordert Aussetzung der Verleihung des „Marburger Leuchtfeuers“ an Bilal Farouk El-Zayat© Quelle: www.marburg.de/Screenshot, Bearbeitung: Grok

Die Verleihung des städtischen Toleranzpreises „Marburger Leuchtfeuer“ an den Arzt und Vereinsfunktionär Bilal Farouk El-Zayat hat die AfD-Landtagsfraktion Hessen bereits vor Wochen öffentlich kritisiert.

Im Gespräch erläutert der AfD-Fraktionsvorsitzende Robert Lambrou, warum die Fraktion von legalistischem Islamismus spricht, welche nachprüfbaren Verbindungen zum Umfeld der Muslimbruderschaft sie zugrunde legt und welche Konsequenzen sie von Stadt und Land fordert.

Der Preis wird in wenigen Tagen im Historischen Saal des Marburger Rathauses verliehen. Laudatorin ist die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann.

Öffentliche Ehrungen sind mehr als symbolische Gesten – sie wirken als staatliche Unbedenklichkeitsbescheinigung. Wenn eine Stadt und eine Jury mit engen Vereinsverbindungen einen Preisträger auszeichnen, dessen Funktionärslaufbahn laut Verfassungsschutzberichten tief im Netzwerk der Muslimbruderschaft verläuft, und die Kritik daran reflexhaft als „Schmutzkampagne“ abwehren, zeigt sich ein strukturelles Problem: Die Bereitschaft, belastbare Hinweise der Sicherheitsbehörden bei der Vergabe öffentlicher Preise ernst zu nehmen, fehlt vielerorts.

Der Fall Marburg steht exemplarisch für die Frage, ob Kommunen und Landespolitik die von den Verfassungsschutzämtern beschriebene „Unterwanderungsstrategie“ legalistischer Islamisten weiterhin ignorieren oder endlich klare, überprüfbare Maßstäbe setzen.

Herr Lambrou, die AfD-Landtagsfraktion hat das Thema rund um die Verleihung des „Marburger Leuchtfeuers“ an Bilal Farouk El-Zayat bereits vor einiger Zeit aufgeworfen. Wie sind Sie und Ihre Fraktion auf den Fall aufmerksam geworden und was genau kritisieren Sie daran?

Wir sind Ende August auf die Auswahl der Preisträger aufmerksam geworden und haben den Vorgang zunächst intern geprüft. Am 9. September haben wir dann öffentlich darauf hingewiesen, dass die Stadt Marburg und der Marburger Ortsverband der Humanistischen Union Bilal El-Zayat auszeichnen wollen.

Um zu verstehen, worum es geht, muss man wissen, was legalistischer Islamismus ist. Das sind nicht die Männer mit dem Sprengstoffgürtel, sondern die mit Anzug, Visitenkarte und Dialogangebot. Der Hessische Verfassungsschutz beschreibt das in seinem aktuellen Jahresbericht so:

„‚Legalisten‘, wie etwa die Anhänger der Muslimbruderschaft, versuchen mit legalen Mitteln durch politische Teilhabe Einfluss zu gewinnen, um Schritt für Schritt Schutzgüter der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu unterminieren und auf lange Sicht zu beseitigen.“

Das Ziel ist also dasselbe wie bei den Gewalttätigen, nur der Weg ist ein anderer. Am Ende steht eine Ordnung, in der die Scharia oberstes Leit- und Ordnungsprinzip ist. Volkssouveränität, die Gleichberechtigung der Frau, die Rechte religiöser Minderheiten, Presse- und Meinungsfreiheit haben darin keinen geschützten Platz mehr.

Wer unsere Gesellschaftsordnung auf diese Weise umbauen will, greift die Grundprinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung an, auch wenn er dabei kein einziges Gesetz bricht. Deshalb gilt legalistischer Islamismus als verfassungsfeindlich, und genau deshalb beobachtet der Verfassungsschutz die Muslimbruderschaft. Er spricht ausdrücklich von einer „auf lange Sicht angelegten Unterwanderungsstrategie“, deren Ziel es sei, „die Gesellschaft sukzessive zu durchdringen“. Das ist die eigentliche Gefahr: nicht der laute Anschlag, sondern die leise Unterwanderung von Rathäusern, Gremien und Preisjurys.

