Die USA haben die Deutschen nicht von Hitler befreit. Sie haben Europa von den Deutschen befreit.

Ohne Pearl Harbor keine "Befreiung" Deutschlands – warum der Iran-Vergleich hinkt

von Alexander Wallasch

Führer der freien Welt© Quelle: X/Screenhsots, Montage: Wallasch

Viele rufen nach US-Intervention im Iran und vergleichen mit 1945. Doch 1936 jubelten die Westmächte noch bei Olympia in Berlin, 1938 segneten sie München ab – und erst Pearl Harbor brachte die USA in den Krieg. Ein unbequemer Blick auf die Realität hinter dem "Befreiungs"-Mythos.

Der Vergleich wurde zuletzt auch mit Blick auf die Befreiung des Iran wieder häufiger gezogen: Ohne die USA auch keine Befreiung Deutschlands von der Nazi-Diktatur.

Etwa der CDU-Politiker Ruprecht Polenz schrieb schon vor Monaten via LinkedIn:

„Hätten die Westalliierten im Juli 1945 das besiegte Deutschland sich selbst überlassen, wären wir die Nazis nie losgeworden. Ich sehe kein Land, das nach einer bedingungslosen Kapitulation des Iran das Mullah-Regime entmachtet, damit demokratische Strukturen entstehen können.“

Und der X-Account „Iran Shahi“ schreibt als direkte Antwort auf einen Tweet von Kanzler Merz via X:

„Die Geschichte zeigt: Deutschland und Japan wurden mit Hilfe der USA von brutalen Regimen befreit und wurden stabile Demokratien. Auch die Iraner brauchen Hilfe. Mit @PahlaviReza kann Iran stabil und frei werden.“

Und eine Userin „Perserkätzchen“ antwortet auf einen Tweet der BSW-Politikerin Mohamed Ali:

„Ich bitte Sie als Exil-Iranerin, dass Sie sich in unsere Angelegenheiten nicht einmischen. Ohne linke Politik wird Iran schon befreit werden. Bin froh, dass sie damals nicht gelebt hätten und die USA nicht verhindert hätten, Deutschland zu befreien. #FürIran.“

Aber ist das historisch verbürgt? Hitler wurde 1933 zum Reichskanzler ernannt. Damit begann die Machtergreifung samt Massenverhaftungen und Ermächtigungsgesetz und ersten antijüdischen Aktionen. Aber noch drei Jahre später, 1936, feierte die Welt in Berlin die Olympischen Spiele, die französischen Sportler zogen mit Hitlergruß an der Ehrentribüne vorbei. Auch in Amerika wurden die Spiele gefeiert bis hin zur New York Times.

Natürlich gab es auch viele kritische und negative Stimmen, aber an keiner Stelle wäre 1936 die Rede gewesen von einer Invasion samt Befreiung von den Nazis.

Als der britische Premier Chamberlain 1938 mit Hitler das Münchner Abkommen vereinbarte, gab es – wieder neben einigen kritischen Stimmen – eine breite Mehrheit in den USA, Großbritannien und Frankreich, die das Abkommen positiv fanden. Roosevelt sandte am 26. September 1938 (kurz vor der Münchner Konferenz, die am 29./30. September stattfand) ein Telegramm an Hitler, in dem er dringend appellierte, die Verhandlungen nicht abzubrechen und eine friedliche Lösung zu suchen.

Jetzt könnte man an der Stelle sagen, es war ein verhängnisvoller Irrtum, aus dem man heute eine Lehre ziehen kann. Aber Fakt bleibt, dass die USA Japan und Deutschland erst im Dezember 1941 den Krieg erklärten. Und Auslöser war hier nicht etwa das von den Nazis unterdrückte deutsche Volk, das man befreien wollte. Auslöser waren auch keine ersten Berichte über den Massenmord an Juden.

Auslöser war der japanische Angriff auf Pearl Harbor. Die USA hatten überhaupt erst 1941 via Lend-Lease-Programm damit begonnen, Waffen an Großbritannien und die Sowjetunion zu liefern. Es war zwar kein klassisches Geschäft, bei dem die USA viel Geld zurückbekamen. Aber indirekt hat das Programm der amerikanischen Wirtschaft massiv geholfen – und zwar weit mehr, als es gekostet hat.

Es gab riesige Staatsaufträge für Rüstungsgüter. Fabriken liefen auf Hochtouren. Die Arbeitslosigkeit (Great Depression) verschwand fast vollständig. Industrie (Stahl, Flugzeuge, Schiffe, Lastwagen, Nahrungsmittel) wurde massiv ausgebaut – das half enorm, als die USA selbst in den Krieg eintraten.

