Ich bin so wütend: Der deutsche Ungeist hat gegen Matthias Mantussek zugeschlagen

Matussek aus der Boule-Runde geworfen – Wie die Ausgrenzungsmaschine längst das Private zerfrisst

von Alexander Wallasch (Kommentare: 1)

Boule lebt von der Gemeinsamkeit – oft das Gegenteil von „eine ruhige Kugel schieben“.© Quelle: Matthias Matussek

Wochenlang spielte Matthias Matussek friedlich mit einer Rentnergruppe im Ostsee-Bürgerpark. Kein Wort über Politik. Dann wurde er gegoogelt – und das Tribunal begann. Ein Gespräch über Ausgrenzung, die schon auf dem Bouleplatz ankommt.

Ich musste Matthias Matussek heute lange überreden, bis er mir erlaubte, seine Geschichte zu veröffentlichen. Zuerst winkte er nur ab: „Ach lass doch, wer will das lesen?“ Aber ich habe nicht lockergelassen. Ich war einfach zu wütend.

Noch vor wenigen Wochen hatte er mir fröhlich erzählt, er habe jetzt ein neues Hobby: Boule. Er habe eine nette Rentnergruppe im Bürgerpark kennengelernt, die ihn herzlich aufgenommen und ihm das Spiel beigebracht habe.  Damit ist es jetzt vorbei. Und obwohl Matthias das niemals zugeben würde – wir kennen uns lange genug, dass ich schon an seiner Stimme hörte: Etwas Bedrückendes ist passiert.

Matthias, du hast mir vor ein paar Wochen – oder waren es schon Monate? – begeistert erzählt, du hättest ein neues Hobby. Wir haben gemeinsam gelacht, weil es auch etwas mit älteren Menschen zu tun hat.

Das ist eine wunderbare Rentnergruppe, die ich beim Boulespielen kennengelernt habe. Wirklich ganz wunderbare Leute. Ich habe mich da wohlgefühlt. Und wir haben natürlich Politik vermieden. Dann haben die mich gegoogelt, Wikipedia angeschaut und alles innerlich abfotografiert. Ich hätte Verbindungen zu Sellner und zur Neuen Rechten und alles, was da an diese virtuelle Toilettenwand geschrieben wurde.

Na klar habe ich Sellner interviewt. Es war sogar ein besonders erfolgreiches Interview. Also der Name Sellner genügte. Sellner, der nach dieser Correctiv-Geschichte in allen Punkten freigesprochen worden ist. Das war ja alles eine Lüge, dass er da jetzt immigrantische Deutsche emigrieren wollte, aber das habe ich mir verkniffen.

Ich habe nur gesagt: Ich bin doch hier als Mensch. Wir reden doch nicht über Politik. Da war einer, so‘n langer Dünner, der mir bis dahin noch gar nicht aufgefallen war, der mich noch gar nicht persönlich kennengelernt hatte, der erwiderte, es sei ihm unangenehm, wenn ich diese oder jene Haltung hätte. Und er spräche für die meisten. Da ist man erst einmal platt.

Du hast da oben in deinem Ostsee-Domizil diese Boulebahn entdeckt?

Genau, hier in dem wunderschönen Bürgerpark, für den ich genug Reklame machen kann. Ganz, ganz wunderbar. Und da gibt es eben auch Boule.

Das heißt, die Stadt hat da eine Fläche angelegt, wo man diesen französischen Rentner-Nationalsport pflegen kann.

Ja, ganz wunderbar. In meinem Roman „Armageddon“ stelle ich den Park in meiner Schlussszene vor. Da treffen sich dann die Heerscharen des Teufels mit Ursula von der Leyen und Poschardt (lacht).

Aber jetzt bekam das alles einen ganz neuen Spin. Jetzt bist du da irgendwann langgegangen und hast gefragt: Kann ich mitspielen? Du kanntest Boule ja nur von den bunten Plastikkugeln aus dem Sommerurlaub …

Ja, absolut. Ich habe da gerne zugeguckt. Darüber haben sich die Boulespieler gefreut und dann habe ich einfach mitgespielt und es hat Spaß gemacht. Aber jetzt kam der besagte Boulespieler, der mir bis dahin noch gar nicht aufgefallen war, in der Runde und meinte, man müsse mal mit mir reden. Die anderen umringten mich. Und dann sagte einer: Wenn du dich jetzt davon distanzierst, dann ist es doch gut. Ich erwiderte, das sei doch meine Meinung, die habe doch nichts beim Boulespielen verloren. Im Übrigen bin ich klar dagegen, dass die Regierung die Rentner bluten lässt, um den Kriegt in der Ukraine zu finanzieren.

Aber dazwischen waren etliche Wochen ohne Politik?

Wir haben nie über Politik geredet in den Wochen.

Jetzt also das Tribunal, wo man eigentlich dachte, so etwas sei mit dem letzten Schulhof, den man besucht hat, abgeschlossen.

Es gab ja schon mal so eine Geschichte. Ich hatte in der Schlosskirche den Lektorendienst übernommen und da sagte mir dann irgendwann die Hausherrin, sie möchte das nicht mehr, weil ich ja ein Rechter sei. Sie möchte nicht, dass ich weiter die Epistel vortrage. Da ist allerdings noch der Pfarrer eingeschritten, das ginge doch so nicht.

