230 Schiffe aus Europa und den USA, elf aus Deutschland – verkauft, nachdem der Krieg begonnen hatte.

Putins Schattenflotte: Deutsche Reeder kassierten zweihundert Millionen

von Alexander Wallasch

Eine Backbord-Annäherung an Russlands Schattenflotte© Quelle: https://schiffsradar.org, Screenshot

Berlin warnt vor Russlands Schattenflotte als Sicherheitsrisiko. Gleichzeitig landeten nach 2022 Hunderte gebrauchte Tanker aus westlichem Besitz in eben dieser Flotte, darunter elf ehemals deutsche Schiffe für rund 200 Millionen Euro. Die Herkunft sagt mehr über das Geschäft als über die Moral.

Der Begriff Schattenflotte ist wieder in den Nachrichten, nachdem Außenminister Johann Wadephul diese russische Schattenflotte jetzt als „absolutes Sicherheitsrisiko“ bezeichnet und als Teil der hybriden Bedrohung im Ostseeraum identifiziert hat.

Insbesondere im Zusammenhang mit den Drohnenfunden am Flughafen Leipzig/Halle – und der Festlegung der Bundesregierung, dass diese mutmaßlichen, misslungenen Anschläge auf einen russischen Geheimdienst zurückzuführen seien – hat Deutschland neben der Schließung russischer Einrichtungen unter anderem ein schärferes Vorgehen gegen diese Flotte beschlossen.

Gemeint sein kann damit im Wesentlichen nur ein Vorgehen in der Ostsee, wo es keine internationalen Gewässer im klassischen Sinne gibt, weil sich die Seezonen der Anrainer wegen der Enge des Meeres überschneiden. Dennoch gelten internationale Regelungen, die den freien Schiffsverkehr bisher auch solchen Staaten zugebilligt haben, deren Schiffe Seegebiete anderer Staaten kreuzen. Besonders trickreich will man von deutscher Seite sein, weil man diese Schiffe nicht einfach aufhalten darf. Man stützt sich daher auf die Nichteinhaltung von Umweltstandards. Umweltauflagen, die nicht eingehalten werden. Hier wurden bereits in der Vergangenheit Schiffe angehalten und überprüft. Der Außenminister hatte gesagt, man wolle Russland nicht im Irrglauben lassen, solche Aktionen blieben ohne Konsequenzen.

Nun sind die Beweise für die Täterherkunft aus Russland öffentlich noch nicht erbracht. Geheimhaltung und laufende Ermittlungen mögen hier eine Rolle spielen. Aber die Bundesregierung ist mit ihren Informationen an die Öffentlichkeit gegangen – was sie im Fall der gesprengten Nord-Stream-Pipelines über Jahre nicht in dieser Form getan hat. Damals wurden Geheimdienstinformationen eher über Medien durchgestochen, nämlich dass es höchstwahrscheinlich ein ukrainisches Unternehmen mit Billigung der US-Regierung gewesen sei. Im Falle der Leipziger Drohnenfunde hat man wenige Tage gebraucht, um Russland als Täter zu identifizieren. Eine öffentliche Beweisführung ist ausgeblieben.

Also: Was ist mit dieser russischen Schattenflotte? Es geht zum einen um ältere, desolate Schiffe. Es geht aber auch um solche, die bewusst täuschen, ihre Trackingmöglichkeiten ausschalten, sodass man sie auf See nicht verfolgen kann. Im Wesentlichen soll es um Öltransporte aus Russland gehen, die beim Verkauf den Ukrainekrieg finanzieren. Das führt zu der Aussage, Russland könne ohne diese Einnahmen den Krieg nicht führen. Auch das müsste man analytisch einmal prüfen.

Interessanter ist die Frage, wo diese Schiffe eigentlich herkommen. Wer hat sie gebaut, wer hat sie verkauft? Und da wird es interessant. Recherchen haben gezeigt, dass nach Kriegsbeginn noch über 200 dieser Tanker von europäischen und US-Reedern – oft zu hohen Preisen – verkauft wurden und genau diese Schattenflotte wesentlich mit ausgestattet haben. Auch deutsche Reeder sollen beteiligt gewesen sein.

Gezielt gezählt werden können diese Schiffe offenbar nicht. Schätzungen sprechen von bis zu 400 Tankern, andere von viel mehr, von denen allein rund 200 aus den besagten westlichen Quellen stammen. In den Fokus geriet die Schattenflotte Mitte Januar 2025, als der rund 19 Jahre alte Tanker Eventin in der Ostsee vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns havarierte und von Schleppern stabilisiert werden musste. An Bord befanden sich zu dem Zeitpunkt 99.000 Tonnen Rohöl aus Russland.  

Die damalige Außenministerin Annalena Baerbock sprach vom „ruchlosen Einsatz einer Flotte von rostigen Tankern“. Allerdings stammten diese Tanker teilweise aus westlichem Verkauf. Der havarierte Tanker war 2006 für eine norwegische Reederei gebaut, später nach Griechenland verkauft und danach über Briefkastenkonstruktionen betrieben worden.

Wieder die Tagesschau fasste Anfang 2025 eine bereits veröffentlichte internationale Recherche neu zusammen und kam auf 230 Tanker von insgesamt mehr als 650, die von US-amerikanischen und europäischen Reedern in die Schattenflotte verkauft worden seien – offenbar zu sehr hohen Preisen. Inwieweit die Quelle verlässlich ist, nämlich der ukrainische Thinktank Kyiv School of Economics Institute, bleibt zu prüfen. Die Preise sollen laut Tagesschau teilweise doppelt so hoch gewesen sein wie üblich.