Die USA wurden zur unangefochtenen Industriemacht der Welt (Europa und Japan lagen in Trümmern). Nach 1945 profitierten US-Firmen enorm vom Wiederaufbau (Marshallplan, Exporte usw.), weil die Alliierten wirtschaftlich abhängig geworden waren.

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Aber noch etwas ist entscheidend, wenn immer wieder mit Blick auf den Iran der Vergleich zur Befreiung von Nazi-Deutschland gezogen wird: Die deutsche Wehrmacht hatte mittlerweile eine ganze Reihe von Staaten besetzt und führte Krieg an mehreren Fronten.

Die deutsche Kontrolle reichte im Westen bis zur Atlantikküste Frankreichs (von der spanischen Grenze bis Bretagne/Normandie). Im Norden waren ganz Norwegen, Dänemark und die Spitzbergen-Inseln Teil der deutschen Einflusssphäre. Und im Osten standen die deutschen Truppen bis etwa 200–300 km vor Moskau (Dezember 1941), Leningrad war eingekesselt, Kiew erobert. Die Wehrmacht stand am Schwarzen Meer und bis Kreta, sowie in Teilen Nordafrikas (mit Rommel) und dem Balkan bis Griechenland.

Das eroberte Gebiet (direkt kontrolliert + Satelliten) umfasste 1941/42 etwa 3,3 Millionen km² von der Bretagne bis fast vor Moskau.

Schon deshalb hinkt der Vergleich mit dem Iran ganz wesentlich. Die Mullahs unterdrücken ihr Volk, sie sprechen regelmäßig davon, Israel von der Landkarte tilgen zu wollen, aber sie führen keinen vergleichbaren Eroberungskrieg mit ihren Nachbarn. Das soll ihr brutales Vorgehen im eigenen Land nicht mindern. Aber es kontaminiert den Vergleich wesentlich.

Die USA hatten im Zweiten Weltkrieg an keiner Stelle das Bestreben, die Deutschen von Hitler zu befreien. Sie wollten Europa von den Deutschen befreien!

Und noch etwas unterscheidet sich elementar: Die Deutschen wurden und werden in den Geschichtsbüchern nicht als Unterdrückte des Nazi-Regimes betrachtet, sondern als schuldiges Kollektiv. Dafür wurde der Begriff der Kollektivschuld geprägt. Zwar haben auch viele Deutsche unter der Nazi-Herrschaft schwer gelitten, aber sie haben faktisch keine relevante Stimme, das Grauen der Judenvernichtung überdeckt hier alles.

Sogar die Hunderttausende oder Millionen deutschen Opfer der von den Alliierten beschlossenen Vertreibungen galten lange – und teilweise bis heute – als gerechtfertigte Rache oder schlicht als Kollateralschaden des von Deutschland entfesselten Krieges und des Holocaust.

Wer also heute die „Befreiung“ Deutschlands und Europas als Blaupause für die Befreiung etwa des Irans oder Venezuelas verstehen will, der ignoriert Wesentliches: Den Amerikanern ging es niemals um Befreiung der Deutschen von einer Diktatur. Sie sind in einem Weltkrieg eingetreten, aus dem sie sich bis 1941 offiziell herausgehalten hatten.

Ja, es ist gewagt, aber vielleicht kann diese Betrachtung noch weiterdrehen: Die Intervention der USA im Iran ist eher vergleichbar mit Hitlers Beweggründen für das Münchner Abkommen, als mit dem Kriegseintritt 1941. Denn der britische Premier Chamberlain flog nach München, weil in vielen Kerngebieten des Sudetenlands der deutsche Bevölkerungsanteil sehr hoch war, oft über 80–90 Prozent. Nach 1918 und dem Versailler Vertrag fanden sich über 3 Millionen Sudetendeutsche plötzlich im neuen tschechoslowakischen Staat wieder, dem sie überwiegend nicht angehören wollten und von dem sie als Deutsche unterdrückt und vielfach als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden.

Es brauchte dann zwanzig Jahre, bis sie durch Chamberlain und Hitler aus dieser Situation – man kann es so sagen: befreit – wurden. Natürlich war die ‚Befreiung‘ der Sudetendeutschen 1938 in Wahrheit ein von Hitler gesteuerter Akt der Aggression – aber aus Sicht vieler Betroffener fühlte sie sich damals genau so an. Dass das alles nichts mit der Hölle zu tun hatte, die danach kam, steht natürlich zu Recht in jedem Geschichtsbuch – als Mahnung, nicht als Blaupause.

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