In Thüringen gehen Heidrun und Manfred montags spazieren

Post aus Ilmenau – Wo Menschen „Nein“ sagen und sich aus ihren Monoblockstühlen erheben

von Alexander Wallasch (Kommentare: 3)

Spielende Kinder am Wasser, gemütliche Frauen über irgendwelche Beete gebeugt und Männer im Gespräch oder am werkeln, während einer von ihnen den Grill am Feuer hielt …© Quelle: Pixabay / Bernd Strohbach Dr. med. / Clker-Free-Vector-Images / Foto und Bildmontage Alexander Wallasch

Heute bekam ich Post aus dem wundervollen Thüringen, aus Ilmenau. Mit dem Zirkelstich vermessen wohnen hier knapp vierzigtausend Menschen in der Mitte Deutschlands.

Und was mir Heidrun und Manfred aus der Goethe- und Universitätsstadt geschrieben haben, hat mich ob ihrer spontanen Herzlichkeit gerührt und gleichsam ein wenig beschämt. Aber vor allem haben mir die beiden den Sonntag versüßt und meinem kleinen Team und mir eines noch einmal ganz deutlich gemacht:

Was wir machen, erreicht unsere Leser. Erreicht sie dort, wo sie arbeiten, leben, wo sie ihre Kinder und Enkel aufwachsen sehen, wo sie Freude empfinden – aber auch dort, wo sie sich die gleichen Sorgen machen, wie wir alle, weit verteilt über das Land. Wir sind viele.

Die beiden berichteten uns, dass sie sich am Montag wieder auf die Straße begeben werden. Und diese Aussage hat dabei etwas so Selbstverständliches, so Unerschrockenes und vor allem Unbeirrbares, dass ich nur jeden Ilmenauer bitten kann, die beiden morgen zu begleiten und etwas von der Kraft von Heidrun und Manfred mitzunehmen. Ich bin sicher, Ihr werdet Euch finden.

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Heidrun und Manfred haben mich einen „wertvollen Menschen“ genannt. Da wir uns noch nicht persönlich kennen, müssen sie es aus meiner Arbeit abgeleitet haben. Ich bin allerdings sicher, dass ich im Wettstreit um die Plakette „wertvoller Mensch“ gegen Heidrun und Manfred haushoch verlieren würde.

Die beiden aus Ilmenau sind meine stillen Helden geworden. Wahre Stellvertreter einer untergehenden deutschen Kultur, die dieses Land so begehrenswert für viele andere gemacht hat. Aber niemand bewirbt sich bei uns, Teil dieser Gesellschaft zu werden, sie kommen in Millionenzahl, viele um zu bleiben.

Auch Ilmenau ist davon nicht verschont geblieben, auch in der Heimat von Heidrun und Manfred brodelt es im Kessel. Landrätin Petra Enders stöhnte vor wenigen Wochen: „Wir können bald nicht mehr!“, die Probleme in den Sammelunterkünften für Flüchtlinge würden sich häufen, eine regionale Online-Zeitung schreibt:

„Rund 1200 ukrainische Flüchtlinge sind mittlerweile im Ilm-Kreis registriert worden, etwa tausend von ihnen blieben bisher auch hier. Hinzu kommen seit Januar circa 700 Asylsuchende aus anderen Ländern, die  ebenfalls betreut und untergebracht werden müssen. Für die kommenden Wochen sind vom Freistaat 250 weitere ukrainische Flüchtlinge angekündigt, plus 35 aus anderen Ländern. ,Jede Woche ein Bus mit 50 Personen', sagt Enders und spricht von einer ,mehr als angespannten Lage.'“

Das große Thema bleiben hier allerdings, wie in vielen anderen deutschen Städten auch, die drohenden neuen Corona-Schutzmaßnahmen. Im Februar berichtete die Thüringer Allgemeine, dass in Ilmenau eintausend Menschen auf die Straße gegangen sind. Das sind weniger als zehn Prozent der Stadtbevölkerung, aber proportional betrachtet schon deutlich mehr, als 1989 die SED-Diktatur gestürzt haben. Ilmenau muss also eine wahre Powerstadt sein.

