„Hässlich, ich bin so hässlich, so grässlich hässlich…ich bin der HASS!"

Rammstein liefert den Soundtrack für das elende Verrecken im Schützengraben

von Alexander Wallasch (Kommentare: 10)

"Die Band Rammstein möchte ihre Unterstützung für das ukrainische Volk zum Ausdruck bringen, das sich gegen den schockierenden Angriff der russischen Regierung wehrt."© Quelle: Rammstein.de /Screenshot

Es sind Tausende verstörende Clips, die über Telegram auch in deutsche Wohnzimmer kommen: zerschossene und von Granaten zerrissene russische Soldaten – ihr Sterben zum Teil untermalt von der Musik der sogenannten neuen deutschen Härte.

Der tausendfache Tod hat in den sozialen Medien Einzug gehalten. Meistens sind es russische Soldaten, die in kurzen Clips von drei bis fünf Minuten auf verschiedene Art und Weise ums Leben kommen: Erschossen, gesprengt, verbrannt.

Die Bilder sind real, der echte, der grausame, der unwiderrufliche Tod ist auf Telegram direkt abrufbar. Und zigtausende Nutzer schauen sich das große Sterben Clip für Clip in ihren heimischen Wohnzimmern an.

Es gibt Ukrainekrieg-Gruppen von wenigen tausenden bis über eine Million Telegram-Followern. Der Abwehrkampf der Ukrainer gegen den russischen Angriffskrieg ist hier in viele kleine Clips zerschnitten. Wird ein neues Video von einem der kämpfenden Soldaten hochgeladen, wird es oft sehr zeitnah über viele Kanäle verteilt.

Besonders häufig sind auch Clips aus der Drohnen-Perspektive zu finden, erschütternde Bilder von in ihren Schützengräben zusammengekauerten Soldaten, denen im Moment des Zuschauens ein explosives Geschoss einer Drohne von weit oben in den Graben geworfen wird und dort auf engstem Raum mit verheerender Wirkung explodiert. Es gibt unzählige solcher Sequenzen, sie enden vielfach mit ein paar letzten zuckenden Bewegungen der Soldaten, dann folgt die Bewegungslosigkeit des eintretenden Todes.

Weiterlesen nach der Werbung >>>

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal

Es sind Bilder eines grausamen Krieges, Bilder des Sterbens. Hier stirbt der Angreifer, der Feind, entsprechend gefeiert werden solche Aufnahmen bis hin zum martialischen Soundtrack.

Was hier zunächst irritiert, ist die vielfache Untermalung solcher Filme mit der Musik der deutschen Band Rammstein. Diese Songs aus dem Genre des NDH (Neue Deutsche Härte) begleiten das Sterben der russischen Angreifer in ihren schmutzigen Schützengräben, ihren Fahrzeugen und Panzern.

Soldaten, die von Putin in einen Krieg geschickt werden und deren oft qualvolles Sterben jetzt untermalt wird von Rammstein in solchen Splattervideos des Grauens.

Die Diskussion um eine rechtspolitische Haltung der Band Rammstein ist so alt wie die Band selbst. Kritiker haben sich mittlerweile darauf geeinigt, dass es hier zwar um eine brachiale Inszenierung von Männlichkeit geht, um ein gerolltes -R- im Gesang, um eine Leni-Riefenstahl-Ästhetik vielleicht.

Aber vielmehr auch um eine Anlehnung an den anarchischen Geist des Künstlers Kurt Schwitters, den Dadaismus eines Hugo Ball. Die Band versucht immer wieder, deutlich zu machen, dass es hier nicht um Stahlgewitter geht, sondern insbesondere in seiner pyrotechnischen Inszenierung um Bilder wie aus dem Gluthochofen der Arbeiter verschlingenden Gründerzeit der Industrialisierung.

Weiterlesen nach der Werbung >>>

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek schrieb 2008 in der „Zeit“ für Rammstein eine Art Persilschein:

„Rammstein unterlaufen die totalitäre Ideologie nicht durch ironische Distanz, sondern durch Konfrontation mit der obszönen Körperlichkeit der ihr zugehörigen Rituale und machen sie damit unschädlich.“

Für Žižek sind Rammstein eher in der Figur Hynkel von Charlie Chaplin angelegt als im eigentlichen Vorbild für diese Figur. Der Gitarrist der Band Rammstein hat sich im Jahr 2009 einmal zur Entstehungsgeschichte ihrer Musik folgendermaßen geäußert:

„Wir haben uns vor 15 Jahren zusammengetan, weil wir monotone, stumpfe Musik machen wollten. Wir haben in einem Keller gestanden und Krach gemacht. Wir haben nie versucht, Erfolg zu haben. Wir machen, was wir gut finden. Immer. Und wenn wir zu sechst zusammen sind, kommen Ideen heraus, die die Allgemeinheit widerlich findet. Wir sind einfach so.“

Auch das gehört zur Geschichte von Rammstein dazu: 1998 wurde ein Musikclip der Band auf MTV schon nach wenigen Tagen abgesetzt, weil das Rammstein-Stück „Stripped“ mit Bildern aus dem Riefenstahl Film „Olympia“ hinterlegt war, einer pathetisch theatralischen Schwarz-Weiß-Nazi-Propaganda zur Olympiade in Berlin 1936.

