Auf der ILA in Berlin-Schönefeld, direkt neben dem BER, wo die Luftfahrtwelt ihre neuesten Spielzeuge präsentiert, fiel am Donnerstag eine bemerkenswerte Aussage. US-General Alexus Gregory Grynkewich, seit Juli 2025 Supreme Allied Commander Europe (SACEUR) und Chef des US European Command, erklärte vor Publikum: Russland „strebt keinen Konflikt an“.
Der oberste NATO-Kommandeur in Europa, flankiert vom deutschen Generalinspekteur Carsten Breuer, Airbus-Rüstungs-CEO Michael Schöllhorn und einem Lockheed-Martin-Vertreter, sprach Klartext – oder das, was in Washington gerade als Klartext gilt. Auf die Frage nach einem möglichen russischen Angriff auf die Baltikum-Staaten antwortete Grynkewich: Er habe die Geheimdienstinformationen „sehr genau verfolgt“.
Moskau verstehe, dass die NATO ein Verteidigungsbündnis sei und über asymmetrische Vorteile verfüge. Deshalb werde Russland kein solches Risiko eingehen.
Aber wie passt das zum Daueralarm, den Teile der europäischen Politik und Medien seit Jahren verbreiten?
Während baltische Politiker und deutsche Sicherheitsexperten vor einem russischen Überfall in wenigen Jahren warnen, sagt der Mann, der die NATO-Truppen in Europa befehligt: Die Abschreckung wirkt. Russland weiß, dass es militärisch nicht erfolgreich wäre – und lässt es deshalb bleiben.
Grynkewich formulierte es so: „Weil sie wissen, dass sie keinen Erfolg haben werden, werden sie ein solches Risiko nicht eingehen.“ Und auf die Frage, ob er bereit sei, heute Nacht zu kämpfen: „Absolut.“ Pragmatisch, selbstbewusst, ohne hysterischen Unterton.
Weiterlesen nach der Werbung >>>
Ihre Unterstützung zählt
Der Zeitpunkt dieser Einlassung ist pikant. Die USA unter Präsident Trump ziehen gerade erhebliche Kräfte aus Europa ab: eine Flugzeugträgerkampfgruppe, Marschflugkörper-U-Boote, Poseidon-Aufklärer, Tankflugzeuge, F-16 und F-15E sowie 5.000 Soldaten aus Deutschland. Ein ganzes Fernfeuerbataillon, das noch kommen sollte, wird gestrichen. Die Ressourcen gehen in den Pazifik – dorthin, wo China als strategischer Hauptgegner gesehen wird.
Grynkewich bestätigte die Kürzungen offen und sprach von Notfallplänen: Was haben wir, was haben wir nicht? Europa soll lernen, schneller zu beschaffen, zu skalieren und langfristig durchzuhalten. Die Botschaft an die europäischen Verbündeten ist unmissverständlich: Ihr müsst mehr selbst machen.
Interessant wird es, wenn man Wladimir Putins Aussage danebenhält. Der russische Präsident hatte die europäischen Ängste vor einem NATO-Angriff erst kürzlich als „Unsinn“ und „absichtliche Provokation“ bezeichnet, um mehr Geld für Rüstung aus den Bürgern herauszuholen. Grynkewichs Analyse deckt sich damit in wesentlichen Punkten: Moskau sucht keinen Konflikt mit der NATO.
Der General, der auch an Waffenstillstands-Gesprächen zur Ukraine beteiligt war, äußerte sich zudem zur Lage dort: Die Fronten seien relativ stabil, die Ukrainer hielten sich gut, russische Vorstöße kämen mit extrem hohen Verlusten nur mühsam voran. Auch das klingt nach Ernüchterung statt nach Siegesgewissheit.
Der oberste NATO-General in Europa widerspricht der Bedrohungs-Rhetorik, mit der in Deutschland und der EU seit Jahren Haushalte gerechtfertigt, Energiepolitik ruiniert und gesellschaftliche Spaltung vorangetrieben wird.
Gleichzeitig reduziert Amerika sein Engagement und fordert mehr europäische Eigenverantwortung. Für Grynkewich ist demnach nicht der große russische Angriff das akute Problem, sondern die Frage, ob Europa bereit seine Verteidigung selbst zu organisieren. Bedeuten mehr Waffenkäufe auch den großen Reibach für die US-Rüstungsindustrie?
Einen Kommentar schreiben
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen. Aufgrund von zunehmendem SPAM ist eine Anmeldung erforderlich. Wir bitten dies zu entschuldigen.
Zur Anmeldung