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Ich telefoniere manchmal mit Alfred Emmert, dem Herausgeber der Südthüringer Rundschau, seine Zeitung übernimmt gerne einmal Artikel von meiner Webseite und ich erfahre dafür etwas über das Leben in Hildburghausen und Umgebung, hier hat Hans-Georg Maaßen quasi aus dem Stand beachtliche 22,3 Prozent der Wählerstimmen bekommen.

Ich weiß gar nicht genau, ob die Thüringer gut mit den Sachsen können. Aber als ich vor einer ganzen Weile in Dresden war und dort mit der Weißen Flotte nach Bad Schandau und zurückfuhr, ist mir besonders diese Elbschleife unterhalb der Festung Königstein in Erinnerung: Dort wurde es auf einmal so merkwürdig schattig und kühl auf Dampfer und Elbe. Fasziniert schauten wir hinauf, jemand rief kühn das Echo des Berges an, das ihm antwortete. Hinter der Kurve schien dann schon wieder die Sonne so heiß, als wäre man mitten in der Toskana.

Aber etwas anderes als nur die alten Gemäuer und ihr langer Schatten hatten sich bei mir eingeprägt: Haften geblieben sind mir merkwürdigerweise eine Gruppe Monoblockstühle am Ufer oberhalb des Elbwassers, um einen Grill herum aufgestellt, spielende Kinder am Wasser, gemütliche Frauen über irgendwelche Beete gebeugt und Männer im Gespräch oder bei Handwerksarbeiten, während einer von ihnen den Grill am Feuer hielt und die Fleischauflage überwachte. Ein feiner Rauchfaden stieg senkrecht auf, kein Lüftchen noch.

Ich erwähne die Monoblockstühle, weil Caspar David Friedrich, würde er heute malen, im Vordergrund seiner Elblandschaft sicher solche Pressplastikstühle verewigen würde, einfach, weil sie hier wie anderswo auf der Welt wie selbstverständlich dazugehören.

Vom Dampfer aus betrachtet, sahen die Menschen am Elbufer aus wie kleine bunte Flecken in der blau-grünen Landschaft. Und auf sympathische Weise wirkten sie vollkommen unbeeindruckt von dieser mächtigen Festung in Sichtweite hoch oben im Elbsandsteingebirge, eine Verteidigungsanlage übrigens, die niemals von ihren Feinden eingenommen werden konnte.  

Diese Elbfahrt mit Frau und Kindern ist lange her. Aber als ich Post von Heidrun und Manfred aus Thüringen bekam, hatte ich wieder dieses deutsche Idyll von der Elbe im Kopf und sah meine beiden Briefschreiber in Ilmenau ebenso an ihrem Grill sitzen und sich umstandslos einfach des Lebens freuen.

Diese Freude am Leben bei allen Verwerfungen, die unsere Zeit mit sich bringt, die war auch in jeder Zeile dieses Briefes an mein Team und mich zu spüren, dafür danke ich Heidrun und Manfred von Herzen. Auch dafür, dass sie mir, wenn auch unbeabsichtigt, diese wundervollen Dresdenbilder zurückgebracht haben.

Und wer die beiden morgen zufällig auf ihrem politischen Spaziergang in Ilmenau trifft: Grüßen Sie sie bitte ganz herzlich von mir – Glück auf!

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Kommentare

Kommentar von Hildegard Hardt

Eigenartige Begegnungen gibt es!

1992 war ich in Suhl, ca. 30 km von Ilmenau entfernt, bei einem Vortrag über das Sturmgewehr AK-47 / Kalaschnikow, der Kontrukteuer war persönlich anwesend. Für ein bekanntes Waffenmagazin sollte ich einen Artikel schreiben; wenn es mal finanziell hapert, macht das sogar eine Pazifistin, aber mich interessierte vor allem der Mensch Kalaschnikow.