Ich kritisiere ausdrücklich nicht Bilal El-Zayats ärztliches oder karitatives Engagement. Ich kritisiere, dass eine Stadt im Historischen Saal ihres Rathauses einen Mann mit einem Toleranzpreis ehrt, dessen Funktionärslaufbahn tief im Umfeld der Muslimbruderschaft verlief, und das mit keinem Wort erwähnt. Ein öffentlicher Preis ist eine staatliche Unbedenklichkeitsbescheinigung. Die stellt man nicht aus, ohne vorher genau hinzuschauen.

Welche konkreten Erkenntnisse oder Dokumente (z. B. aus Verfassungsschutzberichten oder öffentlichen Quellen) liegen Ihrer Bewertung zugrunde, dass hier Verbindungen ins Umfeld der Muslimbruderschaft bestehen?

Ausschließlich Quellen, die jeder nachprüfen kann:

Von 2003 bis 2005 war Bilal El-Zayat Vorsitzender der „Muslimischen Jugend in Deutschland“. Der hessische Verfassungsschutz bezeichnete sie 2006 als der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD) nahestehend.

Die IGD wurde in dieser Zeit von seinem Bruder Ibrahim El-Zayat geführt. 2018 benannte sie sich in Deutsche Muslimische Gemeinschaft e.V. (DMG) um. Laut hessischem Verfassungsschutzbericht 2025 ist die DMG in Deutschland die größte Organisation, welche die Ideologie der Muslimbruderschaft vertritt.

Von 2009 bis 2014 leitete Bilal El-Zayat die „Orientbrücke Marburg e.V.“. Die Verfassungsschutzberichte des Bundes von 2009 bis 2013 führen diesen Verein als eines der „Islamischen Zentren“ der IGD.

Der aktuelle hessische Verfassungsschutzbericht 2025 hält fest, dass der DMG Moscheegemeinden und Islamische Zentren zuzuordnen sind, die formal unabhängig sind, aber Kontakte zu ihr unterhalten. Wörtlich: „In Hessen befinden sich solche Zentren in Marburg (Landkreis Marburg-Biedenkopf) und Frankfurt am Main.“

Und 2011 reiste Bilal El-Zayat zu Yusuf al-Qaradawi. Qaradawi hatte den Holocaust als göttliche Strafe für die Juden bezeichnet. Der Verfassungsschutz nennt ihn bis heute einen für die Muslimbruderschaft wichtigen Ideologen.

Hinzu kommt ein BKA-Vermerk aus dem Jahr 2003, über den das Recherchemagazin "Glut"* berichtet hat. Danach war Bilal El-Zayat für ein Konto der IGD verfügungsberechtigt, von dem Zahlungen an den später verbotenen Hamas-Spendenverein „Al-Aqsa e.V.“ gingen.

Wie beurteilen Sie die Entscheidung der Stadt Marburg und der Humanistischen Union, Bilal El-Zayat trotz dieser Hintergründe mit einem Preis für Toleranz und soziale Bürgerrechte auszuzeichnen?

Als bemerkenswert unkritisch, um es höflich zu sagen. Schauen Sie sich die Jury an: Ihr Vorsitzender, der frühere Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD), ist stellvertretender Vorsitzender des Moschee-Fördervereins. Zusammen mit dem amtierenden Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) gehört er zu den Gründungsmitgliedern eines Vereins, den Bilal El-Zayat leitet. Hier zeichnen also Vereinsfreunde einen Vereinsfreund aus, und zwar mit städtischem Siegel. Das hat mit einer unabhängigen Würdigung wenig zu tun.

Bezeichnend ist auch die Reaktion: Auf Presseanfragen antworten Stadt und Ortsverband der Humanistischen Union nicht in der Sache, sondern mit dem Vorwurf einer „Schmutzkampagne“. Wer überzeugt ist, alles richtig gemacht zu haben, kann die Fragen doch einfach beantworten.

Welche Rolle spielt Margot Käßmann als Laudatorin in diesem Zusammenhang aus Ihrer Sicht?

