Monatelang las man in den etablierten und auch einigen Neuen Medien dasselbe: Friedrich Merz habe mit Ilse Aigner Probleme, zögere, suche eine eigene Kandidatin der CDU und lasse sich von Markus Söder unter Druck setzen.
Der Tagesspiegel schrieb Ende Oktober, Merz sei „davon wenig angetan“, die CSU hamstere Posten.
Die FAZ fragte „Warum zögert Merz bei der Steinmeier-Nachfolge?“ und spekulierte, er suche noch nach einem anderen Bewerber, einem Christdemokraten oder jemandem außerhalb der Politik.
Der Spiegel titelte, Merz entgleite die Suche nach einer Bundespräsidentin.
Die NZZ sah die Zeit gegen ihn spielen.
t-online sprach von bedecktem Verhalten und drohendem Rückschlag.
Der Merkur ebenfalls
https://www.merkur.de/politik/bundespraesidentenwahl-csu-draengt-auf-aigner-merz-zoegert-zr-94558485.html.
Und als der Name Ines Claus auftauchte, wurde sie prompt zur „Favoritin der Stunde“ und „Favoritin von Merz“ erklärt – von FAZ, Tagesspiegel, Welt und Tagesschau. Und auch Nius vorn dabei.
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Das Narrativ war klar: Hier ringe ein angeschlagener Kanzler um Autorität gegen die kleinere Schwesterpartei, die ihm Aigner aufzwingen wolle. Schweigen auf dem CSU-Parteitag, Küsschen ohne Positionierung, Asienreise, während zu Hause Fakten geschaffen würden – alles wurde als echte Distanz oder strategisches Zaudern gelesen.
Bereits im Januar 2026, unmittelbar nach dem Neujahrsempfang des CSU-Kreisverbands Miesbach am Tegernsee, stand allerdings etwas anderes im Raum. Dort hatte Aigner über Merz gesagt: „Ich darf wirklich sagen, dass wir gut befreundet sind – und das freut mich sehr.“
In meinem Artikel „Skrupellos und unberührbar: Merz will Weimer-Freundin Ilse Aigner zur Bundespräsidentin machen“ https://www.alexander-wallasch.de/gesellschaft/skrupellos-und-unberuehrbar-merz-will-weimer-freundin-ilse-aigner-zur-bundespraesidentin-machen schrieb ich schon damals:
Während die Weimer-Affäre noch brodelt, schiebe Merz seine Tegernsee-Vertraute Ilse Aigner ins höchste Amt. Die Verbindung über Christiane Goetz-Weimer, die Duz-Freundschaft und die regelmäßigen Auftritte Aigners beim Ludwig-Erhard-Gipfel lagen offen.
Zur Erinnerung: Merz und Weimer besitzen Häuser in Gmund, Aigner vertritt den Stimmkreis. Im April folgte mein Bericht „Kanzlers Tegernsee-Connection: Erst Weimer und Reiche ins Kabinett – jetzt Aigner als Bundespräsidentin“.
Dort hatte ich die damalige „Bild“-Schlagzeile „Merz von Söders Aigner-Vorstoß kalt erwischt“ als Inszenierung bezeichnet. Zitat:
„Tatsächlich aber sind Ilse Aigner und Friedrich Merz seit Jahren eng befreundet. Beide sind zentrale Figuren der Tegernsee-Connection. Merz hat ein Häuschen in Gmund am Tegernsee. Aigner ist dort die lokale CSU-Abgeordnete. Sie kennen sich seit fast dreißig Jahren, waren zusammen radeln, haben Zwiebeln fürs Gröstl geschnippelt…“
Frau Weimer und Aigner seien Duz-Freundinnen, Aigner regelmäßig und prominent auf dem Gipfel der Weimer Media Group.
Im aktuellen Text „Merz und die Tegernsee-Connection: Jetzt soll Nachbarin Ilse Aigner Präsidentin werden“ wird die Linie fortgesetzt.
Die Küsschen auf dem CSU-Parteitag und der Jubel der Delegierten werden nicht als Überraschung oder Druck von außen gelesen, sondern als weiterer Baustein eines längst bestehenden Netzes: persönliche Freundschaft, lokaler Stimmkreis, Ludwig-Erhard-Gipfel, Stiftungs-Schirmherrschaften und gegenseitige Auszeichnungen.
Die zwischenzeitlich präsentierte Gegenkandidatin Ines Claus erscheint darin als das, was sie war – ein Ablenkungsmanöver, mit dem Merz den Eindruck wahren konnte, die CDU habe noch einen eigenen Anspruch. Solche Muster aus verzögertem Bekenntnis und kurzer Gegenpersonalie passen zu gut zu Merz’ früherer Management- und Parteipolitik.
Die Tegernsee-Connection – Weimer als Schlüssel, Aigner als enge Freundin von Christiane Goetz-Weimer, die geplante Auszeichnung im Bayerischen Landtag unter Aigners Präsidentschaft, die gemeinsamen Auftritte und Wohnsitze – war von Januar an öffentlich dokumentiert und benannt.
Die Leitmedien und auch Teile der Neuen Medien haben diesen Zusammenhang bis heute nicht in den Mittelpunkt gestellt. Stattdessen wurde monatelang das Theater der Distanz mitgespielt und als reale Machtprobe zwischen Merz und Söder oder zwischen CDU und CSU erzählt. Das Ergebnis ist eine Berichterstattung, die die persönliche und örtliche Grundlage der Personalie systematisch unterbelichtet ließ.
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