Auch der deutsche Anteil wird genannt. Nach Kriegsbeginn, zwischen 2022 und 2024, wurden elf Tanker aus der deutschen Handelsflotte an Russland oder an Tarnfirmen verkauft. Alle diese elf Schiffe fahren heute in der sogenannten russischen Schattenflotte. Die Reeder und Eigner sollen etwa 200 Millionen Euro damit eingenommen haben. Das hier eingangs zitierte öffentlich-rechtliche Nachrichtenportal wird noch deutlicher und nennt die deutschen Reedereien: die Traditionshäuser Schulte, die Chemikalien Seetransport GmbH aus Hamburg und die Reederei Salamon AG aus Dortmund.

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Weiter heißt es, man mache das nicht auf direktem Wege, sondern etwa über eine türkische Firma oder eine Firma aus Hongkong. Konkret zur Chemikalien Seetransport GmbH, einem Unternehmen der Hamburger Reederfamilie Krämer: Hier sollen gleich fünf Schiffe in die russische Schattenflotte gewechselt sein. tagesschau.de betont explizit, das Unternehmen sei zuletzt für sein gemeinnütziges Engagement bekannt gewesen. Das wird dann ansatzlos in den Bericht gestreut.

Die Geschichte geht aber weiter. Diese Schiffe waren gar nicht über einen längeren Zeitraum im Besitz der Krämer-Flotte. Sie wurden nach Kriegsbeginn überhaupt erst angekauft, um nach sehr kurzer Haltedauer wieder verkauft zu werden. Man hatte mutmaßlich den schnellen Deal gerochen und ihn wahrgenommen. Konkret das Tankschiff Chemtrans Carolina, das im Oktober 2022 in die Krämer-Flotte kam und dann weiterverkauft wurde – zunächst an ein chinesisches Unternehmen, das wiederum erst zwei Monate zuvor gegründet worden war und bisher offenbar lediglich dieses eine Schiff besitzt.

Der ehemalige Krämer-Tanker heißt inzwischen Sino Prosperity und soll russische Häfen ansteuern. Aktuell befindet sich der Tanker auf dem Atlantik Höhe Lissabon.

Pflichtschuldig erklärte der Verband Deutscher Reeder, das sei so nicht in Ordnung. Dass ehemalige Schiffe der deutschen Handelsflotte inzwischen Teil der Schattenflotte seien, sei eine „besorgniserregende Entwicklung“. https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/meldungen/Russische-Schattenflotte-Millionengeschaeft-fuer-norddeutsche-Reeder,schattenflotte116.html Um die Zahl der Verkäufe ins Verhältnis zu setzen: Derzeit sind 89 Tankschiffe Teil der deutschen Handelsflotte, die 15 Jahre und älter sind.

Ganz offiziell hat man es verboten, solche Schiffe direkt nach Russland zu verkaufen. In keinem einzigen Fall sind diese Geschäfte aber direkt abgewickelt worden. Das erinnert an die Gas- und Ölgeschäfte, die Deutschland nun nicht mehr mit Russland macht, sondern mit anderen Staaten – wobei man nicht selten zurückverfolgen kann, dass es im Grunde Geschäfte über Mittelsmänner sind und letztlich Material aus Russland eingekauft wird, nur eben teurer. Auch daran verdient jemand.

Die Zahlen zur Schattenflotte selbst werden unterschiedlich bewertet. Westliche Sicherheitsbehörden zählen inzwischen fast 1.400 von Russland kontrollierte Schiffe, also deutlich mehr als andere, die unter Umgehung von Sanktionen Öl und Gas transportieren, womit Russland mutmaßlich seinen Angriffskrieg finanzieren soll. Laut Berichten wickelt Russland etwa die Hälfte seiner Ölexporte über diese Schattenflotte ab.

Es bleibt der Satz von Johann Wadephul, der merkwürdig nachschwingt und im Grunde schon das Auslaufen der Bemühungen skizziert. Auf die Frage, was eine Erhöhung des Drucks auf diese Schattenflotte bedeute, antwortete Wadephul sinngemäß: Heute noch gar nichts. Aber wir erhöhen den Druck. Belegt ist jedenfalls seine Formulierung: „Wir erhöhen den Druck auf die russische Schattenflotte.“

Noch etwas zum Schluss: Bei der Schattenflotte denkt man immer an rostige Tanker. Zunehmend fahren hier aber auch Schiffe neuerer Bauart, die unter russischer Flagge unterwegs und in Russland versichert sind. Versicherungen spielen eine wesentliche Rolle. Fehlen sie, ist das ein Anlass, die Schiffe zu kontrollieren, gegebenenfalls zu stoppen – nach internationalem Recht.

Zuletzt stellt sich die Frage, wann etwas eine normale Flotte ist und wann eine Schattenflotte – und ob nicht alle Schiffe Russlands zu dieser Schattenflotte gezählt werden, allein weil sie grundsätzlich von der westlichen Gemeinschaft sanktioniert sind. Wenn diese Schiffe neu angeschafft sind, funktioniert die Begrifflichkeit am Ende nicht mehr.

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