Frau Käßmann leiht der Veranstaltung ihre moralische Autorität als frühere Ratsvorsitzende der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland). Gerade deshalb hätte ich erwartet, dass sie sich vorher informiert, wen sie da loben soll. Auf die Frage, ob ihr die Verbindungen zur „Muslimischen Jugend in Deutschland“ und die Reise zu Qaradawi bekannt sind, hat sie lediglich an den Marburger Ortsverband der Humanistischen Union verwiesen.

Das ist mir zu wenig. Ich fordere sie auf, diese Punkte in ihrer Laudatio offen anzusprechen. Wer Toleranz würdigt, darf über Qaradawis Holocaust-Äußerungen nicht schweigen.

Die Preisverleihung findet schon in drei Tagen statt. Welche politischen oder praktischen Konsequenzen erwarten oder fordern Sie von der Stadt Marburg bzw. der Landespolitik?

Von der Stadt Marburg fordere ich, die Verleihung auszusetzen, bis die offenen Fragen öffentlich beantwortet sind. Mindestens aber sollte Bilal El-Zayat die Bühne im Rathaus nutzen, um sich klar und unmissverständlich von der Muslimbruderschaft und von Qaradawi zu distanzieren. Das hat er nach allem, was öffentlich bekannt ist, nie getan.

Von der Landesregierung erwarte ich, dass sie endlich verbindliche Maßstäbe schafft. Es darf nicht länger vom Zufall abhängen, ob eine Kommune genau hinschaut oder ob sie wegschaut.

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Die Gegenseite spricht von einer islamophoben Kampagne. Wie grenzen Sie Ihre Kritik von pauschaler Diffamierung ab?

Ich behaupte nicht, Bilal El-Zayat habe sich persönlich islamistisch oder antisemitisch geäußert. Das ist nicht dokumentiert, und das sage ich auch so. Ein Strafverfahren gegen ihn ist nicht bekannt. Ich benenne Funktionen, Organisationen und Einschätzungen von Sicherheitsbehörden, die jeder selbst nachlesen kann.

Der Verfassungsschutz beschreibt genau dieses Muster: Die Muslimbruderschaft tritt nicht offen auf, sondern agiert aus einem weitverzweigten Netzwerk heraus. Nach außen gibt es Dialog und soziales Engagement, nach innen die Einbindung in Strukturen. Wer das ausspricht, kritisiert keine Religion, sondern eine politische Ideologie. Den Islamophobie-Vorwurf erhebt man in der Regel dann, wenn man die Fakten nicht widerlegen kann.

Welche Forderungen hat die AfD-Fraktion Hessen in diesem Kontext konkret erhoben – etwa zu Kooperationen, Förderung oder Richtlinien im Umgang mit Organisationen im islamistischen Spektrum?

Mit unserem Antrag „Kritische Prüfung der Kontaktpolitik“ (Drucksache 21/5069) fordern wir eine landeseinheitliche Richtlinie für Kooperationen, Förderungen, Konsultationen und Verträge des Landes mit Organisationen aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft; eine risikobasierte Überprüfung bestehender Beziehungen; klare und nachvollziehbare Prüfkriterien; einen datenschutzrechtlich abgesicherten, ressortübergreifenden Informationspool; Fortbildungen für die Mitarbeiter, die solche Entscheidungen treffen; eine jährliche Berichtspflicht gegenüber dem Landtag.

Dabei gilt ausdrücklich: kein Generalverdacht gegen Muslime, sondern Prüfung im Einzelfall anhand belastbarer Anhaltspunkte.

Die Fraktionen der schwarz-roten Landesregierung haben unseren Antrag abgelehnt. Stattdessen haben sie einen eigenen Antrag mit der Überschrift „Verfassungsfeinde weder fördern noch legitimieren“ vorgelegt. Dem widerspricht niemand, aber eine Richtlinie, einen Informationspool oder eine Berichtspflicht will die Koalition nicht. Man beschreibt das Problem und verweigert jede Lösung. Marburg zeigt, wohin das führt.

Wie ordnen Sie diesen Fall in die größere Integrations- und Sicherheitspolitik in Hessen ein? Wo sehen Sie ähnliche blinde Flecken?

