Der gammelige Unschuldsreflex zweier Systemschaffender

Merkel ist Poschardt

von Alexander Wallasch

Zwei Seiten einer Medaille© Quelle: https://www.welt.de/debatte/plus6a2ab7c0a8f463c23bad23b5/merkels-kampf-fuer-die-afd.html

Merkel und Poschardt tun so, als hätten sie nur zugesehen. Dabei haben sie das System jahrelang selbst gezimmert: Die Kanzlerin mit Amtsmacht, der Chefredakteur als Chefpropagandist. Jetzt, nach 43,8 Prozent, beugen sich beide über die Leiche CDU – ohne Reue, nur mit Gift.

Heute, zwei Tage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, stand Angela Merkel auf der Digital X der Telekom in Köln, befragt von Miriam Meckel.

Zur Erinnerung: Die AfD lag bei 43,8 Prozent, 23 Punkte über 2021. Die CDU bei 17,2 Prozent, halbiert von 37,1. Die Wahlbeteiligung betrug 77,8 Prozent. INSA gibt der CDU auf Bundesebene unter 20 Prozent – ja, Merz ist noch im Amt.

In Köln erzählte die Ex-Kanzlerin, ihr als CDU-Mitglied blute das Herz, das Ergebnis sei schockierend, ein Einschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik. Dann kam der Satz zur Brandmauer:

„Ich habe das nicht erfunden und ich mag das auch nicht so.“

Die CDU setze zu stark auf Abgrenzung. Sie müsse sagen, was sie für das Land wolle, mit konkreten Zielen überzeugen und den Bürgern zeigen, warum Zusammenarbeit mit der AfD nicht nötig sei. Die anderen Parteien sollten von ihrer Fixation auf die AfD wegkommen.

Da muss man zwei Mal hin hören oder nachlesen, sich die Augen wischen und auf die Ohren schlagen um die Tragweite dieser Münchhausen-Merkelei ganz zu begreifen.

Merkel mag ja die Brandmauer nicht als Wortmarke erfunden haben. Aber sie hat sie als Kanzlerin vollstreckt! Beispiele? Am 5. Februar 2020 wurde Thomas Kemmerich (FDP) in Erfurt im dritten Wahlgang mit Stimmen von FDP, CDU und AfD Ministerpräsident, eine Stimme vor Bodo Ramelow, der erste Fall, in dem die AfD einem Regierungschef ins Amt half.

Schon einen Tag später unterbrach Merkel in Pretoria den Staatsbesuch bei Cyril Ramaphosa für eine Vorbemerkung aus innenpolitischen Gründen. Der Vorgang in Erfurt sei einzigartig, er breche mit der Grundüberzeugung, dass keine Mehrheiten mithilfe der AfD gewonnen werden sollen, er sei unverzeihlich, das Ergebnis müsse rückgängig gemacht werden, es sei ein schlechter Tag für die Demokratie, die CDU dürfe sich an einer Regierung Kemmerich nicht beteiligen.

Kemmerich trat nach Tagen zurück, der Landtag wurde aufgelöst, Ramelow kam zurück. 2022 stellte das Bundesverfassungsgericht fest, Merkel habe als Kanzlerin die Rechte der AfD verletzt, nicht als Parteifrau, sondern als Amtsinhaberin.

Wie nennt man Demokratiebekämpfung mit Staatsgewalt? Machtmissbrauch und autoritäre Herrschaft!

Gehen wir weiter zurück: Am 31. August 2015 sagte Kanzlerin Merkel „Wir schaffen das“, die Grenze blieb offen, die Dublin-Vereinbarungen der Rückführungen wurde mit Füßen getreten.

Und drei Jahre später beschloss die CDU einen Unvereinbarkeitsbeschluss gegen AfD und Linke.