Der Saal war fast voll, als ein jüngerer Mann einen Rollstuhl neben mich in den Mittelgang schob. Ein prüfender Blick unter grauem Haar: "Was macht hier eine Frau mit gesunden Beinen?" Eine kurze Erklärung, ein verständnisvolles Nicken. - Dann betrat Michail T. Kalaschnikow das Podium: Relativ klein, untersetzt, weißgraues Haar, kantiger Kopf mit markanten Zügen aber freundlichen Augen. Der Übersetzer lang und dürr.

In der Pause traf ich Vater und Sohn an der Getränketheke, wir machten uns bekannt. "Sie schreiben, das kann ich verstehen, aber was mein Vater hier will, begreife ich nicht. Beim Fluchtversuch aus der DDR wurde ihm von einer Kalaschnikow das rechte Bein zerfetzt und die Hüfte zerstrümmert, er hätte es fast nicht überlebt. Was soll ihm das hier bringen?"

"Ach Junge!" Krieg und Leid gibt es überall und es trifft immer die Unschuldigen. Die meisten sterben, ich lebe noch. Ich will den Mann sehen, der das erfunden hat und ihn wenn möglich sogar sprechen. Ich will einfach wissen, was er sich dabei gedacht hat."

Dann der Rest des Vortrags, auch wenn der nuschelnde Übersetzer wirklich kein Vergnügen ist. Der Saal leert sich, Kalaschnikow sitzt noch am Tisch und der Sohn schiebt den Rollstuhl nahe ans Podium. Der Vater ruft etwas in russischer Sprache, Kalaschnikow hebt erstaunt den Kopf steht auf und kommt herunter. Er reicht dem Mann im Rollstuhl freundlich die Hand und dann sind wir beide vergessen. Fast eine halbe Stunde reden die Männer, und zum Abschied beugt sich der Russe herunter zum Rollstuhl. Er faßt den Versehrten fast liebevoll um die Schultern, nickt uns zu und verschwindet hinter der Seitentür.

"Und was hat das Dir jetzt gebracht?" - "Ich habe den Menschen Kalaschnikow erlebt, der eigentlich traurig ist über seine Erfindung, die so viel Schreckliches angerichtet hat. Ein Zeichen, daß noch nicht alles böse ist."

Der Vater ist vor vielen Jahren verstorben, mit dem Sohn habe ich heute noch Kontakt. Er ist bei jeder friedlichen Demo dabei und wurde schon oft von der Polizei hart attackiert.
"Wir lieben unser wunderschönes Thürigen, seine großen und kleinen Städte und Dörfer und vor allem die herrlichen Wälder. Wir sind keine "Nazis", "Corona-Leugner" oder "Demokratiefeinde", was Nancy Faeser, Haldenwang & Co immer von uns behaupten. Die sind einfach nur krank im Kop, furchtbar krank!"

Recht hat er! Die sind wirklich krank im Kopf! - Wie lange wird es wohl die herrlichen Wälder in Thüringen noch geben. Für sinnlose Windkraftanlagen werden Schneisen in die Grüne Lunge geschlagen und zum Teil jahrhundertealte Baumbestände vernichtet. Und das auf Befehl von Politikern, die nur das Geschäft interessiert.

Krank, wirklich nur krank!

Kommentar von Arno Nühm

Leider werden auch 10 mal so viele Demonstranten wie bei dem Sturz der SED-Diktatur nicht reichen. Der Sturz der SED hat nur funktioniert, weil da im Hintergrund etwas ganz anderes abgelaufen ist.
Ein Großteil der Demonstranten wollte sicher das richtige - hat aber nicht gemerkt, dass er von CIA und BND instrumentalisiert wurde, um die DDR und die UdSSR zu vernichten und neue NATO-Kolonien zu schaffen.
Auch wenn 90% der Bevölkerung gegen sie demonstriert, wird die Merkelkratie (bzw. Lauterbachkratie) sich nicht daran stören (sondern nur eine Ausgangssperre verhängen).

Kommentar von Joachim Winter

Es leben die Ossis!