Was mich so wahnsinnig enttäuscht, ist die Haltung, die dahintersteckt. Da bin ich fast verzweifelt, dass die Zuschreibung als Rechter schon genügt, jemanden auszugrenzen. Also ob ich eine Markierung auf den Klamotten hätte, die sagt: Du gehörst nicht dazu. Du wirst rausgeschmissen. Das hängt an mir.

Das muss doch für dich als Literaturkenner noch viel furchtbarer sein. Die Nachkriegsliteratur ist doch voll von solchen Szenen. Da gibt es doch genug Beispiele, wo genau diese Ausgrenzung immer wieder neu thematisiert und beschrieben wird. Und jetzt erlebt man das am eigenen Leib. Das ist ja kein Kavaliersdelikt.

„Andorra“ zum Beispiel von Max Frisch und ich fühle mich erinnert an sein „Biedermann und die Brandstifter“, wo der Bürger eben dasitzt und die Truppe trägt die Benzinkanister ins Haus und fragt dann auch noch, ob er mal Feuer hat, der Biedermann. Und hinterher brennt die Hütte. Ich müsste eigentlich dran gewöhnt sein, aber das macht mich für den Moment schon fertig.

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Ich erlebe Ähnliches mit der Landesmedienanstalt. Aber das ist eine institutionelle Ebene. Du erlebst jetzt, wie die Ausgrenzungsmechanismen ins Private vordringen usw. Viele haben das bei Corona das erste Mal erlebt. Was macht das mit einem? Einfach neue Freunde suchen?

Nein, ich habe mich da wohlgefühlt. Und ich habe wohlweislich alles vermieden, was da politisch kontrovers sein könnte. Es lässt mich vor allem deshalb verzweifeln, weil ich an das große Ganze denke. Weil ich erkenne, dass das so tief drinsitzt. Das ist die linke Dressur der Abwehr gegen alles, was konservativ ist. Ich habe sogar gesagt, ich vertrete keine anderen Standpunkte als die CDU Anfang der Nullerjahre, als Merkel ausrief, Multikulti sei restlos gescheitert.

Aber du bist doch deiner Vita her mutmaßlich viel multikultureller als jeder Einzelne von diesen Boulespielern. Ich kenne dich als bunten, aufgeschlossenen Vogel, der die Welt von London bis Rio bis nach New York kennengelernt und überall seinen Horst gebaut hat. Nicht um dort den Herrenmenschen zu spielen, sondern um mit den Kulturen, mit den Menschen zusammenzukommen – so wie an der Ostseeküste beim Boulespiel! Wer ist denn weniger misanthrop als du? Du wirst doch hier von potentiellen Spießern in eine Ecke gedrängt, die diesen Leuten womöglich viel näher ist.

Ich würde tatsächlich über mich sagen, ich bin zutiefst friedfertig. Allerdings zornig gegen die linke Nomenklatura, die das Land vor die Wand fährt, ist doch logisch. Meine Freude war die letzten Wochen dieser ganz ungestörte Nachmittag mit der Bouletruppe. Bis dann eben dieser Mann auftauchte, der mit ernstem Gesicht meinen Ausschluss verkündete, wie so ein Politkommissar. Den ich übrigens vorher noch nie in der Truppe gesehen hatte.

Du hattest erzählt, dein Sohn sei dabei gewesen. Und er habe sich empört.

Ich bin hinterher noch mal hingegangen mit meinem Sohn auf unserem Spaziergang mit Simba, diesem wunderbaren Retriever-Trottel und habe meinen Sohn eingeschärft: Ich will da jetzt noch mal reden. Der hat das allerdings als Kapitulation empfunden und hat sich dann lauthals eingemischt. Na ja, kann man ihm nicht verdenken.

Klar, er hatte mal Gelegenheit, den Vater zu verteidigen. Ob er das nun aus deiner Sicht verbal korrekt gemacht hat, sei mal dahingestellt. Aber sag mal, was glaubst du, wann kommt der Moment, wo man auf der Straße angespuckt oder verfolgt oder gejagt wird? Oder ist das jetzt schon die Spitze des Eisbergs und es kann kaum schlimmer kommen?

Es kann durchaus schlimmer kommen. Also Leute wie du oder Sellner, da ging es ja um die wirtschaftliche Vernichtung. So weit geht es bei mir nicht. Bei mir ist es im zwischenmenschlichen Bereich so enttäuschend.

Wir haben vielleicht den Nachteil, dass wir nicht sagen können, in welcher Einheit hast du gedient, an welcher Front warst du? Franz Josef Strauß etwa konnte sich mit Rudolf Augstein zusammensetzen, beides alte Frontkämpfer, die haben sich auf eine Bank gesetzt und ein Bierchen getrunken. Aber heute sind Fronten entstanden, die offenbar nicht einmal mehr das Boulen zulassen.

Tja, Alexander, so ist das wohl. Also mir fällt da nichts mehr dazu ein.

Danke für das Gespräch!

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