Merkel hat 2026 selbst gesagt, ihre Entscheidung von 2015 habe die AfD-Werte wieder steigen lassen: „Aber natürlich hat meine Entscheidung mit dazu geführt, dass die Umfragewerte für die AfD wieder gestiegen sind.“

Weiterlesen nach der Werbung >>>

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal

Im Januar 2025 brachte Friedrich Merz im Bundestag einen Migrationsantrag mit AfD-Stimmen durch. Angela Merkel hat das am 30. Januar 2025 in einer Erklärung auf ihrer Website als falsch bezeichnet. Wörtlich:

„Für falsch halte ich es, sich nicht mehr an diesen Vorschlag gebunden zu fühlen und dadurch am 29. Januar 2025 sehenden Auges erstmalig bei einer Abstimmung im Deutschen Bundestag eine Mehrheit mit den Stimmen der AfD zu ermöglichen.“

Dieselbe Frau, die 2020 eine Landtagswahl kassieren ließ, belehrte also 2025 den gehassten Nachfolger Merz und tat heute in Köln so, als sei die Brandmauer zur AfD ein fremdes Wort.

Merkel hat die AfD geächtet, wo die blaue Partei der Macht zu nahe kam. Und gleichzeitig hat sie der AfD regelmäßig den Treibstoff geliefert, wo sie mit Staat und Grenzen gespielt hat, als sei das alles zur Disposition gestellt worden von irgendeiner höheren Macht – dazu passt Merkels „humanitärer Imperativ“ als Begründung für die „Herrschaft des Unrechts“.

Auf den selben Taktstock wie wie Merkel jetzt hören alle Wendehälse: Jahrelang die AfD verteufelt, diffamiert und dikreditiert und nach 43,8 Prozent plötzlich Inhalte bei der AfD entdecken.

Ulf Poschardt gehört hier in die Überschrift, weil Merkel heute kurz nach dem Ex-„Welt“-Chefredakteur denselben Move macht wie er. 2002 interviewte er Merkel, das Foto von Daniel Biskup stand noch im Juni über Poschardts Welt-Text. Nach 2002 stieg Poschardt im Springer-Haus auf, Chefredakteur von WeltN24, 2025 Herausgeber von Welt, Politico und Business Insider, 2026 gab er den Posten ab und blieb freiester Mitarbeiter, Autor, Podcaster.

Lange war er Stimme des Hauses, liberal, bürgerlich, gegen rechts, systemfest. Jetzt erscheint „Bückbürgertum“. Merkel habe die Unterwerfung der Liberalen und Konservativen vollendet und die AfD zur großen Partei gemacht, in der Autobiografie unterschlage sie den Umgang mit ihr.

Aber Poschardt war niemals Opposition gegen Merkel, er war Teil der Entourage, er war das Establishment und ist es noch. Er hat die europäische Königin aus der Uckermark getragen, erklärt und gerahmt hat. Jetzt und im Angesicht einer sterbenden CDU hat Poschardt von Döpfner nur eine Aufgabe bekommen:
Erkläre uns rückwirkend zur Opposition, zur echten Vierten Gewalt – du musst alles niederkartätschen, was nach schlechten Erinnerungen aussieht. Wenn wer auch immer die Macht übernimmt, müssen wir wieder der Lautsprecher sein – ganz in der Tradition von Axel Springer, das sind wir ihm doch schuldig!

Also schreibt Poschardt seine Abrechnungsbücher. Scharf, spät und für ihn kostenlos. Kein Risiko, kein Mut, keine Eier. Der Herausgeber macht sich selbst zum Ankläger seines Jahrzehnts: Haltet den Dieb!

Poschardt ist Merkel, Merkel ist Poschardt. Sie distanzierte sich heute in Köln von der Praxis, die sie 2020 in Pretoria durchgesetzt hat. Poschardt distanziert sich vom Milieu, in dem er gesessen hat. Beide distanzieren sich von Merz. Poschardt mit einem weinenden Auge, Merkel mit Lust. Aber beide ohne Reue, ohne Abgang und ohne Abdankung.

Trost gibt's trotzdem: Matussek bleibt immer Matussek.

(Quelle:Alexander Wallasch privat)

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen. Aufgrund von zunehmendem SPAM ist eine Anmeldung erforderlich. Wir bitten dies zu entschuldigen.