All das ist für die Rezeption der Musik von Rammstein wichtig, aber nicht einflussreich im negativen Sinne: Die Band um Till Lindemann gehört längst zu den erfolgreichsten deutschen Musikexporten überhaupt. Ganz gleich, auf welchem Kontinent die Band tourt, ihre Konzerte sind oft schon nach Stunden ausverkauft.

Nichtsdestotrotz sah sich Sänger Till Lindemann noch im Jahr 2019 genötigt, sich gegenüber „Rolling Stone“ zum politischen Hintergrund der Band zu äußern, was dann so klang, als wäre Rammstein eigentlich eine anarchistische Punkband:

„Wir kommen aus dem Osten und sind als Sozialisten aufgewachsen. Wir waren früher entweder Punks oder Gruftis – wir hassen Nazis! Und dann kommt auf einmal so ein an den Haaren herbeigezogener Vorwurf. Wir machen heute noch genau das Gleiche, und niemand in Amerika oder Mexiko würde auf die Idee kommen, uns so ein Zeug anzudichten. Das passiert nur hier in Deutschland. Unsere Antwort auf diese Anfeindungen war „Links 2 3 4“, damit haben wir klargestellt, wo wir politisch einzuordnen sind. […] Wir kommen aus einer ganz anderen Kultur. Früher haben wir uns mit diesen rechten Idioten geprügelt, und das würden wir heute noch tun.“

Hier muss man Lindemann durchaus entgegenhalten, dass die Musik von Rammstein eher seltener der Soundtrack der Antifa sein dürfte, viel gefälliger aufgenommen wird er auf der gegenüberliegenden Seite. Und dass sich Deutschland mehr als Mexiko und die USA mit dieser Problematik auseinandersetzt, ist ursächlich in der deutschen Geschichte bzw. Aufarbeitungsgeschichte des Nationalsozialismus verwurzelt.

Rammstein hat sich schon wenige Tage nach Putins Angriffskrieg mit der Ukraine solidarisch erklärt. Das ist deshalb noch einmal von Interesse, weil die Band auch in Russland eine sehr große Fangemeinde hat. Sänger Till Lindemann hatte die Stationen seiner für Anfang Dezember 2022 geplanten „Ich hasse Kinder“-Solo-Tour in Moskau und Nowosibirsk abgesagt. Seine Pro-Ukraine-Haltung unterstützte Lindemann noch damit, dass er dazu ein Foto von sich vor einem Monument in Kiew postete.

Bei einem Auftritt in Zürich beispielsweise schwenkte Rammstein die blau-gelbe ukrainische Flagge und dazu ein Schild mit der schlichten Aufschrift „Willkommen“.

Dieses Welcome-Statement allerdings wurde von der Band schon vor dem Ukrainekrieg abgegeben im Zusammenhang mit Schlauchbooten, in denen sich Mitglieder der Band seit einigen Jahren als Teil ihrer Bühnenshow über die Menge hinwegtragen lassen.

Gleich zu Beginn des Krieges hatte Rammstein via Instagram ein Statement zum Angriffskrieg gegen die Ukraine veröffentlicht:

„Die Band Rammstein möchte ihre Unterstützung für das ukrainische Volk zum Ausdruck bringen, das sich gegen den schockierenden Angriff der russischen Regierung wehrt. Vor allem in diesem Moment empfinden wir besondere Trauer über das Leid des ukrainischen Volkes. Jedes Mitglied der Band hat unterschiedliche Erfahrungen mit den beiden Ländern; alle Mitglieder der Band haben Freunde, Kollegen, Partner und Fans in beiden Ländern. Wir erkennen die Verzweiflung an, die viele russische Fans angesichts der Handlungen ihrer Regierung empfinden, und wir wollen an die Menschlichkeit erinnern, die sowohl die russischen als auch die ukrainischen Bürger teilen.“

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen. Aufgrund von zunehmendem SPAM ist eine Anmeldung erforderlich. Wir bitten dies zu entschuldigen.

Kommentare