Marburg ist kein Einzelfall, sondern Teil eines Musters. Und Frankfurt zeigt, dass dieses Muster vor Parteigrenzen nicht haltmacht.

Hessen ist ein Schwerpunkt der Muslimbruderschaft in Deutschland. Der Verfassungsschutz rechnet ihr hier rund 300 Anhänger zu. Drei ihrer wesentlichen Organisationen haben ihren Sitz in Hessen, darunter das Europäische Institut für Humanwissenschaften (EIHW) in Frankfurt. Der Verfassungsschutz nennt es eine „Kaderschmiede für (Muslimbruderschafts-) und DMG-Funktionäre“. Und er stellt fest, dass es den Protagonisten dieses Netzwerks „immer wieder“ gelinge, „als unbefangene Partnerin von Politik und Gesellschaft aufzutreten und ihre Ideologie zu verbreiten“. Genau das erleben wir gerade.

Am 22. April 2026 hat die Stadt Frankfurt Mohamed Seddadi im Kaisersaal des Römers mit ihrer Ehrenplakette ausgezeichnet. Herr Seddadi ist Geschäftsführer der Islamischen Gemeinde Frankfurt, also der Abu-Bakr-Moschee in Frankfurt-Hausen. Außerdem ist er Koordinator des Koordinationsrats der Moscheen in Frankfurt.

Das Landgericht Köln hat es als tatsachengestützte Wertung gebilligt, diesen Rat als überwiegend muslimbrudernah zu bezeichnen. Herr Seddadi ist über Jahre bei Veranstaltungen des EIHW dokumentiert. Am 23. September 2026 besuchte dann die Frankfurter Stadtverordnetenvorsteherin Claudia Korenke von der CDU seine Moschee.

Dabei bestätigt die Landesregierung selbst, dass das Landesamt für Verfassungsschutz regelmäßig Abstimmungsgespräche mit der Stadt Frankfurt zum EIHW führt (Drucksache 21/4483). Die Stadt hätte es also wissen können.

Hinzu kommt der Iftar-Empfang des Hessischen Wirtschaftsministeriums im März in Wiesbaden. Auch dort stellt sich die Frage, wer Bühne und Fotos mit Regierungsmitgliedern bekam. Dazu haben wir eine Große Anfrage gestellt (Drucksache 21/4547). Und beim EIHW räumt die Landesregierung personelle und organisatorische Verbindungen zur Muslimbruderschaft offen ein. Frankreich hat sein Schwesterinstitut des EIHW, das IESH (Institut européen des sciences humaines), im September 2025 aufgelöst. Hessen will nicht einmal einen Vergleich ziehen.

SPD in Marburg, CDU und SPD in Frankfurt, die schwarz-rote Landesregierung in Wiesbaden: Das Problem ist nicht fehlendes Wissen. Das Problem ist fehlender Wille, daraus Konsequenzen zu ziehen.

Was sollte aus Ihrer Sicht künftig bei der Vergabe öffentlicher Preise und Auszeichnungen in Bezug auf religiöse und politische Extremismusbezüge stärker berücksichtigt werden?

Erstens eine einfache Vorabprüfung, ob Preisträger oder ihre Organisationen in Verfassungsschutzberichten auftauchen. Bei jedem Förderantrag sollte das selbstverständlich sein. Bei einer öffentlichen Ehrung erst recht.

Zweitens klare Befangenheitsregeln: Wer mit einem Kandidaten im Vereinsvorstand sitzt, gehört nicht in die Jury.

Drittens Transparenz und eine Rückholmöglichkeit: Wenn es Hinweise gibt, gehören sie offen auf den Tisch und in die Abwägung. Und Ehrungsordnungen brauchen eine Klausel, nach der eine Auszeichnung wieder entzogen werden kann. Frankfurt hat eine solche Klausel bis heute nicht.

Das gilt für jede Form von Extremismus, nicht nur für den Islamismus. Aber beim Islamismus schaut man in Hessen besonders ungern hin.

Danke für das Gespräch!

*https://www.glut-magazin.de/artikel/bilal-el-zayat-bka-vermerk-humanistische-union-leuchtfeuer-kaessmann

Foto: https://hessischer-landtag.de/abgeordnete/robert-lambrou

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